„Mit einem Fuß im Burnout“

by Kaiserin

Erwerbstätig sein als Mutter eines behinderten Kindes – geht das überhaupt? Und wenn ja – wie? Diesen Fragen geht die neue Ausgabe DAS BAND nach. Das Magazin des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. (BVKM) lässt in der aktuellen Ausgabe Mütter von behinderten Kindern ihre beruflichen Lebenswege skizzieren. Auch ich schreibe darin über mein Berufsleben und die Zäsur, ausgelöst durch die Geburt meiner mehrfach behinderten Tochter Kaiserin 1 (meinen Text gibt`s morgen hier).

dasband_briefkasten_bearb

Gerade aus dem Postkasten gefischt, haben mich die Texte der anderen Mütter tief berührt. Der BVKM hat sich im Jahr 2006 die Arbeit für und mit Frauen mit besonderen Herausforderungen auf die Agenda gesetzt und seitdem einiges bewegt. Ich nehme jedes Jahr gerne an der vom BVKM organisierten Mütterkonferenz teil und freue mich immer über den inspirierenden Austausch mit den anderen Frauen. Darüber hinaus hat Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe (Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Haushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen) eine Expertise zum beruflichen Wiederinstieg von Frauen mit besonderen Herausforderungen erstellt. Teil der Expertise sind die Texte der Frauen, von denen ich ein paar in Auszügen hier vorstellen möchte. Frau Meier-Gräwe schreibt: Die Geburt eines behinderten Kindes stellt in aller Regel ein krisenhaftes Lebensereignis dar, das die betroffenen Mütter (und Väter) in ihrem Inneren tief erschüttert und das Familien- und Beziehungssystem ganz erheblich tangiert. In jedem Fall müssen Lebenspläne korrigiert, aufgeschoben, mitunter aufgegeben, zumindest aber neu justiert werden.

Helga Kiel, die Bundesvorsitzende des BVKM erklärt, dass eines der zentralen Anliegen des Verbandes die Sicherung von förderlichen Bedingungen in den Familien ist: Die Annahme des Kindes mit seiner Behinderung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür. Das gelingt am ehesten, wenn die Mutter und der Vater ein erfülltes Leben führen können. Dazu gehört auch die Verwirklichung eigener Lebensvorstellungen, gehören eigene Berufstätigkeit, materielle Sicherheit und Unabhängigkeit.

Und nun zur Realität.

innenteil

Martina, Lehrerin aus Köln, verheiratet, vier Töchter (5-16 Jahre, die jüngste ist behindert), Studienrätin, schreibt: (…)Was für ein Zwiespalt – welche Zerrissenheit! Auf der Fahrt zur Arbeit, in den Freistunden saß ich da und heulte über all die gestorbenen Träume für mein Kind, über meine Angst vor der Zukunft, über das Gefängnis, dessen Tür sich hinter mir geschlossen hatte. Und in den Unterrichtsstunden scherzte ich mit den SchülerInnen und dachte: „Hallo, was tust du da?“ Und doch – der Beruf zeigte mir, dass auch jetzt das Leben mehr ist als Trauer und Sorgen. Aber dies hier ist keine Geschichte über den glanzvollen Sieg einer Heldin durch Erwerbsarbeit! Nein, der Zwiespalt bleibt. Die Trauer wird ruhiger und flammt immer mal wieder auf. Aber das große Problem ist die nicht ausreichende Kraft. Es gibt Zeiten, da ist mehr davon da, aber meist gehen mein Mann und ich auf dem Zahnfleisch, sind übermüdet, fertig, ausgebrannt. Hilfen gibt es in kleinem Maße, aber oft fehlt die Kraft – nicht Wissen oder Fähigkeiten –, sie zu beantragen und durchzukämpfen.

Von anstrengenden Jahren berichtet auch Stephanie in ihrem Text und stellt dabei viele wichtige Fragen: Meine berufliche aktuelle Situation ist immer wieder eine Herausforderung für mich. Als Mutter von vier Mädchen, wobei meine dritte Tochter schwer mehrfach behindert ist, hat sich für mich jahrelang die Frage nach einer beruflichen Tätigkeit gar nicht gestellt. Nun hat sich die Situation etwas verbessert und entspannt. Aber heißt das für mich, dass ich jetzt gleich wieder loslegen muss? Die Ärmel hochkrempeln und „Neue Herausforderung, wo bist du“? Darf ich mich nicht einmal ausruhen von den anstrengenden Jahren mit unserer kranken Tochter Frida? Einmal nichts Zusätzliches tun? Nichts Weiteres leisten, als das, was ich sowieso täglich mache und was schon eine Menge ist? Die innere Stimme, die sich ausruhen möchte, ist stark, und ich gebe ihr Raum. Aber darf ich das? (…) Oder geht es um etwas ganz anderes? Heißt wieder zu arbeiten: In-die-Kraft-kommen, Freude haben an einer Tätigkeit außerhalb einer Familie, die ich mir selber aussuche? Zwischen innen und außen die Balance finden, einer Berufung folgen? Wenn ich es so sehe, klingt es eher in mir. Und dann gibt es Momente des Zweifels, der Angst davor, auf dem Arbeitsmarkt zu scheitern, es nicht zu schaffen, finanziell und körperlich. Was ist, wenn ich anfange, zu arbeiten und dann merke: Meine Kraft reicht nicht oder ich kann es nicht, bin nicht gut genug?

