Schwesternliebe

by Kaiserin

Das Familienleben steckt voller Überraschungen. Bei uns sind das im Moment vor allem liebevolle. Seit einigen Tagen überkommt Kaiserin 2 ab und an eine riesengroße Schwesternliebe, die sich in plötzlichen Liebesbekundungen in Form von Küssen und Umarmungen für ihre große Schwester äußert. Für uns als Eltern passiert das manchmal sehr unerwartet und vor allem ohne Zwang von außen  – ich bin kein Fan davon, meinem Kind ständig zu sagen, bei wem es “Ei” machen soll. Das soll sie selbst entscheiden. Umso schöner ist es, dass diese Zeichen der Geschwisterliebe einfach so aus ihr heraus kommen.

Meine Töchter sind mehr mit sich zusammen als mit ihren Eltern (sieht man mal von der Schlafenszeit ab). Zumindest in der Woche. Gemeinsam gehen sie jeden Tag in die Kita, meistens sieben Stunden am Tag. Ab und zu gibt es Aktivitäten, die getrennt stattfinden – die “Großen” (zu denen Kaiserin 1 zählt) machen dann einen Ausflug in den Park, während die “Kleinen” (mit Kaiserin 2) im Kita-Garten bleiben. Ansonsten gibt es viel gemeinsame Zeit: Bei den Mahlzeiten, beim Mittagsschlaf, im Morgenkreis, nachmittags auf dem Spielplatz, beim Abendbrot und bei der allabendlichen Vorlesestunde.

Im Moment kann Kaiserin 2 zwar schon sehr viele Wörter sagen und auch ein paar zwei bis drei Wortsätze, aber natürlich noch nicht erzählen, wie der Tag in der Kita war, was es zu Essen gab und ob sie und ihre große Schwester Spaß hatten. In einiger Zeit aber wird das möglich sein und sie wird vermutlich als Sprachrohr ihrer nicht sprechenden Schwester agieren.

Diese Vorstellung ist schön – aber auch mit Sorgen besetzt. Sie soll sich nicht ausschließlich als “Schwester von…” sehen. Sie soll ihre eigene Persönlichkeit entwickeln (was sie mit einem enormen Ehrgeiz auch bereits tut!) und vor allem: einfach ein unbeschwertes Kind sein dürfen. Dass das als Geschwisterkind eines Kindes mit Behinderung nicht immer einfach ist, kann man sich vorstellen. Verantwortungsgefühl kommt da oft vor Vergnügungslust.

Vor einigen Tagen erreichte mich auf meinem Blog ein Kommentar eines bereits erwachsenen Geschwisterkindes, der mich bewegt hat. Katja ist mit einer behinderten Schwester aufgewachsen. Auf ihrem Blog Krach Bumm! schreibt sie über Lifestyle, Sex & Elternschaft. Zu meinem Text über einen Film zum Thema Geschwisterkinder Filmtipp: “Ich bin auch noch da, Mama!” schrieb Katja:

