Warum ich eine gute Mutter bin

by Kaiserin

Mein Beitrag zur Blogparade #momsrock

“Sie haben damit ihrer Tochter das Leben gerettet”, sagte der Chirurg zu uns und meinte die Darmspülungen, mit denen mein Mann und ich unsere Tochter anderthalb Jahre ihres Lebens jeden Tag mehrmals quälen mussten. Wie eine Qual fühlte es sich für uns an, denn Kaiserin 1 weinte und schrie oft während des Prozederes. “Die Kotsteine drückten bereits auf das Herz und die Lunge. Früher oder später hätte sie ihren Stuhlgang wohl erbrochen. Das wäre lebensgefährlich gewesen”, erklärte er uns.

Der Chirurg, den wir gefunden hatten und für den wir quer durch Deutschland gefahren waren, operierte unserer Tochter ein Loch in den Bauch, sie bekam einen Anus Preater. Ihr Stuhlgang kam dadurch einfach so raus, ohne Schmerzen. Für uns grenzte das jedes Mal an ein Wunder, den Karfreitag benannten wir in Kackfreitag um. Wenig später wurde der Künstliche Darmausgang zurückverlegt, das Loch im Bauch verschlossen und Kaiserin 1 fing an, sich zu entwickeln. Drehte sich vorher alles um ihre Ausscheidungen, drehte sie sich nun selbst um ihre eigene Achse. Sie fing an, sich selbst aufzusetzen, viel zu lächeln und besser zu essen. Über ein Jahr lang hatten wir für diese Diagnose gekämpft, für eine Operation – und entgegen der Meinung der renommierten Ärztin richtig gelegen. Wir hatten alles richtig gemacht, richtig gefühlt, richtig gepflegt.

Aber schon viel früher mussten wir lernen, auf unsere Intuition zu hören. Immer wieder standen Ärzt_innen vor uns und wollten uns davon überzeugen, unserer Tochter eine Magensonde durch die Bauchdecke legen zu lassen, um sie zu ernähren. Das wäre doch “eine viel sauberere Lösung” als die Sonde durch die Nase – und viel “diskreter”. (Wir hatten wirklich andere Probleme als Diskretion!) “Außerdem wird sie sowieso nicht in absehbarer Zeit selbst essen können”, so lautete die Meinung unter den Ärzt_innen, mit denen wir zu tun hatten. Sie waren sich einig – mein Mann und ich uns zum Glück aber auch. Wir beobachteten und spürten, dass Kaiserin 1 essen wollte. Dass sie aber so verstopft war, dass sie nicht essen mochte. Ein paar Tage nach ihrem ersten Geburtstag riss sie sich die Magensonde aus der Nase und trank ihre Milch, die wir ihr vorher durch die Sonde spritzen mussten. Anfangs trank sie gerade so viel, dass sie nicht an Gewicht abnahm. Dann wurden die Portionen peu á peu immer größer. Mittlerweile isst sie mit Genuss pürierte Kost. Wir hatten alles richtig gefühlt und richtig gemacht.

Sich Autoritätspersonen – Ärzt_innen, Therapeut_innen, Pädagog_innen – entgegen zu stellen und ihnen zu widersprechen, ist nicht immer leicht. Gerade nicht als frischgebackene Eltern und vor allem nicht, als Eltern eines behinderten Kindes. Ständig gibt es unterschiedliche Meinungen – und davon sehr viele. Oft auch ungefragt. Alle sind Expert_innen auf ihrem Gebiet und meinen zu wissen, was für das Kind das Beste ist. Ich bin stolz auf mich, dass ich von Anfang an den Mut und die Trotzigkeit besaß, mein Kind selbst zu beobachten, es selbst zu sehen, mir selbst zu vertrauen, statt nur von anderen beurteilen zu lassen. Ich habe meinem Bauch, meinem Herz und meinem Hirn vertraut – und letztendlich auch meiner Tochter. Deshalb bin ich eine gute Mutter.

 

Nachtrag I: Keine Sorge:  Ich bin zwar gut, aber nicht perfekt.

Nachtrag II: Warum Mütter behinderter Kinder Superheldinnen sind, habe ich hier aufgeschrieben.

