„Mama ist ein Superheld!“ – Superkräfte von Müttern behinderter Kinder

by Kaiserin

Mütter sind Superhelden! Das weiß jedes Kind.

Ihre Superheldenkräfte kommen schon zum Einsatz, bevor das Kind die Welt erblickt. Mit dickem Bauch watscheln werdende Mamas durch die Gegend, müssen sich – mindestens – die ersten drei Monate am laufenden Band übergeben und strahlen dabei wie ein frischer Pfirsich. Das wird zumindest erwartet, jedenfalls das Strahlen. Dann die Geburt: Wer schonmal dabei war, wie ein kleiner Mensch das Licht der Welt erblickt, dem muss ich nichts von Superhelden erzählen. Ohne die magischen Kräfte der Mütter wären Geburten gar nicht möglich. Dagegen ist an Häusern hochklettern ein Klacks.

Die Superheldenkräfte von Müttern werden immer wieder gebraucht: In durchwachten Nächten, beim Jonglieren mit Terminen, beim Zubettbringen der Kinder und tagsüber immer wieder zwischendurch bei allen Unwägbarkeiten des Lebens mit Kindern; es scheint, als hätten Mütter mindestens vier Paar Hände.

Ganz besonders wagemutige Superheldinnen sind Mütter behinderter Kinder.

Ellen Seidman schreibt in ihrem Blog Love that Max über ihr Leben mit ihrem autistischen Sohn Max. Sie beschreibt, welche Superkräfte Mütter behinderter Kinder haben (müssen). Ich habe ihren Text frei ins Deutsche übersetzt und ihn mit ein paar Superkräften aus meinem Erfahrungsschatz angereichtert:

1. Übersinnliche Energie, um auf die körperlichen und emotionalen Bedürfnisse des Kindes eingehen zu können – während die eigenen ignoriert werden (müssen).

2. Einen sechsten Sinn, der einem sagt, wenn etwas mit dem Kind nicht stimmt. Auch ohne Lautsprache, auch ohne Gebärden.

3. Sprungkraft. Die Fähigkeit, hohe Berge von Unordnung in einem einzigen Satz zu überspringen. Wer hat schon Zeit zum Aufräumen?

4. Hartnäckigkeit, sich für das Kind einzusetzen und die Behandlung, die es braucht, einzufordern.

6. Grenzenlose Ausdauer für den Umgang mit der Krankenversicherung, die einem verflucht viel Zeit und Nerven raubt.

7. Übernatürliche Flexibilität, wenn das Kind andere Pläne hat und Termine kurzfristig abgesagt werden müssen, Urlaube abgebrochen oder irgendwas neu terminiert werden muss. Siehe Plan vs. Realität.

8. Röntgenaugen, die tief in die Psyche anderer Personen schauen können, um zu erkennen, ob diese mit dem Kind klarkommen. Oder ob man dieser Person auch wieder zeigen muss, dass das Kind mit Behinderung auch nur ein Mensch ist.

9. Wandlungsfähigkeit. Mütter behinderter Kinder müssen sich zu bestimmten Zeitpunkten in unterschiedliche Personen verwandeln: Therapeutin! Lehrerin! Krankenschwester! Köchin! Sekretärin! Chauffeurin! Erzieherin! Ärztin! Anwältin!

10. Telepathische Fähigkeiten, um zu verstehen, was das Kind will – auch wenn es nicht spricht.

11. Fassung wahren, wenn normale Kinder ganz normale Sachen machen – und wir wissen, unser Kind kann das nicht (und wird es vermutlich niemals können).

12. Die Fähigkeit, das Kind zu beruhigen, wenn gerade die Welt untergeht – und sich im nächsten Moment mit ihm freuen, wenn sie gerettet ist.

14. Erzeugung eines Kraftfelds, um darin Verwandte und Bekannte mit ihren gut gemeinten, idiotischen Bemerkungen einzusperren („Sie sieht doch ganz gesund aus! Mach dir nicht so einen Kopf! Wird schon alles gut!“).

