Wer darf wie leben?
Fragen zur Pränataldiagnostik

by Kaiserin

Das ungeborene Kind ist im Bauch der Mutter gut geschützt. Wir können es nicht sehen, aber ab Mitte der Schwangerschaft durch die Bauchdecke fühlen. Per Ultraschall ist es Ärzt_innen heute möglich, das ungeborene Kind zu untersuchen. Mit Methoden der Pränataldiagnostik kann genetisches Material entnommen und entschlüsselt werden. Mittlerweile reicht ein Tropfen Blut der Mutter, um Informationen über das Kind zu bekommen – auch, welches Geschlecht es haben wird.

Das Ziel aller Untersuchungen und Tests: Ein gesundes, nicht behindertes Kind. Doch nicht allen Kindern wird das prognostiziert. Bei auffälligen Diagnosen müssen sich die werdenden Eltern entweder für das Kind oder für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Und auch wenn das ungeborene Kind das vermeintlich falsche Geschlecht hat, ist in der Schweiz ein Schwangerschaftsabbruch möglich. Nun soll ein neuer Gesetzesartikel eine Geschlechterselektion vermeiden. Werdende Eltern sollen erst nach den ersten zwölf Schwangerschaftswochen erfahren, welches Geschlecht ihr Kind haben wird. In den ersten zwölf Wochen ist ein Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz bedingungslos straffrei.*

„Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass eine Frau mit drei Knaben zum vierten Mal ungeplant schwanger wird und sich sagt: «Wenn es ein Mädchen würde, würde ich austragen. Aber einen vierten Knaben will ich auf keinen Fall.» Dies ist für mich ein akzeptabler Grund für einen Schwangerschaftsabbruch“, meint Anne-Marie Rey, eine Schweizer Politikerin und Mutter von drei Kindern. Die Schweizer Zeitung Tagesanzeiger druckte vergangene Woche ein Streitgespräch zwischen ihr und Pascale Bruderer ab. Bruderer ist ebenfalls Politikerin in der Schweiz und Mutter von zwei Kindern. Sie sagt: „Geschlechterselektion ist keine Nebensächlichkeit, sondern eine Menschenrechtsverletzung, wie dies übrigens auch die Pekingdeklaration der Frauen-Weltkonferenz 1995 festhält.“

Beide Frauen zweifeln im Interview das selbstbestimmte Recht auf Abtreibung nicht an. Allerdings stellt Bruderer die Frage, welche Begründungen Schwangerschaftabbrüche rechtfertigen – und welche nicht. Auf Facebook wird das Gespräch der beiden Frauen intensiv diskutiert. Ein Kommentar lautet dort: „Abtreibung ist ein hartes Thema und sollte nur mit medizinischer Indikationen erlaubt sein (sprich eine starke Behinderung des ungeborenen Kindes) und nicht, weil „es gerade nicht passt“ oder „man lieber ein Mädchen wolle“. Der Mensch ekelt mich an. So viele Frauen haben einen unerfüllten Kinderwunsch und die da treiben ab, weil statt XX XY ist.“ Dieser Kommentar klingt auf den ersten Blick plausibel. Ich frage mich aber: Wo fängt eine starke Behinderung an und wo hört eine leichte Behinderung auf? Wer entscheidet, mit welcher Art der Behinderung ein Leben lebenswert ist und mit welcher Behinderung nicht?

Illu_JonasSchulte

Titelbild des Artikels „Gene auf der Probe“, Illustration: Jonas Schulte

 

Vor der Geburt von Kaiserin 1 kamen pränataldiagnostische Untersuchungen für mich nicht in Frage. Ein behindertes Kind war bei uns willkommen. In der Schwangerschaft mit Kaiserin 2 entschieden wir uns schweren Herzens und unter geänderten Voraussetzungen für Pränataldiagnostik. Vernachlässigt wird in diesen Diskussionen oft, wie ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wird und wie es den Müttern damit geht. Monika Hey berichtet in ihrem Buch „Mein gläserner Bauch“ von der Entscheidung, ihr Kind mit Down-Syndrom abgetrieben zu haben – und diese Entscheidung zu bereuen. Eindringlich erzählt sie in einem Interview, wie sie sich zu diesem Schritt gedrängt gefühlt hat. Wie empfänglich werdende Eltern für Ängste während der Schwangerschaft sind, beschreiben auch Rebecca Maskos und Andrea Trumann in „Diagnose Mensch“.

Dieser Podcast berichtet davon, dass die Entwicklung der pränataldiagnostischen Möglichkeiten nicht mehr aufzuhalten ist. Für viele Krankheitsbilder ist das ganz bestimmt ein Fortschritt. Im Fall von Menschen mit dem Down-Syndrom ist es so, dass sie schon heute systematisch ausgerottet werden, wie der Film „Der Traum vom perfekten Kind“ eindrucksvoll zeigt. Diese Entwicklungen stellen uns vor viele Fragen: Wie sieht eine Gesellschaft aus, die aussortiert? Wer sortiert aus und wer wird aussortiert? Wird irgendwann das erhöhte Risiko für Darmkrebs einen Schwangerschaftsabbruch rechtfertigen? Und später dann auch die Veranlagung für Akne? Schon jetzt habe ich Momente erlebt, in denen mir das Gefühl vermittelt wurde, mich dafür rechtfertigen zu müssen, Mutter einer behinderten Tochter zu sein.

Was passiert mit Menschen, die zwar gesund und nicht behindert zur Welt kommen, es aber irgendwann im Lauf ihres Lebens werden? Welchen Stellenwert bekommt Gesundheit und zu welchem Preis ist sie zu haben? Sind es die Behinderungen, die uns im Alltag behindern, oder eher die Art, wie die Gesellschaft mit Behinderung umgeht? Ist es der richtige Weg, Behinderungen zu eliminieren – oder sollte vielleicht die Gesellschaft menschenfreundlicher gestaltet werden? Wäre es nicht besser, an einer Gesellschaft zu arbeiten, in der Mädchen wie Jungen gleichermaßen willkommen sind und mit gleichen Chancen aufwachsen dürfen?

Wie viel dürfen Eltern über ihre ungeborenen Kinder wissen und was für sie entscheiden? Was wiegt im Zweifelsfall schwerer: Die Selbstbestimmung der werdenden Mutter oder das Recht auf das Leben des Kindes? Wie kann (Mit-)Menschlichkeit in einer optimierten Gesellschaft aussehen? Welches Leben ist lebenswert? In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Ich habe darauf keine allgemein gültigen Antworten, vermutlich gibt es sie auch gar nicht, denn es gibt so vielfältige Situationen wie Menschen. Aber ich finde es wichtig, sich diesen Fragen zu stellen.

