„Offen sein, zuhören, umdenken“

by Kaiserin

Gerade ist das Buch „Besonders normal. Wie Inklusion gelebt werden kann“ erschienen. Ja, ich weiß, schon wieder Inklusion, dieses Wort, das eigentlich niemand mehr hören mag. Dabei steht es für eine tolle Sache: die selbstbestimmte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft und an gesellschaftlichen Aktivitäten. Im Jahr 2008 hat die UN-Behindertenrechtskonvention daher Inklusion (lateinisch: Enthaltensein) als Menschenrecht für Menschen mit und ohne Behinderung erklärt. Das Ideal der Inklusion ist, dass die Unterscheidung „behindert/nichtbehindert“ keine Relevanz mehr hat. Von der Umsetzung sind wir aber noch weit entfernt. Auch deshalb gibt es dieses Blog. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir weiter darüber debattieren – auch wenn das Wort allein schon manchmal nervt.

„Besonders normal. Wie Inklusion gelebt werden kann“ ist ein Inklusionsbuch zum Anfassen. Das I-Wort bleibt keine leere Worthülle, sondern wird durch die einzelnen Kapitel des Buches mit Leben gefüllt. Dabei geht die Autorin Minka Wolters chronologisch vor. Sie berichtet von Eltern, die kurz nach der Geburt erfahren haben, dass ihre Tochter mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen ist. Wolters trifft Kindergartenkinder mit Behinderung, die selten zu anderen Kindergeburtstagen eingeladen werden. Sie erlebt Inklusion in der Schule und der Freizeit und zeigt in kurzen Geschichten aus dem Leben die besondere Herausforderung, die ein behindertes Kind für das Familienleben bewirkt. Wolters gibt mit ihrem Buch auch einen Einblick in ein mögliches selbstbestimmtes und inklusives Arbeits- und Erwachsenenleben. Besonders schön: das Inhaltsverzeichnis mit Zitaten der porträtierten Personen.

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Die Autorin Minka Wolters lebt mit ihren drei nicht behinderten Kindern und ihrem Mann in Berlin. Für das Kaiserinnenreich hat sie mir einige Fragen zu ihrem Buch beantwortet.

Liebe Frau Wolters, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sie lange Zeit ihres Lebens keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung hatten. Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie über das Thema Inklusion dachten: „Da mach ich jetzt ein Buch draus!“? Welcher Moment war das?

Meine Tochter besuchte eine Integrativ-Kita. Und freute sich wochenlang auf den Abschlussausflug für die Vorschulkinder. Im Nachhinein stellte sich raus, dass das eine der fünf Vorschulkinder, ein Mädchen mit geistiger Behinderung, nicht dabei gewesen war. Auf meine Nachfrage bei der Erzieherin bekam ich zu hören, das sei nichts für sie gewesen. Und da dachte ich: Wenn Inklusion noch nicht mal in einem kleinen Kinderladen funktioniert, in einem weitgehend geschützten Raum, wie soll das denn was werden in anderen Lebensbereichen? Und habe mich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Wie haben Sie die Familien gefunden, mit denen Sie gesprochen haben? Nach welchen Kriterien haben Sie sie ausgewählt?

Über zwei Wege habe ich Menschen gefunden, die zu einem Gespräch bereit waren: Recherche und Weiterreichen. Ich habe festgestellt, dass die meisten derer, die selbst behindert sind oder ein Kind mit Handicap haben, gut vernetzt sind. Nach den Interviews sagten mir viele: „Ach, sprich doch noch mit dem und dem.“ Das tat ich dann auch. Ausgewählt in dem Sinne habe ich eigentlich nicht. Ich hatte großes Glück, meine Gesprächspartner waren allesamt sehr offen und sicherlich auch selbst daran interessiert, dass über Inklusion mal aus Sicht derer geschrieben wird, die es wirklich betrifft.

