Es piept

by Kaiserin

Es piept. Es blubbert. Es quietscht. Es pfeift. Es zischt. Es hustet. Es weint. Es kratzt. Es pupst. Es piept. Es riecht. Es stinkt. Es nässt. Es niest. Es sabbert. Es schleimt. Es zehrt, es schüttelt und gerade, wenn es loslässt, packt es Dich am Kragen und beisst Dir in die Nase.
Es ist warm. Es ist heiß. Es ist kalt. Es ist trocken. Es ist ab. Es ist Zeit. Es ist Quatsch.
Es ist real, surreal, banal oder fatal im Wechsel, alles geht. Schwestern, Pfleger, Ärzte, Assistenzärzte, Oberärzte, Chefärzte. Blaue, grüne, pinke, weiße Kittel. Braune, schwarze, rote, aber vor allem blonde Zöpfe. Desinfektion, Seife. Einweg-Plastikflaschen, Sauger, zu große, zu kleine, zu grobe, zu feine. Zu kalte, zu warme, zu feste, zu eklige Speisen. Zu kalte Ärzte, zu steife Schwestern. Tolle Ärzte, empathische, kluge Köpfe. Trampel, Rabiatas, Fatzkes. Piep. Piep. Piep. Piep. Piep.

Vergangene Orte.
Vergangene Menschen. Vergangene Wege. Vergangene Worte. Alles wieder da. Begriffe von damals,
als alles noch schlimm war,
viel schlimmer als jetzt, jetzt wo sie doch gut beisammen war und es wieder sein wird, wenn es wird, es wird, es wird. Damals,
als wir mehr in Kantinen aßen als zuhause, sich eine Wohnung kaum lohnte. Es ist so ätzend, so schmerzend, so verängstigend, so lähmend und nervend. Alles wieder da. Piep. Piep. Piep. Hust. Hust. Zisch. Zisch. Blubber. Blubber. Blubb.

Es ist Sorge, es ist Ohnmacht, es ist Angst, es ist Gewissen, es ist Trauer. Es ist beschissen, es ist Beschiss, es ist Schiss, es ist. Es ist wahr. Es war, ist und wird sein. Es ist Panik, es ist Panik, es ist Panik. Es ist Schimpf und Schande, es ist Wut und nochmals und vor allem Angst. Es ist bitten, hoffen, vermuten, glauben, wissen, es ist Trist. Es ist um Verzeihung bitten, es ist selten verzeihen. Dafür aber liegen, stehen, sitzen. Schauen, starren. Verharren. Wenden, gehen. Hinaus sehen, herauf schauen, hinab fallen. Aufstehen, weitermachen mit dem Weitermachen. Es ist im falschen Moment, es ist übergriffig. Es ist notwendig, lebensnotwendig, Leben. Es ist Hoffnung, es ist Frust. Es ist Aufgabe, Wiederaufnahme, durchatmen, Hyperventilieren. Zittern, bangen, die andere Wange. Es ist Erlösung und es piept und piept und piept und piep. Es ist keine Lösung, es ist nur Schadensbegrenzung. Hust, hust. Es ist warten, warten, warten, kurz vor die Tür gehen, zurückkommen, nicht dort gewesen sein, als es wichtig gewesen wäre. Es ist Scheisse, Kacke, AA. Pipi, Urin. Blut. Sekret. Schweiss. Schweiss und Scheiss. Es sind Muster, Ebenen, Farben. Es ist total doof. Piep. Wirklich so richtig doof. Piep. Man, ist das doof. Piep.

Es ist meine Tochter. Das sind wir. Es ist ihre Schwester, die Mutter, der Vater, die Omas und Opas und das Auskunft erteilen, anrufen, mailen, angerufen werden, angemailt werden. Es ist Edge, es ist unwichtig. Wichtig hustet, Wichtig weint. Wichtig hustet, Wichtig schleimt. Wichtig ist richtig genervt. Es ist schlimm. Es ist ernst. Hat sie schon getrunken, gegessen, abgeführt, gespuckt, inhaliert? Der Zugang, noch ok? Alles bald wieder ok? Sie schläft.

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Text: Thorben Kaiser

44 Kommentare zu “Es piept

  1. 11 Wochen KKH. Der Großteil davon Intensiv. Als unser Großer 13 Wochen zu früh kam…
    Und dann die ersten Jahre jedesmal, wenn er krank wurde…
    Gewisse Gerüche…
    Am Ende wird alles gut. Viel Kraft.

  2. Pingback: Links zum Wochenende – saucoole Mädchen, Renate Schmidt, GoT-Schnittmuster und mit (behindertem) Kind im Krankenhaus. | ringelmiez

  3. Wirklich richtig gut geschrieben. Alle Gefühle die man durchlebt perfekt beschrieben. Ich kann das sehr gut nach empfinden. Bin jetzt zum Glück, seid 1 Woche mit meiner Tochter Zuhause, nach 3 Wochen Intensiv,die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Ich wünsche euch ganz viel Kraft, auch vor allen eurer kleinen Maus ❤
    Liebe Grüße Lisa

  4. Ich wünsche euch viel Kraft und Durchhaltevermögen. Als ich den Text gelesen habe konnte ich mich da sehr gut reinversetzen weil meine Tochter auch so ein Neo-Kind war. Als ich dann heute vor acht Wochen mit Blasensprung und Wehen das Kh betrat und ich beim Raustreten aus dem Fahrstuhl die olle Tür der Neo sah kam auch alles wieder hoch. Es war schrecklich. Für meinen Mann war es dann grausig als es unter der Geburt plötzlich nicht weiter ging und Ärztin und Hebamme zu tuscheln anfingen. Ich habe das wegen den Wehen zum Glück nicht mitbekommen aber für ihn war es der Horror weil er dachte es passiert nun alles nochmal und der kleine muss auch um sein Leben kämpfen wie seine Schwester und dann auf die Neo.