 

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*In Deutschland gilt seit Ende 1995 die eingeschränkte Fristenregelung. Nach § 218 des Strafgesetzbuchs ist der „mit Einwilligung der Schwangeren“ von einem Arzt vorgenommene Schwangerschaftsabbruch erlaubt, wenn er eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustands der Schwangeren abwendet, und die Gefahr nicht auf andere für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann.

Wer darf leben? ist das mit dem Grimme Online Award nominierte ZEIT Dossier zum Thema.

 

45 Kommentare zu “Wer darf wie leben?
Fragen zur Pränataldiagnostik

  1. Hallo Kaiserin,

    also ich bin nun schwanger mit Zwillingen und mache den bluttest. Ich mache ihn nicht um ein down Syndrom Kind abzutreiben sondern um diesmal gegebenenfalls vorbereitet zu sein. Ja ich habe schon 3 Söhne, mein jüngster nun 1,5 jähriger hat t21. Wir bereuen keinen Tag ihn zu haben. Das einzige was wir bereuen ist die ersten Wochen die uns die Ärzte verrückt gemacht haben, den quatsch den man uns erzählt hat was er angeblich alles nicht kann, er kann alles was er sich in den Kopf setzt erreichen und er will viel. Dieses mal wollen wir vorbereitet sein.
    LG
    Fiona

    • Das ist eine interessante Perspektive, Fiona. Ich danke Dir für diesen Einblick und wünsche Euch alles Liebe für den Rest der Schwangerschaft und die Geburt! Herzliche Grüße, Mareice

  2. Pingback: Die Woche im Netz 11/15 -

  3. Meiner Meingung nach fehlt es in Deutschland auch an Aufklaerung. Man geht zur Praenataldiagnostik und wird mit dem Ergebnis oft allein gelassen. Keiner sagt einem was es bedeuet mit einem behinderten Kind zu leben. Bzw es werden meist nur irgendwelche Horrorszenarien ausgemalt. Vielleicht gehen deswegen auch so viele Frauen den Weg der Abtreibung. Und sie haben auch oft das Gefuehl sofort eine Entscheidung treffen zu muessen. Dabei haben sie ja eigentlich so viel Zeit um in Ruhe eine gereifte Entscheidung treffen zu koennen.Eine Entscheidung mit der sie dann auch den Rest ihres Lebens leben koennen.
    Ich habe im sechsten Monat erfahren dass, mein Kind eine Krankheit hat die wie die Aerzte immer sagten, nicht mit dem Leben vereinbar sei. Fuer die Aerzte war es erstmal selbstverstaendlich dass, ich die Schwangerschaft abbreche. Aber ich wollte mein Kind ganz natuerlich austragen. Die beratende Psychlogin fragte mich ob ich das aus religioesen Gruenden tun wuerde. Ich bin nicht religioes. Ich wollte nur so lange wie moeglich mein Kind schuetzen und tragen. Und der Gedanke den Todeszeitpunkt für mein Kind festzulegen und danach ein totes Kind zu gebären ist auch jetzt noch unvorstellbar fuer mich.

  4. Hallo,

    schwieriges Thema. Ich wusste zb für mich, dass ich kein Kind mit Down-Syndrom möchte. Ich habe alle Untersuchungen machen lassen. Warum das jetzt die Kassa zahlen soll ist mir auch ein Rätsel, ich finde das könnte ruhig kostenpflichtig bleiben. Wenn man zb ein Wunsch-Kind möchte, dann weiß man ja vorher welche Kosten so entstehen. Aber das ist ein anderes Thema.

    Wenn ich mir 100 Prozent sicher wäre ein behindertes Kind durch sein/ihr Leben zu begleiten, dann würde ich es mit Sicherheit auch bekommen. Aber leider ist das nicht der Fall.

    Mein Bruder ist mit Sauerstoffmangel zur Welt gekommen, er konnte aber irgendwie den Führerschein machen, arbeiten usw. Aber ab dem 30. Lebensjahr hat das Gehirn so abgebaut, dass er in eine Art Schizophrenie geglitten ist. Furchtbar! Ohne Medikamente geht gar nichts mehr, und es wird mit Sicherheit nicht besser! Die ganze Familie leidet darunter.

    Aber auch hier war es ein Ärzte-Pfusch, in den 70igern. Entweder hat die Saugglocke das Gehirn geschädigt, oder durch das lange Feststecken kam es zum Sauerstoffmangel. Das weiß keiner so richtig.

    Wenn man selber miterlebt, was es heißt ein behindertes Kind zu begleiten, dann denkt man mit Sicherheit auch anders über das Thema Kinderkriegen.

    Ich habe mich für ein Kind entschieden, aber mit entsprechenden Untersuchungen. 100 Prozentige Sicherheit hat man nie, das wusste ich auch…

    Es soll jeder für sich selbst entscheiden!

    Und Hut ab, die behinderte Kinder so durchs Leben begleiten, dass diese auch entsprechend gefördert werden.

    • Ist es gesichert, dass die Schizophrenie durch den Sauerstoffmangel kam? Wäre mir nicht bekannt, dass es so einen Zusammenhang gibt. eine Schizophrenie kann ja bei jedem auftreten….hat ja primär nix mit einer Behinderung zu tun.

    • Die Krankenkasse bezahlt das darum, damit es nicht (noch mehr) eine 2 Klassen Gesellschaft gibt. Die Reichen könnten es sich leisten zu wählen und die Armen bekämen dann halt Kinder die u.U. behindert sind, ob sie wollten oder nicht.

      • Die Krankenkasse zahlt den Pränatest u. Ä. doch nicht, weil sie eine Zwei-Klassen-Medizin verhindern will, sondern weil sie aus wirtschaftlichen Gründen kein gesteigertes Interesse an pflegebedürftigen, intensiv zu betreuenden und daher teuren Patienten hat.

      • Naja….ich glaube so idealistisch denken Krankenkassen nicht. Ich glaube die haben eher Angst vor den Flogenkosten, die behinderte Kinder verursachen können ( OPs, gehäufte Krankenhausaufenthalte, Therapien).

