Von Nähe und Distanz

by Kaiserin

Mit unserer behinderten Tochter hielten viele Menschen Einzug in unser Familienleben. Ein Kinderarzt, nein, eigentlich zwei; der normale für die alltäglichen Termine und der spezialisierte im SPZ. Und noch mehr Personen: Eine Physiotherapeutin, eine Logopädin. Die Krankenschwestern, die Kaiserin 1 in der Nacht betreuen und tagsüber in der Kita begleiten. Eine Einzelfallhelferin, die sie an einem Nachmittag in der Woche betreut und eine Integrationserzieherin für den Alltag in der Kita. Mit all diesen Menschen muss ich kommunizieren, um zu organisieren – und rede mir dabei manchmal den Mund fusselig.

Zu all diesen Menschen hat nicht nur Kaiserin 1 eine Beziehung, sondern alle anderen Familienmitglieder auch. Diese Beziehungen sind immer auch eine Herausforderung für uns alle, vor allem in Bezug auf Nähe und Distanz. So viele unterschiedliche Menschen um uns herum gibt, so viele unterschiedliche Auffassungen von einer professionellen Beziehung haben diese Menschen. Manchmal wird die Nähe übertrieben, manchmal die Distanz.

Und manchmal entstehen so enge Bindungen, dass die Menschen unersetzbar erscheinen. So geschehen mit der Einzelfallhelferin von Kaiserin 1. Von Anfang an war ein Band zwischen beiden zu spüren. Wir mussten wenig erklären. Kaiserin 1 fühlte sich gleich sichtlich wohl auf ihrem Arm, ihre Zeichen wurden verstanden. Erklärungen waren nicht notwendig. Wenn die Nase lief, war das Taschentuch schon da. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie zu einem weiteren Familienmitglied – mit der nötigen Distanz. Ganz selbstverständlich sah sie nicht nur die Zeichen von Kaiserin 1, sondern auch unsere.

Doch es gab und gibt auch immer wieder Grenzüberschreitungen in die eine oder andere Richtung. Eine Babysitterin, die sich die Schuhe im Flur zuband, während Kaiserin 1 auf dem Wickeltisch lag. Ich bin ja eher eine lockere Mutter – aber wenn das Leben meiner Tochter in Gefahr ist, hört für mich die Lockerheit definitiv aus. Auf der anderen Seite muss ich immer wieder Grenzen setzen, was den Einblick in unsere Privatheit angeht. Wie die Beziehung zwischen den Eltern gerade läuft, muss die Nachtschwester nicht zwingend wissen.

Für mich als Mutter war und ist das ein Lernprozess: Bis wohin muss ich Grenzüberschreitungen aushalten – und wann beende ich eine professionelle Beziehung? Ich merke, wie meine Schmerzgrenze mit den Jahren niedriger wird. Und auch, dass meine Menschenkenntnis besser wird. Mittlerweile spüre ich in wenigen Minuten, ob die Hilfe einer Person für uns als Familie mit einem mehrfach behinderten Kind eher be- oder entlastend werden könnte. Heute bin ich selbstbewusst genug, das auch zu artikulieren. Heute muss ich auch nicht mehr den besten Kaffee kochen und einen Kuchen servieren, wenn eine Therapeutin für meine Tochter nach Hause kommt. Ich höre mehr darauf, was gut für mich ist – und lege dann lieber mal zehn Minuten die Beine hoch, während meine Tochter betreut ist.

In den kommenden Monaten wird unsere lieb gewonnene Einzelfallhelferin um die Welt reisen. Wir sind sehr froh, einen tollen Ersatz gefunden zu haben. Aber der Abschied tut trotzdem weh. Auch das muss ich als Mutter einer behinderten Tochter lernen: Abschied nehmen und mich immer wieder auf neue Menschen einlassen. Zum Glück hat Kaiserin 1 die Gabe, sich immer nur die allertollsten Menschen auszusuchen.

 

14 Kommentare zu “Von Nähe und Distanz

  1. na hoffentlich ist die neue Einzelfallhelferin so gut und nett, wie die jetzige. Und ich bin sicher, dass sie ganz viel mitnehmen wird. Hinaus in die Welt. Und drinnen, in sich. Für sich. Weil sie bei euch war und Zeit mit Kaiserin1 verbringen durfte.

