„Mehr Zeit, weniger Bürokratie“

by Kaiserin

Zum 1. Januar 2015 treten neue Pflegegesetze in Kraft; die Bundesregierung nennt sie „Pflegestärkungsgesetze“. Kerngedanke der Neuerungen rund um die familiäre und professionelle Pflege ist der Gedanke, den individuellen Unterstützungsbedarf in den Mittelpunkt zu stellen. Die Leistungen für Pflegebedürftige sollen um vier Prozent steigen und besser miteinander kombiniert werden können.

Auf den ersten Blick halte ich die so genannten Pflegestärkungsgesetze für einen (kleinen) Schritt in die richtige Richtung. Soweit ich es überblicken kann, sind sie aber keine Lösung für die Rentenproblematik, die langjährig pflegende Angehörige haben. Ich denke dabei vor allem an Eltern (meist Mütter) behinderter Kinder, die durch die Pflege ihrer Kinder oftmals über Jahrzehnte keine Punkte bei der Rentenkasse gesammelt haben. Das ist und bleibt ein Desaster, für das ich mir noch Lösungsansätze wünsche. Die Pflege eines Angehörigen darf nicht zur Altersarmut führen. Außerdem sollte meiner Meinung nach die Möglichkeit der Kurzzeitpflege ausgebaut werden – der Anspruch sollte erweitert und mehr Einrichtungen eröffnet werden. Nur so können pflegende Angehörige zwischendurch entlastet werden und Kraft für den anstrengenden Pflegealltag sammeln.

Ansonsten erhoffe ich mir neben weitergehenden gesetzlichen Änderungen rund um die Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit vor allem mehr qualifiziertes Personal für die Durchführung der Gesetze. Die Begutachtung der Pflegebedürftigkeit muss von einfühlsamen und kompetenten Menschen vorgenommen werden. Nicht von unqualifiziertem Personal, wie Birte Müller in „Ein ganz normaler Tag“ beschreibt: Dann erkundigt sich die Pflegediensttante bei mir noch ein bisschen über das Down-Syndrom. Sie glaubt zu wissen, dass Willi schon immer so ist, weil die „Krankheit“ etwas mit den Chromosomen zu tun hat und das ist ja schließlich angeboren. Aber welches Chromosom war das denn gleich noch? Was soll ich dazu sagen? Eine Kinderkrankenschwester, die nicht mal weiß, was Trisomie 21 ist? Vielleicht sollte ich das mal bei der Kasse melden! Endlich schreibt sie auf ihren Zettel „Die Pflege ist gesichert“, ich unterschreibe und sie geht.

pflege

Auch wir hatten schon unterirdische Besuche vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse. Meine behinderte Tochter ist mittlerweile fast drei Jahre alt und wir pflegen sie seit ihrer Geburt zu Hause. Erst seit zwei Wochen unterstützt uns dabei in den Nächten ein Pflegedienst – mit diesem Weg haben wir uns gegen eine stationäre Pflege-Einrichtung für unsere Tochter entscheiden können. Wenn Kaiserin 1 schläft, braucht sie mehr Sauerstoff, als sie mit der normalen Luft einatmen kann; ihr Überwachungsmonitor piepst bei Sauerstoffabfällen, sie benötigt dann eine zusätzliche Gabe O2. Seitdem der Pflegedienst bei uns ist, hatte sie jede Nacht Sauerstoffbedarf – trotzdem kämpfen wir aktuell noch um die Bewilligung der Pflegekasse für die Nachtdienste.

In dem hübschen Werbevideo vom Bundesministerium für Gesundheit zu den neuen Pflegegestärkungsgesetzen wird richtig gesagt, dass gute Pflege in der Praxis entschieden wird. „Pflege braucht mehr Zeit und weniger Bürokratie“ heißt es dort. Ich hoffe, dass diese Sätze auch bei den Verantwortlichen der Pflegekassen und bei den Gutachtern des MDKs ankommen.

 

5 Kommentare zu “„Mehr Zeit, weniger Bürokratie“

  1. Die Pflege und die Kluft zwischen Anspruch, Gesetzestexte und der Realität zeigt wieder einmal, dass es an der Zeit ist, dass die Regierung auch mal konkret dafür sorgt, dass Verbesserungen stattfinden und auch bei den Bürgern ankommen.

  2. Das hört sich ja gut an .Meine Erfahrungen nach fast 26 Jahren Pflege ( Stufe 3) ,seit Einführung der Pflegeversicherung explodierten die Preise .Es gibt immer weniger Pflege fürs Geld.
    Die Erhöhung für die häusliche Pflege ist ein Witz ,im letzten Jahr ist gerade die Pflegestufe 3 nicht berücksichtigt worden ,die Angehörigen die am meisten leisten.
    Meine Tochter ( 32 Jahre alt ) brachte es in einer Diskussion auf den Punkt.
    Wir ,die Pflegenden sind die Konkurrenz der Wohlfahrtsverbände ( Caritas ;Diankonie,Lebenshilfe etc.die größten Arbeitgeber in Deutschland) und ihre Lobbyisten in Berlin schauen ,das sich die häusliche Pflege nicht „rechnet“.
    Bedeutet ,wenn wir gerecht „entlohnt“ würden für die Arbeit die wir zuhause leisten schmälert dies die Gewinne der Wohlfahrtsverbände.

  3. Eins hab ich noch vergessen: man darf nicht über 30 Wochenstunden anderweitig sozialversicherungspflichtig irgendwo beschäftigt sein.

    inger

  4. Liebe Mareice, nach bisherigen Regelungen werden für eine Pflegeperson Rentenbeiträge abgeführt und gar nicht mal wenig. Voraussetzung ist, dass die Pflege 14 Wochenstunden übersteigt und dass man das beantragt hat. Frag mal bei deiner Pflegekasse nach!
    liegr
    Inger aus Bremen

  5. Ach mensch, ich beam einfach mal Kraft für den Alltag rüber. Mehr fällt mir gerade dazu nicht ein, ausser, dass ich es ein Unding finde, dass ihr für die Pflegeleistung kämpfen müsst.

Schreibe einen Kommentar

Erlaubte HTML tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>