Ich bin so ein Geschwisterkind, und ohne mich jetzt in Selbstlob verstricken zu wollen, aber ja das Reflektierte, Starke, (vermutlich auch Sympathische), trifft sicherlich auch auf mich zu.
Der Preis dafür war aber auch eine sehr frühe Ernsthaftigkeit, die es mir schwer gemacht hat, einfach so Kind zu sein und mit nicht so ernsthaften Kindern Freunschaften zu schließen. Da habe ich schon sehr früh einen Entwicklungsunterschied zwischen mir und anderen gemerkt.
Ein weiterer Punkt, der damit zusammenhängt ist (nach wie vor) die Auseinandersetzung mit dem Tod. Meine Schwester hat ihre Lebenserwartung weit überschritten. Aber ich kann mir bis heute nicht vorstellen, wie ich das aushalten soll, wenn sie mal nicht mehr ist. Sie fühlte sich von klein auf wie mein eigenes Kind an und nicht wie eine Schwester. Oft hab ich mir eine familiäre Spielgefährtin gewünscht, so eine “richtige” und beneide heute noch Familien mit vielen Kindern. Denn wenn sie nicht mehr ist, habe ich das Gefühl, dann gibt es da auch keine Familie. Dann bin ich Einzelkind mit Eltern. Unser gemeinsames Baby, um das wir uns alle so sehr gesorgt haben, ist dann weg. All die Rituale, die so tun, als wären wir noch immer eine Familie mit einem viel viel jüngeren Kind (z.B. an Weihnachten) sind dann passé – das ist für mich unvorstellbar.
Und ein Nebeneffekt scheint für mich auch das Gefühl der Verantwortung gegenüber dem Geschwisterkind. Eine fühlt sich selbstverständlich “verpflichtet”, die Pflege zu übernehmen, auch wenn sie diese Entscheidung nie getroffen hat, und hält sich dabei auch gerne mal selbst in Warteschleife.
Und last but not least das Thema Erwartungshaltungen. Ich war ein einfaches Kind, ich habe immer funktioniert. Neben all den Krankenhausaufenthalten, war klar, dass ich nicht im Vordergrund stehen konnte. Ich hab mich gefragt beim Nachdenken über diesen Kommentar, wie viele Geschwisterkinder “abrutschen”, wie viele es sich leisten eigenen Problemen nachzugeben und statt Stärke Flucht wählen. Im Nachhinein betrachtet, habe ich das Gefühl, ich hatte gar keine Wahl, als nicht zu funktionieren. Ich war das “gesunde” Kind, aus mir musste etwas “werden.” Ich hatte nie das Gefühl, dass ich einfach mal “locker” sein kann und mal schauen, wo es mich hintreibt, weil meine Schwester von uns allen viel Energie gebraucht hat. Das habe ich zumindest als side effects wahrgenommen. Nichts desto trotz wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin, wäre ich nur mit Zuckerwatte umgegeben groß geworden. Und für diese Herausforderungen bin ich ebenso dankbar. Und für die Erfahrung einer unglaublich tiefen Schwesternliebe.

Geschwister

Aus dem Familienalbum von Krach Bumm! Katja (5 Jahre alt) und ihre Schwester (3 Jahre alt)

Diese Schwesternliebe sehe ich auch jeden Tag zwischen meinen Töchtern und das macht mir Mut. Mut und Vorfreude auf eine Zukunft mit meinen Töchtern, die so unbeschwert wie möglich sein soll – für beide.

Es gibt tolle Angebote für Geschwisterkinder, z.B. von

Geschwisterkinder.de & Stiftung FamilienBande – Gemeinsam für Geschwister

 

3 Kommentare zu “Schwesternliebe

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  3. Hallo,

    ich habe drei Töchter, 8, 6 und ein Jahr alt. Die mittlere Tochter (Sofie) ist mehrfach behindert (80% steht es auf dem Ausweis…)
    Wir erleben die Geschwisterliebe auf zwei unterschiedliche Weisen :-)
    Die jüngere Schwester hüpft fast vor Freude, wenn ihre Schwester von der Schule nach Hause “kommt”. Sie spielen total lieb und harmonisch zusammen.
    Ganz anders ist die ältere “Rebellin”. Wie oft hat sie sich schon eine gesunde Schwester gewünscht! Mit der sie so spielen könnte, wie mit ihren Freundinnen… Weil wenn sie mit ihrer Schwester Zeit verbringt, kann sie nur dieselben Spiele wie mit der Kleinsten spielen. Es kommt auch dabei, dass es schöne Momente sind. Sie lachen viel zusammen und haben Spaß. Und dann kommt aber auch die Zeit, wenn die Sofie aus dem Zimmer verjagt wird, weil sie ja was kaputt machen könnte oder einfach nicht rein darf. Ich frage mich manchmal, ob “die Rebellin” es auch bei einer gesunden Schwester machen würde… In allen anderen Situationen, ob bei Essen, baden oder wickeln ist die älteste Tochter einfach spitze, hilfsbereit und zuvorkommend. Und es stimmt auch, dass sie manchmal einfach funktionieren muss und von ihr viel mehr erwartet wird als von den anderen… das muss ich leider zugeben.
    Auch wenn wir mal allein mit der ältesten Tochter etwas unternehmen, der Alltag mit einer behinderten und einer sehr kleinen Schwester überwiegt und sich nach den zwei anderen richtet.

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