Was ich nicht weiß.

by Kaiserin

Meine Geschichte fängt bei Facebook an. K. schreibt: „Jemand Platz für zwei junge Syrerinnen zum Schlafen und Duschen bis Sonntag?“ Wir sind gerade in Hamburg, im Urlaub, unsere Wohnung ist frei und ich antworte: „Unsere Wohnung ist noch bis Sonntag frei“. Einige Stunden später schreibt K., dass sie bereits über Twitter eine Unterkunft für die Frauen gefunden hat. „Kann ich sonst noch was tun?“ frage ich. „Melde dich in der Facebook-Gruppe Moabit hilft an”, rät mir K. – seitdem lese ich mit, wie viele freiwillig engagierte Menschen für ansatzweise menschliche Bedingungen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin sorgen.

Zehn Tage später, wieder auf Facebook. „Es werden dringend Rollstühle am LAGeSo benötigt, um medizinische Notfälle nicht auch noch über das Gelände tragen zu müssen“ schreibt A., die sich seit Tagen für geflüchtete Menschen mit Behinderungen in Berlin engagiert. Wir sind zurück in Berlin, einen Rollstuhl habe ich nicht, aber einen Kinderwagen, den ich eigentlich verkaufen wollte. „Reicht ein Kinderwagen auch?“, frage ich A. „Alles, was du entbehren kannst, hilft – und je schneller, desto besser“, antwortet sie. Am nächsten Tag fahre ich mit dem Kinderwagen, einer Babyschale und Herzklopfen nach Moabit zum Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Ich komme fast nicht durch zum Haus R, in dem die Sachspenden gesammelt, sortiert und organisiert ausgeteilt werden. Schon auf dem Weg dorthin werde ich von Familien, die auf dem Rasen campieren, auf den Kinderwagen angesprochen. Nicht mit Worten, mit Gesten. Alle wollen den Kinderwagen und ich denke kurz, ob T. vielleicht Recht hatte mit seinem Einwand, dass es besser sei, den Wagen für 250 Euro zu verkaufen und davon drei Buggys zu kaufen. „So kannst du mehr Menschen helfen“, meinte er. „Je schneller, desto besser“, dachte ich und bin jetzt nur mit einem Wagen da. Ich winke den Familien traurig ab. Vor dem Haus R frage ich eine Helferin, ob es in Ordnung sei, wenn ich den Kinderwagen einer Familie auf der Wiese gebe. „Nein, bitte erstmal alles hier ins Haus“, sagt sie. „Wir verteilen das dann, es soll alles gerecht verteilt werden“. Für Gerechtigkeit bin ich, aber in diesem Fall tut sie mir weh.

Auf dem Platz vor Haus R herrscht trubelige Geschäftigkeit. „Russisch! Spricht jemand Russisch?“ schreit ein Mann in blauem T-Shirt und ich erschrecke mich, so laut. Wenig später: „Arabisch! Wir brauchen jemanden, der Arabisch spricht und zum Krankenhaus fahren kann.“ Ich gehe zum Mann in Blau und frage, ob auch nur zum Krankenhaus fahren reicht. Es reicht nicht, ein_e Übersetzer_in wird gesucht.

Die Blicke der Familien, denen ich den Kinderwagen nicht gegeben habe, lassen mich nicht los. Ich gehe ich zur Helfer_innen-Anmeldung. „Kann ich etwas tun?“ frage ich. „Ja, jede Menge“, strahlt mich L. an – ihr Name steht auf dem Klebestreifen auf ihrem T-Shirt. L. erklärt mir, dass gleich die Essensausgabe beginnt, dass ich meine Hände desinfizieren, Handschuhe anziehen und mich in der Schlange vor dem Catering-Wagen anstellen soll. „Und immer zu zweit gehen, nicht alleine“, ruft L. mir hinterher. Ich trage jetzt auch ein Klebeschild mit meinem Namen.