  5. Liebe Mareice,
    es gibt so vielmehr als schwarz und weiß. Die Grauzonen besonders im Bereich der Pränataldiagnostik sind enorm und stark beeinflusst von der Situation in der Familie, unserer Gesellschaft und unserem Wissen. Du schreibst mir aus dem Herzen und viele Fragen begleiten mich und meine Familie. Und weil wir eben auch eine Geschichte haben, die nicht mit einem genetisch-gesunden Kind nach der Schwangerschaft endete, habe ich mich (im übrigen auch sehr von dir und deinem Blog inspiriert) ans Schreiben und Antworten finden und geben gemacht. Getreu dem Motto: Der Weg ist das Ziel.; hab ich mich auf den Weg gemacht: http://xmalandersuts.blogspot.de/p/ullrich-turner-syndrom.html?m=1
    Für weitere graue Nuancen…
    Viele Grüße Anne

  6. Leider ist der Titel schon tendenzioes und setzt Frauen, die abtreibem oder abgetrieben haben in ein voellg falsches Licht. Folgerichtig kommen dann auch Beitraege, in denen Muetter ihre Kinder „umbringen“. Frauen werden nach wie vor stigmatisiert, beschimpft, zu Verbrecherinnen gemacht weil sie abtreiben. Dabei wird vieles durcheinandergeworfen und verdreht. Es wird kein „Kind“ umgebracht, sonders es handelt sich um einen Foetus, der ausserhalb des muetterlichen Koerpers nicht lebensfaehig ist (ich rede nicht ueber Spaetabtreibungem, die meiner Meinung nach ein ganz eigenes Thema sind). Fraurenrechtlerinnen haben zum Teil ihr Leben dafuer gegeben, dass Frauen abtreiben duerfen ohne eine Straftat zu begehen. Und das gilt nicht mal in allen Laendern der Welt. Entweder man gesteht der lebenden Frau das recht zu, ein nicht ausserhalb ihres Koerpers lebensfaehiges Kind abzutreiben oder man faengt an, dieses Recht der Frau aufzuweichen, zu entscheiden, welche Gruende fuer eine Frau legitim sind sich fuer eine Abtreibung zu entscheiden und welche nicht.
    Das Recht der lebenden Frau sollte ueber dem Recht des nicht ausserhalb des Koerpers der Frau lebensfaehigen Kindes stehen. Und die Rechte der Frauen sollten nicht aufgeweicht werden, es sollte ihnen nicht vorgeschrieben werden, welche Gruende legitim sind, welche moralisch vertretbar. Ohne wenn und aber.
    Es liest sich fuer eine Mutter eines behinderten Kindes sicherlich schwer, dass es Frauen gibt, die sich in einem aehnlchen Fall zu einer Abtreibung entscheiden. Wenn ich das hier in dem Blog richtig gelesen habe, wurde dein Kind in eine stabile Elternbeziehung hineingeboren, dein Ehemann und du haben eine glueckliche beziehung und ihr beide tragt die zusaetzlichen Aufgaben, die ein behindertes Kind bringen, gemeinsam. Das ist sehr schoen und ich freue mich ueber diesen Idealfall. Ich selbst kenne hautnah einen anderen Fall. Sobald die behinderung des Kindes offensichtlich wurde verliess der Vater Mutter und Kind und jetzt stemmt meine Freundin alles alleine als Alleinerziehende. Das ist eine ganz andere Hausnummer und im Vertrauen sagte sie, sie haette im heutigen Wissen eine andere Entscheidung getroffen. Das hat nichts mit Lieblosigkeit zu tun, sondern mit der sehr harten Realitaet, der sie sich stellen muss und es auch sehr gut macht. Aber die persoenlichen Kosten sind sehr weittreichend.
    Lasst Frauen die Freiheit auf Abtreibung, die Freiheit auf ein selbstbestimmtes Leben und schreibt ihnen nicht vor, welche Gruende sie fuer eine Abtreibung haben duerfen und welche nicht. Und hoert auf ein schlechtes gewissen zu machen. Mit dem Werkzeug „schlechtes gewissen“ wurden Frauen schon immer an der Leine gehalten.

  7. Mareice
    in den Kommentaren benutzt du eine Formulierung, die mir aufstösst:
    “ dass 9 von 10 Kindern mit Down-Syndrom abgetrieben werden“
    Das wirkt auch mich wie Mega-Holzhammer, nachdem du im Text versucht hast auszubalancieren.
    Bei einem Schwangerschaftsabbruch werden Embryos oder Föten (je nach Begriffswahl) abgetrieben. Nicht Kinder. Bei solch einem sensiblen Thema kann schon die Wortwahl zuschlagen.
    ——–
    Themenwechsel. Jemand anders verwendet oben den Begriff „sichere Behinderung“ als für sie/ihn akzeptable Rechtfertigung von Abbrüchen.

    Hmm. Und was wäre mit „sicherer Armut“ einer obdachlosen Mutter ohne Zukunftsperspektiven? „Sicherer Überforderung bei der Erziehung“ bei Eltern mit einer schweren psychischen Erkrankung (z.B. Depression oder Borderline). Oder „der Gewissheit, dass das Kind in einem Kriegsgebiet als Flüchtling kaum überleben wird“ in Syrien?
    Oder schlicht und einfach dem Empfinden der Eltern, dass sie jetzt für dieses Kind nicht so da sein können und ihm nicht das Leben bieten können, was ihnen vorschwebt? Wohlwissentlich, dass dieses Empfinden Eltern ein Leben lang begleitet, egal ob sie dieses Kind bekommen oder nicht?

