Kinder, Körper, Kommentare – Nur für Mädchen?

by Kaiserin

Vergangene Woche überrolte mich eine Leser_innen-Welle! Mein Text Kinder, Körper, Kommentare wurde bisher von 16.467 Menschen gelesen (eine Zahl, bei der ich lange überlegen musste, wohin ich den Punkt dazwischen setzen muss). Wow! Es ist ein Wow! mit einem schalen Nachgeschmack, denn die vielen Kommentare zu meinem Artikel zeigen, dass die Bewertung des Essverhaltens und Körpers meiner kleinen Tochter leider kein Einzelfall ist. Daher möchte ich das Thema nochmal aufgreifen. Mich beschäftigt dabei auch die Frage, ob es einen geschlechterabhängigen Umgang mit Kinderkörpern gibt. Ein paar Kommentare habe ich gesammelt, denn sie malen ein Bild, das uns allen Anlass zur Sorge geben sollte. Gleichzeitig freue ich mich, dass wir alle, die wir uns damit beschäftigen, zumindest für das Thema sensibilisiert sind. Das ist doch immerhin ein Anfang, oder?

Ein Auszug aus meinem Text, Teil I: Gestern auf dem Spielplatz setzte sich ein kleiner Junge neben Kaiserin 2. Sie spielten einträchtig miteinander, ich kam mit der Babysitterin ins Gespräch. Mir wäre nicht aufgefallen, dass beide Kinder ein ähnliches “Format” hatten, wenn die Babysitterin es nicht ausgesprochen hätte. Schnell kam die Frage des Alters und wir stellten fest, dass meine Tochter vier Monate jünger als das Babysitterkind war. Sie hätten problemlos ihre Klamotten tauschen können. Die Babysitterin beschrieb ihn beiläufig als “starken Jungen” und mir fiel auf, dass stark ein Wort ist, dass ich noch nie als Beschreibung für meine kleine Tochter gehört hatte; im Gegensatz zu pummelig oder eben meinem Lieblingshasswort Wonneproppen. Dabei ist Stärke viel positiver besetzt. Nun frage ich mich, ob die Figur meiner Tochter vielleicht nur Thema ist, weil sie als Mädchen zur Welt kam. Denn die haben ja klein und hübsch und süß und bitte gerne auch schlank zu sein. Allein, dass die Figur meiner Töchter ein Thema ist, macht mir Angst. Es erscheint mir so falsch zu sein wie die Frage, ob der Keks aus Dinkel oder Hafer sein sollte. Ich freue mich einfach, dass der Körper meiner kleinsten Tochter zuverlässig funktioniert und gesund ist. Ich freue mich, wenn sie lacht; wenn ihr Körper sich zur Musik bewegt oder sie mir mit flinken Schritten entwischt. Nicht, weil ihr die neueste Kollektion von Mini Rodini wie maßgeschneidert passt.

Isabel ist Mama eines Jungen und war erschreckt: Ich bin eben nochmals auf diesen Artikel gestoßen und muss jetzt mal loswerden, dass ich echt fassungslos bin. Als noch nicht klar war, ob ich einen Jungen oder ein Mädchen bekommen würde, habe ich mir manchmal gedacht: Bei Mädchen muss man so viel mitmachen. GNTM, rosa Ü-Eier. Alles Dinge, mit denen ich echt Probleme habe. Und jetzt wird ein kleines Mädchen fast noch ein Baby, ernsthaft auf seine Figur angesprochen! Das ist schlimmer, als ich es mir ausgemalt hätte. Da bin ich wirklich froh, Jungs-Mama zu sein (auch wenn man da dann mit anderen Sachen zu kämpfen hat….) Und ja, es stimmt, Jungs gelten als stark und kräftig, Mädchen als pummelig. Meiner isst auch immer 3 Teller in der Kita, das wird so nebenbei erwähnt, ob es bei den Mädchen ein Thema wäre? Schlimm. Kein Wunder, dass so viele Mädchen Essstörungen bekommen. Was sind wir doch für eine kranke Gesellschaft. Babys müssen doch speckig sein, und solange Kleinkinder nicht mit Chips vorm Fernseher verfetten ist doch alles in einem gesunden Rahmen….