In der Schlange lerne ich E. und M. kennen. E. ist den zweiten Tag hier, M. hilft seit über einer Woche. „Ich bin jeden Tag hier“, sagt er. „Es gibt so viel zu tun.“ Schnell werden E. und ich eine Arbeitsgruppe, sie erklärt mir, was wichtig ist. „Die sollen sich das Essen nicht selbst nehmen, wegen eventueller Krankheiten“, sagt sie und meint mit „die“ die geflüchteten Menschen. Wenig später laufen E. und ich über den Platz vor dem LAGeso, meine Hände schwitzen in den zu engen Handschuhen, E. trägt einen Kasten gefüllt mit mehreren Schalen Eintopf und Brot vor ihrem Bauch. Einzelne Männer kommen auf uns zu und ich kann gar nicht so schnell die Schalen rausgeben, wie sie sie sich selbst herausnehmen wollen. E. ist routinierter, spricht auf Englisch, hält die Menschen freundlich auf Abstand. „Halt nach Frauen und Kindern Ausschau“, weist sie mich an, „die kommen meistens nicht von alleine zu uns”. Ich gebe die Schalen an Kinder, die manchmal nicht größer sind als meine kleine Tochter. Nach wenigen Minuten ist unser Kasten leer, wir holen einen neuen und stehen wieder in der Schlange. E. ist eigentlich Sozialarbeiterin und wartet gerade darauf, dass ihr neuer Job im September beginnt. Ich fühle mich ein bißchen wie ihre Praktikantin; dafür genügt es, dass sie einen Tag länger hier ist als ich. Das genaue Hinschauen fällt mir schwer. Es ist ein Unterschied, diese Bilder in Zeitungen zu sehen – oder ein Teil des Bildes zu sein.

Bei der zweiten Runde trage ich den Kasten mit Essen und E. verteilt die Schalen. Ich sehe hungrige Augen und immer, wenn E. den dankbaren Menschen „Enjoy!“ mit auf den Weg gibt, muss ich den Kloß in meinem Hals herunterschlucken. Ich sehe Familien, die nichts mehr haben als eine Plastiktüte mit eigenen Sachen und die Decke, auf der sie sitzen. „Menschen, deren Zuhause eine Decke ist“, twittere ich am Abend, als mich die Bilder nicht loslassen wollen. Bei Facebook lese ich, dass das Kurz & Klein, ein Kinderladen in meinem Kiez, einen Raum für die Spendensammlung zur Verfügung gestellt hat. Ich nehme Kontakt auf und wir vereinbaren, dass ich am nächsten Tag Sachspenden dorthin fahre, wo sie gebraucht werden.

Am nächsten Morgen im Kurz & Klein treffe ich Lisa, die die Sammlung koordiniert und den Überblick hat, wo was gebraucht wird. Decken und Kinderwagen sind für das LAGeSo, der Rest für die Notunterkunft in Wilmersdorf. „Die brauchen dort gerade wirklich alles“, sagt Lisa und während sie die Sachen im Lagerraum sortiert, kommen ihr die Tränen. „Es ist so ätzend, was da gerade passiert“, seufzt sie. Wir erzählen uns von unseren Erlebnissen, von unseren Bildern im Kopf. Familien, die mit ihren kleinen Kindern draußen schlafen müssen. Menschen, die ohne die ehrenamtlichen Helfer_innen vor dem LAGeSo vielleicht schon verdurstet oder verhungert wären. Währenddessen kommt eine junge Frau rein, voll bepackt mit großen Reisetaschen. „Braucht Ihr noch Spenden?“ fragt sie. Als ich mit dem Auto losfahren will, schaue ich in den Rückspiegel. Ich sehe kein Stück Straße, nur Kinderwagen, Taschen, Koffer, Decken, Spielzeuge und Tüten. Als ich die Sachen in das Lager beim LAGeSo bringe, treffe ich E. wieder, die heute die Sachspenden sortiert. Bei der Essensausgabe sehe ich eine Frau, die auf einem Turnschuh sitzt. Manchmal ist das Zuhause eines Menschen noch weniger als eine Decke.