    Nein, ich finde nicht, „sichere Behinderung“ ist eine akzeptablere Rechtfertigung für einen Abbruch als Armut, Unglück oder schlichte Überforderung. Eine Entscheidung für einen Abbruch ist in den seltensten Fällen eine leichte und ich finde, sie gehört
    # akzeptiert nicht gewertet
    # respektvoll behandelt, auch sprachlich
    # wenn möglich unterstützend begleitet
    # entkriminalisiert
    Und ein jeder Abbruch, der vermieden werden kann, weil die Rahmenbedingungen so sind, dass die Eltern mutig sein können: Prima!
    1932 hat ein kluger Mensch einen Text zu §218 geschrieben. Der ist immer noch sehr sehr aktuell
    http://www.textlog.de/tucholsky-colloquium-utero.html

    • Hallo! Stimmt, du hast Recht. Es ist nicht leicht, bei diesem Thema ausbalanciert zu bleiben und auch so zu schreiben. Gut, dass die Bemühung deutlich wurde und Entschuldigung dafür, dass dich der Holzhammer getroffen hat. Eigentlich auch wieder eine spannende Diskussion: Ab wann gilt das werdende Kind als Kind? Gibt es einen Unterschied zwischen Embryo und Kind und wenn ja, welchen? Wieder: Wer bestimmt das? Ärzt_innen oder die Gefühle der Mutter?
      Eine Kommentatorin stellte an andere Stelle fest, dass ein Schwangerschaftsabbruch bis zur 26. Schwangerschaftswoche legitim ist, gleichzeitig aber um das Leben von extrem früh geborenen Kindern in der 20. oder 21. Schwangerschaftswoche gekämpft wird. Es ist eine verdammt schwierige Diskussion – vielen Dank für die klugen Regeln, die du aufgestellt hat. Ich lese jetzt den von dir verlinkten Text.
      Liebe Grüße, Mareice

      • Ich bin im 8. Monat schwanger und dementsprechend gerade mit der Thematik Pränataldiagnostik/Abtreibungsfrage einigermaßen vertraut.
        Du fragst, Mareice, wer bestimmt, ob Embryo oder Kind – Ärzte oder Gefühle der Mutter.
        Ich denke, das Gefühl der Mutter entscheidet in den meisten Fällen – wenn die Mutter den Eindruck hat, das ist ein Kind, dann wird sie das Kind auch bekommen, egal, was sie sonst noch darüber weiß. Wenn die Frau aber das Gefühl hat, das ist ein kleiner Fremdling, der da in ihr heranwächst, mit dem sie nichts verbindet, ein kleines Stück abhängiges Zellgewebe, dann wird sie sich eher für eine Abtreibung entscheiden. Keine Sekundärliteratur, die ich gelesen habe, sieht das anders: wenn eine Frau das Kind im Embryo sieht und will, dann wird sie das auch bekommen. Wenn nicht, dann vielleicht nicht. Ich habe, während ich Pränataldiagnostik in Anspruch nahm, auch in Foren für Schwangere in Konfliktsituationen herumgetrieben und hatte nicht den Eindruck, dass irgendeine Frau sorglos, unbekümmert und gedankenlos mit dem Thema Abtreibung/Behinderungen umgegangen wäre. Ich hatte zunehmend ein mulmigeres Gefühl bei der Pränataldiagnostik, und zwar, weil die Ergebnisse deuthlich nach der 12. Woche vorlagen – das geht dann, sollte eine Frau eine Abtreibung machen lassen, in einen zeitlichen Bereich, mit dem ich mich nicht mehr wohlfühle. Aber wenn die Alternative ein Leben lang der Fürsorge für ein behindertes Kind wäre, mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne Partner? Das hätte ich auch nicht wollen. Ich bin sehr froh, dass ich die Entscheidung nicht treffen musste! That said: gerade, weil es eine so schwierige Entscheidung ist, finde ich, der Druck darf nicht in Richtung „Lass es abtreiben, das muss doch heute nicht mehr sein…“ gehen, gerade nicht durch das medizinische Personal, aber auch nicht durch die eigene Familie. Aber auch Ehrlichkeit wäre wichtig: was kommt da auf uns zu, welche Prognosen gibt es, auf welche Unterstützung kann ich tatsählich zählen, oder muss ich mich jeden Monat mit der Krankenkasse streiten?

        • Hallo Supersana, danke für deinen persönlichen Kommentar. Was du am Ende schreibst, ist für mich einer der Gründe, dieses Blog mit meinen Geschichten zu füllen – und den Geschichten von anderen Familien mit behinderten Kindern. Um einen Aus- und Einblick in das Leben mit behinderten Kindern zu geben. Liebe Grüße, Mareice

          • Und vielen Dank Dir dafür!
            Ich habe tatsächlich viel in Deinem Blog und auch dem von Sonea Sonnenscheins Mama gelesen und da auch für mich die Botschaft rausgeholt, dass das Leben mit einem „behinderten“ Kind nicht der endlose schwarze Abgrund sein muss! Das hat mich sehr beruhigt. 🙂

      • Danke, auch fürs Draufeinlassen auf meine Sprachkritik.
        Dass ich pro-choice bin, wird, denke ich, aus meinem Kommentar deutlich. Daher sind die „Regeln“ mehr eine Bitte für einen Umgang mit Betroffenen.

        Für mich ist die Tatsache, dass „Behinderung“ heute in D als gesellschaftlich akzeptabler Grund gilt, „Überforderung der werdenden Eltern“ oder „Armut“ aber nicht, eher etwas, das soziologisch interessant ist. Ich würde dann auch komparatistisch gucken, ob das in unterschiedlichen Ländern und Zeiten gleich ist/war.
        Kann ich es einer indischen Mutter zum Vorwurf machen, einen weiblichen Embryo abzutreiben? Mein feministisches Herz schreit JA und NEIN.

        Und die Antwort darauf ist im Prinzip eine ähnliche wie die auf „bei Behinderung ist Abbruch ja irgendwie schon ok“ eine langfristige:
        Ich will verdammt nochmal die Rahmenbedingungen für Familien schaffen, dass Kinder – unabhängig von Rasse Geschlecht Intelligenz Herkunft oder scheinbarer Funktionsfähigkeit – willkommen sind und ihnen und ihren Eltern ein Leben in Würde möglich ist. Dass den Eltern nicht noch zig Zusatzlasten (von denen du ja schreibst und ich viel lerne) auferlegt werden.

        Dann wird es immer noch Menschen geben, die sich aus persönlichen und privaten Gründen gegen das Austragen einer Schwangerschaft entscheiden – aber doch HOFFENTLICH nicht mehr aus gesellschaftlichen.
        Das – denke ich – wäre mein Wunsch.

        Last not least erschreckt mich die letzendlich utilitaristische Sicht auf das werdende Kind – wenn Nichtgesundsein ein akzeptabler Grund ist. Dass Nichtgesundsein nicht identisch ist mit Nichtglücklichsein ist ne verdammte Binsenweisheit und auch davon schreibst du und andere InklusionsbloggerInnen laufend.

