Meine Schöne // Eine Liebeserklärung

by Kaiserin

„Sie ist ja so eine Süße! Schade, dass sie so behindert ist!“ – das ist mein Lieblingskommentar zu meiner Tochter. Schlicht, einfach und auf den Punkt – die Frau hat Recht. Ja, es ist wirklich schade, dass meine Tochter nicht hören kann und fast nicht sehen. Und ja, sie ist so eine Süße! Ich habe noch nie an einem anderen Menschen so wunderschön geschwungene lange Wimpern gesehen. Ein Auge schielt zwar, aber mir fällt das gar nicht mehr auf. Wenn Kaiserin 1 lächelt, lächelt ihr ganzes Gesicht. Ihre kleinen schiefen Zähnchen blitzen zwischen ihren perfekt geschwungenen Lippen hervor. Sie gurrt vor Glück, wenn ich sie im Nacken kitzle. Ich sauge ihren Geruch ein – rein und blumig und sanft und beruhigend. Wenn ich neben ihr liege, sie in meinem Arm, werde ich ganz ruhig. Keine Musik ist schöner als ihr Atemgeräusch, wenn sie nicht krank ist. Ihre seidene Haut ist schöner als das festlichste Porzellan und weich, kuschelweich. Die zarten Füße ertasten die Umgebung, ganz vorsichtig, ganz sanft. Sie streicheln mein Gesicht und tun das zarter, als es Kinderhände können.

Kurz nach ihrer Geburt – ich hatte sie noch gar nicht richtig gesehen, so schnell musste sie auf die Intensivstation – sagte eine Ärztin zu mir und meinem Mann: „Ihre Tochter hat fehlgebildete Ohren. Wir gehen von weiteren Fehlbildungen aus“. Eine Explosion: Hässliche Babys fuhren in meinem Kopf Karrussell, ich hatte wahnsinnige Angst davor, meine Tochter das erste Mal zu sehen. Letztendlich schockten mich die Kabel um sie herum mehr als ihre Ohren. Ihr Gesicht entfaltete sich mit den Wochen, den Monaten, den Jahren. Sie wird in diesem Jahr drei Jahre alt, meine Schöne. Sie ist schön, ohne ein Aber.

Sie öffnete ihre Augen erst nach vielen Tagen auf der Intensivstation. Dank großer Angst und Google hatte ich diverse Syndrome gefunden, bei denen es vorkommt, dass keine Augen angelegt sind. Nervös ließ ich eine Ärztin nachschauen. Die Augen waren da. Eine Horrorvorstellung von mir damit vom Tisch. Vor ein paar Monaten lernte ich im Krankenhaus ein kleines Mädchen mit nur einem Auge kennen. Hinter ihrer kleinen Brille, am Platz des anderen Auges nur Haut. Ein niedliches kleines Mädchen, das mit ihrem Charme das komplette Krankenhauspersonal bezirzte.

„Wenn ich ihre Ohren sehe, zuckt es mir schon in den Händen“, sagt die Chirurgin, die eigentlich den Darm meiner Tochter operieren soll. „Ein kleiner Schnitt da, ein kleiner Schnitt hier – und schon würde sie normaler aussehen“. Mir wird übel. Eine Operation, nur um Hänseleien zu entgehen? Meine Tochter muss nicht normaler aussehen. Meine Tochter soll gesund sein.

 

„Sie hat so eine schöne Figur, so hübsche schlanke Beine!“ – wieder meine Lieblingskommentatorin. Sie sieht meine Tochter als ein kleines Mädchen. Ihre Behinderung sieht sie nicht. Kein Wort über ihr Untergewicht, das noch bis vor ein paar Monaten lebensbedrohlich war, über ihre schiefen Füße, die Kaiserin 1 bisher noch nicht sicher durch die Welt führen können. Sie sieht meine Tochter ohne die Behinderungsbrille. Sie sieht ein süßes Mädchen mit hübschen Beinen. Ich sehe das auch.

21 Kommentare zu “Meine Schöne // Eine Liebeserklärung

  1. Mareice, du bist super! Immer wieder wunderschöne Worte! Ich fühle es genau so, jetzt in diesem Moment, in dem meine eine blinde Maus mit ihren kleinsten und feinsten Händen den Weg in meinen Mund sucht und gleich kichern wird, wenn ich so tue, als würde ich die Hand aufessen.

