Filmtipp: „Ich bin auch noch da, Mama!“

by Kaiserin

Für Kaiserin 2 ist ihre große, behinderte Schwester das normalste der Welt. Kaiserin 1 gehört für sie ganz selbstverständlich zu unserer Familie, seit dem Tag ihrer Geburt vor 1 1/2 Jahren. Mittlerweile kann Kaiserin 2 sogar schon Schwester sagen und auf sie deuten. Na ja, es klingt dann eher wie Sästa, aber wir verstehen sie. Jeden Morgen führt der erste Weg direkt zum Therapiebett ihrer großen Schwester, in der Kita hat die kleine ein Auge auf die große Kaiserin und abends gibt es vorm Schlafengehen ein Gute-Nacht-Küßchen.

Trotz all der Normalität mache ich mir Gedanken, inwiefern die Behinderungen der großen Schwester das Leben meiner kleinen Tochter beeinflussen werden. Ich schreibe Behinderungen und meine damit vor allem das Drumherum: Die viele Bürokratie, den daraus resultierenden Stress, die Kämpfe mit der Krankenkasse, Therapie- und Arzttermine, Sorgen, Krankenhaustage und – nächte. Alle Momente, in denen ganz klar meine erste Tochter im Mittelpunkt stehen.

Manchmal entwickeln sich die Gedanken zu Sorgen – nicht umsonst werden die Geschwisterkinder auch Schattenkinder genannt. Im Moment sehe ich noch sehr sehr viel mehr Sonne als Schatten. Aber wie wird es später sein, wenn andere mit ihren Schwestern zum Tanzen gehen und Kaiserin 2 ihre große Schwester vielleicht bloß zur Ergotherapie bringt? Oder Urlaube nicht so einfach planbar sind mit einer gehbehinderten Schwester? Und selbst der Fahrradausflug minutiös geplant werden muss und immer von der Konstitution der Schwester abhängig ist?

Einige Antworten, wie es werden könnte, gibt der wunderbare Film „Ich bin auch noch da, Mama!“. Er porträtiert zwei Familien in ihrem Alltag mit einem behinderten und einem bzw. mehreren nicht behinderten Kindern. Was die Geschwisterkinder über ihre behinderten Geschwister erzählen, wie sie mit ihnen umgehen und sich selbst dabei oft zurückstellen hat mich zutiefst berührt. Ein Film, der ehrlich ist und Probleme zeigt; der aber dennoch Hoffnung macht und vor allem fünf wahnsinnig starke, reflektierte und sympathische Kinder zeigt.

6 Kommentare zu “Filmtipp: „Ich bin auch noch da, Mama!“

  1. Pingback: „Gehen Behinderte halt auch schwimmen?“ | Familie Rockt

  2. Das Geschwisterkind-Thema ist ein grosses Thema.
    Unsere 15jährige hat zu tun das alles mitzutragen was Robert mit seinen Behinderungen in die Familie trägt.
    Als die vielen Krankenhausaufenthalte von ihm waren, hatten wir so Glück, dass die ältere Schwester noch zu Hause lebte. Sie ist ja auch „Geschwisterkind“ und war das Beste was Susanne erfahren durfte.
    Ich kann nur immerwieder auf die Geschwisterkind-Seminare, -wochenenden, -freizeiten hinweisen. Es gibt viele Angebote, zumind. hier bei uns. Seit sie 8 Jahre alt ist ist sie da voll dabei. Und die Gruppe in die sie damals kam, sind Beste Freunde …. wahrscheinlich für immer. Mit wem sollen die GEKIS (=Geschwisterkinder) sonst so den Austausch finden als mit Kindern die mittendrin im Leben mit behindertem Kind sind? Susanne hat ihre Gruppe über die Lebenshilfe gefunden. (die Werbung darf hoffentlich sein?)
    So gut wie Ihr Eurer Leben lebt, all das Schwere tragt, bin ich mir ganz sicher, dass Euer Geschwisterkind nicht untergeht! Da habt Ihr ein Auge drauf!
    herzliche Grüsse
    Elisabeth