  8. Ein wahnsinnig schwieriges Thema, wie immer wenn technische Möglichkeiten und Ethik aufeinanderprallen, sich aber nicht miteinander entwickelt haben. Ich habe tatsächlich keine Antworten auf deine klugen Fragen und kann, obwohl selbst behindert, nicht einmal die Frage für mich beantworten, was ich im Falle einer Schwangerschaft und diagnostizierter Behinderung des Kindes tun würde. Was mir allerdings auffällt, viele dieser Entscheidungen scheinen tatsächlich aufgrund von äußeren Bildern und Vorurteilen (in welche Richtung auch immer) gefällt zu werden. Die Beratung sollte mehr an diesem Punkt ansetzten, anstatt nach gesetzlichen Vereinbarungen zu suchen. Was möchten sie, was fühlen sie als Schwangere? Damit würde dem Problem ehrlicher begegnet und Betroffenen vielleicht mehr geholfen.

    • Hallo Annton, das ist auch meine Erfahrung. Ich glaube, viele Schwangerschaftsabbrüche resultieren aus einer Angst der Eltern vor etwas Unbekanntem. Wir sind ja noch weit entfernt von einer inklusiven Gesellschaft, behinderte Menschen leben nicht in der Mitte der Gesellschaft, sondern exkludiert. Daher haben werdende Eltern oft keine Perspektive für ein Leben mit behindertem Kind, welche Hilfen es gibt usw. Ich vermute, dass ein Beratungsgespräch in einer Beratungsstelle das auch nicht so schnell auflösen kann. Die Zeit, in der werdende Eltern eine Entscheidung treffen müssen, ist ja meistens sehr kurz. Liebe Grüße, Mareice

  9. Ich bin generell kein Freund von Schwangerschaftsabbrüchen und wenn ich höre, dass Frauen ihr Kind umbringen, weil es das „falsche“ Geschlecht hat, dann hört bei mir echt die Toleranz auf …
    Bei einer sicheren Behinderung ist die Sache natürlich schwieriger. Ich habe auf die ganzen Tests verzichtet und war nur beim Feindiagnostik-Ultraschall und auch das nur mit gemischten Gefühlen. Ich wollte bei einer negativen Diagnose eigentlich lieber gar nicht vor die Wahl gestellt werden.
    Und am Ende ist es doch auch wirklich so: Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass man auf dem Weg ins Krankenhaus bei einem Verkehrsunfall stirbt. Und wer kann garantieren, dass Mutter und Kind die Geburt unbeschadet überstehen?

    • Larissa, Frauen, die eine Abtreibung haben, „bringen nicht ihr Kind um“. Bitte lies dazu auch den ersten Kommentar.

  10. Ich habe zum Thema Abtreibung eine ganz eigene Meinung aber:

    Immer die Selbstbestimmung der Frau. Das ist meiner Meinung nach auch nicht in Frage zu stellen.

    Wenn wir den Frauen das Recht zugestehen abzutreiben, und daran möchte, so glaube ich, niemand rütteln, dann brauchen wir uns gar keine Gedanken mehr darüber machen ab wann das Leben noch Lebenswert ist bzw. wo Abtreibung zulässig und wo nicht.
    Denn das kann nur alleine die Frau entscheiden die es austragen muss.
    Und dann müssen wir auch damit Leben das jemand, der „nur“ ein Mädchen will bei.. „Herzlichen Glückwunsch es wird ein Junge“ abtreiben lässt. Es ist definitiv Sache der Frau.

    Ich darf das gerne als „ungut“ einordnen, als etwas mit dem ich mich schwertun oder das ich nicht akzeptieren will. Aber es muss mein Ding bleiben.

    Meine ganz persönliche Einstellung dazu ist eine völlig andere. Für mich wäre Abtreibung nie in Frage gekommen, aber…. ich war auch nie in der Situation, habe aber in meinem Leben häufig die Erfahrung machen müssen das ich besser nie „Nie“ sage. Von daher: Ich hab keine Ahnung ob ich mir ein Leben mit einem schwer behinderten Kind hätte vorstellen können.
    Und ich werde mir nie ein Urteil darüber erlauben ob und in wie weit das andere hätten können oder aber auch nicht.

    Claudia

  11. Wenn es um Selbstbestimmung geht; sollte dann nicht jede Frau vorurteilsfrei, sich gegen oder für ein behindertes Kind entscheiden dürfen?

    Ist es nicht diese Frau, die ihr Leben lang für dieses Kind sorgen muss. Es auf diese Welt vorbereiten muss.
    Auf diese Welt für das es einfach nicht gemacht ist.

    Ein Leben voller mitleidiger Blicke die diesem Kind Tag Ein Tag Aus vermitteln, dass es nicht ist wie die anderen.
    Und nicht das supertollindividuelle-dubistanders, sodern das dubistnichtwiewir und wir habenkeinenplatz für dich -anders.

    Und wenn sie sich dagegen entscheidet, dann weiß nur diese Frau wie es ihr damit geht.
    Wie es ist ein vielleicht lang gewünschtes Kind tod zu gebähren und das auf eigenen Wunsch.
    Mit diesem Wissen weiter zu machen und jeden Morgen mit der Frage aufzuwachen: was wäre wenn?

    Jede Frau die sich sowohl für ein behindertes Kind, als auch dagegen entscheidet verdient Respekt und keine Verurteilung.

    Denn nur diese Frau allein weiß, was sie alles auf ihrem Rücken trägt und auf ihrer Seele birgt.

    • Dann dürfte aber eine Frau, die sich nicht in der Lage sieht, ein behindertes Kind zu bekommen, eigentlich keine Kinder bekommen. Man kann (zum Glück) noch lange nicht alle Behinderungen durch Pränataldiagnostik erkennen. Ausserdem kann es passieren, dass das Kind durch Geburtskomplikationen behindert wird oder durch einen Unfall. Dann kann man sein Kind auch nicht einfach abschieben, nur weil man sich dem nicht gewachsen fühlt.
      Und mitleidige Blicke finde ich keinen Grund ein Kind (und ja, auch ein Fötus oder Embryo ist für mich ein Kind) abzutreiben.

