Behinderte Momente #1

by Kaiserin

Szenen aus dem Leben mit einem behinderten Kind

Samstagmittag im Café. Kaiserin 1 lümmelt bequem auf einem Sessel. Ich bin im Gespräch, eine Schale Milchkaffee in der Hand. Plötzlich höre und rieche ich es: Die Windel meiner Tochter ist voll. Seitdem ihre Darmkrankheit (Morbus Hirschsprung) operiert ist, bedeutet das: Windelwechsel, aber sofort! Der Stuhlgang ist dünn, ihre Haut empfindlich. Eine schmerzhafte Kombination.
Während ich in meiner Tasche hastig nach Windeln und Feuchttüchern suche, werde ich panisch. Mir fällt ein, dass das komplette Windel-Equipment im Kinderwagen liegt. Der wiederum wird von der Babysitterin meiner anderen Tochter draußen herumgeschoben, Kaiserin 2 macht darin Mittagsschlaf. Scheiße! Im wahrsten Wortsinn.
Mein Blick streift die anderen Café-Gäste. Nur ein Kind, kein Baby mehr. Ich frage die Mutter trotzdem: „Habt Ihr vielleicht Windeln?“ Sie schaut mich entsetzt an: „Sieht er aus als würde er noch Windeln brauchen!? Er ist doch schon groß!“

Ich halte mein dreijähriges Mädchen auf dem Arm, das vermutlich ihr Leben lang Windeln brauchen wird und trage sie zur Toilette.

20 Kommentare zu “Behinderte Momente #1

  1. Ich habe im „Cafe meines Vertrauens“ inzwischen ein Paket Windeln in unserer Größe hinterlegt. Deren Idee, für Notfälle für alle Windeln vorzuhalten, war wohl zu teuer, es muss offenbar Menschen geben, die sich dann die Gratis-Windeln gleich paketweise einstecken…

  2. Liebe Mareice,

    auch wenn es dir in der Situation auch nichts genützt hätte, ist es vielleicht doch für irgendwann mal nützlich zu wissen, dass es einen Euro-WC-Schlüssel gibt. Vielleicht wusstest du es auch schon …

    Dieser Euro-WC-Schlüssel passt an allen Autobahntoiletten, an Toiletten, sehr vieler Städte in Deutschland sowie in Österreich, der Schweiz und einigen anderen europäischen Ländern. Dieser Schlüssel kann gegen eine Gebühr, nach Vorlage eines Schwerbehindertenausweise erworben werden.
    Neben dem Euro-Schlüssel gibt es auch das Magazin „Der Lokus“, das ist ein Toilettenverzeichnis für den Schlüssel. Denn die sauberen behindertengerechten Toiletten sind zwar da, aber ohne den passenden Schlüssel hat man eben schlechte Karten. Denn viel zu oft fehlt ein Hinweis, an wen man sich wenden muss, um eben dieses behindertengerechte WC mittels eines Schlüssels betreten zu können.

    Alles Gute euch! (und dem Café mal als Service-Hinweis, dass Windeln auf den Toiletten nicht schlecht wären ;-))

  3. Bestimmt wollte sie dich damit nicht verletzen, sie hat einfach nicht nachgedacht und spontan nicht alles registriert, und deine Frage in den falschen Hals bekommen. Wer weiß, vielleicht hat sie sich selber nachher (mit etwas Überblick über die Situation) über ihre Reaktion geärgert – das gibt es doch einfach, das schnelle Antworten mal blöde sind. Ärger dich nicht, das ist es in dem Fall nicht wert.
    Schlimm finde ich persönlich ja sowas wie: „Habt ihr das nicht vorher gewusst?“ (implizit: warum man denn nicht abgetrieben hat).

    • Hallo Fri! Hoffentlich ist es so, wie du sagst. Und keine Sorge: Ich ärgere mich nicht lange. Auch dafür ist es schön, diesen Blog zu schreiben. Sobald ich es aufgeschrieben habe, ist der Ärger verflogen. Nur der Wunsch, dass wir alle menschenfreundlicher miteinander umgehen, der bleibt. Liebe Grüße!

