Wir wissen nicht, was uns fehlt

by Kaiserin

Nein, sie ist nicht geistig behindert. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die jetzt erleichtert ausatmen. Und ich denke irritiert: Selbst wenn.
Anna Brüggemann in einem großartigen Text über ihre Zwillingsschwester, Pränataldiagnostik und Inklusion. Wir wissen nicht, was uns fehlt

Und dann haben mich noch zwei Filme berührt.

24 Wochen feierte bei der diesjährigen Berlinale seine Premiere – der einzige deutsche Wettbewerbsfilm behandelt das Tabuthema Spätabtreibung. Für Leidmedien.de habe ich aufgeschrieben, wie ich den Film gesehen habe und warum ich mir wünsche, dass ihn viele Menschen sehen und diskutieren werden. (Kinostart: September 2016)

Bildschirmfoto 2016-03-22 um 20.27.03

Julia Jentsch in „24 Wochen“

 

Aktuell online abrufbar ist der Film Nur eine Handvoll Leben, in dem es ebenfalls um eine Spätabtreibung geht – hier allerdings nur als eine Möglichkeit. Die Eltern des Kindes mit der Diagnose Trisomie 18 entscheiden sich, ihr Kind zu bekommen. Der Fernsehfilm ist noch bis zum 26. Juni 2016 im Internet zu sehen (und in der Hörversion zu hören) und morgen um 20.15 Uhr in der ARD.

 

 

 

8 Kommentare zu “Wir wissen nicht, was uns fehlt

  1. Dazu möchte ich mal den Standpunkt meiner Mutter darlegen, die nach dem Tod meines Bruders (der Downsyndrom hatte) sagte, man sollte solche Kinder lieber abtreiben.
    Warum?
    Nicht, weil die Kinder für die Eltern eine Belastung sind, sondern weil die Eltern nicht immer da sein werden.
    Mein Bruder hatte seine schlimmsten Erlebnisse größtenteils in den „geschützten Räumen“ Schule und Werkstatt. In der ersten Klasse musste er sich nach dem Sport außerhalb des Klassenraums alleine anziehen, weil er zu langsam war (in einer auf Behinderte spezialisierten Schule). Auf Klassenfahrt verletzte er sich den Fuß, vertraute das dem Zivi an und der Zivi sagte, man könne zum Arzt gehen (mein Bruder liebte Ärzte und Krankenhäuser), der Arzt würde den Fuß mit der Schere abschneiden. Weitere Meldung an die Lehrer machte er Zivi nicht, und so verkniff sich mein Bruder den Schmerz die restlichen vier Tage und brachte die Geschichte auch erst nach der einstündigen Autofahrt von der Schule nach Hause stückweise vor.
    In der Werkstatt wurde es schlimmer, hier gab es ein Denunziationssysstem (anders kann ich das nicht nennen), dass jeder, der „schlimme Wörter“ verwendete, verpetzt werden sollte und dann eine Abmahnung bekam. Mein Bruder konnte keinen verpetzten, weil er erst lange, nachdem etwas passiert war, darüber reden konnte und so wurde er bei einem Streit ständig verpetzt und ins Büro des Werkstattleiters oder Gruppenleiters zitiert. In einem Fall drohte man ihm mit Ausschluss von der Werkstatt, weil er mit Kollegen in der Pause „rumgealbert“ hatte, das war jedenfalls seine Intention. Dabei berührte er zufällig beim Kitzeln den Busen einer Kollegin.
    Abgesehen davon merkte er immer wieder, dass er anders war, dass er nicht Autofahren, Medizin studieren, in einem Studentenwohnheim leben konnte (Autofahren und im Studentenwohnheim wohnen wie die Geschwister, Medizin studieren, weil er immer Arzt werden wollte), dass er nicht alleine wie die Geschwister losgehen durfte zum Sport etc. (es hatte einige bedenkliche Vorfälle gegeben), dass er nicht lesen konnte, über Bücher oder Zeitungsartikel reden konnte, dass man bei Tisch oder unterwegs entweder mit ihm oder miteinander redete – weil er an vielen Gesprächen nicht teilnehmen konnte. Dass er noch nicht mal einfach einen Witz erzählen konnte, weil er sich den Verlauf nicht merken konnte. Dass er so vieles nicht verstand, das ihm extra noch mal erklärt werden muss, worüber andere aber sprachen.