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Am Wilmersdorfer Rathaus angekommen, begrüßt mich am Eingang der Notunterkunft ein junger Mann einer Security-Firma. „Du kannst bis hier an die Schranke ranfahren“, rät er mir. „Dann musst du nicht so weit tragen“. Als er sieht, wie voll das Auto ist, bietet er mir seine Hilfe an. Gemeinsam tragen wir alles zur Spendenannahme, wo mehrere Helfer_innen alles sortieren. Für jede Spende höre ich ein „Danke“, beim LAGeSo und auch hier in Wilmersdorf. Nachdem alles ausgeladen ist, frage ich am Infostand im Hof des Rathauses, ob noch Hilfe gebraucht wird. „Unbedingt“ sagt die Frau, auf deren T-Shirt-Klebeschild ihr Name steht, K. „Wir brauchen immer Hilfe, geh am besten in die Kleiderkammer, dort ist jetzt Ausgabe“ schickt sie mich über den Hof.

Vor der Kleiderkammer angekommen warten bereits einige Menschen auf Einlass. Das Klebeschild mit meinem Namen ist hier die Eintrittskarte. Erst stehe ich etwas verloren herum, dann frage ich eine junge Frau – auch sie trägt ihren Namen auf einem Klebestreifen. S., die eigentlich Psychologie studiert, weiß was zu tun ist. „Vorne kommen die Leute rein und du führst sie durch. Das ist notwendig, damit nicht einige Menschen ganz viel nehmen und andere nichts mehr bekommen. Jeder darf sich ein Teil nehmen, also ein Oberteil, eine Hose, ein Deo, ein Shampoo.“ Vier Räume des Wilmersdorfer Rathauses sind vollgestopft mit gespendeter Kleidung, Taschen und Hygiene-Artikeln. “Hosen, Größe 92-104″ steht auf einem Regal, “Kleider bis über den Po”, auf einem anderen. Ich versuche, mir in kurzer Zeit einen Überblick zu verschaffen und scheitere.

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Die ersten Menschen, die ich durch das Kleiderlager begleite, durch das ich selbst noch nicht durchsteige, ist eine 4-köpfige Familie. Zwei Kinder, circa zwei und vier Jahre alt. Ein Helfer, auf dessen Namensschild ich nicht schaue, weil keine Zeit dafür ist, erzählt S., dass der größere Junge behindert ist und unbedingt einen Kinderwagen braucht. Im Moment hockt er noch auf der Hüfte des Vaters, sein kleiner Bruder auf der Hüfte der Mutter. „Ich habe gerade einen Kinderwagen in die Spendenannahme gebracht“, sage ich S. und dem Helfer und hoffe, dass der Wagen noch da ist.

Ich suche nun Kinderkleidung für die beiden Jungen raus. Der Familienvater deutet auf die Anziehsachen seines kleinen Sohnes und sagt: “Only clothes we have“. Ich frage S., ob ich von der „Ein Teil für jeden“-Regel in diesem Fall eine Ausnahme machen darf. „Klar!“ sagt sie. Es gehe nur darum, dass für alle, die etwas brauchen, auch etwas da ist. Wenig später verstehe ich, warum es diese Regel überhaupt gibt. Ein Mädchen kommt in die Kleiderkammer und wird wieder rausgeschickt. „Sie ist jetzt schon zum vierten Mal heute hier und hat jedes Mal was mitgenommen. Wenn wir ihr aber immer etwas geben, bekommt vielleicht irgendwann jemand, der es nötiger braucht, nichts mehr“ erklärt S., der es sichtlich schwer fällt, das Mädchen wieder wegzuschicken. Eine andere Helferin, „Hindi“ und „Englisch“ und ihr Name stehen auf ihrem Klebeschild, sagt: „Wenn das der einzige Spaß von dem Mädchen im Moment ist, hier Sachen abzustauben, dann lass sie doch“ und ich denke einen kurzen Moment, dass sie Recht hat.