Cordula ist Mutter von vier Kindern, zwei davon sind behindert. Sie arbeitet als Ingenieurin und bekommt oft zu hören, dass es sicher an ihrem Beruf liege, dass sie immer so zielstrebig und durchsetzungfähig sei. Cordula dazu: Ich glaube dagegen, dass ich dies eher in der Organisation meiner „Privatlebens“ gelernt habe und mein Berufsfeld davon profitiert, denn an meiner Familienarbeit hängt mein Herz, hier habe ich kämpfen gelernt.

Ulrike ist alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen, beide 17 Jahre alt, einer davon behindert. Sie arbeitet als Bereichsleitung im Verein für körper- und mehrfachbehinderte Menschen: Die Arbeit ist sehr umfangreich, gefällt mir sehr gut und erfüllt mich. Mein Sohn mit Behinderung wohnt seit einem halben Jahr in einem Wohnheim, so dass der Wahnsinnsspagat zwischen Erwerbstätigkeit und Betreuung viel kleiner geworden ist. Dennoch möchte ich sagen, ein behindertes Kind zu betreuen und umfangreich erwerbstätig sein, ist jeden Tag „der ganz normale Wahnsinn“, man wird zur „Funktioniermaschine“ und steht mehr oder weniger immer mit einem Fuß im Burnout, insbesondere als alleinerziehende Mutter.

Gesa hat vier Kinder, zwei davon mit Behinderung. Sie ist Sozialarbeiterin und Diakonin und schreibt gerade an ihrer Masterarbeit. Waren es am Anfang monetäre Gründe, aus denen ich wieder erwerbstätig wurde, wollte ich bald aus ganz egoistischen Gründen berufstätig sein. Die Pflege von Kindern mit Behinderung verlangt, über einen langen Zeitraum die eigenen Bedürfnisse hinter denen der Kinder zurückzustellen. Mir ist es wichtig, einen unverfügbaren Raum zu haben, der sich dem Zugriff der familiären Anforderungen entzieht. (…) Ebenso habe ich erkannt, nur wer öffentlich in Erscheinung tritt, kann überhaupt mitgestalten, egal, in welcher Disziplin. Ich will mich nicht auf ein Leben in Privatheit beschränken lassen, nur weil meine Kinder mit Behinderung einen hohen Pflegebedarf haben. Ich möchte als Person handelnd sichtbar werden. Ich hoffe, dass ich bald auch wieder im beruflichen Kontext zeigen kann, wer ich bin. Sorgen mache ich mir keine. Ich habe gelernt, nicht vom Problem, sondern von der Lösung her zu denken. Wenn Plan B nicht klappt, hat das Alphabet noch 24 weitere Buchstaben.

Mehr zu diesen und anderen tollen Frauen in DAS BAND, 2/2014.

Diese Ausgabe enthält übrigens auch einen informativen Wegweiser für Eltern mit besonderen Herausforderungen. Der komplette Ratgeber kann beim BVKM kostenlos heruntergeladen werden.

 

7 Kommentare zu “„Mit einem Fuß im Burnout“

  1. Habe dein Blog neu entdeckt und finde es sehr beeindruckend. Danke, dass du uns an deiner und anderen Geschichten teilhaben lässt!
    LG, Micha

  2. Danke für die Zusammenfassung und danke für den Blog. Ich habe „nur“ zwei chronisch kranke Kinder mit einem geringen GdB und zwei gesunde Teenager…finde aber vieles von dem geschriebenen auch in unserem Alltag wieder. Fast tröstend zu lesen, dass es anderen im Spannungsfeld von nicht-normalen Kindern und Berufstätigkeit ähnlich geht….

    • Liebe Martina,

      was machst du so und wie alt sind deine Kinder? Kurz: was ist deine Geschichte? Und auch ganz spannend, wo holst du Kraft her?
      Liebe Grüße
      Mama 3+1
      Wir haben ja nur ein Kind mit Behinderung.

      • In Kurzfassung: Im früheren Leben mit nur einem gesunden Kind habe ich mal Religionspädagogik studiert, allein erziehend. Nach dem Anerkennungsjahr kam der Wechsel in die Jugendarbeit. Dann kam Kind 2, damals noch gesund. Kind 3 brachte kurze Zeit später einen Herzfehler mit, der zweimal wochenlange Klinikaufenthalte und für einige Wochen ein Tracheostoma mit sich brachte (daher kann ich da auch deine Schilderung supergut nachvollziehen). Kaum war Kind 3 mit Tracheostoma daheim, lag Kind 2 mit Diabetes-Manifestation in der Klinik… das ist jetzt knapp 6 Jahre her. Letzten Sommer ist meine Stieftochter zu uns gezogen (daher zwei Teenager). Inzwischen arbeite ich als Inklusionskraft im Kindergarten :).

        • Liebe Martina,

          da hast du auch ein heftiges Programm. Was hilft dir, gibt dir Kraft, lässt dich weitermachen?
          Liebe Grüße

          Mama 3+1

  3. Nachtrag

    Deine Fotos erzeugen ganz tolle Stimmungen und stellen das Thema nochmal von einer anderen Seite dar.

    Ich denke oft, au ja, das will ich jetzt auch.
    Liebe Grüße

  4. Liebe Kaiserin,

    Du hast recht, die Texte sind sehr bewegend und es ist traurig und eine große Ungerechtigkeit, dass Mütter und auch Väter die in der Pflege ihrer Kinder mit Behinderung so viel für die Gesellschaft leisten, so wenig echte Unterstützung erhalten und in der Arbeitswelt auch noch sanktioniert werden.

    Schöne Grüße zum Tag der Arbeit

Schreibe einen Kommentar

Erlaubte HTML tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>