Behinderte Momente #5

by Kaiserin

Szenen aus dem Leben mit einem behinderten Kind

Wochenlang waren wir auf der Suche nach einem Kita-Platz für unsere behinderte Tochter. Ein integrativer Kreuzberger Kinderladen hatte uns zu einem Probetag eingeladen. Die Kommunikation per E-Mail und Telefon war sehr nett und offen. Kaiserin 1 hospitierte einen Tag lang mit ihrem Papa, während ich den Tag hochschwanger mit einer Grippe im Bett verbrachte.

Nachmittags kamen beide glücklich wieder nach Hause. Sie hatten einen tollen Tag in der Kita verbracht und unser Traum vom inklusiven Kitaleben für unsere Tochter schien Realität zu werden. Mein Mann erzählte begeistert von den anderen Kindern und der Integrationserzieherin.

Wenige Tage später folgte ein Anruf: „Leider können wir eurer Tochter keinen Platz bei uns anbieten. Wir haben Schwellen in unserer Kita und sie wird ja in absehbarer Zeit nicht laufen können. Außerdem können wir uns das mit ihrem Cochlear Implantat nicht vorstellen. Damit haben wir keine Erfahrung.“ Der Traum von einer Kita für Kaiserin 1 war geplatzt. Sie war zu behindert.

Wie es dann trotzdem in einer anderen Kita geklappt hat, habe ich hier aufgeschrieben.

12 Kommentare zu “Behinderte Momente #5

  1. Bei allen befremdlichen Situationen, die man bei der Kitaplatzsuche erlebt, möchte ich zu bedenken geben: Besser, die Mitarbeiter der Kita sind von Anfang an ehrlich und sagen, dass sie sich die Arbeit mit dem Kind nicht zutrauen, als dass sie jedes Kind nehmen und vieles schief läuft.
    Unser Sohn, entwicklungsverzögert und bald 6 Jahre alt, wurde in einer Integrationskita aufgenommen und nach einem Dreivierteljahr gekündigt. Es hieß, er sei aggressiv und eine Bedrohung für die anderen Kinder, dabei hatten sie nur seine Hilferufe nicht verstanden, mit denen er Aufmerksamkeit einfordern wollte (hat mit Spielzeugen geworfen und Regale leer geräumt). Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich darüber nachdenke, wie man unseren kleinen, zauberhaften Sohn als „aggressiv“ bezeichnen kann – verhaltensauffällig wird er nur, wenn ihm was nicht passt. Ich fand es nicht nur schlimm, dass unser Sohn gehen musste, sondern dass auch keiner aus der Kita den Mut hatte, uns zu sagen, dass sie mit unserem Kind und seinem Verhalten überfordert sind. Dass er quasi selbst Schuld gewesen sein sollte, verletzt mich am meisten.
    Zum Glück habe ich damals recht schnell eine neue Kita gefunden, wo man mir erklärte, es passiere nicht selten, dass Kitas überfordert seien. In seiner neuen Kita gehen sie aber großartig auf ihn ein und fördern ihn so sehr, dass er dort innerhalb kürzester Zeit so viele Fortschritte gemacht hat, wie in dem ganzen vergeudeten Kindergartenjahr in der falschen Kita zuvor nicht.
    Es ist zwar schlimm, dass man mit einem behinderten Kind so lange nach einem Kitaplatz suchen muss, aber man sollte es auch als positiv werten, wenn das Fachpersonal ehrlich sagt, es stößt an seine Grenzen. Uns wurde das so nicht gesagt, und der Leidtragende war mein Sohn, mit dem keiner im alten Kindergarten richtig umgehen konnte.
    Immerhin habe ich mich beim Träger der Kita beschwert, und die Leitung musste ungefähr ein Jahr später (auch wegen meine Beschwerde) zum Glück den Hut nehmen. Es hatte von vielen Seiten Beschwerden über ihr Verständnis von Integration gegeben (zum Beispiel wurde mein Sohn bei Ausflügen immer in der Kita gelassen, weil es unterwegs mit ihm so anstrengend war…).
    Das Problem ist meiner Meinung nach, dass viele Kitas den Titel „Integrationskindergarten“ nicht verdient haben, denn oft funktioniert die Integration gar nicht, sondern der Titel sieht einfach nur gut und vorbildlich aus.
    Liebe Grüße, Julia

  2. Danke für diesen Blog! Wir haben auch interessante Erfahrungen bei der Kita-Platz-Suche für unsere 9 Wochen zu früh geborenen Zwillinge gemacht. Unser Sohn hat rechts einen stark verkürzten Oberschenkel und kann nur mit Prothese laufen. Die Spannbreite reichte damals von der Auffassung, dass doch irgendwie beide Kinder wegen der Frühegburt behindert seien (= Zufluss finanzieller Zuwendungen in Form von mehr Personal deutlich verstanden) bis hin zu, nein, wir trauen uns nicht zu, ihren Sohn zu betreuen – wäre der nicht in einer Einrichtung mit mehr behinderten Kindern besser aufgehoben? – also zu behindert. Erstaunlich! Auch wir fanden schließlich ideale Bedingungen in einem kleinen Kinderladen, wo die Erzieherinnen bereit waren, sich an stetig ändernde Situationen anzupassen (z.B. nach OPs) und Lösungen zu finden anstatt nur Probleme zu sehen. Jetzt gehen beide Kinder in die Schule, aber wir sind noch immer dankbar für die Bereitwilligkeit des Kinderladenpersonals, sich besonderen Herausforderungen nicht zu verschließen.