      • Susi, man kann versuchen, seine Risiken zu minimieren – Pränataldiagnostik gehört dazu. Ich möchte kein Kind mit Behinderung haben – aber wenn mein Kind bei der Geburt oder später eine Behinderung mitbekommt, dann wäre die Fürsorge für dieses Kind meine Aufgabe, und ich würde sie so gut wie möglich machen.
        Ich denke, es ist normal, sich ein Kind zu wünschen, für das die Welt „gebaut ist“ und in der es gut zurecht kommen kann; ansonsten würde man dem Kind (und sich) ja Schwierigkeiten und Schmerz wünschen. Kein Mensch würde sagen: Ich wünsche meinem Kind einen schwierigen Charakter, notorische Faulheit und Unfähigkeit, mit Geld auszukommen. Das hieße nämlich, dass man dem Kind Ärger und Schwierigkeiten an den Hals wünscht. Genauso wenig wünsche ich mir ein Kind mit einer Behinderung. Genauso wenig wünscht sich Frau Lierhaus gesundheitliche Beeinträchtigung.
        Aber: vorher weiß man NIE, was man bekommt. Ich weiß nicht, ob meine Tochter ein kleiner Sparfuchs wird wie ihr Vater oder jemand, der nicht schafft, ein Haushaltsbuch zu führen, so wie ich. Ich weiß nicht, ob sie bei der Geburt einen Sauerstoffmangel haben wird. Frau Lierhaus wußte nicht, ob ihre Operation sie völlig wiederherstellen kann oder nicht. Wir entscheiden immer auf einer lückenhaften Informationsbasis. Meine Informationsbasis einen Monat vor der Geburt ist: es schaut alles gut aus. Wenn irgendwas schief geht, müssen wir da durch. Mit diesem Risiko lebe ich jetzt mal.
        Ich glaube aber, ich hätte mich nicht sehenden Auges für das Austragen der Schwangerschaft entschieden, wenn die Pränataldiagnostik schwere Behinderungen des Kindes nachweisen hätte können. Das wäre dann eine Gewißheit gewesen, und auf dieses Basis hätte ich mich vielleicht gegen das Kind entschieden.

  12. Guter Artikel, sehr schwieriges Thema,
    manchmal denke ich, dass häufig das Gefühl für bestimmte Situationen verloren geht:
    Zählt es denn wirklich noch sobald das Baby da ist ob es ein Junge oder ein Mädchen ist? Oder ob es ein Chromosom mehr hat? Ich lehne Schwangerschaftsabbrüche nicht grundsätzlich ab, glaube aber dass sie viel zu häufig, zu überstürzt und zu uninformiert durchgeführt werden…

    • Liebe Lena,
      das erlebe ich auch. Auch ich habe grundsätzlich nichts gegen Schwangerschaftsabbrüche. Aber gerade bei Kindern, denen eine genetische Auffälligkeit diagnostiziert wird, erlebe ich ganz oft eine Verunsicherung der Eltern. Sie können sich kein Leben mit einem behinderten Kind vorstellen, weil sie es nicht kennen. Wir sind ja leider noch weit entfernt von einer inklusiven Gesellschaft. Wenn wir etwas nicht kennen, haben wir schnell Angst davor. Ich denke, aus dieser Angst resultieren einige Schwangerschaftsabbrüche.
      Danke für deinen Kommentar & liebe Grüße, Mareice

      • Mit der PND erhalten die Eltern eine Kristallkugel. Einen kleinen Einblick in das Leben, das ihr Kind einmal haben KÖNNTE. Sie hören, Trisomie 21, und stellen sich alles vor, was sein könnte, Pflege, Abhängigkeit usw. Ja, das könnte man durch mehr Kontakt zu Behinderten verbessern, die Angst nehmen.
        Aber unter uns Frauen, und warum ich die PID in engen Grenzen gut finde, wer will sein Kind sterben sehen? Ich glaube es war Morbus Duchenne und Trisomie 18, die zum frühen Tod der Kinder führen können. Die Eltern entscheiden sich gegen das Austragen der Schwangerschaft, weil sie das beste für ihr Kind wollen. Das klingt vielleicht paradox, aber ich kann es nachvollziehen.

        Was mich schon immer aufregt, ist der Mangel an Alternativen. Ich habe vor ca. 5 Jahren einen Artikel über eine Familie aus Bayern gelesen. Sie erhielten in der PND eine Diagnose, die ein schwerstbehindertes Kind vorhersagte. Sie wollten die Schwangerschaft abbrechen, aber im katholischen Bayern wollte das keiner machen. Sie waren verzweifelt und wurde ziemlich angefeindet. Dann entschieden sie sich unter Druck, das Kind zu bekommen, aber zur Adoption freizugeben. Sie wollten es nicht selbst aufziehen, warum soll hier mal egal sein. Daraufhin ernteten sie nur Kopfschütteln. Ein behindertes Kind? Dafür findet sich keine Pflegefamilie und keine neuen Eltern. Man malte ihnen die schlimmsten Bilder vom Dahinvegetieren im Heim.
        Die Eltern bekamen das Kind und ziehen es selbst auf, aber es gibt kein Happyend. Die Mutter ist heute psychisch krank und der Vater hat die Familie verlassen.
        Mir jagt dieser Artikel eine Gänsehaut über den Körper. SO sollten Frauen nicht gezwungen werden, eine Schwangerschaft auszutragen. wenn dieser Staat und unsere Gesellschaft die Zahl der Abbrüche reduzieren will, dann müssen auch Rahmenbedingungen für solche Familien im Konflikt geschaffen werden.

        • Gezwungen werden ist sowieso immer Mist. Ich bin auch der Meinung, dass ,alleine wegen des Selbstbestimmungsrechts der Frauen, ein Schwangerschaftsabbruch straffrei sein sollte. Nur finde ich es ganz schlecht mit der voraussichtlichen Lebensqualität und der voraussichtlichen Lebensdauer des Kindes einen Abbruch zu begründen. Wir wissen häufig gerade bei Menschen mit schwerer Behinderung oder kürzer Lebensdauer nicht ob sie gerne leben. Nur weil ein Mensch „auf Verdacht“ ein unschönes oder kurzes Leben haben könnte ihm die Chance zu nehmen es selber auszuprobieren finde ich falsch. Genau deshalb gibt es seit den 90ern auch die fetale Indikation zum Schwangerschaftsabbruch nicht mehr. Es gibt übrigens durchaus Kinder mit Trisomie 18, die ein paar Jahre leben (Duchenne hat eine Lebenserwartung Bis ins Jugendalter), ob Eltern das begleiten wollen oder können, müssen sie selbst entscheiden, aber bitte gut informiert! Eine Schwangerschaft wird abgebrochen, weil die Eltern das nicht wollen oder können, aber nicht aus falschen „Euthanasie-Gedanken“.