Welche Begegnung, die durch das Buch entstanden ist, hat sie am meisten geprägt?

Es fällt mir schwer, eine Begegnung auszuwählen. Durch das Buch habe ich so viele großartige Menschen kennengelernt, die im Kleinen und im Großen unglaublich viel bewegen und durch ihr Engagement und ihre Kraft Lebensbereiche schaffen, in denen Inklusion gelebt werden kann.

Sind Sie jetzt Inklusions-Expertin?

Nein! Klar habe ich sehr viel gelesen zu dem Thema und von meinen Gesprächspartnern sehr viel gelernt, aber die Expertin mit den drei goldenen Regeln, wie Inklusion funktioniert, bin ich natürlich nicht. Ich bin die, die mal eine kleine Bestandsaufnahme gemacht hat, wo und warum Inklusion gelebt werden kann – oder eben auch nicht. Ich bin die Geschichtensammlerin, die gleichzeitig einführt in die unterschiedlichen Themenbereiche wie inklusiver Kindergarten, Alleinleben mit Behinderung oder inklusives Arbeitsleben.

Wenn Sie Regeln für unsere Gesellschaft aufstellen könnten, um Inklusion voranzubringen, welche wären das?

Offen sein, zuhören, womöglich umdenken. Das betrifft jeden von uns. Nur so ist Veränderung möglich, glaube ich.

Welches war der inklusivste Moment, den Sie bisher erlebt haben? Welches der exklusivste?

In meinem Leben gibt es nicht den inklusiven Moment, ich habe mich schon immer als Teil der Gemeinschaft wahrgenommen und mich nie richtig ausgeschlossen gefühlt. Ich habe bisher unglaublich viel Glück gehabt.

Hat die Arbeit an Ihrem Buch etwas in Ihrem alltäglichen Leben verändert?

Ich glaube, ich schaue genauer hin. Und nehme viel stärker wahr, wie wenig barrierefrei vieles ist. Säße ich im Rollstuhl, könnte ich meine Kinder nicht in die Schule begleiten, käme nicht in mein Lieblingscafé rein, könnte oft nicht S-Bahn fahren, weil der Fahrstuhl zum Gleis regelmäßig ausfällt… die Liste ist unendlich. Umso beeindruckender, was Menschen alles schaffen, obwohl vieles in unserer Gesellschaft nicht so organisiert ist, dass jeder einfach so „mitmachen“ kann.

Vielen Dank für das Gespräch und das Buch, Frau Wolters.

„Besonders normal. Wie Inklusion gelebt werden kann“ ist im Ch. Links Verlag erschienen und hat 224 Seiten. Es kostet 16,90 Euro und kann hier oder im guten alten Buchladen bestellt und gekauft werden.

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Was fehlt Deiner Meinung nach, um Inklusion zu leben? Ich freue mich über Meinungen rund um das I-Wort und darf unter allen Kommentator_innen zwei Exemplare des Buches „Besonders normal. Wie Inklusion gelebt werden kann“ verlosen. Einfach kommentieren – die Gewinner_innen werden von mir schriftlich benachrichtigt.

 

14 Kommentare zu “„Offen sein, zuhören, umdenken“

  1. Pingback: Mareice Kaiser | Das Featurette Blog

  2. Meine Tochter besucht seit diesem Jahr eine Förderschule mit dem Schwerpunkt: körperliche Behinderung. Wir haben uns ganz bewusst für diese Schule entschieden und uns um den Platz bemüht. Dort wird sie bestens versorgt und in ihren Stärken und Schwächen gefördert (wird ein individueller Plan erstellt). Meine Tochter kann u.a. nicht sprechen und trainiert grade die Kommunikation mit dem Talker. In dieser Förderschule bekommt sie sogenannte „Unterstützende Kommunikation“, während andere Kinder Deutsch und Mathe lernen. Außerdem bekommt sie noch Physio- und Ergotherapie. Dank dessen werde ich entlastet und kann die Zeit mit meiner Tochter anders verbringen. Und da, in der Freizeit, finde ich fehlt die Inklusion. Für die gesunden Kinder gibt es mega viele Freizeit Angebote – verschiedene Vereine und Clubs. Mit den behinderten Kindern geht man zur Therapie…
    Das sind aber Kinder, die auch gerne „musizieren“ oder „turnen“ oder einfach mal andere Kinder nachmittags treffen.