  3. Hallo, wollte dir schon lange schreiben, jetzt mit dem Zeit-Artikel über „Abtreibungswahn“ ist es mir wieder eingefallen. – Ich bin so ein Geschwisterkind, und ohne mich jetzt in Selbstlob verstricken zu wollen, aber ja das Reflektierte, Starke, (vermutlich auch Sympathische), trifft sicherlich auch auf mich zu.
    Der Preis dafür war aber auch eine sehr frühe Ernsthaftigkeit, die es mir schwer gemacht hat, einfach so Kind zu sein und mit nicht so ernsthaften Kindern Freunschaften zu schließen. Da habe ich schon sehr früh einen Entwicklungsunterschied zwischen mir und anderen gemerkt.
    Ein weiterer Punkt, der damit zusammenhängt ist (nach wie vor) die Auseinandersetzung mit dem Tod. Meine Schwester hat ihre Lebenserwartung weit überschritten. Aber ich kann mir bis heute nicht vorstellen, wie ich das aushalten soll, wenn sie mal nicht mehr ist. Sie fühlte sich von klein auf wie mein eigenes Kind an und nicht wie eine Schwester. Oft hab ich mir eine familiäre Spielgefährtin gewünscht, so eine „richtige“ und beneide heute noch Familien mit vielen Kindern. Denn wenn sie nicht mehr ist, habe ich das Gefühl, dann gibt es da auch keine Familie. Dann bin ich Einzelkind mit Eltern. Unser gemeinsames Baby, um das wir uns alle so sehr gesorgt haben, ist dann weg. All die Rituale, die so tun, als wären wir noch immer eine Familie mit einem viel viel jüngeren Kind (z.B. an Weihnachten) sind dann passé – das ist für mich unvorstellbar.
    Und ein Nebeneffekt scheint für mich auch das Gefühl der Verantwortung gegenüber dem Geschwisterkind. Eine fühlt sich selbstverständlich „verpflichtet“, die Pflege zu übernehmen, auch wenn sie diese Entscheidung nie getroffen hat, und hält sich dabei auch gerne mal selbst in Warteschleife.
    Und last but not least das Thema Erwartungshaltungen. Ich war ein einfaches Kind, ich habe immer funktioniert. Neben all den Krankenhausaufenthalten, war klar, dass ich nicht im Vordergrund stehen konnte. Ich hab mich gefragt beim Nachdenken über diesen Kommentar, wie viele Geschwisterkinder „abrutschen“, wie viele es sich leisten eigenen Problemen nachzugeben und statt Stärke Flucht wählen. Im Nachhinein betrachtet, habe ichd as Gefühl, ich hatte gar keine Wahl, als nicht zu funktionieren. Ich war das „gesunde“ Kind, aus mir musste etwas „werden.“ Ich hatte nie das Gefühl, dass ich einfach mal „locker“ sein kann und mal schauen, wo es mich hintreibt, weil meine Schwester von uns allen viel Energie gebraucht hat.

    Das habe ich zumindest als side effects wahrgenommen. Nichts desto trotz wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin, wäre ich nur mit Zuckerwatte umgegeben groß geworden. Und für diese Herausforderungen bin ich ebenso dankbar. Und für die Erfahrung einer unglaublich tiefen Schwesternliebe.

  4. Super, danke, den kannte ich noch nicht. Ich kann aus unserer Erfahrung sagen, dass es definitiv nicht einfach ist für das Geschwisterkind (und die Eltern) und häufiger wirklich ein Problem darstellt, gerade bei Urlaub, bei Therapieterminen, Kinderbesuch etc. Allerdings werden die gesunden Kinder ja auch dankbarerweise immer unabhängiger und selbstständiger, also ist es auch eine Frage der Zeit. Trotzdem geht viel Unbeschwertheit verloren. Leider.
    Danke auch noch für die links zu den TAZ-Artikeln und Euern eigenen!

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