          • Ja, ich finde es auch nicht richtig, wenn man dann sagt, man möchte nicht, dass sein KInd ein schlechtes/schwieriges und leidvolles Leben hat. Es mag sein, dass es für einen Teil der behinderten Kinder/Menschen qualvoll ist, aber das kann keiner vorher sagen, schon gar kein Praenatest. Es gibt genügend nicht behinderte Menschen, die das Leben nicht bewältigen und es nicht als schön und lebenswert empfinden. Niemand weiss, wie sein eigenes Leben und das der Kinder verläuft. Wenn man nur lange genug sucht, dann findet man in jedem Chromosomensatz Dinge, die das künftige Leben einschränken könnten.

  13. Vielen Dank, dass Du diese Fragen aufwirfst.

    Ich finde es sehr wichtig, dass jede Schwangere entscheiden können soll, ob sie zu diesem Zeitpunkt ein Kind will oder nicht. Aber aufgrund eines Merkmales des Kindes, sich gegen diesen Menschen zu entscheiden, ist für mich schon eine ganz andere Fragestellung.

    Ich merke, wie ich versuche, mit mir selbst Kompromisse zu finden in einer möglichen Grauzone („sehr“ irgendwas). Aber eigentlich gibt es die nicht, oder? Es geht doch immer um Leben und Tod. Lässt man den Menschen leben oder lässt man ihn nicht leben?

    Ich finde, dass für mich Demokratie nicht ohne (bedingungslose) grundlegende Menschenrechte geht. Jedes Leben ist lebenswert.

  14. Ich frage mich auch wie es sein kann(darf!) das Babys die nicht „wie gewünscht“ sind bis zu 26. Woche abgetrieben werden dürfen und auf der anderen Seite Extremfrühchen teilweise ab der 20.-22. Ssw auf Teufel komm raus am Leben gehalten werden auch auf die Gefahr hin das sie schwerste Behinderungen davontragen.
    Ich bin derzeit mit Kind Nr.5 in der 31. SSW schwanger und habe beim großen Organscreening in der 20. Ssw erfahren das mein Baby 2-3 Softmarker auf das Downsyndrom hat. Mir wurden SOFORT weiterführende Untersuchungen angeboten die ich dankend abgelehnt habe.
    Ich entscheide mich doch nicht vor der 12. Ssw FÜR mein Kind um es dann, wenn’s nicht den Vorstellungen entspricht umzubringen wenn’s doch schon fast (über)lebensfähig ist!
    Ich lasse mich nun einfach überraschen. Klar ist man immer mal kurz unsicher ob man nicht vielleicht doch hätte gucken können/sollen/müssen da ja auch Geschwister da sind die noch viel Mama brauchen aber ich habe ein „gutes Gefühl“ und werde ein „krankes“ Kind genau so annehmen wie ein „gesundes“!

    • Liebe Stefanie, danke für deinen Kommentar. Da geht es ja auch wieder um die Frage: Wer entscheidet eigentlich über Leben und Tod? Bei extrem früh geborenen Babys tun das ja meistens die Ärzte, oder? Ich glaube, dass es total schwierig ist, eine Grenze zu ziehen, welches Leben lebenswert ist und welches nicht.
      Herzlichen Glückwunsch zu deiner Schwangerschaft und alles Gute für die verbleibenden Schwangerschaftswochen und die Geburt! Liebe Grüße, Mareice

      • Bei extrem früh geborenen Kindern gibt es ab 24+0 für Ärzte eine Pflicht für das Überleben des Kindes zu kämpfen. Vorher ist das Ermessenssache. Da die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass das Kind in irgendeiner Form eine Behinderung zurück behalten wird, werden häufig die Eltern gefragt ob sie sich das vorstellen können (die Antwort ist in dem Fall oft ja) und dann wird geguckt wie das Kind drauf ist. Ob es schlapp aus dem Bauch kommt oder versucht zu schreien. Ob es leben will. Es ist extrem schwierig, wenn man erstmal mit Intensivmedizinischen Maßnahmen angefangen hat diese wieder zu beenden. Was nicht passieren soll, aber wohl immer mal passiert, dass Kinder die zu klein sind über einige Wochen am Leben erhalten werden und dann nach viel Leid auf der Intensivstation doch sterben. Da wäre es dann doch schöner gewesen, wenn den kleinen das erspart geblieben wäre und sie gleich nach der Geburt friedlich in den Armen der Eltern hätten sterben können….
        Lieben Gruß

  15. Liebe Mareice. Danke.

    Darüber denke ich gerade auch andauernd nach. Wer darf leben und wer darf es entscheiden? Wo soll das hinführen, dass die Kassen jetzt den Bluttest bezahlen?
    Unser Nachbarsjunge hat einen Gendefekt, ein McCune-Albright-Syndrom. Solche Sachen könnte man dann vermutlich irgendwann auf einem Test erkennen, oder? Und der Junge ist der Hammer! Er hat bisher wenig bis keine Symptome, er ist einer meiner Lieblingskinder. Wenn ich mir vorstelle, dass sich Eltern dann evtl gegen ihn entscheiden würden, das treibt mir die Tränen in die Augen.

    Was ich damit sagen will: man wird doch nie zu 100% sagen können, wie ein Mensch dann am Ende rauskommt. Manch einer scheint kerngesund, entwickelt aber im Laufe des Lebens irgendeine schlimme Krankheit. Ein anderer hat einen schweren Gendefekt, lebt aber viele Jahre lang glücklich und unversehrt. Irgendwie gaunern uns diese ganzen Tests doch etwas vor, was es nie geben wird: die Garantie auf ein gesundes, glückliches, perfektes Kind.

    Was das Down Syndrom betrifft: ich lese oft, dass sich sehr viele Eltern jetzt bewusst dafür entscheiden, und dass es eben keine Aussortierung gibt. Da denke ich dann: vielleicht auch ganz gut, man kann sich darauf vorbereiten…. Ich weiß es nicht.

    Auf das mit dem Geschlecht will ich hier garnicht eingehen, das finde ich echt unfassbar!

