Tag der unsichtbaren Arbeit

by Kaiserin

Warum arbeitest Du eigentlich freiberuflich? werde ich oft gefragt.

Weil es nicht anders möglich ist, meine Antwort.

Nachdem meine Töchter vor einem Jahr beide in der Kita eingewöhnt waren, wollte ich wieder als Redakteurin arbeiten. Bevor ich Mutter wurde, musste ich jahrelang keine Bewerbungen schreiben. Auf einen Job folgte der nächste. Arbeitslosigkeit war kein Thema. Nun, als Mutter von zwei Kindern – eines davon behindert – sah das anders aus. Erst, als ich meine Töchter bewusst aus dem Lebenslauf nahm, wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich bekam Respekt für meine berufliche Erfahrung und mein Organisationstalent. Zeitliche Flexibilität rund um meine Familie wurde mir problemlos zugesichert. Der Job wurde letztendlich von einer anderen Person besetzt, von einer kinderlosen. Mir blieb keine andere Wahl, als freiberuflich in die Berufstätigkeit zurückzukehren. Zuerst mit Unterstützung durch Arbeitslosengeld II, mittlerweile reicht es knapp ohne staatliche Finanzhilfe.

Ich habe ein behindertes Kind und ich will arbeiten. Bereits vor der Geburt meiner behinderten Tochter habe ich gern gearbeitet – warum sollte das nun anders sein? Ich definiere mich über meine Arbeit, ich sehe einen Sinn in ihr, meine Arbeit ist für mich eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe. Inklusion bedeutet für mich eben auch, dass ich einer Erwerbstätigkeit nachgehen kann – selbstverständlich auch als Mutter eines behinderten Kindes.

Doch wie kann das funktionieren? Auf der einen Seite ist dafür ein starkes Netzwerk an Hilfen im Alltag notwendig, das organisiert werden muss und sehr fragil ist: Wenn eine Person ausfällt, bricht das ganze Familienkonstrukt zusammen. Auf der anderen Seite spüre ich, dass es oft an Akzeptanz fehlt. “Ein Kind gehört zur Mutter; erst recht, wenn es behindert ist”, scheint eine weit verbreitete Meinung zu sein – auch unter Eltern behinderter Kinder. Dass mein behindertes Kind einen Papa hat, der mir in der Pflegekompetenz in nichts nachsteht, wird dabei oft nicht berücksichtigt.

Wie machst du das eigentlich? frage ich in unregelmäßigem Rhythmus andere Mütter behinderter Kinder auf meinem Blog – und meine den Vereinbarkeitsspagat zwischen Fürsorge- und Erwerbsarbeit. Fürsorgearbeit, auch Care-Arbeit genannt, leisten alle Eltern: Kinder anziehen, wickeln, baden, Kleidung waschen, Wohnung putzen, Essen kochen, füttern, vorlesen, einkaufen, trösten. Bei Eltern von chronisch kranken und behinderten Kindern kommt ein erweitertes Aufgabengebiet hinzu: der höhere Pflege- und Betreuungsaufwand, die zusätzliche Bürokratie. Der Spagat zwischen der Kinderbetreuung und der Erwerbstätigkeit wird oftmals zur risikoreichen Verbiegung – und mündet nicht selten in Krankheiten, körperlich und psychisch. Berufstätige Mütter behinderter Kinder stehen oft jahrelang mit einem Fuß im Burnout.

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Illustration: Daniela Paß

 

Für einige Mütter kommt die Erwerbstätigkeit zusätzlich zur Fürsorgerarbeit, Organisation und Bürokratie einer Familie mit einem behinderten Kind nicht in Frage – weder Zeit noch Nerven reichen, um alles unter einen Hut zu bekommen. Auch, weil noch immer der Großteil der Care-Arbeit ganz selbstverständlich von den Mütter übernommen wird. Zwar verstehen sich viele heterosexuelle Paare mit Kind heute als modern und gleichberechtigt – dennoch übernehmen Väter sehr viel seltener Aufgaben wie Putzen, Wäsche waschen, Kinder anziehen oder die Begleitung zu Arztterminen. Dieses Ungleichgewicht wird oft als Zeichen aufopferungsvoller mütterlicher Liebe romantisiert – die Rollenklischees führen sogar dazu, dass ein Papa, der die Fürsorgearbeit übernimmt, Mama genannt wird.

