“Das ist ja voll behindert!” //
Von sprachlicher Diskriminierung

by Kaiserin

Ich wohne, lebe und arbeite in Berlin-Kreuzberg, nah an der Grenze zu Neukölln. Auf der Straße – unter Kindern und Jugendlichen – geht es sprachlich nicht gerade zimperlich zu. Bei den Schimpfwörtern, die ich in Fetzen im Vorbeigehen mitbekomme, schlackern mir oft die Ohren. Was ich zur Zeit immer wieder und immer öfter in Gesprächen zwischen Jugendlichen höre: “Ey, bist du behindert?”

Doch nicht nur auf Berlins Straßen wird behindert inflationär als Schimpfwort benutzt. “Die ist doch voll behindert!” beschwerte sich erst kürzlich eine Bekannte über ihre Kollegin. Ich war ziemlich baff. Nicht nur, weil ich diese Formulierung als diskriminierend empfinde und bisher immer dachte, sie würde nur von unsensiblen und eher bildungsfernen Menschen benutzt werden. Nein, die Person, die sie formulierte, ist eine gebildete Frau. Eine, die ich eigentlich sogar recht gern mochte. Eine, die um meine behinderte Tochter weiß, die sie sogar persönlich kennt. Während ich noch fassungslos vor mich hin dachte, erzählte sie weiter. Im nächsten Satz schon wieder: behindert als Schimpfwort. Diese Unreflektiertheit macht mich noch immer sprachlos.

Doch nicht nur in meinem privaten Umfeld scheint es immer gängiger zu werden, sich gegenseitig als behindert zu beschimpfen. Anfang dieser Woche erntete ein bekannter YouTube-Star viel Kritik dafür, dass er einen seiner vielen Twitter-Follower fragte, ob dieser eigentlich behindert sei. Ein Mensch, dem bei YouTube und Twitter über eine Million Kinder und Jugendliche folgen, also jemand, den viele als Vorbild sehen und ihn nachahmen. Da  ist es natürlich kein Wunder, wenn “Bist du behindert?” sich genau so schnell verbreitet wie “voll schwul” – es vielleicht sogar ablöst.

“So reden wir halt”, sagt meine 19-jährige Nachbarin. “Das ist doch gar nicht so gemeint“, fügt sie rechtfertigend hinzu. Das glaube ich ihr sogar. Ziemlich sicher haben die meisten Menschen, die behindert als Schimpfwort benutzen, nicht Menschen mit Behinderungen im diskriminierenden Visier. Für mich umso fraglicher, warum sie sich dann nicht einfach anderer Schimpfwörter bedienen, mit denen im besten Fall keine eh schon diskriminierte Gruppe angegriffen wird. Ausgangspunkt jeder Diskriminierung sind dominante gesellschaftliche Normen, die von einer Mehrheit einer Gesellschaft festgelegt werden und die Unterschiede nicht berücksichtigen. Wenn Menschen das Wort behindert als Schimpfwort benutzen, stellen sie sich damit über Menschen mit Behinderungen – ob bewusst oder unbewusst.

Die Journalistin Rebecca Maskos berichtete in einem Vortrag von folgender Situation während einer Zugreise zwischen Hannover und Bremen: Neulich fand ich mich in einer Horde halbwüchsiger grölender Fußballfans wieder, die zu einem Auswärtsspiel von Hannover 96 nach Bremen fuhren. Nach dem der erste Kasten „Herrenhäuser“ auf Ex ausgetrunken, die Bremer Fans ausgiebig als „stinkend“ gebrandmarkt und die anderen Mitreisenden ohne Rollstuhl entnervt in die anderen Abteile abgewandert waren, fingen sie an sich selbst zu dissen. „Ey Alter, Du bist doch total behindert“, „Ey Du Spast“, und so weiter, und so fort. Am Ende der Fahrt beschwerte ich mich halb im Scherz, dass 1. sie selbst ganz schön stinken würden, 2. sie mal schön aufpassen sollten, weil Werder Bremen ja nun mal eindeutig das Team mit mehr Klasse sei und 3. sie doch mal aufhören sollten, sich in meiner Anwesenheit ständig als „behindert“ zu beschimpfen. Einer von ihnen schaute mich entgeistert-aggressiv an und sagte: „Ja, aber das sagt man jetzt so! Das hat ja nichts mit Ihnen zu tun!“

Maskos zeigt, wie sich Bedeutung von Sprache wandeln kann, wie Worte sich vom Bewusstsein der Sprechenden entfernen können. Dabei ist Sprache mächtig. Wie und mit welchen Worten wir kommunizieren, prägt unser Denken und damit die Wirklichkeit, in der wir leben. Unsere Denkweise prägt die Art, wie wir sprechen, aber der Einfluss wirkt auch in der Gegenrichtung. Wir erschaffen unsere Welt mit Sprache. Wir handeln nicht nur mit unseren Taten, sondern auch mit dem was wir sagen. Wir diskriminieren andere nicht nur durch das, was wir tun, sondern auch durch das und mit dem, was wir sagen und was wir nicht sagen.

