Dürfen Mädchen mit Down-Syndrom Prinzessinnen sein?

by Kaiserin

Na klar! Denkt man. Warum denn auch nicht!?

So klar scheint es aber nicht zu sein, denn eine kurze (nicht empirische Studie) in meinem Umkreis belegt: Es gibt keine Prinzessinnen mit Down-Syndrom. Ich kenne jedenfalls keine und alle, die ich befragt habe, auch nicht. So geht es auch Keston und Andrea Ott-Dahl aus Kalifornien. Sie sind die Eltern von Delaney, einem kleinen Mädchen, das mit dem Down-Syndrom zur Welt kam. Delaney ist großer Fan von Disney-Filmen – und sucht in ihnen vergeblich nach ihr ähnlichen Vorbildern. Das Ehepaar Ott-Dahl wendet sich nun mit einer Petition an den Walt-Disney-Konzern und fordert, in Disney-Filmen auch mal eine Prinzessin mit Down-Syndrom zu zeigen, als Identifikationsfigur für ihre Tochter: Its movies have almost no representation of disabled people, those often bullied and looked down upon by their fellow children. What wonderful lessons of diversity, compassion, and acceptance Disney could teach our kids if they promoted disabled characters as heroes and heroines in their beloved movies!

Daniel Ramm, Textredakteur bei Nido.de, hat diese Petition kommentiert. Er schreibt, dass verschiedene Filme aus dem Hause Disney bereits das Thema Behinderung bzw. Anderssein aufgreifen (Dumbo mit großen Ohren, Nemo mit der kleinen Flosse) und meint: In abstrakter Form wird das Thema Behinderung hier doch durchaus intelligent behandelt. Aber reicht das, um eine vielfältige Gesellschaft abzubilden und Kinder für eine diversitäre Gesellschaft zu sensibilisieren? Als Mutter einer behinderten Tochter kann ich Delaneys Eltern verstehen. Sie schreiben in ihrer Petition, dass Helden mit Behinderung in Kinderbüchern fehlen. Zwar gibt es ein paar Bücher, in denen auch Kinder mit Behinderung (oft mit dem Down-Syndrom) vorkommen – jedoch handelt es sich dann immer um Bücher explizit zum Thema. Kein Kinderbuchheld ist nebenbei geistig behindert, keine Kinderbuchheldin sitzt nebenbei im Rollstuhl.

Der Vorwurf aus dem Kommentar, Delaneys Eltern würden mit der Petition ihre Tochter auf ihre Genom-Mutation reduzieren, ist grotesk. Gerade weil die Eltern ein ganz normales kleines Mädchen in ihrer Tochter sehen, haben sie doch die Petition ins Leben gerufen! Gerade weil sie für ihre Tochter wollen, dass sie wie die anderen Kinder behandelt wird, wünschen sie sich auch eine Abbildung in Medien für Kinder.

Wieviele Kinder mit offensichtlichen Behinderungen kommen in einer Nido-Ausgabe vor (ohne, dass es explizit um das Thema Leben mit Behinderung geht)? Wieviele Kindermode-Kataloge gibt es, in denen an Kindern mit Behinderung Mode gezeigt wird? Wieviele Online-Shops, in denen Kinder mit Behinderung Mode präsentieren? Ich kenne keine. Trotz der aktuellen Inklusionsdebatte sind die Barrieren in den Köpfen noch immer da – ein Anfang kann es sein, solche Petitionen zu starten, für das Thema zu sensibilisieren und Kommentare wie diesen anzustoßen.

Ich hatte bisher nicht ein einziges Buch in der Hand, in dem die Behinderung eines Kindes einfach so nebenbei vorkam. Eine Prinzessin mit Down-Syndrom wäre doch mal ein Anfang von Inklusion in Kindermedien. Ich habe die Petition jedenfalls unterzeichnet – für mich würde sie nur noch mehr Sinn machen, wenn sie breiter gefasst wäre. Dunkelhäutige Puppen sind doch erst ein sehr zarter Anfang. Ich möchet weiter gehen: Mädchen mit Down-Syndrom sollten auch Prinzen sein dürfen, Jungs mit Autismus dürfen Feen sein, Königinnen sollen Rollstuhl fahren und Könige auch mal Kaiser heiraten. Medien für Kinder dürfen diese inklusive Welt gern zeigen, sollen sie sogar.

Foto

Prinz Seltsam, ein Prinz mit Down-Syndrom.

Bücher zum Thema:

Die Geschichte von Prinz Seltsam von Silke Schnee, Neufeld Verlag

Planet Willi von Birte Müller, Klett Kinderbuch

 

 

7 Kommentare zu “Dürfen Mädchen mit Down-Syndrom Prinzessinnen sein?

  1. Die Frage ist ja, was ist ein normales Genom ? Kann es so etwas geben, wenn das Genom sich fortwährend an Veränderungen im Umfeld anpassen muss ? Und das mittels Mutationen geschieht ? Ist eine Mutation unnormal, nur weil wir Menschen den Kontext der Mutation nicht verstehen ? Dazu zwei etwas ANDERE Blickwinkel:

    https://ichliebemeinentumor.wordpress.com/2015/06/27/ein-armutszeugnis-voller-metaphern/

    http://faszinationmensch.com/2013/09/21/informierte-taten-und-beziehungslose-daten/

  2. ich empfehle „Blinker und das bioskopische Lastenfahrrad“ – ein Jugendbuch, schon lange vor der Rico-Trilogie erschienen, aber ja, die Abwesenheit ist frappierend. Das ewige Unsichtbarmachen

  3. Die guten Kinder/-Bilderbücher sind dann die, bei denen man nicht merkt dass Behinderte darin vorkommen. Oder Inklusion hat dann ihr Ziel erreicht, weil jemand mit Behinderung dann gar nicht mehr auffällt. Und auch nicht mehr auffallen muss.
    Bei (diversen) Wimmelbüchern gelingt das ja schon ganz gut, immerhin, da ist es aber auch einfacher.

  4. Meine Schwester, die im Rollstuhl sitzt konnte sich immer ganz gut mit Klara aus Heidi identifizieren und dem einen Mädchen, des Namen ich nimmer weiß, aus „Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen.“ – Der Rollstuhl ist da zwar kein „Zufall“ und wird auch als Defizit behandelt – sonst würden nicht alle wieder gehen können wollen, aber allein das Vorhandensein von anderen Mädchen im Rollstuhl in Medien hat für sie glaub ich viel ausgemacht in puncto erlebter „Normalität“.

  5. Ich bekomme regelmäßig Kataloge der niederländischen Modefirma Didi und war begeistert, als dort vor nicht allzu langer Zeit auch ein Mädchen mit Down-Syndrom die Kleider präsentierte. Ganz nebenbei, ohne eine gesonderte (oder gar selbstbeweihräuchernde) Erwähnung. Das hat mir gut gefallen.

    Aber Sie haben recht, so „nebenbei“ gibt es wohl nicht oder nur selten. In Sachen Kinderliteratur kenne ich mich nicht wirklich aus, finde aber den Gedankenanstoß wichtig. Normal ist schließlich nur, was wir als normal wahrnehmen, und davon sind wir in dieser Sache noch viel zu weit entfernt.

  6. Ich hab nur einen kurzen Kommentar zu diesem wirklich interessanten Thema:
    Adreas Steinhöfel hat mir seiner Trilogie um Rico und Oskar meiner Meinung nach einen behinderten Helden geschaffen. Die Bücher sind wirklich lesenswert – nicht nur für Kinder.
    LG, Simone

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