Bildung und Erziehung für alle!

by Kaiserin

Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr. (Frei nach Wilhelm Busch)

Kinder fordern ihre Eltern, das ist neben Wachsen und Essen und Schlafen und Lernen und Lachen ihre Hauptaufgabe. Kindererziehung die gößte Herausforderung für ihre Eltern. Ob die Kinder behindert sind oder nicht ist dabei zweitrangig. Um Erziehung von Kindern – mit und ohne Behinderung – und um die Belastungsprobe Elternschaft ging es im beim Familientreffen vom CHARGE e.V. im Juli 2014. Wir waren mit viel Gepäck angereist, um andere Familien kennenzulernen, die Kinder mit ähnlichen Handicaps wie Kaiserin 1. Unsere Tochter gilt als taubblind, entwicklungsverzögert, gehbehindert – um nur einige Diagnosen zu nennen. Ihre Diagnoseliste ähnelt der von Menschen mit dem CHARGE-Syndrom. Deshalb kamen wir zum Familientreffen: Austausch mit Familien in ähnlicher Situation, Anregungen für den Familienalltag sammeln,auf der Suche nach Inspiration, Entspannung und Verständnis. Das Programmheft war dick. Die Kinderbetreuung exzellent organisiert. Jedes Kind – behindert oder nicht – hatte eine Eins-zu-Eins-Betreuung, so dass wir Eltern unbesorgt am Vortragsprogramm teilnehmen konnten. Gelebte Inklusion durch Gebärdensprachdolmetscher, eine barrierefreie Unterkunft und Betreuer_innen, die in Gebärdensprache kommunizieren konnten. Schon allein um dieses wunderbare Miteinander erleben zu dürfen, hat sich die Reise für uns gelohnt.

IMG_0161Wenn wir mit anderen Eltern ins Gespräch kamen, gab es selten Smalltalk. Es ging meist ohne Umschweife um die wirklich wichtigen Dinge: Magensonden, Verdauungsprobleme, motorische Fortschritte, Therapien, Betreuung und Hilfen im Alltag. Doch nicht nur der Austausch mit den anderen Eltern war für uns bereichernd. Auch internationale Referent_innen hielten Vorträge – das Themenspektrum war breit und drehte sich doch immer um das Leben von Familien mit behinderten Kindern. Ganz besonders beeindruckt haben mich die Vorträge von Dr. David Brown und Dr. Tim Hartshorn, über den ich bereits hier geschrieben habe. Hartshorn ist Professor für Psychologie und hat selbst vier Kinder, eines davon mit dem CHARGE Syndrom. Er sprach beim Familientreffen über die Belastungsprobe, die Elternschaft eines behinderten Kindes darstellt. Dabei spannte er den Bogen von Erziehungsfragen bis zur Suche nach dem Sinn des Lebens, die sich mit einem besonderen Kind nochmal ganz neu gestaltet.

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Als ich einer Freundin vom Familientreffen und den Vorträgen zum Thema Erziehung erzählte, kam als erste Reaktion: „War das denn relevant für euch? Könnt Ihr Kaiserin 1 überhaupt erziehen!?“.

Diese Frage traf mich – vor allem, weil ich sie mir selbst schon häufig gestellt hatte. Es gab Zeiten, in denen ich befürchtete, niemals mit meiner behinderten Tochter kommunizieren zu können. Wenn Sinne stark beeinträchtigt sind, ist ja auch gleichzeitig die Kommunikation betroffen. Gerade bezüglich dieser Fragen hat mir das Familientreffen Mut gemacht. Alle Kinder, die ich dort kennenlernen durfte, haben mit ihren Familien (und oft auch mit anderen) kommuniziert. Jede_r auf ihre/seine Art, viele mit Gebärden, einige in Lautsprache, mit Unterstützter Kommunikation, andere mit Hilfe von Bezugsobjekten. Auch wenn Kaiserin 1 nicht das CHARGE-Syndrom hat, sondern eine Art CHARGE plus, bin ich mir sicher, dass die CHARGE-Kinder und -Jugendlichen ein gutes Vorbild für sie und ihre Entwicklung sein werden. Wir können im Umgang mit ihr von den Erfahrungen der anderen Familien nur profitieren. Es war beruhigend zu sehen, was alles möglich ist, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gerade im Bereich Kommunikation gibt und wieviel diese oft stark beeinträchtigten Kinder schaffen können, wenn sie eine gute und empathische Unterstützung erfahren.

Wo fäng Erziehung an? Ganz bestimmt früher, als wir denken. Vor allem für Kinder, die so stark in ihren Sinnen beeinträchtigt sind wie Kaiserin 1. Ein ganz einfacher Grundsatz in der Erziehung ist beispielsweise: positives Verhalten belohnen. Das ist selbstverständlich auch bei einem mehrfach behinderten Kind möglich. Ganz konkret bedeutet das für uns und unsere Tochter: Wenn Kaiserin 1 ihre kleine Schwester streichelt, streicheln wir sie auch. Wenn sie versucht, sich aufzurichten, unterstützen wir sie dabei. Eine Form von Erziehung ist auch Grenzen setzen; wobei ich zugeben muss, dass es nicht meine Lieblingsdisziplin ist. Ein Kind, das schon so viele Krankheiten, OPs usw. durchgemacht hat, hat natürlich auch immer einen kleinen Stein im Brett, was das nicht einhalten von Grenzen angeht. Dennoch: Wenn wir zusammen Essen gehen (was zugegeben nicht sehr häufig passiert), darf auch Kaiserin 1 nicht ihre Füße auf den Tisch legen (wie sie es zu Hause liebt). Schon allein wegen ihrer kleinen Schwester können wir sie nicht immer besonders behandeln. Oder wie sollen wir die Extrawurst der großen Schwester erklären!? „Kaiserin 1 darf das, weil sie behindert ist?“ geht nämlich nicht. Denn mit der Eklärung wäre es nur eine Frage der Zeit, bis Kaiserin 2 sagt: „Dann will ich auch behindert sein!“