    Das Schlimmste aber: Solange die Eltern da sind und das Kind als ihren Job betrachten, kann das Kind gut leben. Es kann zu Hause wohnen (Wohnheim = 10-Quadratmeter-Zimmer,. strenge Regeln, besonders von Mitbewohnern, die Regeln als fest zementiert wahrnehmen), es kann dort seine Eigenheiten ausleben, Aufmerksamkeit erhalten, mit einbezogen werden.
    Was ist, wenn die Eltern irgendwann sterben? Wohnen bei den evlt. vorhandenen Geschwistern? Was, wenn die Geschwister ein Lebensmodell haben, das nicht dazu passt, z.B: einen Job, der häufige Abwesenheit von zu Hause bedeutet? Oder die Verantwortung einfach nicht wollen?
    Aus dem Wohnheim musste ich auch viel Trauriges und Unfassbares hören. Einmal wurde eine Bewohnerin im Winter im Schlafanzug zur Arbeit geschickt, weil sie sich nicht rechtzeitig angezogen hatte…

    Meine Mutter hat tatsächlich dafür gebetet, dass ihr Sohn vor ihr stirbt. Es trat dann schneller ein, als sie sich das gedacht hätte.
    Diese Aussage klingt erst mal ungeheuerlich.
    Für sie standen aber ernste Probleme im Raum: Ihr Leben und das ihres Sohnes war besonders in den letzten Jahren aufeinander abgestimmt. Sie gab für ihn viel mehr Geld aus, als er verdiente. Allein schon eine Hose kostete 130 € (Übergröße und Anpassungen der Beinlänge durch Schneider). Er bekam ca. 120 € im Monat. Er hatte nicht viele Wünsche, aber Essen war wichtig, die beiden gingen jeden Tag raus, Eisessen, etwas Trinken, Bratwurst essen. Er kaufte Wurst, Joghurtgetränke usw. Hin und wieder ging er gern ins Kino. Die gesamte Kleidung war sehr teuer. Das alles hätte er sich nicht von den 120 €, die ihm zustanden, kaufen können.
    Hin und wieder war er im Wohnheim, für ein Wochenende als Urlaub oder wenn es keine Alternative gab. Das machte ihm einerseits Spaß, da er Leute um sich hatte, die ähnlich tickten wie er, mit denen er kichern konnte etc. Aber es war auch großer Stress, weil er Eigenheiten hatte, die für andere schwer zu ertagen waren (Fernsehsendeungen sehen, laut mit Spielfiguren sprechen und dabei auch schreien, jaulen, jubeln etc. über Stunden – er brauchte das, weil er dann mehr Luft bekam). Er musste für diese Eigenheiten mehrere Stunden am Tag allein im Zimmer sein.
    Und dann musste er den Kühlschrank teilen und andere Mitbewohner meckerten, wenn er sich einfach – wie er es von zu Hause kannte – etwas rausnahm. Das wurde vorher nicht geklärt.
    Er schaffte es trotz mehrmaligen Besuchen nicht, ein richtiges Vertrauensverhältnis zu einem der Betreuer aufzubauen. Es gab viele Missverständnisse. Wenn so etwas zu Hause passierte, was meist ich es, die über eine Stunde mit ihm redete, viele Detailfragen stellte, rausfand, was passiert war und das dann dem entsprechenden Menschen (oft Gruppenleiter der Werkstatt) mitteilte (seine Seite der Geschichte). So sollte er einmal Urlaub machen mit Kollegen, und ein Zimmer mit jemandem teilen. Kurz vorher wurde er immer aggressiver. ERst wenige Tage vor der Abreise konnte wir durch intensives Nachfragen feststellen, dass der angepeilte Zimmerpartner ihm seit einem halben Jahr jeden Morgen nach dem Aussteigen aus dem Bus auf den Hintern schlug. Er konnte das niemandem mitteilen, weil beim Nachhausekommen schon so viel passiert war, dass er nicht sofort daran dachte und er konnte es nicht einfach so sagen, ohne dass jemand nachfragte.