Im Alltag und mit diesem Blog möchte ich für das Leben mit Behinderung sensibilisieren. Ich bin nicht die Polizei für politische Korrektheit und auch keine studierte Linguistin. Ich berichte aus meiner Perspektive: Als Frau, Journalistin, Mutter von zwei Mädchen mit und ohne Behinderung, Philanthropin, Querdenkerin. Wenn ich höre, wie behindert als Schimpfwort benutzt wird, fühlt sich das für mich genau so falsch an wie alle anderen sprachlichen Diskriminierungen gegen andere Minderheiten. Allerdings gesellt sich dazu noch ein weiteres Gefühl: Trauer. In dem jemand behindert als Schimpfwort benutzt, wird meine Tochter damit als minderwertig dargestellt – ob bewusst oder unbewusst. Im Hinblick auf die Entwicklungen im Bereich der Pränataldiagnostik macht mich das traurig. Auch unter der inklusiven Perspektive und vor allem, weil meine behinderte Tochter so viel mehr ist als nur behindert.

Im großartigen Buch “Lotta Wundertüte” erzählt die Journalistin Sandra Roth davon, wie lange es gedauert hat, bis sie das “B-Wort”, wie sie sagt, aussprechen konnte. Es war für sie ein Tabu, mit dem sie ihre behinderte Tochter nicht beschreiben wollte, es kam ihr einfach nicht über die Lippen. Im Leben mit unserer mehrfach behinderten Tochter habe ich dieses Tabu auch gespürt. Fragen wie “Was hat sie denn?” kamen immer häufiger. Über allem schwebte immer das “B-Wort”. Je nach Tagesform nutze ich es heute manchmal gern als Provokation. Ich spreche dann bewusst über meine schwer mehrfach behinderte Tochter – oft kommen danach keine Fragen mehr, nur noch große, starrende Augen. Aus dieser Provokation heraus, die in einer inklusiven Gesellschaft eigentlich keine sein sollte, habe ich auch meine Rubrik “Behinderte Momente” benannt. Bewusst nutze ich das Tabu, in dem ich es mir selbst aneigne. Was wirklich behindernd ist im Leben mit meiner behinderten Tochter, erzähle ich in kurzen Szenen aus unserem Alltag: überflüssige Bürokratie, nicht umgesetzte Inklusion, Barrieren (vor allem in den Köpfen). Das sind die Dinge, die unser Leben behindern. Nicht die Behinderungen unserer Tochter.

Wie kann also eine Sprache aussehen, die möglichst nicht diskriminiert? Lisa Pfahl ist Professorin für Disability Studies an der Humboldt Universität in Berlin und leitet dort die Forschungsstelle Inklusion. Auch sie hört manchmal behindert als Schimpfwort – von ihrem 13-jährigen Sohn. Im taz-Interview erzählt Pfahl von der Lösung, die sie zusammen mit ihrem Sohn gefunden hat: “Wir haben uns jetzt auf Ey, das ist behindernd! geeinigt. Finde ich viel cooler – und er zum Glück auch.”

Es gibt also einige Möglichkeiten, kreativ und nicht diskriminierend mit Sprache umzugehen. Der erste Schritt ist die Reflektion, das Bewusstsein für mögliche Diskriminierungen. Eine nicht diskriminierende Sprache kann das Bewusstsein verändern, hin zur Inklusion. Hin zu einer Gesellschaft, in der alle Menschen willkommen sind, so unterschiedlich sie sind. Hin zu einer Gesellschaft, in der “behindert” als Schimpfwort nicht mehr funktioniert.