  3. Meine Mutter hatte das Glück, dass meine Schwester gleich einen Platz im heilpäd. Kindergarten bekommen konnte, allerdings verzögerte sich die Schulpflicht dann um JAHRE, weil sich die Volksschulen im Umkreis von 20 km offensichtlich keine Integrationsklassen damals vorstellen konnten. Sie ging dann in zwei verschiedene Kindergärten – weiß gar nicht mehr wie lange, bis sie endlich eine Integrationslehrerin bei uns im Dorf durchgesetzt hatte.
    Die Direktorin, die damals wenig davon begeistert war, bekam die Antipathie meiner Schwester dann dafür in jeder Supplierstunde zu spüren. Sie stellte sich jedes Mal krank und war wieder quietschfidel, wenn sie abgeholt wurde. Mit der HS war’s dann besser und sie konnte mit fast allen SchulkollegInnen in dieselbe Klasse gehen. Außer diejenigen, deren Eltern meinten, sie würden wohl zu wenig in dieser Klasse lernen…

  4. Ich bin froh, dass wir unsere Tochter in einer Krippe mit Integration unterbringen konnten. Sie ist nicht behindert, aber ich finde es sensationell, wie die Kinder, die eine Beeinträchtigung haben dort mit eingebunden werden.

    Leider gibt es von 8 Plätzen nur 2 Plätze für Kinder mit Beeinträchtigung. Es könnten noch viel mehr solche Einrichtungen oder Plätze vergeben werden. Und es ist einfach toll mit anzusehen, wie alle Kinder dort gemeinsam spielen, essen und gleich behandelt werden.

    Und unsere Kleinsten lernen von Anfang an Rücksicht zu nehmen, das finde ich ganz wichtig. Viele sagen ja, unter 2 jährige brauchen noch nicht Rücksicht nehmen, ich finde es schadet den Kindern auf keinen Fall.

    Im Kindergarten werden dann auch wieder Integrationsplätze angeboten, aber leider auch viel zu wenig.