Gleichzeitig gilt die Care-Arbeit als “unsichtbare” Arbeit. Sie wird weder gesehen noch Wert geschätzt. Unsichtbarkeit führt in diesem Fall zu sozialer Exklusion. Und wenn die Fürsorgearbeit von Eltern behinderter Kinder gesehen wird, dann als heldenhaftes, übermenschliches Opfer. Beides entspricht aber nicht der Wirklichkeit – und schafft ebenfalls eine psychische Distanz, die zur sozialen Exklusion führt. Um die unsichtbare Care-Arbeit sichtbar zu machen – und damit einen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben –, ruft das Netzwerk Care-Revolution am heutigen 1. Mai den “Tag der unsichtbaren Arbeit” aus. Über die geplante Aktionen und Hintergründe informiert Antje Schrupp auf ihrem tollen Blog Aus Liebe zur Freiheit.

Zehn Gründe, warum Arbeit ein wichtiges Thema für feministische Perspektiven auf Elternschaft ist, erklären die fuckermothers. Und Liz, die Kiddo-Mom, zeigt wunderbar, dass manchmal auch einfach ein Perspektivwechsel hilft: Kind? Oder Karriere? Oder und?

Für diesen 1. Mai wünsche ich mir, dass die unsichtbare Care-Arbeit sichtbar und ihr Wert geschätzt wird. Ich wünsche mir, dass wir alle unser Leben – mit oder ohne Arbeit – so gestalten können, wie wir es möchten. Unabhängig davon, ob wir Kinder haben oder nicht. Und unabhängig davon, ob unsere Kinder behindert sind oder nicht.

11 Kommentare zu “Tag der unsichtbaren Arbeit

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  3. Oh, eine Frau, die von Männern eine komplette Welt hingestellt bekommt, mit einem Sicherheitsnetz von dem frühere Müttergenerationen nur träumen konnten, angefüllt mit all den schönen, warmen, hellen, sauberen safe spaces in denen unsere Prinzessinnen ihre Selbstverwirklichung in leichten, verantwortungsfreien bullshit-jobs vorantreiben können beschwert sich über ihr ach so schweres Leben.

    News at eleven nennt man das wohl. Peinlich.

  4. Wir betreuen unser mehrfach Behindertes Groskind, ist auch unser Pflegekind. Bei mir war es zum teil umgekert als unser Jamal in die HPS in die Schule ging, bekam schon die frage gehst du ietzt wieder Arbeiten .

  5. Bravo! Toller Artikel. Beschreibt komplett mein Leben in den vergangenen 20 Jahren. Mein behinderter Sohn ist inzwischen zwanzig. Er arbeitet seit 1 Jahr, lebt nun in einer Behindertenwohngruppe und es geht ihm gut. Er ist relativ selbständig. Ich kann nun endlich wieder ein selbstbestimmtes Leben führen und es genießen, da ich nicht mehr die einzige Person bin, die sich um sein Wohlergehen kümmern muss. Sogar von Eltern mit behinderten Kindern wurde ich dafür verurteilt. Aber ich habe es gelernt: loslassen ohne ein schlechtes Gewissen.
    Die Lücken in meinem Arbeitsleben als Alleinerziehende konnte ich immer nur mit freien Jobs füllen. Da meine Rente deshalb eher dürftig ausfallen wird, darf ich nun mit Ende 50 neben einem vollen Job noch mehr arbeiten um endlich finanziell wieder da hin zu kommen, wo ich mit Mitte 30 aufgehört habe. Ich bin aber dankbar, dass ich wieder einen Job habe und bin mit allem glücklich.