 

Einige gute Tipps zu nicht-diskriminierender Sprache geben der Leitfaden vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit in Österreich und Leidmedien.de

27 Kommentare zu ““Das ist ja voll behindert!” //
Von sprachlicher Diskriminierung

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  2. Hallo Mareice,
    ein sehr schöner Beitrag :)

    Aus meinen Erfahrungen kann ich sagen, dass vielen (vorallem Kindern) gar nicht bewusst ist was “diese” Worte überhaupt bedeuten und sie vorallem genutzt werden, weil ja alle das so sagen..

    Ich selbst bin von klein auf “inklusiv” aufgewachsen: meine Tante hat an einer Sonderschule gearbeitet und mein Onkel ist Spastiker. Von daher war es für mich normal Worte wie “behindert” und “Spast” nicht als Schimpfwort zu gebrauchen.
    Deswegen habe ich Andere auch schon im Kindergartenalter “zurechtgewiesen”. Und bei Kommentaren wie “Weißt du überhaupt was das heißt?” und “Du bist doch selbst behindert – du trägst ‘ne Brille.” wurde dann meist schnell von diesen Schimpfwörtern abgelassen – teilweise auch auf Dauer ;)

    liebe Grüße
    Lynneh

  3. Wahrlich ein schweres Thema…

    ich selbst kann mich nicht davon freisprechen, keine Worte zu nutzen, die diskriminierend aufgefasst werden können, weiß aber wie ich mich in bestimmen Kreisen und Situationen artikuliere. Meine Wortwahl ist in der Öffentlichkeit und mit fremden Personen stets bedacht, kann mich aber wie gesagt im Freundes- und Bekanntenkreis nicht davon freisprechen, unelegante Ausdrücke zu wählen.
    Ich hoffe, der Artikel konnte einigen Lesern die Augen öffnen!

  4. Hallo,
    danke für den Text. “Meine” Kinder und Jugendlichen, mit denen ich arbeite, verwenden sowohl “schwul” als auch “behindert” sehr gerne.
    Ich habe noch keinen guten Weg gefunden, damit umzugehen. Ich möchte zum Nachdenken anregen und nicht einfach erreichen, dass die Kinder die Wörter einfach als “verboten” wahrnehmen. Denn damit würde “behindert” ja gerade in der gleichen Kategorie wie Ausdrücke und Schimpfwörter landen.
    Freue mich über Tipps!
    Liebe Grüße

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  8. Eigentlich versuche ich meinem Umfeld größtmögliche Toleranz zukommen zu lassen, sehe über viele Macken hinweg… keiner ist perfekt.

    Aber genau bei dem was du beschreibst ist Schluss damit. Egal, ob es Kollegen, Freunde oder die Kinder bei mir im Sportverein sind.
    Schimpfworte die, bewusst oder unbewusst, ganz andere beleidigen akzeptiere ich nicht. So viel Hirn muss eben manchmal eingesetzt werden. Selbst dann, wenn ich mich über jemanden aufregen will. Blödmann, Ar****** oder Spinner … es gibt genug “neutrale” Alternativen.

    Einen ganz wunderbaren Blog füllst du mit leben… weiter so
    und ganz liebe Grüße

    julia

  9. Liebe Kaiserin,

    mit ist bei dem Artikel wieder mal klar geworden, wie oft auch ich einfach mal so daherrede, ohne vorher den Kopf anzuschalten. “Behindert” sage ich zwar nicht – das ist auch für mich noch eine Art Tabu-Wort und es erleichtert mich, in Deinem Blog so unverkrampft davon zu hören. Aber ich merke, wie oft ich solche Äußerungen überhöre oder nicht so schlimm finde und entschuldige, weil sie doch nicht so gemeint sind. Aber eben: wenn etwas nicht so gemeint ist, gehört es erst gar nicht gesagt.

  10. “Wenn Menschen das Wort behindert als Schimpfwort benutzen, stellen sie sich damit über Menschen mit Behinderungen – ob bewusst oder unbewusst.”

    Aber wenn du jemanden al “Bildungsfern” bezeichnest, ist das in Ordnung?! Das ist doch auch nur eine, mehr oder weniger, nette Form von Dumm.

  11. Liebe Kaiserin,
    ich arbeite mit Menschen, die neben einer “seelischen Behinderung” häufig auch noch eine “Lernbehinderung” haben. Die “Behinderung” ist unsichtbar, aber in unserer hoch technisierten Welt, in der immer mehr einfach strukturierte Arbeitsplätze verschwinden, durchaus schwer. Auch hier höre ich es ständig und bin immer wieder irritiert, dass auch Arbeitsblätter oder Bücher “behindert” sein können… Es sind also auch Menschen so unsensibel, die es eigentlich besser wissen müssen.
    Der beste Dialog zum Thema:
    X klappt Y, der am hoch konzentriert am Rechnen ist immer wieder den Taschenrechner zu.
    Y (sehr genervt): Sag mal, bist du behindert?
    X (triumphierend): Ja, bin ich, aber du auch!