Den jungen Eltern meiner Familie zeige ich einige Oberteile für ihre Söhne, die ich in den Regalen gefunden habe, während andere Helferinnen für andere Menschen andere Anziehsachen in anderen Größen suchen. Es ist ein emsiges Gewühle und erinnert an einen Flohmarkt. Die junge Mutter spricht kein Englisch, zeigt mir aber deutlich, was ihr gefällt und was nicht. Sie will ihren Kindern nicht irgendwas anziehen – und ich bewundere sie dafür. Sie erträgt diese würdelose Situation mit Würde und ich fühle mich falsch, ihr die Sachen für ihre Kinder rauszusuchen.

Der große Sohn kann nicht laufen, sein Vater hält ihn an den Händen oder auf dem Arm. Von dem Helfer, der jetzt endlich mit dem Kinderwagen wieder da ist, erfahre ich, dass der große Sohn mehrere gesundheitliche Beeinträchtigungen hat und auch in der letzten Nacht Probleme mit der Atmung hatte. Für die gesamte Notunterkunft gibt es einen Arzt. Ich weiß nicht, ob er den Jungen überhaupt schon gesehen hat.

Im Kinderwagen kann der 4-Jährige einigermaßen sitzen. Ich denke daran, wie wir die Hilfsmittel für unsere behinderte Tochter ausgesucht haben, nach welchen Kriterien. In einem Sanitätshaus wurde der Kinderwagen an meine Tochter und ihre Bedürfnisse angepasst. Hier sind wir nun froh, dass der Junge gerade so mit seinem Kopf unter das Dach des Wagens passt und seine Beine irgendwie auch. Seine Mutter setzt ihren kleinen Sohn gleich daneben, der kleine Junge lacht vor Freude.

Nachdem wir für beide Jungen Anziehsachen gefunden haben, geht es um die Mutter. Ich präsentiere ihr Oberteile und Kleider, doch sie schüttelt den Kopf und zeigt mit ihrer Hand von der Mitte ihres Armes zum Handgelenk. Sie deutet mir, dass sie langärmelige Kleidung sucht. Sarah ruft mir aus dem Raum mit den Hygiene-Artikeln zu: „Das ist gerade ganz oft ein Problem. Sie ziehen ja alle nur langärmelige Kleidung an, die meisten Spenden sind aber kurzärmelig.“ Daran habe auch ich nicht gedacht, als ich meine Sachen für die Menschen vor dem LAGeSo und in den Notunterkünften gepackt habe.

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Als ich mich am Infostand abmelde, steht ein neuer Helfer neben mir, er ist gerade angekommen und fragt K., was zu tun sei. „Ich kann ein bißchen Arabisch sprechen“, sagt er schüchtern. K. klatscht in die Hände: „Dich schickt der Himmel!“ freut sie sich und bereitet einen Klebestreifen für den neuen Helfer vor. „Arabisch“ schreibt sie drauf.

Nach diesen Tagen weiß ich nicht viel. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, nur ein Oberteil und eine Hose für das eigene Kind zu haben und auch für sich selbst nicht mehr. Ich weiß nicht, wie es ist, mit einem gehbehinderten 4-jährigen Kind flüchten zu müssen, ohne Kinderwagen. Ich weiß nicht, wie es ist, nicht mehr selbst für das eigene Kind sorgen zu können, ständig auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen zu sein. Ich weiß nicht, wie es ist, draußen schlafen zu müssen, tagelang auf eine Registrierung warten zu müssen. Ich weiß nicht, wie sich echter Hunger anfühlt. Das alles weiß ich nicht – aber ich habe es gesehen.

“Wenn jemand ungerecht behandelt wird, musst du etwas tun”, so wurde ich erzogen. Früher dachte ich, aus dieser Überzeugung werden Menschen Politiker_innen. Ich habe noch nie so viel Ungerechtigkeit an einem Ort gesehen, wie in diesen Tagen vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Ich weiß nicht viel. Ich weiß nur, dass etwas getan werden muss.

