Vom (Buch-)Schreiben

by Kaiserin

„Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Eltern auch tausend Fragen haben an dich, so wie ich“, schreibt meine Freundin Pamela mir Ende 2013 per SMS. „Wie sieht euer Alltag aus mit Kaiserin 1? Das wollen bestimmt viele wissen und trauen sich nicht zu fragen. Berührungsängste und so.“ Die Idee für mein Blog war geboren. Zu Ostern 2014 ging das Kaiserinnenreich online. Ich erzählte Geschichten aus unserem Alltag zwischen Kita und Krankenhaus, Pflege und Job, Sorge und Glück. Schon nach kurzer Zeit konnte ich mir nicht mehr vorstellen, nicht zu bloggen. Das Schreiben wurde zu einem Teil meines Lebens, mit einigen Texten schrieb ich mir die Wut aus der Seele, mit manchen den elterlichen Stolz, die Freude und die kleinen und großen Glücksmomente. Schon nach kurzer Zeit bekam ich Fernwärme zurück in Form von Mails und Kommentaren.

Das Schreiben bedeutet mir immer mehr. Schreiben ist meine liebste Reflektionsmöglichkeit, mein Ventil, meine Dokumentation. Für mich ist es – neben dem Sprechen – die beste Art, meine Gedanken zu sortieren. Gleichzeitig entsteht online ein Austausch mit anderen Blogger_innen und Leser_innen, der mittlerweile zu meinem Alltag gehört. Antje Schrupp beschreibt das auf ihrem Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ so: Dieser kleine, tägliche, unspektakuläre Austausch ist für mich inzwischen so eine Art Werkzeug meines Denkens geworden, ein Tool, auf das ich nicht verzichten möchte. Denken funktioniert ja nicht im abgeschlossenen Gehirn einer isolierten Persönlichkeit, sondern im permanenten Austausch mit der Welt und mit anderen Leuten. 

Dabei entspreche ich ganz und gar nicht dem Bild der romantisch schreibenden Autorin, die selig lächelnd am Schreibtisch sitzt und einen Text nach dem anderen raushaut. Schreiben ist für mich nicht nur überlebenswichtig, sondern vor allem auch anstrengende Arbeit. Es verhält sich mit dem Schreiben bei mir wie mit dem Bügeln: Ich hasse es, zu bügeln – aber ich liebe es, gebügelte Anziehsachen zu tragen. So freue ich mich immer, wenn ein Text fertig ist. Auch wenn der Weg dorthin oft ein kleiner, manchmal auch ein großer K(r)ampf ist – das Ergebnis macht mich glücklich.

VomSchreiben

Bügeln und Schreiben – mit Liebe fürs Ergebnis.

 

Die letzten Monate des Jahres 2015 habe ich hauptsächlich schreibend verbracht. Oder, genauer: Das Internet bis zur letzten Seite durchlesend und die letzten Minuten des Arbeitstages dann doch noch ein paar Seiten schaffen. Das Ziel lag gefühlt unerreichbar vor mir: Ein Buch. Mein Buch. Ein Buch, das aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter erzählt. Kurze Zeit nachdem das Manuskript fertig ist, stirbt Kaiserin 1.

Und dann?

Trauer.

Nichverstehenkönnen.

Nichtverstehenwollen.

FragenohneAntworten.

Überforderung.

Perspektivlosigkeit.

Versteckenwollen.

Dünnhäutigkeit.

Sinnsuche.

Trauer.

„Dein Buch ist ein Plädoyer für das Leben mit deiner Tochter. Ihr Tod ändert daran für mich nichts“, sagt meine Lektorin irgendwann am Telefon – und ich entscheide mich für die Veröffentlichung. Für unsere Familiengeschichte, die mich geprägt hat. Für das Buch über das Leben mit einem behinderten Kind, meinem behinderten Kind. Für das Buch über meinen Weg als berufstätige Mutter mit besonderen Herausforderungen. Für das Buch über meine Entdeckung des Feminismus. Für das Buch über die Geburt eines Kindes, zu der fast niemand gratuliert. Für das Buch über unsere bürokratischen Kämpfe, stärkende Freundschaften, dumme Sprüche und bedingungslose Liebe. Für die Liebe zu meiner Tochter und zum Leben.

 

>>Alles inklusive<< erscheint am 24. November 2016 im S. Fischer Verlag.

 

 

55 Kommentare zu “Vom (Buch-)Schreiben

  1. Warum ich mit meinen über 25 Jahren Erfahrung, Mutter eines behinderten Kindes zu sein, gerade von dir gerne etwas Neues erfahre? Ich weiß es nicht, kann es mir nicht erklären. Vielleicht ist es die Art, wie du schreibst. Vielleicht ist es das Kompensieren von Erfahrungen und wie du damit umgehst. Vielleicht ist es dein Respekt, wie du deines schreibst und uns behutsam damit konfrontierst. Mit etwas konfrontierst, was für einige deiner Anhänger Realität ist, wurde oder wird, aber ohne diesen Touch „Selbstmitleid“ und es versuchen mit Schreiben zu kompensieren. Sicher schreibst du, um zu verarbeiten, aber du schreibst mit soviel Respekt und Wertschätzung an dein eigenes Leben, deiner Kinder und am Ende auch für uns betroffene Mütter und sicher auch Väter im Netz. Ich wünsche dir, dass dein Buch für seine Leser nachhaltig wirkt. Kein Leben ist umsonst. Alles hat seine Zeit und seinen Sinn. Liebe Grüße, Kirsten (Moderatorin und Mitglied im Fachbeirat von (www.intakt.info)

  2. „Fragen, die uns alle angehen“ – oh ja! Ich freue mich schon heute auf das Buch!