    Irgendwann waren wir im Urlaub und es gab dort Shows mit Animateurinnen. Er verliebte sich in eine von denen – mit ca. 12 Jahren – und war ständig hinter ihr her, wartete auf sie usw. Meine Eltern ließen das zu, weil er am Urlaubsort ohne Bedenken frei herum laufen konnte, was zu Hause nicht so möglich war. Als wir nach Hause fuhren, hatte er einen Plan, dass die Animateuerin in sein Zimmer einziehen sollte. Das meinte er ernst. Als wir ihm sagten, dass das nicht ginge, wurde er krank. Seitdem war sein heißer Wunsch: Einmal wie sie auf der Bühne stehen.
    Er wünschte sich zu Weihnachten ein Mikrophon, einen Wunsch, den ich unterstützte, da er sonst nie Wünsche äußerte. Erst kurz vor Weihnachten kam raus: Er wollte nicht, wie ich dachte, Sänger spielen, sondern er glaubte, dass, wenn er wie ein Profi ein Mikrophon hatte, er mit der Animateuerin auf die Bühne dürfte!

    Irgendwann durfte er im Rahmen der Werkstatt nach so und so viel Jahren auf die Bühne! Dort wurden Mitarbeiter geehrt, die eine bestimmte Anzahl an Jahren dort gearbeitet hatten. Ich war dabei als Zuschauerin. Monatelang hatte er sich darauf gefreut, hatte ein Gedicht geprobt, dass er aufsagen wollte. Er war eigentlich jemand, der gut improvisieren konnte, der gern im Mittelpunkt stand und „eine Show“ lieferte. Dann kam der große Abend: Es gab Reden von Sponsoren etc. und irgendwann wurden die Mitarbeiter einzeln auf die Bühne gerufen. Ihr Mirko stand ganz am Rand der Bühne und sie bekamen sehr wenig Redezeit; der Werkstattleiter kommentierte für die Gäste (Eltern, vor allem aber Sponsoren) fast gehässig ihre Wünsche: Da hatte sich einer Bettwäsche gewünscht, die ihm überreicht wurde mit dem Kommentar „was Praktisches, hihi!“ Es wurde nicht bedacht, dass dieser Mensch so wenig verdiente, dass vielleicht Bettwäsche für ihn teuer war oder was so ein Wunsch aussagte. Und dann kam mein Bruder. Teilweise wurde den Leuten das Mikro aus der Hand genommen. Er trat ans Mikro, wollte sich für das Gedicht sammeln, verhaspelte sich, wurde wieder runter komplimentiert. Eltern von Grundschülern hätten sich jetzt beim zuständigen Lehrer beschwert, wir konnten nichts machen, es war ja für alle so, es war ihr normaler Ablauf (meine Eltern hatten schon vorher sehr viele einfache Vorschläge eingebracht, die alle ins leere liefen).
    Bis heute verstehe ich nicht, warum Betreuer nicht diesen Abend so gestalten konnten, dass jeder Raum, Zeit und die Mitte der Bühne für sich hat, dass man vielleicht mal vorher übt, was man sagen will, wie man auf der Bühne steht etc. Dass einmal diese Leute, die sonst immer zuschauen musste, wirklich Mittelpunkt waren.
    Dann war das Chorsingen, für das mein Bruder ein Jahr lang übte. Auch hier wieder: Werkstatt-AG, kein Jugendchor für alle.
    Es wurde ein plattdeutsches Lied ausgesucht (WARUM?!). Für meinen Bruder war es wie Chinesisch. Er übte ein Jahr mit meiner Mutter, jedes Wort wurde erklärt, immer wieder gesungen. Dann kam der große Abend. Der Chor war in einem Erker im Essraum platziert, er wurde nur den vier Menschen angekündigt, die gerade dort standen und die meisten hörten nicht mal zu. Es gab zwei Reihen: Vorne saßen die Rollstuhlfahrer – mit Text. Hinten standen alle ohne Rollstuhl – mit Text. In der nicht geplanten dritten Reihe stand mein Bruder – als Einziger ohne Text! Alle sangen das Lied – außer ihm! Ihm war klar, dass er als Einziger den Text nicht sicher beherrschte. Es gab lauwarmen Applaus, alle verstreuten sich. Kein Lob des Chorleiters. Auch hier wieder: Warum konnte man das nicht groß ankündigen, an einem Ort platzieren, an dem mehr Leute zugehört hätten, warum konnte man nicht ein Lied wählen, dass jeder verstehen konnte, warum stellte keiner sicher, dass jeder das Lied auswendig konnte?
    Wieder wurde ein Jahr geübt, um dann enttäuscht zu werden.