    Vielen Dank für den schönen Text und dafür, dass du an deinem Leben teilhaben lässt.
    Es grüßt Dich A

  12. Liebe Mareice,

    danke für den Anschubser!
    Ich arbeite mit Kindern und da wird im Alltag viel miteinander geschimpft und gemeckert. Manchmal ist mir das Eingreifen zu mühsam und ja, ich gebe es zu, auch lästig, weil ich ja meine Arbeit machen muss und nicht ständig erziehen kann.
    Durch deinen Beitrag bin ich nun wieder sensibilisiert und das nächste “behindert” wird ein intensives Gespräch zur Folge haben, versprochen!

    Liebe GRüße,

    Steffi

  13. Liebe Mareice,

    vielen Dank für diesen sehr klugen Beitrag. Ich mag besonders deine immer gelungene Mischung aus persönlichem Ansatz und reflektierer Recherche. Zum konkreten Thema habe ich mich auch schon oft unbeliebt gemacht, war die nervige Tussi, die auf unwichtigen Kleinigkeiten herumreitet. Aber genau wie du, finde ich nicht das Sprache eine Kleingkeit ist und ganz klar unser Verhalten beeinflusst. Ohne dabei unerträglich PC zu agieren. Ich bezeichne ich mich gerne auch mal als Krüppel. Das ist eine Grenze, bei der ich dann große Augen ernte, aber genau der Punkt an ich dem meine Position klarmachen kann. Man sagt solche Dinge nämlich nicht einfach so, sondern sie beinhalten auch eine Wertung. Egal, ob die beabsichtigt ist oder nicht. Damit hast du vollkommen recht.

    Liebe Grüße
    Annton

  14. Hallo Mareice,

    danke für den Beitrag, ein facettenreiches Thema – besonders deshalb, weil Sprache lebendig ist und sich immer wieder im Gebrauch wandelt !

    Sprachgewohnheiten können den Weg von neutral zu diskriminierend / beleidigend nehmen oder eben umgekehrt von der negativen Verwendung hin zur neutralen.

    Mit Bedacht hier zwei Beispiele ohne Randgruppenbezug:

    – “Weib” ehemals normaler Sprachgebrauch , wird heute fast ausschließlich negativ besetzt
    verwendet;
    – “Bulle” als Schimpfwort für einen Polizisten gilt inzwischen tatsächlich nicht mehr als Beleidigung, da
    es nicht mehr zwingend negativ gebraucht wird;

    Noch eine weitere Ebene ergibt sich bei der Verwendung nicht-muttersprachlicher Begriffe, da die Assoziation mit fremdsprachigen Begriffen nicht unbedingt der des native Speakers entspricht. Das Wort “retarded” würde ich mit “retardiert” übersetzt eher medizinisch-fachsprachlich
    assoziieren, dagegen mit “zurückgeblieben” übersetzt eher als unreflektierten bis diskriminierenden
    Sprachgebrauch empfinden.

    Mein Nachbar, der ursprünglich aus Ghana kommt, wirbt auf seinem Auto für ein
    “inter-racial dating portal” – für mich ein absolutes Sprach-Highlight, da es die Grenzen der sprachlichen Korrektheit zeigt, ein Satz, den ich zwar als unproblematisch verstehe, aber trotzdem niemals zu übersetzen wagte.

    Aller Konfusion zum Trotz , ich denke die Diskussion über sprachliche Diskriminierung ist lohnend und es gibt einige Beispiele für eine gelungene absichtsvolle Einflussnahme auf Sprachgewohnheiten:

    Menschen mit Down-Syndrom werden nicht mehr als “mongoloid” bezeichnet,
    der Begriff “taubstumm” ist der Bezeichnung “gehörlos” gewichen und – last but not least –
    aus “Mohrenköpfen” oder “Negerküssen” sind ganz offiziell “Schokoküsse” geworden – allerdings
    spreche ich auch nicht immer korrekt !

    LG

  15. Ein sehr wichtiger Blogbeitrag. Was mich aber verwundert und auch schockiert hat ist deine klassistische Denkweise! und ich denke auch nicht das behinder schwul ablöst sondern die Begriffe existieren seit Jahren als Beleidigungen nebeneinander.