  4. Naja wenn ich ehrlich bin, dann hat die Frau evt nicht wirklich in dem Moment nachgedacht? Vielleicht hätte man selber auch so gehandelt.

    Danke für deinen Blog, er macht einen sehr nachdenklich und das ist auch gut so! Ich wünsche dir und deiner Familie Alles Gute!

  5. Ein Button für die Mama mit Vorwarnung „Glotz nich so,das kann auch Dir passieren“ oder den Spruch persönlich abgeben,hab ich mir schon oft gedacht 🙁
    „Ohhh,da hat aber jemand einen Bock“-wenn meine Tochter mir in einem Einkaufszentrum die Haare rausreißt,kreischt und beißt und kneift und sich hinwirft..wenn eines meiner gesunden Kinder so in einer Bockphase verhält, würde ich mir ernsthaft Gedanken machen..ich gebe nur wütend (sicher auch frustig) zurück „Neee,keen Bock,sie ist behindert!“
    Meine Tochter legte nach der vorgestrigen schule einen 1a Ausraster hin. Sie warf sich auf die Straße,wollte/konnte nicht laufen und so musste ich sie mit dem kleinsten Nachwuchs im Meitai bis nach ganz oben in die Wohnung schleifen,zerren,ziehen..war das ätzend und wie sehr hasse ich das und sie und dass es wohl nicht besser wird.
    Einer Frau mit zwei Kindern sagte ich ironisch „Na,es gibt Einrichtungen für sowas,wa!?“ Und dass sie ihre gesunden Kinder genießen soll. Sie bot mir hilfe an und sagte immer wieder dass sie den Hut zieht..aber sie selbst mit zwei Kids unterwegs und die fremdaggression wollte ich ihr nicht antun. Aaaaaaber unsere Nachbarin war auch auf dem Weg nach Hause..sie schaute sich das Spekatakel mitleidig an,während sie so zu meinem entfernten Ziel-die Haustür- lief und ich die Kröte so auf dem Weg ablegen und ausflippen lassen musste, aber kein Wort,kein Ton-wir wohnen über 6 Jahre nebenan und die Kröte ist 8 Jahre.
    Ich hätte ihr gerne den Jüngsten gegeben damit ich die Kröte erlösen könnte!
    Ich erwarte wohl zuviel..nächstes Mal werde ich um Hilfe bitten!
    Aber vielleicht können manche Menschen wirklich nicht mit Behinderung umgehen.

    Viel Kraft uns allen und fetzige Sprüche auf Lager..(leider fällt mir nie einer ein)

  6. Diese Reaktionen kenne ich auch – in allen Variationen… z.B. weil mein Sohn wegen starkem Untergewicht und einer Schluckstörung, die sich erst seit einem halben Jahr wirklich gut gebessert hat, immer noch hochkalorische Trinknahrung bekommt und zwar in einem Fläschchen.

    Die Blicke tendieren dann in die Richtung „das arme Kind, die Mutter verzieht es ja total“.
    Aber mein Sohn klärt die Lage auf seine Weise, wenn er dann wie wild mit dem Kopf schüttelt und seine lauten Quietscher ausstößt, statt zu sagen „Mama, ich will mit deinem iPad spielen“, oder was die Leute sonst so als nächstes erwartet hatten… Dann gibt es die üblichen irritierten Gesichter.

    Manchmal finde ich die Leute blöd, manchmal erinnere ich mich auch an die Zeit, als ich selbst noch kein Kind hatte und selbst zu schnell & falsch geurteilt hatte, wenn ich z.B. ein Kind sah, dass obwohl fast 5-6 Jahre alt, noch im Buggy saß.

    Nun sitzt mein Sohn noch im Buggy, weil er mit 3,5 noch nicht laufen kann und jemand anderes denkt das gleiche über mich… Der Lattenzaun des Lebens… Ich bin also dank meines zauberhaften Sohnes viel weiser geworden.

  7. Ich finde gar keine passenden Worte, aber wegklicken mag ich auch nicht. Die Situation macht mich stellvertretend diffus traurig. Ich frage mich mal wieder, warum es eigentlich so oft die Mit-Mütter sind, von denen man die ärgsten Bewertungen einsteckt. Selbst erlebe ich das ja eher in der harmlosen Variante, aber dennoch…es treibt mich um.