    Bestätigung bekam mein Bruder außerhalb der geschützten Räume: Wenn er mit meinen Eltern unterwegs war, lernte er viele Leute (meist Verkäufer, Kellner etc.) kennen, von denen einige ihm die Chance gaben, einmal zu „kellnern“, im Laden zu helfen etc. für ein paar Minuten. Endlich jemand, der ihm zeigte, dass er anerkannt und wirklich gebraucht wurde. Wir lernten einen „singenden Wurstverkäufer“ kennen, der einmal im Jahr zu einem Dorffest kam. Wir lernten ihn kennen, weil mein Bruder dort Wurst kaufte und sich begeistert mit dem Mann unterhielt. Der erfuhr von dem Wunsch meines Bruders, zu singen, und machte ihn wahr: Er übte ein Jahr „Wir lagen vor Madagaskar“ und sang das mit dem Wurstverkäufer auf der Bühne vor einem großen Publikum, das begeistert applaudierte. So etwas sollte eigentlich in den geschützten Werkstätten oder der Schule realisiert worden sein!

    Jetzt stelle man sich vor, was passiert wäre, wenn meine Eltern gestorben wären: Wir Geschwister hätten ihn nicht aufnehmen können und wenn, wären nicht auf so ein Leben vorbereitet gewesen. Das Wohnheim wäre eine noch schlechtere Alternative gewesen. Er hätte das Gefühl bekommen, nicht nur seine Eltern, sondern auch seine Freiheit und Anerkennung zu verlieren.
    In den meisten Fällen waren Betreuer oder Busfahrer Quelle von Schwierigkeiten und Demütigungen gewesen. Es gab noch wesentlich mehr als hier aufgezählt, TROTZ unserer Intervention. Es gab so viele Enttäuschungen, Demütigungen, Drohungen, Situationen, in denen er allein gelassen wurde (in einem Fall drohte mal ein Busfahrer eines Busses, der von der Werkstatt nach Hause fuhr, also Johanniterbus, jemanden im Winter auf offener Landstraße auszusetzen, wenn er dies und jenes nicht unterließe. Das ist ja fast lebensbedrohend für jemanden ohne Handy und Ortskenntnis!).

    In meiner Kindheit verband ich mit meinem Bruder: Frust! Alles durfte er, nie durfte ich mich wehren. Er war aber auch frustriert und malte die Wände meines Zimmer an oder zerstörte meine Deko, weil ich Hausaufgaben hatte (er nicht), weil ich alleine Fahrrad fahren durfte, weil ich Freunde besuchen konnte (seine Klassenkameraden wohnten im Umkreis von 30 bis 50 km und Besuche waren selten), weil wir zum Sport gehen konnten und er nicht, weil wir still Bücher lasen, die er nicht lesen konnte, englische Lieder hörte, die er nicht verstand, weil meine Eltern mit uns lange Diskussionen/ Gespräche führten, was mit ihm nicht möglich war. Als Kind (bis ca. 10 Jahren) sagte er am Tisch oft: Ich will auch mal was sagen! Wenn dann alle ruhig waren sagte er „… Seisse!“ (Scheiße) – weil dann alle lachten. Das Problem war, dass nicht wusste, was er sagen konnte und auch nicht fähig war zu diesem Zeitpunkt, das in ganzen Sätzen zu tun. Andere sagten etwas und bekamen eine Antwort, es entstand ein Gespräch. Er musste um Ruhe bitten, weil er erst lange „ansetzen“ musste und konnte nichts sagen, das zu einem Gespräch führen könnte.
    Er merkte: Die Geschwister gehen zu Freunden, haben Hobbys außerhalb des Hauses, lesen, nehmen Fahrstunden, könnten alleine nachts weggehen, können spontan Freunde einladen, ziehen aus (das war ganz bitter: „Wann ziehst du denn wieder ein?!“), machen alleine Urlaub. Er nicht. Die Geschwister haben Freunde, die sie attraktiv finden; alle Mädchen, die er attraktiv fand, interessierten sich nicht für ihn, weil er auf Modells stand. Und dann sagte man „magst du keine von deinen Kollegen?“ – aber die Kollegen mit Behinderung merken natürlich auch, dass alle anderen Kollegen eine Behinderung haben, anders als die Leute im Fernsehen, die sie in Liebesfilmen sehen. Immer wieder musste man ihm sagen, „nein, das wäre nicht gut/ das geht nicht/ du kannst das nicht“ – dich bei einer Partnerbörse anmelden zum Beispiel. Alleine mit der Freundin Abendessen, ohne Begleitung. Alleine Busfahren (und auch wieder nach Hause finden).
    In der Werkstatt war es so, dass viele der mehr konnten als andere, das ausnutzten, um diese zu bestehlen oder zu ärgern. Meinem Bruder wurde über längere Zeit das Pausenbrot gestohlen und das Geld für den Kiosk. Nachdem er das endlich sagen konnte, machte meine Mutter mit ihm einen Plan, den sie ihm einschärfte: Sie würde hinter dem Bus herfahren und ihm folgen, er dürfte das aber nicht sagen. Er schaffte das auch und so konnte den Mitarbeiter, der ihm am Spind Geld und Brot abnahm, auf frischer Tat erwischen und ins Büro des Leiters bringen. Nachdem das ein halbes Jahr so gelaufen war. Natürlich hatte der Dieb wohl auch Probleme, warum sonst nimmt man jemandem das Brot weg? Aber solche Sachen waren möglich, weil keiner darauf schaute und sich viele nicht wehren oder es nicht melden konnten. So etwas passierte mehrfach in ähnlicher Form.
    Was, wenn keiner da ist, der sich dafür interessiert und interveniert, wenn man ganz alleine dasteht und lernt, dass jeder einem alles wegnehmen kann und man nichts dagegen machen kann?