61 Kommentare zu “Was ich nicht weiß.

  1. Danke für diesen aufschlussreichen Einblick! Bin momentan durch familiäre Belastungen eingeschränkt einsatztauglich, aber der Bericht macht mir Mut.
    LG
    Astrid
    Die früher auch mal ne Kaiserin war

  2. Liebe Mareice,
    Danke für deinen sehr bewegenden Artikel und deinen Einsatz! Ich bin sehr gerührt und angespornt, mich weiter nach Möglichkeiten wie ich helfen kann, umzuschauen. Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass mehrere Anfragen abgelehnt wurden, die Koordination der Eherenamtlichen Helfer sprengt teilweise die Kapazität der Flüchtlingsunterkünfte.

    Viele Grüße
    Änna

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  9. Ich kann mich den (meisten) Kommentaren nur anschließen: Danke fürs Helfen. Meine Möglichkeiten sind eingeschränkt, aber eventuell kann ich bald auch etwas für Flüchtlinge tun, und dann werde ich tun, was ich kann.

    Gruß, Frosch

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  12. Hallo und guten Morgen,

    wirklich sehr guter Artikel, ich bin zutiefst gerührt! Es ist so beschämend wieviele Menschen Angst um ihre Komfort Zone haben!

    Ich möchte gerne auch helfen, kennt jemand eine Anlauf Stelle in Köln?

    Liebe Grüße
    Marion

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  15. Lange, wirklich lange ist es her, dass ich einen Artikel gelesen habe, der mich so sehr berührt hat, wie deiner gerade. So ehrlich und echt geschrieben. Danke für diesen wunderbaren Artikel & für das, was du tust.
    Herzliche Grüße
    Lara

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  17. Vielen Dank für den tollen und ergreifenden Artikel! Ich habe selbst die letzten Tagen immer wieder mit meiner Schwester bei der Essensverteilung in einer Notunterkunft geholfen. Und obwohl das hier bei uns wirklich Kleinstadt ist (um nicht zu sagen Sehr-Kleinstadt), gibt es definitiv eine Menge Ähnlichkeiten. Ganz so katastrophal sind die Bedingungen hier nicht. Aber es fehlt hier auch an allem und die Organisator*innen sind mit jeder Kleinigkeit vollkommen überfordert. Mich ärgert vor allem, dass alles so furchtbar bürokratisch ablaufen solll, wo es doch viel einfacher wäre, einfach und direkt zu helfen. Auch auf die Lebensbedingungen und die unterschiedlichen Kulturen der Flüchtlinge wird hier kaum eingegangen – und sich dann gewundert, warum so viel von der Erbsensuppe übrig bleibt.

    Ich find’s aber super, wie du es trotz Arbeit und Kindern schaffst, dich noch einzusetzen. Wenn ich Hüte tragen würde, würde ich meinen vor dir ziehen!

  18. Klasse! Ihre behinderten Kinder werden auf Staatskosten betreut, während Sie sich um Asylanten kümmern, die ebenfalls auf Staatskosten ernährt werden und nach ein paar Monaten (mit den gespendeten Klamotten, Spielsachen usw.) eh wieder abgeschoben werden.
    Super System!

    • Frau Weber, “super” würde ich dieses System nicht nennen, da ist sicher noch Luft nach oben. Die Tatsache aber, dass meine Kinder in eine Kita gehen und ich die freie Zeit für die Hilfe geflüchteter Menschen einsetze, das ist in der Tat ein super System. Noch besser wäre es allerdings, die Menschen, die den Geflüchteten helfen, würden dafür bezahlt werden. Gerne vom Staat. Ach so, und zu den Spenden: Die dürfen die Menschen, die sie von mir bekommen haben, gerne mit hinnehmen, wohin sie wollen. Ich brauche sie nicht mehr und ich freue mich über jeden Menschen, der durch mich mehr (als nichts) hat. Ziemlich sicher geht es nicht nur mir so.
      Abschließend hätte ich noch einen Tipp: Wenn Ihnen nicht gefällt, was ich hier auf meinem persönlichen Blog schreibe, besuchen sie ihn einfach nicht mehr. Ich habe sie nicht dazu eingeladen. Zwar sind mir erstmal alle Menschen willkommen, aber für Sie mache ich gern eine Ausnahme. Beste Grüße, Mareice Kaiser

