Und wie machst du das, Andrea?

by Kaiserin

Der Verein Eltern beraten Eltern setzt sich für Familien mit behinderten Kindern ein. Es geht dabei um Wissensvermittlung, Informationen, Möglichkeiten der Begegnung und Unterstützungsangebote für die ganze Familie. In Berlin werden außerdem inklusive Krabbelgruppen organisiert: „Wir freuen uns über jeden, der durch die Tür spaziert, rollt, robbt oder getragen wird“. Eine der vielen tollen Frauen, die hinter Eltern beraten Eltern stecken, ist Andrea Häfele. Im Mütterfragebogen erzählt sie aus ihrem bunten Alltag mit einem Mann und drei Kindern.

Teaser Andrea

Name: Andrea Häfele

Alter: 39 Jahre

Mutter von: Anton (9 Jahre), Helene (7 Jahre) und Lotte (5 Jahre)

Wir wohnen in einer großen Wohnung in Berlin, leider ohne Balkon und Garten, dafür direkt am Gleisdreieck-Park, mit vielen Spielplätzen um uns herum. Wir haben sehr sehr nette Leute im Haus und fühlen uns wohl.

Beruf: Elternzeitvertretung bei Eltern beraten Eltern e.V.

Berufung: Mit Menschen zusammen sein.

Wie war dein Leben, bevor deine Kinder kamen?
Ich habe lange studiert und war länger im Ausland. Außerdem habe im umwelt- und entwicklungspolitischen Bereich mit Jugendlichen gearbeitet. Ich habe meinen Alltag im Studium nicht als solchen wahrgenommen. Jeder Tag war anders. Ich habe nur knapp zwei Jahre in einem Jugendklub als Erzieherin gearbeitet, dann kam Anton.
Danach Helene und dann Lotte, ich war sieben Jahre zu Hause. Seit Lotte im August 2013 in die Kita kam, bin ich bei Eltern beraten Eltern eingestiegen. Mittlerweile arbeite ich dort 20 Stunden pro Woche und kümmere mich um die Netzwerkarbeit, die Krabbelgruppen und Eltern-Beratung.

Wie sieht Euer Alltag aus?
Morgens um halb sieben klingelt der Wecker, wenn Lotte uns nicht schon alle geweckt hat oder irgendjemand eingepullert hat. Dann alle anziehen oder dabei beaufsichtigen, anfeuern, Kleidung anzaubern ist auch ein beliebtes Spiel, Frühstück. Um halb acht verlassen wir alle zähnegeputzt und schulgeranzt das Haus. Helene holt ihr Rad, Anton und ich das Tandem, und Lotte wird schnell in der Kita abgeworfen. Um acht sitzen die Kinder in der Schule und ich radel schnell nach Hause, tausche Tandem gegen Fahrrad und fahre ins Büro. Dort arbeite ich bis 14 Uhr, dann geht das Abholmanöver los: Um halb drei die Kinder im Hort suchen, zum Mitgehen überzeugen und um halb vier Lotte von der Kita einsammeln, um den Nachmittag zusammen zu verbringen. Ab halb sechs gibt es Abendbrot, bettfertig machen und spätestens um halb acht schnarchen alle.
Naja, dann das Chaos so ordnen, dass wir am nächsten Morgen wieder anfangen können.

Wann hast du von der Behinderung deines Kindes erfahren?
In der 30. Schwangerschaftswoche gab es im Ultraschall einen Hinweis auf eine grenzwertige Hirnventrikelweite auf der linken Seite. Das sind Wasserablagerungen – und alles ab dem Wert 10 ist verdächtig. Bei Anton waren es 9.3, also mussten wir zum Feinultraschall. Dort war alles gut; die Wahrscheinlichkeit, dass Anton das Down Syndrom hat, lag bei 0,8 %.
Danach wollte ich nur noch von meiner Hebamme besucht werden und bin nicht mehr zum Arzt gegangen.
Meine erste Frage nach der Geburt (meine Hebamme begrüßte liebevoll jeden einzelnen Finger und Zeh): Woran man es denn erkennen könne, wenn er es denn hätte.
Als ein paar Stunden später die Kinderärztin uns recht unsensibel mitteilte, dass Anton das Down Syndrom hat, haben mein Mann und ich geweint vor Sorge und Schock und dem ganzen Unwissen.