Der Tochter von fri wurde in der Kita das Essen gekürzt: Der Kindergarten meiner Tochter war der Meinung, dass sie zu “dick” war, hat das auch so formuliert und hat ihr über lange Zeit die Portionen beim Essen gekürzt (auch lange, ohne dass ich das wusste) , bis ich irgendwann darauf bestanden habe, dass sie damit aufhören müssen. Ich hätte es viel früher tun sollen und viel früher nach meinem Gefühl handeln sollen, war aber selbst verunsichert – schließlich haben die ja viel mehr Kinder und viel mehr Erfahrung, so mein Gedanke damals. So ein Unfug. Ständig bekam sie schon als Zweijährige von allen möglichen Leuten Kommentare wie “proper” “kräftig” etc etc. zu hören. Schrecklich. Und es bringt mich immer noch zur Weißglut, wenn die Oma, die wir nicht so oft sehen, immer nach ihrem Gewicht fragt. Furchtbar! Kein Wunder, dass Grundschulmädchen schon darauf achten, wer wie viel wiegt und wer dick aussieht oder nicht – das ist meiner Meinung nach die Quittung für dieses ständige aufs Aussehen und Gewicht Schielen der Erwachsenen im Bekanntenkreis. Viel schlimmer als Werbung, denn die ist nicht an einen persönlich gerichtet, die tut nicht so weh. Inzwischen sagt unsere Tochter wenigstens nicht mehr über sie selbst, sie wäre dick. Und sie hat auch ein entspanntes Verhältnis zum Essen, weil niemand mehr verbietet oder reglementiert, das hat wirklich lange gedauert, bis das wieder normal war, und ich wünsche mir inständig, dass es so bleibt. Dabei hat sie wirklich eine ganz, ganz “normalen” Körperbau, treibt gerne Sport und ist (und isst) gesund. Mit meinem Sohn hab ich jahrelang um jeden Bissen kämpfen müssen, es ist so schön, wenn jemand mit Appetit isst und im Krankheitsfall auch mal zwei drei Tage ohne Essen auskommen kann. Über das Thema “Konfektionskleidung für Mädchen” hätte ich an dieser Stelle auch noch einiges zu sagen, aber das sprengt wohl den Rahmen. Nur so viel: ich bilde mir ein, da eine ungute Tendenz zu immer schmaler geschnittenen, übertrieben “erwachsenen” Kleidern (Hüfthosen für Kindergartenkinder!) zu erkennen, z.B. bei H&M. Schlimm.

Das Thema Kinderkleidung hat auch Bloggerin Das Nuf aufgegriffen. Sie schlägt vor, einen Laden zu eröffnen, in dem es Kleidung für Kinder gibt – nicht Kleidung für Mädchen oder Jungen. Die Kommentare unter ihrem Text zeigen: Der Bedarf besteht eindeutig! Übrigens ziehe ich meinen Töchtern auch Kleider an, sehr gern sogar (ich trage die nämlich auch am liebsten) – und ab und an tragen sie auch rosafarbene Kleidung. Je nachdem, was von den Cousinen vererbt und im Secondhandladen um die Ecke gerade so zu kaufen ist. Für mich hat geschlechterneutrale Erziehung weniger mit der Farbe der Kleidung als viel mehr mit den gleichen Chancen für Mädchen und Jungs zu tun. Also: rosa geblümte Kleider auch für Jungs! Oder so.

Foto 1-1

Neulich beim Kinderarzt: Mädchen sollen träumen, Jungs Abenteuer erleben.

Erschreckend ist auch die Gender-Sammlung von Das Nuf: Extra für Jungs! Extra für Mädchen! Herrje.

Nanne findet es falsch, dass alle immerzu alles bewerten müssen: Ich finde es grundlegend erschreckend, wie oft Menschen andere Menschen (damit sind auch Kinder gemeint) ungefragt bewerten. Ungefragt und ohne Ahnung von den Hintergründen oftmals. Es geht doch keinen etwas an, außer dir und deine Tochter (und ggf. den Kinderarzt, der aber ja gut zu sein scheint). Kinder haben ein intuitives Essverhalten und wissen genau, was sie brauchen und wie viel. Es wäre schön in einer Gesellschaft zu leben, in der Menschen bedingungslose Zuneigung erfahren und nicht das Gefühl haben müssen, erst wenn ich schlank bin, werde ich richtig akzeptiert. Und das bezieht sich so oft ja leider schon auf die eigene Familie. Es gibt Wichtigeres, als das Aussehen und das Dick- oder Dünnsein.