    Heute ist es etwas besser, die Leute dürfen außerhalb der Werkstatt arbeiten, man achtet mehr darauf, dass sie lesen lernen usw. Aber immer noch merken sie im Alltag sehr oft: Ich kann das nicht, ich verstehe das nicht, alle anderen aber schon! Ich verdiene nicht, was alle anderen haben (eine hübsche Partnerin, mit der ich alleine leben kann). Mit mir spricht man anders als mit anderen.

    Mein Bruder verbrachte die letzten drei Wochen seines Lebens im Krankenhaus; wir waren ca. 70% der gesamten Zeit immer da (abwechselnd tagsüber und nachts). Und trotzdem passierten so so viele Ungeheuerlichkeiten, dass man 10 Seiten nur damit füllen könnten. Du liegst im Krankenhaus und die Ärztin sagt direkt vor dir, „wenn wir ihm die Sauerstoffmaske jetzt abnehmen, dann stirbt er!“ (An dem Punkt bin ich mit der Ärztin rausgegangen und habe darum gebeten, dass so etwas nicht mehr vor ihm gesagt wird. Es war sein erster Tag im Krankenhaus!).
    Du hebst du Arme, um zu signalisieren, dass du etwas sagen möchtest und man dir bitte die schwere Sauerstoffmaske abnimmt. Ein Pfleger drückt deine Arme gewaltsam aufs Kissen und sagt zu jemand anderem im Raum: „Wenn er damit nicht aufhört, kann ich ihm die Hände auch festbinden!“ Du möchtest nachts auf Toilette und dir wird gesagt, wenn das nach 11 Uhr nachts ist, musst du eine Bettpfanne bekommen (und du verzichtest dann auf den nächtlichen Toilettengang). Du musst auf Toilette und der Pfleger vergisst, dass du mit dem Katheter noch am Bett hängst… Du musst auf Toilette und der Pfleger wischt dir den Hintern so intensiv ab, dass du wild um dich schlägst und von dem Schmerz fast ohnmächtig wirst. Pfleger zuckt mit den Schultern. Du bist eigentlich Brillenträger, aber keiner gibt dir deine Brille, so dass du nur verschwommen sehen kannst. Du sollst eine Tablette nehmen und als das nicht schnell genug geht, hörst du, „Ich kann ihm die Tablette auch mit Gewalt verabreichen!“
    Du hast nachts Krampfanfälle, die dir Angst machen und drückst 20 min den Knopf (dann bin ich rausgegangen und habe laut gerufen) – es stellt sich raus, dass dein Notrufknopf ausgestöpselt wurde, weil du wohl zu oft vorher auf Toilette wolltest.

    Usw.