    Nur durch die Schulen werden die Behinderten nicht automatisch Teil unserer Gesellschaft.

  3. Liebe Mareice,
    danke wieder einmal für den schönen Text, das interessante Gespräch mit Minka Wolters und überhaupt den Hinweis, dass es dieses Buch gibt. Mit geht zum Thema Inklusion zweierlei durch den Kopf:
    In meiner Schwangerschaft war durch die Ultraschalluntersuchungen klar, dass wir kein „normales“ Kind bekommen würden, sondern ein Kind mit verschiedenen Organfehlbildungen aufgrund eines zugrundeliegenden (bis heute unbekannten) Syndroms. Wie stark die Einschränkungen, wie „groß“ bzw. weitreichend die Behinderung sein würde, war nicht klar. Ich kann für mich sagen, dass meine Angst sehr sehr groß war (und die Freude aufs Kind war sehr klein; sie war praktisch nicht vorhanden). Die Angst war so groß, dass ich mich heute immer wieder ein bisschen dafür schäme. Wenn wir gewusst hätten, dass wir so ein tolles Kind bekommen, hätten wir uns gefreut! Die Zeit der Schwangerschaft war geprägt von vielen diffusen Sorgen und vielen Fragen: Wird unser Kind lebensfähig sein, WIE wird es leben können, wie werden wir mit den besonderen Situationen und Aufgaben umgehen, werden wir den Anforderungen gerecht werden, wird unsere Beziehung an den Belastungen zerbrechen? Diese Fragen trieben uns um und wir wussten keine Antwort. Ich überlege heute oft, ob ich gelassener gewesen wäre, wenn ich in meinem Leben vor der Geburt jemals mit behinderten Menschen zu tun gehabt hätte. Behinderung schien so befremdlich für mich, so angsteinflößend und bedrohlich, dass es fast nicht auszuhalten war. Heute haben wir ein Kind, das in vielerlei Hinsicht nicht der Norm entspricht – und trotz allem ist es für uns das tollste und schönste Kind. Und: Unser Kind ist für uns normal. Die Auffälligkeiten werden erst deutlich, wenn man unsere Maus mit anderen Kindern in ihrem Alter vergleicht. Wir versuchen, diese Vergleiche zu vermeiden und sagen uns: Unser Kind wird seinen eigenen Weg gehen und wir gehen einfach mit.
    Wäre unsere Welt inklusiver, wäre unser Umgang mit Behinderung vielleicht anders: Leben außerhalb gängiger Normen wäre möglicherweise weniger befremdlich, würde uns weniger verunsichern, und vielleicht wären wir alle etwas gelassener im Umgang mit dem, was nicht so ganz „normal“ oder üblich ist. Insofern denke ich, ist der Ansatz des Inklusionsgedankens ein wichtiger und guter.
    Die andere Seite, die mir auch immer wieder im Kopf herum geht, ist, dass gerade Eltern mit schwer-/mehrfachbehinderten Kindern sich gegen den Zwang zu schulischer Inklusion wehren. Und in der Tat – ich kann mir auch kaum vorstellen, wie Kinder mit geistiger Behinderung oder mit Problemen in der emotional-sozialen Entwicklung zusammen mit 32 anderen Kindern an einer Sekundarschule unterrichtet werden; beschult von Lehrer_innen, die trotz gutem Willen völlig überfordert sind von der Aufgabe, jede Schüler_in entsprechend der individuellen Kompetenzen zu unterrichten; von Lehrer_innen, die überhaupt nicht dafür ausgebildet worden sind, „special needs“ Kinder zu unterrichten. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass die genannten Eltern dafür plädieren, Schulen mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten und damit Wahlfreiheit unbedingt zu erhalten.
    Gut verstehen kann ich aber auch, dass andere Eltern wiederum wütend und verbittert sind, weil ihrem behinderten Kind der Zugang zu einer allgemeinbildenden weiterführenden Schule verwehrt wird. Das Thema Inklusion an Schulen ist m.E. kompliziert und es würde große finanzielle, strukturelle und personelle Veränderungen benötigen, um Schulen zu öffnen und ein Klima der Kooperation und Hilfsbereitschaft zu schaffen. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg wäre sicherlich, Heterogenität der Schülerschaft anzuerkennen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die einen achtsamen und fördernden Umgang mit ganz unterschiedlichen Schüler_innen möglich machen. Gerade weil dieses Thema so komplex ist, werde ich das Buch von Minka Wolters bestimmt lesen.
    Dir und den kleinen Kaiserinnen alles Gute und ich freue mich auf kommende Texte von dir!
    Liebe Grüße, Julia