      • Ihre eigene Aussage “und nach ein paar Monaten eh wieder abgeschoben werden” zeugt von Unkenntnis und Dummheit.
        Freunden Sie sich lieber mit dem Gedanken an, dass viele von den Menschen, die hier ankommen und oft nur das Besitzen, was sie am Körper tragen, eine wesentlich längere Zeit in Deutschland bleiben werden. Der Großteil der Flüchtlinge wird auf längere Zeit hierbleiben und je mehr wir tun, um für eine reibungslose Integration zu sorgen, desto besser. Diese Menschen müssen leider auch auf Staatskosten leben, weil wir es Ihnen nicht ermöglichen, schnell eine Arbeit zu finden und ihr eigenes Geld zu verdienen (und in die Staatskasse Geld einzuzahlen).

    • Ach schau, die Frau Marina ätzt also auch hier menschenverachtend herum. Gut zu wissen.

      Macht sie bei mir im Blog nämlich auch, ich lasse schon gar nicht mehr alles durch, weil es einfach unerträglich ist.

  19. Pingback: Leseempfehlung vom 24. August 2015 | off the record

  20. Ganz großes DANKE Mareice!
    Ich schaffe es heute leider nicht mehr bis 18 Uhr zum Kurz und Klein und schaue bei meinen aussortierten Sachen mal nach langärmeligen Oberteilen, sicher werde ich die Sachen auch noch woanders abgeben können…

    • Hallo Chrischane, wir versuchen gerade, einen neuen Lagerraum zu organisieren. Ich werde hier auf dem Blog Bescheid geben, wenn wir einen gefunden haben. Dann freue ich mich, wenn Du Deine Sachen bringst. Danke & herzliche Grüße, Mareice

  21. Danke für Dein Engagement und Deinen Artikel! So tief mich manche Menschen durch ihre menschenverachtenden Äußerungen und Taten erschüttern, so sehr bin ich froh und hoffnungsvoll, wenn ich solche Texte wie von Dir lese.
    Ich hoffe, wir sind die Mehrzahl und schaffen das zusammen!!@

  22. Ich weiß gerade gar nicht, was ich sagen soll, mir fehlen ein wenig die Worte. Ich finde es aber wichtig, so tolle Menschen wie dich zu unterstützen, daher möchte ich vor allem das sagen: Vielen Dank an dich und alle, die sich so von Herzen engagieren. Und ebenfalls vielen lieben Dank, dass du deine Erlebnisse so ausführlich mit uns teilst.

  23. Pingback: Deutlich sein | Pia Ziefle | Autorin

  24. Hallo Mareice, ich habe in der Zeltstadd geholfen und habe genau die gleiche Erfahrung gemacht. Wieso muss ersteinmal alles gehortet und gesammelt werden, um es dann gerecht zu verteilen? ALLE Menschen scheinen das zu brauchen. Was ist hier gerecht? Bei uns hatte ich das Gefühl, dass es unglaublich viele Spenden gab, sie aber den Weg ins Lager nicht geschafft hatten. Kisten um Kisten beim DRK lagen an Kleidung rum und im Lager haben sie alles gebraucht, aber es war logistisch so schwierig, es an die Leute zu bringen. Es soll ja “gerecht” zugehen. Oh man, ich glaube, wir Deutschen machen es uns manchmal echt schwer und umständlich. Auf dem Nachhauseweg kamen mir die Tränen, die ich im Lager ständig unterdrückt habe. Und dann fällt mein Blick wieder in die Nachrichten, wo die ganzen idiotischen, abartigen Leute mit Böllern gegen die Flüchtlinge protestieren. Ich hasse es so! In welchem Umfeld lebe ich nur? Ich bin so enttäuscht. Es ist einfach so traurig.
    Liebe Grüße,
    Kathrin

    • So ähnlich habe ich es in Bremen erlebt. Zusammen mit Kollegen würde ich gerne helfen, fast egal mit was, gerne auch mit praktischer Hilfe, aber leider scheinen die Verantwortlichen völlig überfordert zu sein. Hier werden Sachspenden von einem Lagerraum in den nächsten gekarrt, ohne dass sie jemals an Flüchtlinge ausgegeben werden, weil man erst noch einen Weg finden muss, damit die Sachen gerecht verteilt werden können.
      Leider weiß ich bei so einer Handhabe nicht, was ich da sinnvoll helfen kann.