  5. Ach, Ihr. Ich hab nen Klumpen im Hals, wie ich gerade diesen Text lese. Mareice (bekannterweise) und Thorben (unbekannterweise), ich schick Euch Wärme und Mut und ein ganz dickes, weiches Fell – falls das Eure langsam Federn lässt.

    Alles, alles Liebe
    Liz

  6. Ich drücke Euch ganz fest die Daumen und danke Euch für diesen unglaublich bewegenden Text. Seid tapfer. Alles Liebe für Kaiserin 1!

  7. Worte, Gedanken, Ängste,… ich kann dies so gut nachvollziehen…
    Ich lese erst seit kurzem deinen Blog liebe Mareice und er hat mir die letzten Monate geholfen positiv nach vorne zu sehen! Vielen Dank für deine Stärke und deine Herzlichkeit. Menschen wie Du machen diese Welt besser. Auch wenn man manchmal den Mut verliert und nicht mehr Stark sein möchte sind es doch die schweren Zeiten die einem bewusst machen wie viel Glück und Freude man im Leben begegnet.
    Ich wünsche dir und Kaiserin 1 viel Kraft!
    Tine

  8. Ganz starker text. Berührend, traurig, kämpferisch, ehrlich. Grossartig. Gute, gute Besserung und stets eine kleine Flasche Rotwein im KH-Schrank. Für das kurze Durchatmen am Abend, wenn es mal gerade nicht piept. Alles Gute!!!!!

  9. Schon oft hab ich hier vorbeigeschaut, aber doch noch nie einen kommentar dagelassen … „alles wieder da“, das trifft es, sobald ich diese worte lese, kommen schlimme erinnerungen hoch. Ich drücke euch ganz fest die daumen und sende so viel kraft, wie ich nur kann! Wirklich gut geschrieben.

  10. och Menno,
    das ist so doof. Ich schicke euch viel Kraft und der grossen Kaiserin ganz viele Genesingswünsche, damit sie bald wieder zum Tänzer kann.

  11. Ich weine, mit der Kaiserin und mit euch!!! Wie furchtbar, unerträglich und traurig! Ich bin Gedanken fest bei euch und sende ein großes Kraftpaket!

  12. heut schreibe ich zum ersten mal, und heute bin ich für DICH da denn mütter brauchen auch jemanden zum trösten, deine kleine maus ist bei dir in besten händen und der schick ich viel kraft, abder dir liebe kaiserin dir schicke ich eine gaaaaanz innige umarmung! und jederzeit sooft du sie in diesen momenten brauchst!

  13. Ich wünsche Dir eine Extra-Portion Kraft, alles Gute vor allem für Deine Tochter, aber auch Euch alle und dass Ihr ganz bald wieder laut lachen und durchatmen könnt.

    Liebe Grüße
    Katharina

  14. Ich wünsche der grossen kleinen Kaiserin alles nur erdenklich Gute und Euch, der Familie viel Kraft und Zuversicht. Es ist ein Licht am Ende des Tunnels. Immer.

  15. Ich wünsch euch ganz viel Kraft, Durchhaltevermögen, den ein oder anderen schönen Moment in dieser hässlichen Situation und ganz besonders der großen kleinen Kaiserin Gute und schnelle Besserung!

  16. Hammer, super das du deine Gefühle so ausdrücken kannst, ich hab Pipi in den Augen und schicke dir Kraft! Für alles weitere fehlen mir die Worte, fühlt dich unbekannterweise fest gedrückt…

  17. Ich musste gerade mal ganz tief Luft holen. Der Text ist so dicht gepackt wie die Wirklichkeit und die Anspannung lässt mich fast vergessen zu atmen. Von Herzen baldige und guuute Besserung.
    Alles Liebe und herzliche Grüsse

    Annegret

  18. Ich wünsche euch alles nur erdenklich Gute und schicke ein groooooßes Paket mit Kraft, Durchhaltevermögen und starken Nerven!!

    Liebe Grüße aus Freiburg! Caro

  19. Ich wünsche euch so viel Kraft und Mut, Zuversicht, Empathie eurer Mitmenschen und einfach mal nur ganz banal GLÜCK!

    Ich denke an euch! Haltet durch!

  20. Ich wünsche Euch die richtigen Menschen zur richtigen Zeit, herzliche Gesten und passende Worte. Von Herzen alles Liebe für Euch aus Düsseldorf, ich denke an Euch und drücke Euch die Daumen. Eure Steffi

  21. Ein Wahnsinns-Text. Jedes Wort ein Hammer. Eine Gänsehaut nach der anderen und 100% Mitgefühl, ich weiss genau, was ihr grad durch macht. Und ich weiss auch, dass das bald wieder vorbei ist!

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