  5. Hallo Kaiserinnenmutter, seit kurzem lese ich mit großer Begeisterung ihren Blog und folge auch den interessanten Links, die Sie angeben.Unsere kleine Enkeltochter ist jetzt 3 Jahre alt , als Frühchen geboren, im Krankenhaus mit MRSA infiziert, dann einen Gehirnabscess entwickelt, danach viele Wochen auf der Intensiv- und später Kinderstation der Uniklinik gewesen. Ein Chromosomendefekt wurde ebenfalls festgestellt. Sie ist mehrfach schwerstbehindert.Im Jahr 2014 wurde die submuköse Gaumenspalte operiert.Hörvermögen scheint kaum vorhanden zu sein, sie wird von der Uniklinik auch vom Sehvermögen als blind eingestuft, trägt aber eine starke Brille und erhält Sehfrühförderung.Alisha(Der Name kommt aus dem indischen und bedeutet beschützt von Gott)kann bis jetzt nicht selbstständig sitzen, stehen oder laufen.
    In vielem, was Sie beschreiben, erkenne ich die Probleme unseres Enkelkindes wieder.Aber auch die große Liebe, die man für so ein Kind empfindet!Wenn sie lacht (glücklicherweise ist sie ein sehr fröhliches Kind) dann geht einem immer das Herz über.
    Seit Oktober sind mein Mann und ich noch mehr in die Betreuung des Kindes eingebunden, da unsere Tochter wieder halbtags arbeitet und die Kleine natürlich betreut werden muss, wenn sie krank ist und nicht in den Kindergarten gehen kann .Wir haben das große Glück gehabt einen integrativen Kindergarten zu finden, der ganz fantastisch ist. Er hat einen sehr guten Personalschlüssel und mehrere schwer behinderte Kinder werden dort mit anderen „normalen“ Kindern betreut.Bei der Lebenshilfe haben wir einen Antrag gestellt auf eine eigene Integrationshelferin und nun ist für den gesamten Aufenthalt während der Kindergartenzeit eine einzelne Integrationshelferin für unsere Enkeltochter zuständig.Sollte diese erkrankt sein, so wird von der Lebenshilfe eine Ersatzkraft gestellt. Das funktioniert reibungslos.Zuerst wurde vom Sozialamt verlangt, dass vom Pflegegeld ein Teil an das Sozialamt gezahlt wird für den Integrationshelfer. Die Lebenshilfe hat sich aber dafür eingesetzt, dass die Kosten nun voll vom Sozialamt getragen werden.
    Unsere Enkeltochter hat ebenfalls eine Therapiestuhl (ist das bei Ihnen eventuell auch der Madita Stuhl?)da sie ihn aber auch zu Hause benötigt ,war die Krankenversicherung (Barmer Ersatzkasse) so kulant und hat einen zweiten Stuhl für den Kindergarten genehmigt ,der sogar noch besser ist, weil er sich in der Höhe so verstellen lässt, so dass er auf der niedrigen Höhe ist ,wenn die Kinder auf dem Boden sitzen aber auch bis auf Tischhöhe angehoben werden kann,wenn die Kinder am Tisch sitzen).
    Jetzt hat sie ihren ersten kleinen Rollstuhl bekommen, der dazu führt, dass sie aufrechter sitzt.Außerdem hat sie noch einen Stehständer für den Kindergarten bekommen.Hier waren wir etwas skeptisch, da sie zuerst mit großem Gebrüll auf ihn reagiert hat. Mittlerweile findet sie ihn aber ganz großartig.Obwohl unsere Tochter nicht katholisch ist sondern mittlerweile einer frei christlichen evangelischen Gemeinde angehört geht sie immer wieder zur Beratungsstelle der Caritas.Dort erhält sie eine sehr umfassende Beratung bei allen Fragen die ihren Arbeitsplatz, den Kindergarten, die Mietwohnung,juristische Probleme und die Förderung des Kindes betreffen .
    Da unsere jüngste Tochter (mittlerweile 23) auch Rollstuhlfahrerin ist, gehen wir schon seit Jahren jeden Herbst nach Düsseldorf zu der großen Ausstellung Reha Care. Dort erhält man immer sehr viele Anregungen über Hilfsmittel, Selbsthilfegruppen und Anderes.Man kann wunderbar Hilfsmittel ausprobieren .So haben wir dieses Jahr eine spezielle Einrichtung für den Therapiestuhl entdeckt-das sind Tabletts, die auf dem Tischchen befestigt werden und mit allerlei Dingen, die darauf befestigt sind ,die Sinne des Kindes anregen sollen. Diese Tabletts sind nach Genehmigung durch die Krankenkasse verordnungsfähig. Zur Zeit läuft das Genehmigungsverfahren und wir sind sehr gespannt, wie sie auf diese Dinger reagieren wird.Auch seelisch tut diese Messe immer sehr gut, denn man merkt, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist auf dieser Welt.
    Das ist ein Effekt, den natürlich Ihr wirklich fantastischer Blog auch hat.Dafür ein herzliches Dankeschön.Viele Probleme, die Sie auch mit nicht versiegendem Humor schildern, sind uns sehr bekannt und zum Teil renne ich gegen viele seit 21 Jahren, seitdem unsere Jüngste bei uns ist, an.
    Von Inklusion sind wir jedenfalls in Deutschland noch weit entfernt. Insofern ist es auch wichtig, dass wir alle, die wir direkt oder indirekt betroffen sind,uns immer wieder beschweren und öffentlich machen, wenn Barrierefreiheit ,wie auch immer ,nicht gewahrt ist.
    Ich wünsche Ihnen und Ihren Kaiserinnen alles erdenklich Gute und werde weiterhin mit viel Freude Ihren Blog verfolgen -Herzlichst Ihre Angelika Spanke

    • Liebe Angelika Spange, vielen herzlichen Dank für Ihre Zeilen, mit den Sie einen Einblick in Ihr aufregendes Leben geben. Ich freue mich, dass Sie meinen Blog verfolgen – und vielleicht sehen wir uns ja bei der RehaCare? Das würde mich freuen. Mit herzlichen Grüßen, Mareice Kaiser

  6. 😉 Unser Kind gehört auch zu denen, die von Integrations-Kitas abgelehnt werden, weil sie „zu behindert“ sind… schöne neue Welt.

    Nachsatz: Unsere Hoffnung nach zwei Jahren Suche ist im Moment eine Regelkita, die unser Kind dann als [Ironie der Geschichte] Regelkind [mit ambulanter heilpäd. Betreuung und med. qualifizierter Assistenz] aufnehmen würde.

  7. Kenne ich auch so ähnlich – einen guten Integrationsplatz zu suchen kann zu befremdlichen Situationen führen. Man fragt sich auch, in Zeiten von geflügelten Worten wie INKLUSION, ob das nun schon alles war, was da an Inklusion kommt oder ob das noch im Werden ist.
    Zum Glück haben wir aber auch einen guten Platz gefunden.

  8. Waah! Das macht mich ja fast so wütend wie all die Kitas die sagen „oh, das mit der Diabetes ist uns ein zu grosses Risiko“ …. oooooooooohmmmmmm (Was bitte kann man sich mit dem CI nicht… ach, egal)

    Aber – Frohes Neues Euch noch. Auf ein 2015 mit ganz vielen froh machenden Momenten und vor allem ganz ganz viel Gesundheit!
    Liebe Grüsse, Martina

    • Liebe Martina, fun fact: zu dem Zeitpunkt der Absage hatte unsere Tochter noch nicht einmal ein CI. Das war bis dahin nur geplant! Von daher war ich doppelt fassungslos. Ein frohes neues Jahr auch dir und deinen Lieben! Mareice

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