  25. Vielen Dank für diesen tollen, berührenden Bericht!
    Meine Kinder haben vor zwei Wochen Spielsachen und Kleider entrümpelt und wollten sie spenden für Flüchtlinge. Leider anfangs ohne Erfolg, da sie anscheinend zwar gebraucht werden aber der administrative Aufwand zu gross wäre. Nach vier Anfragen habe ich endlich ein SOS Kinderdorf gefunden, die es dankend annehmen. Beim nächsten Mal schicke ich es direkt nach Berlin….
    Alles Gute und ein grosses Lob an alle HelferInnen!!
    Sabine

  26. Pingback: Was die anderen sagen … | juna im netz

  27. Danke für deinen tollen berührenden Post!
    Und Danke für dein Engagement für die Menschen, die es so bitter nötig haben.
    Wir brauchen in allen Gemeinden viel mehr hilfsbereite Leute, damit ein Zuhause nicht nur aus einer Decke besteht.

    ganz liebe Grüße
    Alex

  28. Wow.
    Danke für diesen Text. Überhaupt Danke für deinen Blog, aber besonders viel Danke für diesen Eintrag.
    So viel Tatendrang und Empathie. Kein Redenschwingen und “wäre es nicht besser wenn”, sondern zwei Tage gearbeitet und die Welt besser gemacht. Danke.
    Ich muss mal sehen, was meine Stadt anbietet/benötigt und wie ich helfen kann.

  29. DANKE! So gut, zu hören, dass man mit dem Unwissen nicht allein ist. Und Danke fürs Helfen. Und ignorier die Trolle über mir (wo kommen die nur immer alle her, wenn es um geflüchtete Menschen geht?!). Mach weiter so, genau so!

  30. Pingback: Woanders – diesmal mit Abriss, Kreuzfahrt, Spenden und anderem | Herzdamengeschichten

  31. hallo und danke für deinen text, der ,ich mal wieder bestätigt hat zu helfen! kann man einfach dort hinfahren und sich als Helfer melden???? ich kann ein wenig türkisch!

  32. Habe auch noch einen voll funktionsfähigen Kinderwagen zu spenden. Neben diversen anderen Dingen. Würde mich als betroffene Mama einer behinderten Tochter nachtürlich besonders freuen, wenn er bei einer Familie mit speziellem Bedarf ankäme. Ist aber wahrscheinlich schwer umzusetzen und Bedarf gibt es ja bei allen Familien. Wo bringe ich die Sachen denn am besten hin?

  33. Pingback: Unsere Netzhighlights - Woche 34/2015 | Apfelmädchen & sadfsh

    • Danke für die Info. Dann kannst du die gewonnene Zeit ja dafür nutzen, dich mal über das generische Maskulinum zu informieren und dich ernsthaft fragen, ob du in der Position bist, “sinnloses Ge-Gendere” zu monieren.

    • Ach Klaus, wenn ich solche Kommentare wie Deinen lese, dann denke ich manchmal, dass das gar nicht ernst gemeint sein kann. “Sinnfreies gegendere” hält Dich davon ab, einen Text zu Ende zu lesen, der Dich interessiert hat? Ist das nicht einfach nur traurig und armselig?