  4. Hallo,
    beim Lesen des ersten Abschnittes musste ich daran denken, wie sich im Studium vor gut sechs Jahren alle gefreut haben, dass der Begriff Integration ersetzt wurde. Jetzt wirkt das Wort „Inklusion“ schon gebraucht. Und doch fehlt es an der Bereitschaft hinzu schauen, zu zuhören und nachzudenken, besonders dann, wenn man nicht direkt betroffen ist.
    Viele Grüße

  5. Was fehlt für Inklusion?
    Zeit.
    Zeit, das Miteinander von unten her wachsen zu lassen.
    Es wird momentan Vieles über’s Knie gebrochen, weil von oben Inklusion „verordnet“ wird. Die Bedürfnisse aller Beteiligten – Behinderte wie Nichtbehinderte – werden aus Aktionismus nicht berücksichtigt.
    Zeit ist das Zauberwort – neben dem leidigen Geld, das zu einer gelingen den Umsetzung fehlt.

  6. S.29 die Überschrift:
    „Eltern erhalten die Diagnose“.
    Ich weiß genau, wie es gemeint ist. Trotzdem eckt für mich als selbst behinderter Mensch diese Formulierung an. Nicht die Eltern haben das Down Syndrom. Inclusion hat für mich ganz viel auch mit Sprachgebrauch zu tun. Negativstes Beispiel für mich ist das falsche Wort „Inklusionskinder“.

    • Hallo Inssa,
      bei mir in der Schwangerschaft gabs Ultraschalluntersuchungen und eine Gewebeentnahme und anschließend erhielt ich eine Diagnose. Ja, nicht ich habe die festgestellte Monosomie X, dennoch bin ich die, die das Ergebnis erhält. Wie würdest du es sonst formulieren?
      Grundsätzlich Stimme ich dir zu, der Sprachgebrauch ist enorm wichtig. Ich geh mich dann mal, um meinen sterilen Zwerg mit Fischmaul kümmern und denke über den anomalen Chromosomensatz nach.
      Viele Grüße Anne

  7. Um Inklusion wirklich leben zu können, fehlt noch so vieles…Die Einstellung der Menschen zu dem Thema, die Finanzen, die Räumlichkeiten…Letztendlich wird Inklusion aber erst dann wahr und wirklich gelebt, wenn der Begriff selbst nicht mehr gebraucht wird, weil er überflüssig ist und es einfach ganz selbstverständlich ist, dass alle Menschen, egal welche Merkmale oder Eigenschaften sie haben, zusammen und miteinander leben.
    Das ist das Ideal von Inklusion, soweit ich das bisher verstanden habe. Leider ist es aber auch so, dass es immer ein Ideal bleiben wird und nie ganz erreicht werden kann. So steht es zumindest im Index für Inklusion.