Entscheidungen von Eltern sind auch Erziehung. Als unsere behinderte Tochter zwei Jahre alt war, haben wir uns dazu entschieden, sie tagsüber in einer integrativen KiTa betreuen zu lassen. Dabei vertrauen wir darauf, dass sie merkt, wo sie ist, mit wem, wer sich um sie kümmert. Wir erhoffen uns davon, dass sie sich als Teil der Gesellschaft versteht, so wir sie auch sehen – als normaler Teil der Gesellschaft, der mehr Hilfe als andere benötigt. Eine heilpädagogische Gruppe mit ausschließlich behinderten Kindern kam für uns nicht in Frage. Auch solche Entscheidungen beeinflussen die Erziehung eines behinderten Kindes.

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David Brown ist Pädagoge und spezialisiert auf die Förderung von taubblinden Kindern, speziell auch Kinder mit dem CHARGE Syndrom. Er blickt auf 30 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit taubblinden Menschen zurück und diese Erfahrung spricht aus jedem seiner intelligenten und empathischen Sätze. Er versteht es, die Empfindungen von Menschen mit dem CHARGE-Syndrom nicht Betroffenen so zu veranschaulichen, dass man die ganze Zeit „Aha! So ist das!“ denkt, während er erklärt. In seinem Vortrag ging es auch um das Lernen – mit dem CHARGE Syndrom kann es nur unter besonderen Bedingungen stattfinden. Kinder mit diesem Syndrom haben große Schwierigkeiten damit, lange Zeit auf einem Stuhl zu sitzen. Der klassische Frontalunterricht ist also keine Lernatmosphäre für sie. Sie nehmen oft nicht mehr als ihren eigenen Körper und alles in einem Radius von 50 Zentimetern um sich herum wahr. Brown rät also dazu, die Bedingungen so gestalten, dass das CHARGE-Kind die besten Voraussetzungen hat, neue Dinge aufzunehmen. Das kann zum Beispiel im Liegen sein, wenn das Kind sich so am besten konzentrieren kann. Viele CHARGE-Kinder können am besten sehen, wenn sie liegen – weil ihr Körper dann eine Stabilität erfährt, die ihnen im Stehen und auch im Sitzen fehlt. Sie müssen sich dann nicht mehr auf ihren Körper konzentrieren, sondern sind aufnahmefähig für den Sehsinn.

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Kind mit CHARGE-Syndrom, das sich besser konzentrieren kann, wenn es die Beine überschlägt

Solche Tipps – und sehen sie auf den ersten Blick auch noch so klein aus – können Eltern wie uns und vor allem unsere Kinder wirklich retten! Brown hat von vielen Beispielen erzählt, in denen Kinder mit CHARGE immer unterschätzt wurden – bis man ihr Umfeld so gestaltete, dass sie sich besser konzentrieren konnten. „Die Lehrer müssen sich den Kindern anpassen, nicht die Kinder den Lehrern oder Unterrichtsformen“ sagt Brown. Und weiter: „Wenn wir wollen, dass das Kind uns folgt, müssen erstmal wir dem Kind folgen.“ Klingt einfach – und ist in der Umsetzung doch gar nicht so leicht. Die Defizite von Kindern mit Handicap sind meist offensichtlich, ihre Talente aber nicht. Die muss man suchen – als Eltern und als Betreuungspersonen wie Erzieher_innen, Lehrer_innen, Therapeut_innen.

Brown rät dazu, davon auszugehen, dass ein Kind intelligent ist. Nur weil es – aus unserer Perspektive betrachtet – komische Dinge tut, ist es nicht gleich doof. Wahrscheinlicher ist, dass es in unseren Augen komische Dinge tut, weil sie einen Sinn für das Kind machen. Kinder mit dem CHARGE Syndrom schlagen zum Beispiel oft die Beine übereinander. Vor allem, wenn sie sich auf etwas konzentrieren. Ein guter Lehrer bemerkt das und gibt dem Kind die Chance, die Beine zu überschlagen, wenn es sich auf etwas konzentrieren soll. Und Brown geht noch weiter, in dem er erklärt, wie intelligent diese Handlung eigentlich sei. In dem das Kind die Beine überschlägt, zeigt es: „Ich habe zwei Beine. Ich weiß, wie ich sie in die Position bringe, die mir am besten gefällt.“

Wir können als Eltern eines behinderten Kindes in Sachen Erziehung also einiges tun. Immer wieder versuchen zu schauen, was unser Kind kann – auch wenn es einfacher und offensichtlicher ist, die Defizite zu erkennen. Den Menschen, die mit unserem Kind arbeiten, auch immer wieder von den Talenten des Kindes berichten. Und, vielleicht am allerwichtigsten: es mit Liebe betrachten.

Erziehung besteht aus zwei Dingen: Beispiel und Liebe. Friedrich Fröbe

Ein Kommentar zu “Bildung und Erziehung für alle!

  1. “Die Lehrer müssen sich den Kindern anpassen, nicht die Kinder den Lehrern oder Unterrichtsformen” was für ein schöner satz in diesem kontext. danke für diesen artikel und auch all die anderen von dir.
    es ist sehr berührend von eurem leben zu lesen! und ich ziehe den hut vor dir/euch !!!
    noch eine winzige anmerkung. der friedrich heisst fröbel, stimmts?

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