  34. Ich bin gerade sehr dankbar, dass Du in diesem Artikel Dein Erlebnis geteilt hast. Ich kann es gerade echt nicht mehr lesen, dass alle Welt redet und redet und redet und redet und redet und im aberwitzigste Fall noch ein Bild dazu postet, wie schlimm die Situation ist. Was wir und vor allem Menschen in Not brauchen sind Taten. Merci dafür. Und dafür, dass Dein Herz wohl am richtigsten Fleck ist.

  35. ” Die junge Mutter spricht kein Englisch, zeigt mir aber deutlich, was ihr gefällt und was nicht. Sie will ihren Kindern nicht irgendwas anziehen – und ich bewundere sie dafür. ” Ernsthaft? Ohne Worte……

    • Was ist denn daran so empörend? Würden Sie denn für Ihre Kinder nicht das beste wollen? Es geht hier doch nicht darum, dass die Frau gucci Klamotten will, sondern höchstwahrscheinlich um Farbe und Muster… Das ist die letzte Bastion, in der die Frau noch etwas Würde für sich bewahren kann, nachdem sie aus ihrem Heimatland flüchten müsste… Ich verstehe nicht, wie man das kritisieren kann.

    • Ja, ernsthaft.

      Mit diesem einen Kleidungsstück pro Person wird die Frau die Gesamtklamottenanzahl ihrer Familie verdoppeln. Behaupten Sie ernsthaft, dass es einer Person, nur weil sie auf die Hilfe anderer angewiesen ist, egal sein soll, ob diese neuen 50% der eigenen Kleider ihr auch gefallen? Oder zu ihr selber und zu den Vorschriften passen, die ihre Religion und ihre Kultur ihr macht?

      Die Zeit, die sich eine Helferin wie Mareice dafür nimmt, dieser Frau noch vier weitere T-Shirts rauszukramen, ist vermutlich genauso viel wert wie die T-Shirts selber. Weil das dieser Frau und ihrer Familie auf absurd einfache Art und Weise zeigt, dass sie ernst genommen wird. Als Mensch und nicht nur als Asylbewerber Nummer soundsoviel, den man einfach in irgendetwas stecken kann.

      Diese klitzekleinen Momente des Ernstgenommenwerdens und, im besten Fall, sogar der Freude über ein neues olles T-Shirt, sind für Flüchtlinge doch so etwas von rar.

      Und das macht mich fassungslos: dass Sie diesen winzigen Moment dieser Frau nicht gönnen.

    • Liebe/r S.

      ich muss leider zugeben, dass ich im ersten Moment ebenfalls erwartet habe, dass ein Mensch, der nichts mehr hat für alles dankbar ist. Dann habe ich allerdings versucht mich in diese junge Frau hineinzuversetzen (was nicht einfach ist, wenn man noch nichts Vergleichbares erleben musste).

      Wie muss es sich anfühlen, eine Flucht hinter sich zu haben? Weit weg von der Heimat in einem fremden Land mit fremden Menschen, fremder Sprache und fremder Kultur gestrandet zu sein? Nicht zu wissen, was mit einem geschehen wird und wo man morgen sein wird? Wie muss es sein, wenn das eigene Schicksal und das seiner Familie vollständig in den Händen anderer liegt? Wenn Fremde darüber entscheiden, ob meine Kinder heute etwas zu essen bekommen werden oder nicht?

      Dann beginne ich zu verstehen, warum das Verhalten der jungen Mutter nicht einfach “wählerisch” oder undankbar ist. Ich denke, es ist für sie vielmehr der einzige Ausdruck an Selbstbestimmtheit, der ihr noch geblieben ist. Das zeigt mir, dass sie stark ist und noch nicht aufgegeben hat.

      Ich glaube, in der ganzen Flüchtlichsdebatte kann es nicht schaden, wenn man ab und an versucht ein wenig Empathie einzusetzen und sich z.B. zu überlegen, was “Flüchtling” eigentlich bedeutet. Denn mit einem anderen Blickwinkel, kann ein und die selbe Handlung plötzlich etwas ganz anderes bedeutet.

      Und bevor ich es vergesse: Vielen Dank für diesen Text und deinen Einsatz, Mareice.

      Liebe Grüße
      Anja

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