    LG
    Karo

    • Sicher ist es ein Ideal, denn es wird immer Menschen geben, die sich nicht inkludieren lassen oder die nicht inkludieren wollen (was für ein merkwürdiges Wort… hab mir aber sagen lassen, dass das so richtig sei) … aber wir wären schon einen Schritt weiter, wenn Fachkräfte in Kitas und Schulen die Eltern ernst nehmen und die als Experten für ihre Kinder akzeptieren und sich nicht scheuen zu fragen, anstatt so zu tun als ob es das Problem nicht gibt, oder zu versuchen es alleine zu lösen….

  8. Das Buch klingt interessant… und Inklusion ist ein Teil meiner beruflichen Tätigkeit. Wenn wir unsere Arbeit gut machen, machen wir uns überflüssig…. soweit die Theorie.
    Praktisch fehlt für die Inklusion hier in Deutschland noch so viel… vom Geld über die Einstellung in den Köpfen bis zur Bereitschaft die Kinder einfach so anzunehmen wie sie sind und nicht in Schubladen einzusortieren….

  9. Um Inklusion zu leben, müßte es bei der Mehrheit erstmal ein Thema werden. Ich glaube, dass sich viele Menschen gar keine Gedanken darüber machen, weil sie letztlich wenig damit konfrontiert werden. Ich selbst bekomme die Probleme über eine Freundin mit, die ein behindertes und ein nicht-behindertes Kind hat. Ich bewundere sie sehr, wie sie für ihre Tochter kämpft. Für meine nicht-behinderte Tochter hätte ich gerne, dass sie die Verschiedenheit der Menschen kennenlernt entsprechende Kitas/Kindergarten etc besucht…
    Liebe Grüße Nina

  10. Inklusion ist zu einem Thema geworden, wo scheinbar jeder eine Meinung zu haben kann, weil es so einfach gesagt ist. Ich bin Sozialarbeiterin(deswegen bleibe ich lieber anonym vorerst) an einer inklusiven Schule in Berlin. Das Land Berlin hat vor ca. 4 Jahren das Wort Inklusion in ihr Bildungsprogramm aufgenommen. Wir betreuen Kinder mit geistigen und sozial- emotionalen Behinderung im Ganztag. Es gibt spezielle Angebote, Schulbegleiter und Integrationslehrer, sowie eine Menge Sozialarbeiter die gemeinsam ein multiprofessionelles Arbeitsklima bilden. Und doch kommen auch wir an unsere Grenzen. Da sich nicht jede Schule in der Lage dazu fühlt diese Kinder und Jugendlichen zu betreuen und zu unterrichten, mutieren Schule, wie meine eine ist, zu Ballungsgebieten für Menschen die sonst nirgends einen Platz finden. Das hängt nicht zwingend damit zusammen, dass Lehrer_ Innen usw. schlecht qualifiziert sind, oder keine Lust haben, sondern damit, das ein Standart versucht wird einzuführen für den momentan nicht genügend Ressourcen vorhanden sind.
    Ab und zu lese ich mir gerne Kommentare zu diesen Themen bei Facebook durch und ich muss gestehen, dass ich es bald nicht mehr ertragen kann. Allein der Anspruch der heutzutage an ganz normale Erzieher_Innen gestellt wird, ist erstaunlich: 1/1 Betreuung für unter 3- jährige, Frühförderung und KiTa als Bildungseinrichtung, daneben Kinderschutz, Papierkram und achja, bevor ich es vergesse, inklusiv muss es auch sein. Und all das von offizieller und privater Seite(Senat und Eltern). Anstatt einfach mal auf die Idee zu kommen unsere Erwartungshaltung an das System und die darin agierenden Menschen runterzuschalten, schrauben wir sie immer weiter hoch. Aber wie bitte sollen Menschen mit Behinderung diesem Druck in einer Gesellschaft standhalten, die nicht mal ihre „normalen“ Kinder zu schätzen weiß? Wie soll man die Leistung eines Kindes mit Behinderung bewerten, wenn dahinter ein starres Notensystem steht, in dem Leistung nicht nach Möglichkeit, sondern nach Standart bewertet wird? Sollen diese Menschen ein gesondertes Bewertungssystem bekommen? Ist das dann noch inklusiv, wenn Leistung differenziert wird? Und wenn nein, was soll das ganze dann und vor allem, wer ist dafür Verantwortlich? Wir als Professionelle an dieser Front haben keine Antwort darauf. Wir stehen im Fegefeuer einer Gesellschaft voller Erwartungshaltungen, die ihre Bequemlichkeit garantieren soll, umgeben von Floskeln, überzogenen Vorstellungen, Haushaltssperren, die uns seit Jahren das Arbeiten schwer machen und unsere Möglichkeiten nicht grade begünstigen. Der Förderungs- und Leistungswahn hat uns mittlerweile alle erreicht und wenn das so weiter geht und diese Gesellschaft nicht langsam damit anfängt umzudenken, werden wir uns an dem Thema Inklusion das Genick brechen, denn ich glaube dazu sind wir noch nicht bereit.
    Das ist eine subjektive Meinung. Sie betrifft einige Berufsgruppen, die täglich damit zutun haben. Aber sie ist ehrlich. Ich respektiere und wertschätze die Perspektiven und Meinungen anderer gleichermaßen. In meinem beruflichen und privaten Lebensweg habe ich ausreichend Erfahrungen sammeln können, um zu wissen, dass es diesen Text und das Wort Inklusion garnicht geben dürfte(im positiven Sinne).

