Tage in Krankenhaus-Gelb

by Kaiserin

Miep, miep, miep, miep, miep, miep.

Der Überwachungsmonitor ist mein Wecker. Würde ich jedes Mal aufstehen und frühstücken, wenn er mich weckt, verdrückte ich jeden Morgen 50 Schrippen und 25 Eier. Aber ich stehe nicht auf. Ich tu so, als hörte ich ihn nicht und hoffe, dass die Nachtwache kommt, den Alarm quittiert und sich leiser als sie reinkam wieder vom Acker macht. Zwar ist das Krankenzimmer meiner Tochter mein Hoheitsgebiet, aber auch Kaiser brauchen ihren Schönheitsschlaf.

Die Schwester ist erwartet laut und poltert bei Galeriebeleuchtung um das Bett der kleinen Kaiserin herum. In der Zeit hätte ich schon zehnmal den Monitor aus- und das Sauerstoffgerät angestellt oder den Kopf zurechtgerückt oder das Kissen oder oder – und zehn Liegestütze hätte ich auch noch in der Zeit geschafft. Ich komme mir vor wie in der Erlebniswelt „Dinner for one“. Hoffentlich fällt sie nicht auf mich rauf. Tut sie nicht, aber sie sieht, dass ich unter der Decke hervorschaue.

Sie: „Och, habe ich sie geweckt? Das tut mir leid. Sagen Sie, braucht ihre Tochter zuhause auch Sauerstoff vorgelegt?“
Ich, im Halbschlaf: „Ja, also…“
Sie: „Da nehmen sie doch sicher eine Brille, oder?“
Ich, noch schlafend: „Wie, wa… eine Brille? Ja, ach so, ja, nee, die akzeptiert sie nicht!“
Sie: „Ach so, na dann. Dann mach ich ihr die Maske mal richtig drum!“
Ich: „Neeeeee, bitte nich‘, einfach vorlegen, sonst… wird sie… wach! So wie jetzt gerade!“
Sie: „Na, aber die Abfälle darf sie auch nicht haben!“
Die Augen von Kaiserin 1 sind geblendet vom Licht und sie ist gar nicht erfreut über die Sauerstoffmaskenaktion, die sie gerade aus dem Schlaf reißt. Sie weint. Ich möchte auch weinen. Und schreien, als die Schwester sagt: „Wenn sie wach ist, hat sie aber einen guten Wert, dann ist ja alles tippi toppi, da braucht se nüscht!“ Und dann: „Wenn sie wieder schläft, versuchen wir es nochmal mit der Maske, ok?“
Jetzt ist meine Tochter seit vier Stunden wach und will bespaßt werden. Die Sonne geht gerade auf, ich habe Hunger, aber kein Kleingeld für den Naschi-Automaten. Die Schwestern, die gerade irgendetwas total witzig finden, auch nicht. Die Cafeteria – aus unbekannten Gründen „Casino“ genannt – macht erst in eineinhalb Stunden auf. Ich betrachte kurz die kaiserliche Verpflegung meiner Tochter. Nee, die ist nix für mich. Sondenkost. Ich schlafe ein, schreib noch kurz diese Zeilen und versuche den Traum von letzter Nacht wieder aufzugreifen. Ah, ja, da ist er. Plot: Ich bin erfolgreicher Musiker und gleich gehe ich auf die gr0ße Bühne…

Miep, miep, miep, miep, miep, miep.

„Herr Kaiser, bitte stehen Sie auf, klappen Sie das Bett hoch und stellen Sie es raus. Es ist sieben Uhr! Um zehn ist Chefarztvisite. Soll ich mich um ihr Kind kümmern oder schaffen sie das? Besonders fit sehen sie ja nicht aus, wenn ich mir das erlauben darf.“

Gelb

Dieser Text ist von Thorben Kaiser, dem ich für viele Krankenhaustage und vor allem die Nächte mit unserer Tochter danke. Die Frage „Wann kommt denn eigentlich die Mutter?“ hat er dort unzählige Male gehört.

7 Kommentare zu “Tage in Krankenhaus-Gelb

  1. Ach ihr lieben Vier, hab ich ja schön gelacht und dabei blieb mir das Lachen doch im Hals stecken….das waren noch Zeiten,uff!
    Solche Klassiker kenne ich auch!
    An einen Klassiker erinnere ich mich-mit zeitlichem Abstand gerne: Finnja mit Pneumonie im KH und es wurde auf Teufel komm raus in der Nacht inhaliert. Nach der zweiten Nacht hab ich es untersagt und auf meine Kappe genommen, dass „Finnja langsamer gesund wird“!!!
    War mir Wurscht, wenn Finnja alle 8h inhalieren soll,dann doch bitte in so einem Rhythmus, um diese zwei Wochen oder mehr als Mama im KH zu überstehen-dabei war mir natürlich nie egal wie es Finnja geht!
    Ich drück Euch!

    • Hallo Wolf!
      Es gibt sie, die entspannten und verständnisvollen. Die möchte ich dann gleich für alle zukünftigen Termine buchen oder mitnehmen und bei Bedarf aktivieren. Wir sind jetzt auch gut auf der „Stammstation“ aufgehoben.
      Liebe Grüße,
      Thorben

  2. oh man! das kommt mir ja so bekannt vor!
    Wir haben festgestellt, dass die Schwestern mehr respekt vor den Papis als vor den Mamis haben.
    Ey, aber das in das Zimmer Gestürme ging mir auch immer wahnsinnig auf die Nerven!

    LG Sir Henry und seine Ellis
    PS: lasst uns mal treffen, wenn wir schon fast Nachbarn sind, sollte das doch machbar sein 🙂

    • Hallo Tina! Ja, es gibt sogar einen ganz wichtigen Grund: Sinnesspezifische Frühförderung! Da seid ihr doch dran, oder? Auf ein Eis, alle zusammen, bald? Schreib doch eine Mail. Liebe Grüße, Thorben

  3. Ich wäre froh gewesen mehr Väter zu sehen… irgendwie gehen die nochmal anders ran und ermöglichen einen anderen Blickwinkel … nunja – ich wünsch Euch gutes Durchhalten und allzeit genug Kleingeld für den Automaten (oder Stationen mit toller Elternküche, in der immer mal was parat steht).

    • Hallo Martina! Die klassische Rollenverteilung und der Fluchtdrang tun da sicher das Ihre, aber ich habe schon Väter kennengelernt. Nur… meistens redet es sich mit den Frauen, die dann auch da sind oder mal dabei sind oder die die Herren abwechseln immer noch sehr viel leichter. Da kann Small Talk einfach wegbleiben. Männer erschreckt es doch eher, konfrontiert zu werden und sei es noch so vorsichtig. Aber… ich habe ja noch nicht alle kennengelernt. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Liebe Grüße, Thorben

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