15. Die Fähigkeit, wieder zu sich zu kommen, falls man unter der Dusche oder im Auto bitterlich geweint hat, man die Sachbearbeiterin der Krankenkasse mit einer Waffe bedroht hat oder man eine Panikattacke hatte, weil man nicht mehr wussten, wie man das alles schaffen soll.

16. Geduldig sein bis über die Grenzen der Geduld hinaus, an allen Fronten. Sowohl was die Entwicklung des eigenen Kindes angeht als auch das Warten auf die Genehmigungen der Kranken- und Pflegekassen.

17. Die Kraft, egoistisch zu sein und zu bleiben: Auch eine Mutter mit einem behinderten und/oder kranken Kind, muss sich nicht 24 Stunden am Tag um ihr Kind kümmern. Auch wir dürfen mal Zeit für uns haben und sie uns nehmen.

18. Partielle Gehörlosigkeit, einsetzbar bei Meinungen von anderen zu allen Themen des Lebens mit einem behinderten Kind (siehe auch 14.).

19. Bodenhaftung. Die Fähigkeit, bei all diesen Anforderungen nicht durchzudrehen und am Boden zu bleiben und nicht wunderlich zu werden.

20. Durchhaltevermögen!

We-Can-Do-It_bearb

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Nachtrag I:

Wenn man das Wort Mütter in diesem Text durch Väter ersetzt, ist die Aussage genau so richtig.

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Nachtrag II:

Superhelden finden Superhelden – das ist eine Theorie von mir. Sie wurde vergangene Woche bestätigt, als Carola vom Blog Frische Brise meinen Text zu den Tiny Superheros kommentierte. Sie meinte, dass nicht nur Kinder mit Behinderung Superhelden-Capes verdient hätten, sondern auch deren Eltern und Geschwister. Dem ich fast nichts hinzuzufügen; nur, dass Carola selbst eine Superheldin ist. Warum, erklärt das Magazin Nido: Carola hat nämlich einfach mal geholfen.

12 Kommentare zu “„Mama ist ein Superheld!“ – Superkräfte von Müttern behinderter Kinder

  1. Viele dieser Punkte treffen auch auf mich zu. Meine Tochter ist nicht behindert, sondern „leidet“ an Diabetes Typ 1. Eine Krankheit die unser Familienleben erstmal auf den Kopf gestellt hat und für immer beeinflussen wird. Eine Superkraft fehlt mir aber: Mütter kommen auch mit wenig Schlaf gut aus.
    Gruß
    K. Dal.

  2. Hallo,
    diese Seite ist genial und spricht mir aus der Seele.
    Bin selbst Mutter dreier Kinder, der Älteste körperbehinderter Rollifahrer.
    Wo ist denn der Fragebogen selbst zu finden? Irgendwie finde ich nix …
    Gruß
    Andrea

  3. Das Bittere an dem Ganzen ist, dass der/diejenige, der/die sich als – unbezahlte – Superheld/in einsetzt mit wenig Gehalt, wenig Altersversorgung und wenig Rente dasitzt.
    Da können wir uns immer wieder schwer loben, immer wieder erschöpft zusammenklappen – und wieder aufstehen und Kraft beweisen … leben kann man davon nicht richtig.
    C.v.Gersdorff-Hucho

  4. Ich liebe Ellens Blog, sie ist echt eine tolle Frau und Mutter! 🙂

    Eine kleine Anmerkung sei mir noch gestattet: Ich fände es besser, wenn Du den Artikel, auf den Du Dich bezogen hast, verlinken würdest und nicht nur den Blog an sich. Wenn Du etwas übersetzt – auch wenn Du etwas hinzugefügt hast – so fände ich es richtig, die Quelle zu zitieren. Vielleicht kannst Du das noch korrigieren. Du selbst fändest das doch sicher auch gut, oder? 🙂

    Ansonsten schöner Blog, den Du da hast, ab und zu schau ich gerne mal rein 🙂

    • Liebe Joy, vielen Dank für Deinen Kommentar. Natürlich habe ich Ellen vorher gefragt, ob ich ihren Artikel übersetzen darf. Sie hat meinen Text vor Veröffentlichung freigegeben. Als Redakteurin sind mir Urheberrechte etc. bekannt und heilig. Liebe Grüße, Mareice

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