 

14 Kommentare zu “Warum ich eine gute Mutter bin

  1. Mit unserem Bauchgefühl und dem völlig normalen “Mutter und ihr Kind Umgang”, haben wir vielleicht unseren Kindern mehr geholfen, als es die Lehrbuch Medizin je könnte. Mit Instinkt und Hartnäckigkeit an der Sache dran bleiben, oftmals Nachfragen und Hinterfragen, auch wenn es die Fachschaft mitunter nervt, wird einem nicht immer einfach gemacht. Aber es sind unsere Kinder und sie vertrauen uns. Wir haben ihnen das Leben ermöglicht und wir helfen ihnen dabei, aufzuwachsen und erwachsen zu werden. Wenn es uns dann auch noch gelingt, für sie ein möglichst selbstbestimmtes Leben aufzubauen, dann haben wir Berge versetzt. Wir sind eben gute Mütter, egal wie es manchmal von außen wirkt. Wir dürfen uns selbst einmal in den Arm nehmen und uns wertschätzen. Wir haben es verdient. Vielen Dank für diesen so authentischen Beitrag.

  2. Jetzt hab ich den Artikel schon ein zweites Mal gelesen. Weil es mich so rührt und weil es so richtig ist. Mein Neffe hatte einen sehr schweren Start ins Leben. Und in der Klinik wirde er unnötigerweise zugefüttert. Die Schwestern haben das einfach gemacht. Meine Schwester war ziemlich baff. Gestern sind sie nach Hause gekommen. Abends bekomme ich eine SMS ‘worauf muss ich achten beim stillen?’ ‘Auf nichts. Höre einfach auf deinen Bauch. Es gibt keine regeln’ war meine Antwort. Ich finde es ist so wichtig, dass man als Eltern auf seinen Bauch hört. Irgendwie wird das immer mehr abtrainiert.

  3. Genau so ist es!!!!! Warum nur bilden sich alle ein, es besser zu wissen als die Mutter / Vater?! Ich habe ganz wenige gute Ärzte in “meinem Team” und die haben eines gemeinsam: sie hören, was ihnen die Eltern über ihre Kinder erzählen, sie hören zu, welche Beobachtungen die Eltern machen und sie gehen den Verdachtsmomenten der Eltern nach und sind meist sehr erstaunt, wenn die “Laien- Diagnose” stimmt…. Es gibt wenige gute Ärzte und ich bin bereit sie zu suchen (und ich stehe zu meinem hohen Verschleiss an “Fachleuten” )

  4. Liebe Mareice, wie immer rühren mich deine Worte! Obwohl die wenigsten Eltern mit solchen schwerwiegenden Entscheidungen zu kämpfen haben, denke ich: da können sich alle eine Scheibe abschneiden! All die Ratgeber, Fachmenschen und Theorien. Am besten gibt das Kind den Weg vor. Alle Kinder zeigen bei genauer Beobachtung und Hören auf die Intuition genaudas was sie brauchen. Ich freue mich, in 2015 viel von dir zu lesen!!!
    PS: Gut zu sein ist mehr als gut genug, Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen einfach Eltern, Menschen mit Ecken und Kanten und vielen Fehlern. So muss das sein! (Sag ich mir immer vor, wenn ich Mist mache, zu laut, zu ungeduldig, unordentlich, faul, unfair bin….)

    • Liebe Isabel, vielen Dank, dass du meinen Blog mit so freundlichen Worten begleitest. Ich freue mich darüber sehr! Herzliche Grüße & ein gutes 2015 für uns alle, Mareice

  5. WOW, Mareice!!
    Am liebsten würde ich Deinen Text ausschneiden und auf meiner Stirn damit herumspazieren. Genau das ist es! Sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen und zu wissen, dass man selbst die wichtigste Expertin für sein eigenes Kind ist. BRAVO! You rock!

  6. Liebe Mareice,

    womit manche Eltern zu kämpfen haben wird zu schnell vergessen oder übersehen. Wer einmal einen geliebten Menschen zwischen verschiedenen Ärzten erlebt und für ihn gekämpft hat, kennt die Bandbreite der Gefühle.
    Ich habe das auch erlebt, jedoch bei meinem Mann und nicht bei einem unserer (vier) Kinder.