    Sollten wir beide uns mal bei akutem Windelbedarf im Cafe über den Weg laufen, bastel ich Dir eine Stoffwindel aus der Tischdecke, und das gebrauchte Exemplar verstecken wir heimlich in den Manteltaschen eventueller Blöd-Kommentar-Eltern.

    @Kristina, die Mutter aus Deiner Situation hat auf jeden Fall auch ne Watsche mit dem Windelmüllbeutel verdient.

  8. Das Wickeln in öffentlichen Räumen wird leider nicht einfacher, wenn Kinder größer werden. Es sind bereits Initiativen gestartet worden für Behindertentoiletten mit Wickeltischen für Erwachsene. Ich wickel einen 10 jährigen Jungen, der aussieht wie 12. Er muss sich auf den Fußboden legen und wenn es gar keine ausreichend große Behindertentoilette gibt, steigen die anderen Benutzer buchstäblich über uns rüber. Ich frage immer nach einem extra Raum und oft wird uns dann eine Möglichkeit spontan aufgeschlossen. Manchmal ist das sehr peinlich für alle, wenn e
    s keinen geschützten Raum gibt. Wir gehen trotzdem überallall hin, noch.

  9. Ach, Mareice, was soll man da noch sagen?!
    Ich hatte die Überschrift zunächst falsch gelesen, nämlich: Behindernde Momente! Und ja, das wäre durchaus treffend gewesen…
    Wir erleben solche Momente auch häufig. Der grosse Junge ist bloss ein 6jähriger Windelträger. „Zum Glück“ (das muss man, was die Wickel-Sache betrifft, leider sagen!) sieht er nicht aus, als wäre er 6, sonst würden die Kommentare wahrscheinlich ganz anders ausfallen.

    Als ich kürzlich dem grossen Jungen in einem Freizeitpark die Windel gewechselt habe, da wurde ich von einer davor wartenden Mama so dermassen angeschnauzt, dass sie das doch „unmöglich“ findet, das hier sei schliesslich ein WICKELRAUM!! Ja – habe ich gesagt – mein Kind wurde auch eben gewickelt (dachte die, ich hätte ihn ins Waschbecken pinkeln lassen??).
    Dann liess sie eine Schimpfkanonade los, die sich gewaschen hatte und sie machte mich unmissverständlich auf meine Fehler in der Erziehung aufmerksam, wenn ein „so grosses Kind noch eine Windel braucht“ in diesem Alter wären alle Kinder trocken, „da stimmt doch was nicht“ usw.
    Ich war so perplex, dass ich nicht mal mehr was entgegnen konnte.
    Rührend fand ich meinen grossen Jungen, der das Geschimpfe irgendwie ausgeblendet hat und sagte: „Siehst du Mama, die Frau sagt auch, dass ich gross bin! Und wie ich gewachsen bin… sooooooo gross!!“ Da musste ich schon an mich halten…

    Zum Glück war diese extreme Reaktion bisher die einzige in unserer Öffentlich-Wickel-Karriere. Trotzdem versuchen wir so gut es geht, diese Momente zu vermeiden, denn leider sagen auch die verstörten Blicke der anderen manchmal mehr als Worte.

    Sei lieb gegrüsst von
    Kristina ♥

    P.S.: Sorry, dass der Kommentar so lange geworden ist…

  10. Ja, ein Fitzelchen mehr Verständnis ( kommt von Verstand) wäre manchmal schon hilfreich, aber das ist leider nicht jedem gegeben, was für mich eine Art emotionale Behinderung darstellt.

    Ich hoffe, ihr habt die Situation zum Wohle des Popöchens dann noch gut überstanden.

    Es gibt aber auch nette, verständnisvolle Menschen. Das erlebe ich persönlich insbesondere oft im kirchlichen Umfeld,!!!!

  11. Liebe Mareice, ich kenne das und auch die Panik.
    Und das obwohl wir nichtmal das Prädikat = dringlicher Handlungsbedarf dahinter stehen haben.
    Ich hatte neulich Glück und bekam ein ganzes Paket Feuchtücher geschenkt. Wohl als Ausgleich dafür, das man mir keine Windel geben konnte….

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