  16. dank für den wichtigen artikel!

    ich wollte nur eine kleinigkeit ergänzen, zum thema ausgrenzende worte. du schreibst “…. Nicht nur, weil ich diese Formulierung als diskriminierend empfinde und bisher immer dachte, sie würde nur von unsensiblen und eher bildungsfernen Menschen…”
    es lohnt sich, auch über den begriff “bildungsfern” nachzudenken.
    was ist eigentlich damit gemeint und was wird damit – implizit gesagt?
    nicht nur, dass den sogenannt bildungsfernen häufig das diskriminieren unterstellt wird – der begriff selber diskriminiert auch.

    …. Bildungsfern
    Der Begriff suggeriert die Abwesenheit von Bildung in einer Bevölkerungsschicht. Es ersetzt das Wort „ungebildet“. Gemeint ist – und das sollte man auch sagen – „fern vom Bildungswesen“ oder „vom Bildungswesen nicht Erreichte“. Tatsächlich lernen alle Menschen und haben alle Menschen Bildung – doch welche Bildung zählt? Bildungsfern wird oft formal durch eine geringe Anzahl an Bildungszertifikaten bestimmt. Doch ist Bildung nur das, was in der Schule vermittelt wird?
    Bekannt wurde der Begriff mit der PISA-Studie; dort wurde festgestellt, dass Kinder „bildungsferner“ Eltern im deutschen Schulsystem deutlich schlechtere Ergebnisse erzielen als Kinder von Akademiker_innen. Die Nationale Armutskonferenz bezeichnete den Begriff als diskriminierend, da er die Schuld den Betroffenen zuschiebe. Dahinter steht die Frage, wer verantwortlich ist, wenn ein Schulsystem so einseitige Ergebnisse hervorbringt.

    frohes schaffen noch!
    annette

    • Ein wichtiger und interessanter Gedankengang wie ich finde!
      Es zeigt wie schwer es ist immer an alles zu denken und alles zu beachten, rin Eiertanz um ja niemanden auf die Füsse zu treten. Leichter fällt es denen, die mit etwas täglich zu zun haben oder sich einfach damit beschäftigen aus Interesse (wie zB den Blog hier lesen!).
      Deswegen ist meine Devise, nicht gleich verurteilen, manchmal sind Begriffe so tief in uns verankert dass wir ganz einfach vergessen haben woher sie stammen, oder wir wussten es noch nie weil sie uns niemand erklärt hat.
      Ich zB habe behindert schon vor einiger Zeit aus meinem Wortschatz von Beleidigungen gestrichen. Genauso wie schwul. Und ich weise mein Umfeld darauf hin. Und ich selbst habe vor einiger Zeit “Bimbo” benutzt…ich musste erst darauf aufmerksam machen was das Wort überhaupt bedeutet! Mir war das so peinlich und ich hab mich ziemlich geschämt.
      Wichtig ist aber doch, aufzuklären. Stück für Stück uns gegenseitig zu sensibilisieren dafür :)

  17. Liebe Mareice,

    die Erkenntnis, dass selbst Kolleg*innen, teilweise sogar mit einem linguistischem Studium, eine entsprechende Wortwahl haben, hat mich ebenfalls schockiert. Auch dass mein Darauf-Aufmerksam-Machen nichts daran geändert hat. Bis heute nicht. Selbst das Einführen einer “Bad-Word-Box”, in die regelmäßig eingezahlt werden musste, hat es nicht wirklich geändert. Es wurde maximal nicht mehr in meiner Gegenwart genutzt, damit nicht gezahlt werden muste…
    Ich habe gerade festgestellt, dass mein Blogpost zu genau dem Thema schon 2013 entstand… Es hält sich also hartnäckig… :(

    Aber genau deswegen brauchen wir Blogs wie deinen, um weiter zu sensibilisieren, aufzuklären und wenn nötig zu konfrontieren. Mach bitte weiter so!

    LG Nadine

    • Liebe Nadine,
      Bildung schützt vor Unsensibilität nicht, was?
      Ich danke dir für deine Zeilen und hoffe einfach mal, dass ich in den kommenden zwei Jahren mehr in Richtung Inklusion tun wird, als in den vergangenen…
      Mit hoffnungsvollen Grüßen:
      Mareice

      • LIebe Mareice,

        ja, da hast du wohl recht. Woebi ich da sicher auch das eine oder andere besonders iignorante Exemplar “erwischt” habe.
        Diese Hoffnung teile ich uneingeschränkt und ein Stück weit können wir ja auch künftig weiter dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft eine inklusivere wird. Aufgebe ist jedenfalls nicht!