„Eine Mutter liebt am stärksten ihr schwächstes Kind“, so lautet ein schwedisches Sprichwort. Stimmt das?
Ich hatte vor Helenes Geburt Angst, dass ich nicht noch ein weiteres Kind so lieben könnte wie Anton, aber mit Helene wurde der Platz für die Liebe der Kinder nur noch ein Stückchen größer und bei Lotte war es ebenfalls so (obwohl ihre zweijährige Schreiphase es mir am Anfang nicht leicht machte…).

andrea mit kindern

Welches ist dein glücklichster Moment am Tag mit deinen Kindern? Welches der anstrengendste?
Es gibt jeden Tag einen besonderen Moment und das ist der abendliche Rundgang mit meinem Mann an die Kinderbetten mit den schlafenden Kindern.
Der anstrengendste Moment ist das aus dem Haus gehen und das Verlassen von Spielplätzen, wenn Anton sich total verweigert, Lotte heulend auf dem Fußweg liegt und Helene nicht „funktioniert“.

Wie ist bei euch die Kinderbetreuung organisiert?
Anton und Helene haben ihren Hortplatz bis 16 Uhr und Lotte kann ich auch bis 16 Uhr – an zwei Tagen sogar später – aus der Kita abholen. Freitags holt Enrico vom FED (Familien entlastender Dienst) Anton um 13 Uhr vom Hort ab und geht mit ihm schwimmen.
Was immer wieder fehlt sind Momente mit jedem einzeln. Wir nehmen uns das immer wieder mal vor und dann ist es auch ein ganz besonderer Moment.

Wieviel Zeit hast du für dich – jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben?
Meine Zeit ist die Zeit abends nach dem Aufräumen, vor dem Schlafengehen.
Da bin ich meistens so müde, dass ich noch meine E-Mails lese oder ein Buch – von dem ich oft gar nicht mehr weiß, wie es angefangen hat – und dann früh ins Bett gehe.
Ich habe das Gefühl, dass ich die Zeit verdaddel‘, aber ich habe im Moment auch nicht die Energie, um noch was Tolles zu machen.

Fühlst du dich als Familie – speziell mit behindertem Kind – ausreichend von Politik und Gesellschaft unterstützt?
Als Familie fühle ich mich unterstützt. Was besser sein könnte wäre die Aufklärung darüber, welche Rechte und Ressourcen einem Menschen mit Behinderung zustehen.

Bist du die Mutter, die du sein wolltest?
Ich weiß nicht, wie ich sein wollte, aber an meiner Pinnwand hängt schon lange der Spruch: „Kinder brauchen Eltern, die keine Lust haben perfekt zu sein und täglich viele Fehler machen.“ So eine Mutter möchte ich sein und dabei kein schlechtes Gewissen haben.

Wenn Du die Zeit zurückdrehen könntest: Würdest Du etwas anders machen, als Mutter und/oder als Mensch?
Ich hätte mir bei Lotte schon nach ein paar Wochen Hilfe und Rat holen müssen und nicht knapp zwei Jahre warten dürfen. Sie hat wirklich viel geschrien und wir hatten beide in der Zeit keine Kraft mehr.

Welche Träume hast du?
Für meine Kinder wünsche ich mir, dass sie glücklich werden, selbstbewusst und mit den nötigen Werten durchs Leben gehen. Dass sie nette Menschen um sich herum haben und sich wohlfühlen, mit dem, was sie tun.
Für uns als Familie wünsche ich mir Ruhe und Gelassenheit und ein spannendes Miteinander-Wachsen.
Für mich wünsche ich, dass ich mir Zeit für mich nehme, mal in mich hineinhorche und mir etwas Gutes tue.

Muetter_SpecialNeedsEditionHier geht`s zu allen bisher erschienen Mutterfragebögen.

 

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