    • Eigentlich kann ich diesen Kommentar nur unterschreiben. Bildungspolitisch wird gerade unglaublich viel an allen möglichen Stellschrauben gedreht, und das was wirklich fehlt, ist die Bereitschaft Geld, und zwar viel mehr Geld für Bildung auszugeben.

      Wir selbst haben sehr gute Erfahrungen mit der Inklusion an einer bestimmten (Grund-)schule.
      Hier funktioniert es sehr gut, die Schule ist sehr klein und homogen, hat ein paar sehr engagierte Lehrer und eine Schulleitung die Inklusion von vornherein wollten und auch Erfahrung damit hatten, wir haben einsatzbereite Eltern die den Kampfgeist mitbringen, für eine bestmögliche Ausstattung zu kämpfen. Trotzdem ist es für die behinderten Kinder sicherlich aus verschiedenen Gründen (das führt hier aber zu weit) der schwerere Weg, und man muss sich das als Eltern auch vorher deutlich machen.
      Nichtsdestotrotz würde ich immer wieder so entscheiden. Der Elfenbeinturm mit der Direktrutsche ins Heim – zugespitzt formuliert – das wäre nichts für uns persönlich.

      Leider kenne ich aber viele viele Beispiele von Inklusion an Schulen, die nicht so gut funktioniert. Umgekehrt haben die Sonderschulen auch (zu) lange vor sich im dunklen Kämmerlein arbeiten können, mehr Öffentlichkeit und Diskussion tut dort zwar jetzt weh, war aber meines Erachtens bitter nötig.

      So ein weites Feld! Und so ein wichtiges Thema.
      LG, fri

  11. Um Inklusion zu leben, fehlt vielen eigentlich nur der andere Blickwinkel, finde ich. Viele sehen leider nur ihre Ängste, sehen Behinderung nur als Belastung. Statt zu sehen, dass Inklusion uns alle frei macht, mitsamt unseren kleinen und großen Schwächen. Statt zu sehen, dass man selber die Angst verlieren kann, wenn man erfährt, dass das Leben auch mit großen Schwächen groovt. Eine inklusive Gesellschaft wäre eine wirklich freie Gesellschaft.

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