Das sieht auch N. so. Sie hat mir aus der Tochter-Perspektive geschrieben: Ich war ein molliges Kind und bin heute eine leicht übergewichtige junge Frau mit Kleidergrösse 40/42 (bei einer Hose vielleicht mal eine 44). Ich hatte das wunderbare Glück eine Mutter zu haben mit dem gleichen gesunden Instinkt wie du es hast. Ich habe einen völlig gesunden Umgang mit meinem Gewicht, ernähre mich normal und habe eine anhaltend wunderbare Beziehung zu meiner Mutter. Eine gute Freundin von mir (mit Hosengrösse 36) hatte das nicht, und macht seit ihrem 13. Lebensjahr regelmässig Diäten, inspiriert von ihrer Mutter und ihrem Grossvater die sie immer wieder daran erinnern, dass da doch etwas Hüftspeck vorhanden ist “nicht wahr Louisa, hast die Woche schon paar mal was süsses gehabt?” Ich kann mich normal ernähren, ohne grosse Schwankungen, bewege mich häufig und gerne, kann mich im Spiegel anschauen ohne grösser rummäkeln zu müssen, kann am Strand liegen ohne den Bauch einziehen zu müssen. Ich bin zufrieden mit meinem Körper. Manche denken nun “obwohl er nicht dem Ideal entspricht” aber das ist es gar nicht. Ich wäre auch zufrieden wenn ich Size Zero hätte, Grösse 36 oder Grösse 52. Es ist nicht OBWOHL, sondern es ist EINFACH. Es liegt daran, dass die Menschen die in meiner Prägungsphase die mir liebsten und wichtigsten waren mich so wie ich war, in meinem Körper liebten. Mir wurde nie Grund gegeben mich zu hassen und ich wünsche jedem Kind, unter anderem auch meinen zwei Neffen und meiner Nichte, dass es ihnen mal gleich gehen wird. Denn wenn ich heute gleichaltrige beobachte, kann ich klar erkennen, bei wem das Thema Gewicht schon zu früh zu wichtig war. Also Danke! Denn jede Mutter die sich deinen Text jetzt kurz durchliest und zu Herzen nimmt, kann das Leben seines Kindes langanhaltend bis in 20 und in 30 Jahren posititv beeinflussen.

Abschließend mein Lieblingskommentar von Jan: Meine mittlere Tochter freut sich öfter explizit über ihren Bauch, sie hat so einen richtig schönen, runden.

 

2 Kommentare zu “Kinder, Körper, Kommentare – Nur für Mädchen?

  1. Ich möchte mich auch noch für den Beitrag bedanken, vor allem den Zusammenhang mit Geschlechterrollen finde ich interessant und fürchterlich zugleich. Frauen berichten von dieser Art Reaktion, die sie als Kind erfahren haben, wohingegen die Mehrzahl der Männer… ? Wer da an Zufall denkt, muss leider enttäuscht werden. Über das Phänomen „kleiner Salat“ vs. „Holzfäller-Steak“ bzw. über den Einfluss, den Medien und Werbung darauf nehmen, bin ich hier schonmal einen Rant losgeworden: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2014/05/haehnchen-oder-ei-das-fleisch-und-unser-bild-vom-mann/
    Und Dein Artikel zeigt wieder mal, dass es eben schon in der Kindheit losgeht mit der Einflussnahme. Von wegen „natürlich“….

  2. Herrje. Ich las den Artikel damals, er hallte noch länger nach. Ich hab ja auch eine Tochter, und was Isabel schreibt, also „rosa Ü-Eier und GNTM“ spukt mir ebenfalls im Kopf herum. Ich frage mich ernsthaft jetzt schon, wie ich meiner Tochter ein gutes Körperbild vermitteln kann (sie ist 8,5 Monate alt). Das fängt ja nicht erst damit an, dass ich ihr von außen sage, dass ich sie total richtig finde. Das fängt ja schon damit an, dass sie beobachtet, wie ich selbst mit mir umgehe und wie ich über meinen Körper spreche. Mein Gesichtsausdruck, wenn ich mich im Spiegel betrachte.

    Ich habe eine Mutter, die mit dem Thema sehr unreflektiert umgegangen ist. Ich wurde auf „Diät“ gesetzt, da war ich noch ein Kindergartenkind. Mich von ihrem Denkschema zu befreien, war ein sehr langer, schmerzhafter Weg, der noch nicht zu Ende gegangen ist. Und es wird jetzt noch einmal umso wichtiger, dranzubleiben. Nicht nur um meinetwillen, sondern weil ich für meine Tochter etwas anderes will.

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