        Ebenso hoffnungsvolle Grüße
        Nadine

  18. Liebe Mareice, ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen und habe die gleichen Erfahrungen gemacht wie du. Sprache ist manchmal ein Eiertanz. In Amerika gab es mal die großartige Kampagne “Spread the World to End the Word” – Menschen sollten nicht mehr als “retarded” bezeichnet werden. Die jetzt im englischen Sprachraum gängige Bezeichnung “child with special needs” finde ich übrigens gelungen.
    Mir geht es allerdings wie dir, manchmal benutze ich “behindert”, um zu provozieren. Auf die Frage: “Du STILLST noch?” sage ich manchmal: “Joa. Zu behindert zum Essen.” Dann ist Ruhe. Vermutlich nicht klug, aber dann muss ich mich nicht dreimal am Tag rechtfertigen. ;-)

    • Liebe Katharina, super Beispiel dafür, dass Sprache eben auch Waffe ist. Ich musste schmunzeln. Übrigens bin ich mit dem Begriff “Special Needs” nicht ganz so glücklich, denn ich frage mich immer wieder: Welche “Needs” sind denn eigentlich “Special”? Manchmal kommen mir die Bedürfnisse meiner nicht behinderten Tochter viel mehr “special” vor als die meiner nicht behinderten Tochter. Ich habe auch im Kaiserinnenreich schonmal dazu geschrieben: http://kaiserinnenreich.de/2015/01/21/behinderung-beduerfnis-special-needs/
      Ich freue mich auf weiteren Austausch und schicke herzliche Grüße! Mareice

      • Ja, aber immerhin steht bei “child with special needs” das “child” zu Beginn.
        Mein Sohn hat Downsyndrom. Da wird immer geschrieben: “… leidet an Downsyndrom”. Ich sage immer, er leidet unter vielem – Hitze, seinem Bruder, den zwei widerspenstigen Wirbeln auf seinem Kopf – aber nicht unter Downsyndrom. Aber da habe ich dann mein eigenes “spread the word” gemacht und viele Leute schon dafür sensibilisiert. Ich kann allerdings nicht an allen Fronten kämpfen.
        Ich mag deinen Blog sehr und werde weiterhin treu lesen.
        Herzliche Grüße
        Katharina

  19. Liebe Mareice,

    jetzt melde ich mich als stille Leserin auch nun einmal zu Wort, weil ich diesen Beitrag schon von dir erwartet/erhofft habe.
    Dein Blog ist nämlich der Grund, wieso ich seit geraumer Zeit drauf achte genau solche Worte nicht mehr zu gebrauchen. Schlimm, dass ich sie tatsächlich gebraucht habe, denn ich habe ein anständiges Elternhaus, Abitur und gerade meinen Bachelor gemacht und eigentlich würde man nicht erwarten, dass diese dennoch so tief im Unterbewusstsein verankert sind, dass sie ab und zu ohne viel Nachdenken herausrutschen. Damit die betreffenden Personen (Schwule, Behinderte usw.) zu diskirminieren lag nie in meiner Absicht (und ich schätze da spreche ich für viele), jedoch habe ich oft festgestellt, dass “behindert” rausrutscht wenn “doof” nicht genug ist. (Umso schlimmer!)
    Aber: Ich arbeite schwer daran diese alten Gewohnheiten zu brechen! :)

    Long story short: Vielen Dank für deinen Blog! Damit hast du mein Leben schön ein bisschen schöner und inklusiver gemacht!

    • Liebe Amelie, hab dank für deine Komplimente! Der Text brauchte seine Zeit – auch, weil der Jetlag mir noch in den Knochen saß. Aber eben auch, weil es wirklich schwierig ist, die “richtigen” Worte zu wählen. Ein heikles Thema. Gerade deshalb aber auch so wahnsinnig spannend. Und, wie ich finde, relevant.
      Ich hoffe, ich kann dein Leben ab und an ein bißchen schöner und inklusive machen. Mehr kann ich mir doch eigentlich gar nicht wünschen! Herzliche Grüße, Mareice
      P.S.: Nichts ist schwieriger, als Gewohnheiten zu ändern…

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