    Und zu deinem Einwand: „Wäre es nicht besser, an einer Gesellschaft zu arbeiten, in der Mädchen wie Jungen gleichermaßen willkommen sind und mit gleichen Chancen aufwachsen dürfen?“
    Oh ja! Und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das ganze Geld, das in die Pränataldiagnostik fließt (diese Bluttests kosten ein Schweinegeld und sie werden bald Kassenleistung!!!) mal lieber in Inklusionsmaßnahmen fließen sollte. Denn ich wünsche mir eine Welt, in der auch Menschen mit Behinderungen willkommen sind. Hätte jede Kita z.B. die Mittel, mindestens ein Kind mit Handicap aufzunehmen, unsere Kinder würden einfach ganz natürlich damit aufwachsen.
    In unserer Kita gibt es ein Kind mit einem schweren Herzklappenfehler (auch so eine Sache! Das steht auf keinem Gentest und es ist wirklich furchtbar!) und ich sehe, wie lieb und hilfsbereit und vor allem NORMAL alle Kinder dieses Kind behandeln.
    DAS würde doch der Gesellschaft auf lange Sicht viel mehr bringen, oder?

    Sorry für den langen Text, wie gesagt, ich mache mir da gerade viele Gedanken…
    Alles Liebe dir und den Kaiserinnen!

    • Liebe Isabel, vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken. Wo hast du denn gelesen, dass sich heute Eltern bewusst für Kinder mit Down-Syndrom entscheiden? Ich kenne nur die Zahlen, dass Eltern sich bei neun von zehn Kindern mit Down-Syndrom für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden und mein Gefühl ist eher, dass es darauf hinausläuft, dass Eltern sich dann für ihr Kind mit Down-Syndrom rechtfertigen müssen. Wenn es aber Artikel gibt, die anderes erzählen, freue ich mich über einen Hinweis. Und wie du geschrieben hast: Ich bin auch der Meinung, dass es kein Recht gibt auf ein gesundes, perfektes (was auch immer „perfekt“ bedeutet…) Kind. Herzliche Grüße, Mareice

      • Liebe Mareice!
        Das habe ich auch aus der Zeit: (Das Dossier war wirklich sehr gut!!)
        „Die Folgen der neuen Techniken sind bemerkenswert: In den USA werden bei Schwangeren unter 37 Jahren heute mehr als zwei von fünf Trisomien 21 diagnostiziert, vor 25 Jahren waren es drei Prozent. Gleichzeitig fiel die Rate der Abbrüche nach dieser Diagnose von 92 Prozent (1980–1989) auf 67 Prozent (1995–2011) und sinkt weiter. Offenkundig entscheiden sich Schwangere auch für ein betroffenes Kind.“
        http://www.zeit.de/2015/10/praenataldiagnostik-schwangerschaft-behinderung-gentest

  16. Ich stand vor dieser Entscheidung. Krankes Kind mit möglichen Folgebehinderungen und möglichen Einschränkungen (für das Kind) ja, oder Schwangerschaftsabbruch. Ich bin ehrlich. Ich habe darüber nachgedacht. Wenn man erfährt das sein Kind zwar sehr schwer, aber heilbar krank ist, man aber nicht die möglichen Konsequenzen für das weitere Leben einschätzen kann, ist es, als würde dir jemand Eiswasser in den Nacken kippen. Der erste Impuls – Ich will hier weg, das kann ich nicht. Das ist mir jetzt zuviel! Es war wirklich schlimm, innerhalb von drei Tagen spielten meine Gefühle, meine Gedanken und meine Hormone Achterbahn und ich hatte das Gefühl ich stehe vor der schwersten Entscheidung meines Lebens. Könnte ich einfach ein Kind abtreiben in der 20sten Woche, mit dem Gewissen, es würde an der Erkrankung nicht sterben KÖNNTE aber weitere Einschränkungen haben?

    Ich konnte nicht !

    Ich habe schon ein Kind, das wäre mit meinem Gewissen einfach nicht vereinbar gewesen. ABER
    Ich kenne die Seite der Eltern, die vor diese Entscheidung gestellt werden. Von Ärzten, Familie und Freunde. Ich kenne das und ich würde niemals jemanden verurteilen. Ich verurteile aber das willkürliche Aussortieren von vermeintlich gesunden Kindern, die einfach nicht ins Bild passen.

    Wie meine Geschichte endet? Ich habe ein geplantes Frühchen zur Welt gebracht, was mit fast 8 Monaten mehr Intensivstationen und Operationen mitmachen musste als manch Erwachsener Mensch. Die einzige Einschränkung die dieses Kind jemals haben wird, sind Narben und MÖGLICHE Organische Probleme.

    Ich bin für Entscheidungsgewalt für die Eltern aber gegen das „Perfect Baby“
    Im übrigen bin ich sehr froh das es Pränataldiagnostik gibt – aber nur wenn sie auch zum Nutzen des Kindes benutzt wird. Und nicht ausgenutzt!

    Lieben Gruß

    • Liebe Marie, vielen Dank für deinen bewegenden Erfahrungsbericht. Den Impuls „Ich will hier weg!“ kenne ich auch. Ich hatte ihn, als ich zum zweiten Mal schwanger war, kurz bevor der Arzt bei der Chorionzottenbiopsie in meinen Bauch stechen wollte. Ein absoluter Albtraum; auch, weil ich keine Lösung sah, die erträglich schien. Ich weiß bis heute nicht, ob ich bei einer Diagnose einen Schwangerschaftsabbruch hätte durchführen lassen können. Wahrscheinlich aber eher nicht, ich hatte ja schon eine Verbindung zu diesem Kind! Aber meine Erfahrung ist auch, dass es schwierig bis unmöglich ist, Situationen beurteilen zu können, die man nicht selbst erlebt hat. Herzliche Grüße, Mareice

  17. Wie so viele Deiner Artikel macht mich auch dieser wieder sehr nachdenklich. Genau den Punkt _der Gesellschaft_ habe ich in letzter Zeit öfter im Kopf bewegt. Auch anlässlich dieses Blogs stelle ich mir die Frage, wie sich die Gesellschaft, die Politik und die (öffentliche) Fürsorge zu diesem Thema positionieren sollte. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mal, wie ich dazu stehe. Dazu weiß ich zuwenig über alles. Alles Gute für Dich und Deine Familie!

    • Liebe Anna, vielleicht ist das der erste Weg, sich diesem Thema zu nähern: Das Wissen darum, wie schwierig und diffus es ist und dass es wahnsinnig schwierig ist, Antworten zu finden. Wir sind ja sehr dazu erzogen, Antworten zu finden und Bitteschön die richtigen. Aber es gibt eben nicht immer ein richtig oder ein falsch. Schön, dass du dir dazu Gedanken machst. Liebe Grüße, Mareice

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