  6. Danke für den gelungenen Beitrag.
    Ich arbeite seit 12 Jahren erfolgreich freiberuflich.
    Vor 10 Jahren kam mein Sohn zur Welt und ich arbeitete weiter. Vor einem Jahr kam meine Tochter zur Welt und jetzt arbeite ich nach einem Jahr Pause auch wieder weiter. Meine Tochter ist behindert und geht seit zwei Monaten jeden Tag 4-5 Stunden in die Krippe was ihr sehr gut gefällt und sehr gut funktioniert. Verwirrt war ich allerdings auf die Reaktionen meines Umfeldes. Ja geht denn das, die ist doch behindert. Ja warum denn nicht? Mich verblüfft immer wieder die Tatsache, daß es eingefahrene Vorstellungen in der Gesellschaft gibt, wie Eltern ob mit oder ohne behindertem Kind zu sein haben. Durch die Freiberuflichkeit, die anfänglich aus der Not geboren wurde, hatte ich erst die Möglichkeit überhaupt in meinem Beruf zu arbeiten. Die Wirtschaft schreckt immernoch davor zurück, Teilzeitstellen anzubieten. Da hätte ich wenig Chancen. Auch mein Mann tut sich schwer, überhaupt Elternzeit zu nehmen ohne hintenrum als schwach und der Firma als nicht dienlich zu gelten. Aber er hat es trotzdem gemacht. Unsere Arbeitswelt ist nachwievor familienfeindlich. Wir haben schon einiges erreicht, aber noch viel viel mehr zu erkämpfen.

    Marion

  7. Sehr schön. Danke für diesen Beitrag.
    Wer als Arbeitnehmer für seine Kinder sorgen will ist für Arbeitgeber uninteressant. Dies trifft nicht nur Mütter.
    Die Angabe von Kindern im Lebenslauf hindert einen Vater nicht zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Aber sobald er Flexibilität einfordert oder Einschränkungen angibt (z.B. nicht Reisen zu können, da er die Kinder Abends betreut während die Frau ihrer freiberuflichen Erwerbstätigkeit nachgeht), wird er uninteressant. Oder ist karrieremäßig zumindest unten durch.
    Und das selbst bei Unternehmen die sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf groß auf die Fahne schreiben.

    • Uninteressant – das trifft es auf den Punkt. Ob Mann oder Frau. In der Zeit meiner Festanstellung habe ich das nicht nur einmal beobachtet: Wenn Männer Väter wurden und sich mehr engagieren wollten als “üblich”, wurde das erst mit Wohlwollen, dann schnell mit Irritation und schließlich mit Ausgrenzung aus der “Männerriege” bedacht.

      Ich selbst arbeite ebenfalls freiberuflich. Vor dem Kind, weil es mir gefiel, nach dem Kind auch zwangsläufig. Denn in eine Festanstellung kann ich nicht mehr zurück. Obwohl ich gut in meinem Job bin. Festanstellung hieße für mich: Ständige Rechtfertigungen, mieses Gehalt aufgrund Teilzeit (Mann und ich arbeiten beide seit Kiddo Teilzeit und wollen das auch so), keine Aufstiegschancen, fade Projekte. Weil in meiner Branche sehr viele Menschen so denken wie ich früher. In meinem oben verlinkten Beitrag hab ich’s beschrieben.

      Wirkliche Perspektiven sehe ich in meinem Beruf in den nächsten Jahren nicht. Das Überstundenlevel, das ich dafür erbringen müsste, kann ich weder mit meinem Familienbild noch mit meiner Selbstbestimmtheit vereinbaren. Traurig.

      btw Mareice: danke fürs Verlinken, Du Wunderkind <3

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