    Diese Leistungen, die Du als Mama da erbracht hast, sind nicht zu beschreiben und Deine kleine Kaiserin kann sich glücklich schätzen, genau diese Mama bekommen zu haben.

    Die Blogparade #momsrock ist eine unglaublich gute und wichtige Idee gewesen, bei der ich selbst auch sehr gern mitgemacht habe. So liest man als Mama selbst einmal, was man alles gut macht, anstatt nur auf das ewige schlechtes Gewissen zu hören, das ohnehin von außen eingegeben wird.

    P.S.:
    Mir fiel beim Entdecken Deines Blogs ein Buch ein, das ich einmal sehr gerne gelesen habe “Der Weg der Kaiserin” heißt es. Irgendwie musste ich sofort daran denken. Es ist ein schönes, kluges Buch für Frauen. Für kleine und große Kaiserinnen. Alles Gute :-)

  7. Wow, ich finde es sooo toll, wenn man sich seiner Leistung so bewusst ist und das auch noch sagen, schreiben kann, das gelingt mir leider oft nicht.
    Manu
    (Mutter eines heute gesunden 8jährigen und einer 4 1/2jährigen Extremfrühgeburt mit Baustellen ;-) )

  8. Sehr schön geschrieben, wir als Eltern eines smartys können das gut nachvollziehen. Selbst zu entscheiden was gut für das Kind ist und wieviel Therapie es benötigt, braucht starke, trotzige und freche Eltern die sich nicht alles gefallen lassen. Weiter so , wir kämpfen weil es sich lohnt zu Kämpfen!

  9. Liebe Kaiserin,

    deine Worte treffen tief, denn so wie du musste auch ich kämpfen. Gut, nicht zu Anfang als ich in der Schwangerschaft operiert wurde, nicht bei der Notsectio als die Jungs in der 32 SSW geholt wurden und auch nicht als Junior 1 mit einem haben Jahr einen Herzfehler diagnostiziert bekam, aber bei Junior 2 kämpfte ich, wie eine Löwin. Seitdem er ein halbes Jahr alt war, fuhren wir immer und immer ins Krankenhaus.

    Alkeinerziehend ohne Auto uns dann ständig ins Krankenhaus fahren weil das Kind keine Luft bekommt ist übrigens lustig. -.-
    Die Kinderärztin beschimpfte mich als Junior 4 war und ich einen Allergietest forderte ich wolle mein Kind quälen. Ich war die überforderte Zwillingsmama in ihren Augen und Asthma können Kinder nicht bekommen. Ich bekam den Test und mir wurde vorgeworfen ich würde Zuhause einfach nicht putzen. Ich wechselte den Arzt.
    Das Asthma wurde diagnostiziert und es ging bergauf, nur wurde Junior 2 immer unausgeglichener. Ich kämpfte wieder, Therapie, Ergo, ein Verdacht wurde geäußert, ich kämpfte um die Diagnose und nun sind die Jungs acht und Junior 1 ist seinem Herzfeler entwachsen. Junior 2 ist super eingestellt mit seinen Medis und ich komme mit seinem Autismus prima zurecht. Wir leben….und zur Not kämpfe ich halt wieder.

    danke für deinen Post. Von tiefsten Herzen danke

  10. Liebe Mareice,

    genau…deshalb und auch sonst! Wir versuchen jeden Tag unser BESTES zu geben, auch wenn das nicht immer perfekt ist! Aber wer will das schon? In meinem Leben habe ich viel auf meine innere Stimme, meinen Bauch und meinen gesunden Menschenverstand gehört. Das war IMMER richtig! Alles Liebe, Nina

  11. Mir fehlen so ein bisschen die Worte. Weil Dein Text mich so berührt, dass ich am liebsten ein paar Tränen der Ergriffenheit vergießen würde, wenn ich sowas könnte. Ich weiß nicht, ob ich diese wahnsinnig gute Intuition gehabt hätte. Ob ich mich nicht doch den vermeintlichen Autoritäten gebeugt hätte. Wahrscheinlich schon. Aber Du nicht, und dafür bin ich aus der Ferne, also fast unbekannterweise, irre stolz auf Dich. Auch wenn wir uns noch nie gesehen haben (aber das machen wir ja bald).

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