    Wenn das jemandem passiert, der alleine ist, der keine Verwandten mehr hat, die sich für ihn einsetzen und der als „stumm“ gilt, weil er behindert ist – über meinen sehr kontaktfreudigen Bruder wurde in der Aufzeichnung für andere Pflegekräfte vermerkt „die Familie bringt ihn zum Sprechen“ – also hatte ihn keiner so angesprochen, dass er antworten konnte), dann sieht es düster aus. Dann wird es immer schlimmer werden, weil keiner die Beteiligten auf mögliche Fehler aufmerksam machen kann. Wenn das im Zweifelsfall 20, 30 oder 40 Jahre (nach dem Tod der Eltern oder Angehörigen) so weiter gehen kann, sieht dein Leben düster aus.

    In dem Fall wäre vielleicht wirklich eine frühe Abtreibung besser gewesen?

    • An Frederica,

      Ich kann es gar nicht fassen das eine Abtreibung besser gewsen sein soll. Die Dinge die sie beschreiben, haben nichts mit der Behinderung deines brudes zu tun sondern könnten jedem andren auf dem Planeten passiert sein.
      Wenn ich denke was meine Oma aus ihrer Kindheit erzählt, welche Horrorstorys von Lehrern und sonstigen Autoritätspersonen meinen Eltern passiert sind.
      Mein Standpunkt ist ein ganz ein anderer ( ich selber arbeite als Heilerzieherin in einem Heim )
      Zu jedem negativen Beispiel das sie beschreiben ( im Bezug auf Heime und Instutionen ) gibt es einen Gegenpol. Es gibt sehr sehr gute Pfleger und Erzieher in Heimen. Ich als ( nebenberufliche ) Praxislehrerin begleite jenge Menschen in Erzieherberufen in den Start ins Berufsleben, und hab schon soviel Potential gesehen, dieses junge Menschen, die sich mit 15 – 18 Jahren für so einen Beruf entscheiden, haben meistens so viel zu geben, und sind von ihrer Berufung!! überzeugt!!!!!!!
      Denken Sie doch mal nach, hat ihr Bruder nichts positives im Leben gehabt?
      Wie sah sein Tag aus? Wann ist er aufgestanden? Was hat er am liebsten gefrühstückt? Wie ist er in die WFBM gefahren? Hatte er dort gute Freunde? über was hat er sich mit ihnen unterhalten? Vermissen ihn diese jetzt? Neben wem saß er beim Mittagessen? Über was haben sie gesprochen? Worüber hat er sich gefreut? Worüber hat er geweint? was war sein Lieblingskleidungsstück? Was sah er am liebsten im Fernsehen? Ging er gerne Spazieren ? usw.

      DAS sind die Dinge auf die man einfach aufbaut. Die Ansprüche sind einfach andere.
      Ich kann mir nicht vorstellen das es nichts, komplett nichts negatives gab im Leben ihreres Brudes.
      Wir können ( Gott sei Dank ) nicht entscheiden welches Leben lebenswert war und welches nicht. Das liegt nicht in unserer Hand dafür bin ich dankbar.
      Ich bin froh die andere Seite auch zu kennen.

      • Danke, dass du es getan hast, ich hatte nicht die Kraft auf diesen Kommentar zu antworten, hätte aber gerne all deine Punkte hier hinterlassen, der Kommentar hatte mich total schockiert. Das ist diese Logik, die die Welt zu grunde gehen lässt, denn wie du schreibst sind Umstände verbesserbar und mit diesem Wissen können wir neue Bilder malen und die Gegenpole ausbauen!
        Lovis

  2. Hallo Mareice,
    als bisher stille Leserin und Bilderguckerin mag ich heute ein kleines Dankeschön hier lassen!

    Habe gerade deinen Filmtipp „Nur eine Handvoll Leben“ geschaut.
    Ein bewegender Film. Ein trauriger Film. Ein wunderbarer Film. Über den Tod und das Leben. Die Hoffung und den Glauben an das Leben!

    Herzliche Ostergrüsse, Vanessa

  3. „Nur eine Handvoll Leben“ habe ich auch gesehen. Sehr emotionaler Film, der endlich mit dem gängigen „Oh du liebe Güte! Das Kind ist behindert! – Abtreiben!“-Klischee in Filmen bricht, was ich leider meistens in Filmen sehe. Außerdem war die Mutter ausnahmsweise schon älter, was auch nur selten in anderen Filmen so ist (zumindest in denen, die ich kenne).
    Zwar kann ich absolut nicht beurteilen, wie realitätsnah der Film ist, aber ich persönlich fand ihn einfach nur klasse.