  2. Liebe Mareice,

    ich kenne die Thematik von Distanz und Nähe von “ der anderen Seite“, nämlich als unterstützende Person. Ich bin Familienpflegerin und während meiner Ausbildung wurde das manchmal schwierige Gleichgewicht ausführlich besprochen. Wir hatten da eine gute Dozentin.
    Allerdings lernte ich schnell, dass man sich individuell bei jeder Familie neu einstellen muss und auch möchte. Mit manchen Menschen wird man schnell „warm“ und bei anderen kann man eine gewisse Distanz niemals überwinden, sondern verbleibt bei Höflichkeit und Freundlichkeit.

    Dann wiederum ist es schwierig, die Distanz zu wahren, wenn man sich rasch so sympathisch ist, als kenne man sich lange oder wäre gern privat befreundet.

    Ich glaube, man darf das individuell austarieren. Und ebenso denke ich, dass wenn Du als Mutter Dich nicht mehr wohl fühlst, dann ist der Zeiger in die eine oder andere Richtung zu weit ausgeschlagen. Man darf doch aber Grenzen setzen. Wenn mich jemand fragen würde, wie meine Beziehung gerade läuft, würde ich freundlich antworten, dass ich das nicht besprechen möchte. Das ist dann kurz unangenehm für beide Beteiligten, aber so kann die unterstützende Person auch schneller ausloten, wie weit sie bei Dir gehen kann und darf.

    Muss bei Deinem Blog übrigens wirklich immer an das Buch „Der Weg der Kaiserin“ von Ulja Krautwald denken, das ich vor langen Jahren mal sehr gerne gelesen habe 🙂

    Lieben Gruß

    Lareine

  3. Ich verfolge den Blog eh schon immer sehr gespannt… von der andren Seite der Medaille zu lesen, was oft genug ungesagt bleibt….
    Ich bin Kinderkrankenschwester bei einem Pflegedienst, wie es vermutlich eure Nachtschwestern und Kita-Begleiterinnen sind. Dieses Spiel zwischen Nähe und Distanz, ständiger „Störfaktor“ in der Privatsphäre einer ganzen Familie zu sein, das macht dieses Arbeitsfeld herausfordernd und manchmal auch belastend.
    Auch wenn ich lieber nicht wissen will, wie es zwischen den Eltern grade läuft, oft genug bekomme ich es nicht nur mit, sondern bin plötzlich mittendrin – und gelegentlich wird die fremde Person, die ja eh schon ein bisschen das Wohlbefinden stört, dann zum Blitzableiter.
    Ja, dieses Arbeiten im privaten Umfeld ist für beide Seiten herausfordernd und der Grat für die richtige Dosis an Nähe ist so schmal.
    Auch die Sache mit dem Abschiednehmen kommt mir so bekannt vor – wenn das Zusammenspiel so gut klappt, ist es immer schade, zu gehen.
    Aber jeder Anfang beginnt mit einem Ende… in diesem Sinne wünsche ich euch, dass der Weggang der Betreuerin der Anfang ist für eine gute neue Begleitung. 🙂

    • Liebe Chrissie, danke für deine Sicht. Ja, wenn man sich gegenseitig liebgewonnen hat – und das geht ja auch professionell – fällt ein Abschied immer schwer. Ich weiß auch, dass es den professionellen Helfer_innen auch oft schwer fällt. Und das ist ja dann auch wirklich schön: Zu sehen, wie gern die anderen Menschen mit meiner Tochter/meinen Töchtern umgehen.
      Liebe Grüße, Mareice

  4. Oh ja du sprichst mir aus der Seele Mareice!
    Ich habe auch gelernt wenn etwas/jemand dann doch nicht zu uns passt, auch relativ schnell nein zu sagen, anstatt nett aus zu halten… Das war ein guter und wichtiger lernschritt für mich selbst!
    Alles liebe, maike