  2. ….sehr, sehr schön geschrieben…mein Sohn ist auf dem linken Ohr hochgradig Schwerhörig und mit Hörgerät versorgt, manchmal, aber nur manchmal machen die Blicke der anderen mich echt wütend…ich, ich mag alle Menschen, egal ob mit Behinderung, Einschränkung, Nationalität, Haarfarbe, Auto,…usw…schön das dein Mädchen eine so tolle, starke, liebe Mama hat !!!

  3. “Sie ist schön, ohne ein Aber.”

    Danke für deinen Artikel und diesen Satz. Für mich eine wunderbare Liebeserklärung.
    Gestern gab es bei uns im Kingergarten die alljährlichen Fotos zum Abholen. Ich habe nur das Gruppenbild und ein Portrait genommen. Da würde ich gefragt: “Nur die beiden Fotos? Sieht H. denn nicht so schön drauf aus?”

    Ich dachte bei mir: “Meine Tochter sieht immer schön aus. Nur die Fotos sind leider nicht gut gemacht.” Aber ich war nicht so schlagfertig, das auch zu sagen.

    LG Sophie

  4. Danke dir mal wieder für den schönen Text.
    Ich denke es ist ein gesellschaftliches Phänomen. Evolutionär gesehen sind wir es gewohnt in einem Dorf aufzuwachsen und das andere dabei sind und ihre Kommentare abgeben ist völlig normal, schade, dass sie es durch die Brille ihrer selbst empfundenen Wertlosigkeit tun. Äusserliche Perfektion ist eine Zielvorstellung die innerlich verletzte Menschen benötigen – und wer ist schon frei von Verletzungen und voller Liebe?

  5. Wenn man einen Menschen im Leben hat, der einen mit solchen Augen sieht kann man sich
    sehr glücklich schätzen. Wundervoll! Herzliche Grüße!

  6. Du hast nicht nur eine Königin, Du bist auch eine.

    Ich selbst bin ein Drilling. Und bei meiner Geburt meinte der anwesende Arzt zu meiner Mutter: “Der wird wohl nicht durchkommen, aber mal sehen, was da sonst noch kommt.”

    Drei prachtvolle Jungs, denen jetzt langsam die Haare ausgehen.

    Meine Tochter hat “Opas Ohren”, die fast 70 Grad vom Kopf abstehen. Aber dazwischen hat sie ein Gehirn, dass es noch niemandem erlaubt hat, sie deswegen zu kritisieren. Und wie diese Welt ist, werden sich die Kids vielleicht sogar einmal ihre Ohren nach außen operieren lassen.

    Blind sind die Meisten eh schon, obwohl sie Augen haben.

    Ich mag Deinen Text und Dich.

    Axel

  7. Pingback: Links zum Wochenende. | ringelmiez

  8. Hallo!
    Ich hab in deinen Kommentar zu Lunas Bahas gelesen, dass deine Tochter sich ihr (e) CI ab nimmt.
    Ich selber bin CI Trägerin und habe diese Reaktion wenn mit die Welt zu Laut ist, die Einstellung nicht stimmt. Hören ist für Taube an erster Stellle mal einfach anstrengend, ein Reiz den es nicht braucht (warum sollte deine Tochter wissen was sie “verpasst”- ihre Welt ist war mal einfach Stille und dies hat für sie die gewohnte Qualität:-) irgenwann wird hören mit CI zur Gewohnheit. Lass nicht locker, geh und lass das CI so leise wir nur möglichst einstellen. Und dann ganz, ganz langsam aufwärts… Sollte deine Tochter ein Hörpasstück haben würde ich mal ohne probieren. Ich hasse diese Dinger:-)
    Ansonsten dir und deiner Tochter alles gute (mit oder ohne CI :-))
    Liebe Grüsse aus der Schweiz,
    Maya

  9. Du siehst nur mit dem Herzen gut, Deine Tochter hat ein großes Glück, dass sie Dich als Mutter hat. Doch ich kann Dir so gut nachfühlen. Auch wenn es andere vlt. nichts verstehen können, es ist eine große Gnade und ein großes ein besonderes Kind zu bekommen und es begleiten zu dürfen. Sehr liebe herzliche Grüße zu Dir und Deiner kleinen Kaiserin.

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