  4. Unsere Wege führen uns oft an den Bussen von Mosaikwerkstätten und Lebenswelten vorbei, immer die selben Fahrer_innen, immer die selben Fahrgäste. Wir arrangieren uns mit Kinderwagen und Rollstuhl auf dem engen Gehsteig. Es gibt also jeden tag Blickkontakt und mittlerweile natürlich auch ein freundliches Hallo, beiderseits.
    Gegenüber ist eine Arztpraxis, sie machen dort Substitution und auch eine spezielle Therapie für eine Erkrankung, die denke ich spastisch ist, jedenfalls ist es im Wartezimmer immer lustig…Inklusion life…
    Eine zeit lang haben wir immer wieder einen jungen Menschen mit seiner Pflegeperson getroffen; ich habe mich durch die vielen Begegnungen mit Menschen, die nicht „normal“ sind und aussehen, in speziell angefertigten elektrischen Rollstühlen so selbstbestimmt wie möglich agieren, angewöhnt, sie nicht nur nicht anzustarren und die Fragen der Kinder ganz normal zu beantworten, sondern diesen Menschen genau wie den Busfahrenden, ein freundliches erliches Hallo engegenzustrahlen. Ein Lächeln, ein warmes. Mir kann ein Lächeln viel geben, das merke ich immer wieder und ich verschenke es auch gerne. Nun treffen wir die beiden immer wieder, sie müssen dann immer die gleiche Straße runter, wir liefern uns nun manchmal ein kleines holpriges Wettrennen. Ich bin dankbar für diese Erfahrungen, die ich mit meinen Kindern machen darf. Und es ist auch schön die Freude in den Augen und im erwiederten Lächeln zu sehen, es schenkt auch mir Wärme.

  5. Liebe Kaiserin,

    Danke für deine Beiträge, meine Große war kerngesund, entspricht der Norm, für die sich zwei Drittel der Schwangeren entscheiden. Nachdem sie gestorben ist, hat mich eines sehr beschäftigt, hätte ich sie durch die Wiederbelebung nur zurückholen können, egal mit welchen folgen, solange sie glücklich ist, ist alles andere unwichtig, auch wenn ich mich mein Leben lang hätte um sie kümmern müssen, dürfen, ich werde sie immer lieben, wie sie ist, ob gesund, beeinträchtigt oder tot.
    Der verlinkte ZEIT-Artikel behandelt noch ein Thema: 90% der als „behindert“ diagnostizierten Kinder werden abgetrieben, auch nach der 14. SSW. Schon vor Jahren fiel mir der Verfassungsbruch auf. In unserem Grundgesetz steht, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Dazu möchte ich sagen, dass ich nicht gegen Abtreibung bin, ich bin der Meinung, dass es das Recht einer jeden Schwangeren ist, über ihren Körper zu verfügen! Mir geht es hier über die Wertung von Leben, das eines vermeintlich „gesunden“ Ungeborenen und das eines beeinträchtigten Ungeborenen! Es ist traurig, dass es eine Pränataldiagnostik-Debatte gibt, aber sobald die befruchtete Eizelle angedockt ist, ist es vollkommen selbstverständlich ein Kind mit Trisomie 21 abzutreiben, das ein glückliches, für seine Umwelt bereicherndes Leben führen könnte.
    Ich kenne ein Kind, das in der 27. ssw zur Welt kam, sie ist großartig und durch die natürliche Geburt, mit Wehen und Sectio, im Vollbesitz seiner Menschenrechte. Alles an medizinischen Wundern stand ihr zur verfügung. Das wäre auch so gewesen, wenn sie eine vorher unentdekte Beeinträchtigung gehabt hätte! Eine Beeieinträchtigung, die es rechtfertigt ein Kind in der gleichen SSW abzutreiben… das hat mir sehr zu denken gegeben! Es herrscht hier so ein schizophrener Bürokratiefaschismus.
    Ich kenne zwei Inklusionsfamilien, beiden würde nie in den Sinn kommen, das Leben ihrer Kinder unterschiedlich zu werten!
    Lovis

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