      • Liebe Mareice,
        ja das ist auch meine Erfahrung! Wahrscheinlich geht das auch mit dem Eltern-sein einher 🙂
        Und je klarer ich bin, desto schneller kommen auch die passenden Menschen in unser Leben, nur das mit dem Bleiben ist in machen Bereich (bei uns auch die Einzelfallhilfe…) leider nicht immer so lange… Aber wie du sagst, Abschied ist zwar schwer, aber es kommen eben immer auch neue tolle Menschen und das ist spannend und bietet auch wieder neue Erfahrungs- und Lernmomente.
        Liebe Grüße
        Maike

  5. Liebe Mareice,
    seit wenigen Wochen habe ich Dein Blog für mich entdeckt und bin immer wieder berührt von Deinen Gedanken und Schilderungen und voller Hochachtung für Eure Leistung als Familie und Eltern von Kaiserin 1. Es ist auch für die Mutter eines gesunden Kindes eine große Bereicherung, von Euch zu lesen. Ich würde mir wünschen, viel öfter behinderte Kinder auf dem Spielplatz oder im Kinderkonzert oder im Theater oder sonstwo zu treffen – das wäre so wichtig für uns alle.
    P.S. Und was ich noch so nebenbei bemerkt habe: …..Kaiserin 1 hat wirklich wunderschöne Lippen! (war auf einem der Fotos gerade noch so mit abgebildet)
    Einen ganz lieben Gruß!

  6. Liebe Mareice, du hast nicht zufällig doch über uns geschrieben? 🙂 Das klingt alles fast eins zu eins nach unserem Alltag. Für mich war es auch ein Lernprozess. Wir hatten unseren Pflegedienst schon im Säuglingsalter meines Kindes, es fühlte sich an wie eine Mischung aus Stütze und Bürde. Mit Schwerpunkt auf Stütze. Mir kam es zwischenzeitlich auch vor wie das gelebte Durchbrechen des Modells Kleinfamilie. Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, wie Familie ohne geht…
    Liebe Grüße!

  7. oh, das ist bestimmt jetzt noch leichter. ich weiß nicht, wieviel deine kaiserin 1 wirklich von ihren betreuerInnen mitbekommt, aber ich hatte gerade das drama mein betreuungskind abgeben zu müssen. wir kamen aus komplett anderen sozialen zusammenhängen, hatten uns aber nach einer reihe von „fehltritten“ in der betreuerauswahl seitens der familie gut zusammengefunden. die familie war sehr traurig und dem kind (vollpubertär, aber verhältnismäßig fit) ist voll abgestürzt. das war ganz schlimm. ich wollte auch dann nicht versprechen, dass ich einmal im monat einfach so vorbei komme oder so etwas, da ich dachte ein sauberer schnitt ist in der situation vielleicht besser. wir werden uns sicherlich über den weg laufen. für euch wünsche ich euch, dass eure kaiserin 1 das gut verkraftet und ihr natürlich auch!
    liebe grüße,
    jule*

  8. Stimmt! Denn Kaiserin1 hat sich ja auch euch ausgesucht!

    Ja, ich glaube bzw. weiss auch, dass man ein anderes, neues Verhältnis zu Nähe und Distanz bekommt, wenn man ein behindertes Kind hat. Aber man bekommt sowieso zu ganz vielen Dingen ein anderes Verhältnis…

    Ich wünsche euch von Herzen, dass die neue Einzelfallhelferin mindestens ein genauso grossartiger Mensch sein wird, wie die jetzige einer ist. Und ich bin sicher, dass sie ganz viel mitnehmen wird. Hinaus in die Welt. Und drinnen, in sich. Für sich. Weil sie bei euch war und Zeit mit Kaiserin1 verbringen durfte.

    Sonnige Grüsse,
    Kristina ♡

  9. achja. Das kommt mir so bekannt vor. Für mich ist es am schwierigsten alles jedem gleich zu erklären und dann versteht es doch jeder anders. Ich bin aber auch ein Mensch, der ungern Hilfe annimmt. Henry hat 3 Pflegeschwestern, 3 Therapeuten und mind. 2 Erzieher in der KiTa! Das er da nicht durchdreht, ist ein Wunder für mich.

    Hast du, wie immer sehr schön geschrieben!
    LG
    Tina

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