    Die Welt der Elternblogger entdeckte ich erst um die Jahreswende herum und dein Blog ist einer derjenigen, die ich gerne zum Lesen empfohlen habe, auch beruflich gesehen. Ich war tief beeindruckt davon, wie hier und in anderen Blogs gemeinsam um Kaiserin 1 getrauert, ihrer gedacht und ihr dadurch euren Weg nicht ganz alleine gehen musstet. Ich hoffe jedenfalls, dass es sich auch für dich so anfühlte.

  3. Liebe Mareice,
    ich freue mich schon sehr auf Dein Buch und ich bin immernoch sehr traurig darüber, dass Kaiserin 1 gestorben ist, etwa dann, wenn ich über die Leerstelle lese oder so wie heute auf dem Weg nach Berlin bin.
    Herzliche Grüße,
    Heike

  4. Lieber Kaiserin,

    ich weiß nicht, was es heißt ein behindertes Kind zu haben.
    Ich weiß nicht, was es heitß sein Kind zu verlieren.

    Aber alleine die Vorstellung sein Kind zu lassen treibt mir die Tränen in die Augen und lässt mich mein Kind ganz, ganz, ganz feste umarmen.

    Es ist schön das du dich entschlossen hast das Buch zu veröffentlich, ich kann mir vorstellen dass es für Eure kleine Kaiserin ein ganz wertvoller, elementarer Erinnerungsschatz wird.

    Fühl dich gedrückt!

  5. Liebe Mareice
    das war eine schwere Entscheidung, doch mir scheint deine Tochter wird auch durch das Buch in vielen Herzen sein.
    Alles Liebe für dich und deine Familie,
    Corinna

  6. Hallo Mareice, immer wenn ich deinen Blog besuche kullern unwillkürlich die Tränen. Vor Bewunderung, Rührung und oft auch Fassungslosigkeit. Habe den größten Respekt vor dir, deiner Einstellung, Stärke und deinem Talent.
    Bin froh, dass du dich für das Buch entschieden hast. Dieses Geschenk habt ihr, also du und deine Tochter, euch gegenseitig gemacht. Damit kann sie, auch wenn sie leider ein viel zu kleines Leben geführt hat, sicher noch die Gedanken und das Herz vieler Menschen bereichern 🙂 Alles Gute für dich und deine Familie, Michi

  7. Liebe Mareice,

    ich freue mich jedes Mal, wenn ich hierher wiederkomme und einen neuen Beitrag lesen darf. Dich und Deine Familie über diesen Blog ein Stück weit aus der Ferne „begleiten“ zu dürfen, ist ein Geschenk, das mich immer wieder berührt und begeistert. Berührt, weil mich viele Geschichten auch traurig machen – auf der persönlichen und gesellschaftlichen Ebene. Und begeistert, wie wunderbar und schön sie das Leben feiern, in jeder Facette, so stark, so wechselhaft, so liebevoll und so voll Wärme und Wahrheit.

    Ich bin unendlich froh, dass Du Dich für die Veröffentlichung entschieden hast, und freue mich sehr auf das Buch! Herzliche Grüße,
    Beatrix

  8. Liebe Mareice,
    ich lese schon länger deinen Blog und bin schon sehr gespannt auf dein Buch. Als Mama eines CHARGE-Mädels kenne ich nur zu gut die vielen Sorgen, aber auch Freuden rund um ein besonderes Kind. Gleichzeitig kann ich mir gar nicht vorstellen wie schmerzhaft der Verlust von eurer Kaiserin gewesen sein muss. Es tut mir unendlich leid, dass sie viel zu früh gehen musste.

  9. Liebe Mareice,

    Dir gratuliere ich zu Deinem Buch und bin schon sehr gespannt auf den November, wenn man es kaufen kann. Ich fragte ich mich im letzten Jahr, wann Du wohl ein Buch schreiben wirst, da warst Du anscheinend bereits mitten im Schreiben. Ich freue mich schon darauf, es bald lesen zu können.

    Liebe Grüße!

  10. Liebe Mareice.
    Vielen Dank für das Schreiben. Es hat mir viel über das Leben mit (d)einem behinderten Kind erklärt und dafür danke ich dir. Und das Buch, wow das ist klasse! Gut, dass es erscheinen wird.
    Ich sende Dir liebe Grüße
    Katja

  11. Ich freue mich jetzt schon auf Dein Buch! Wie schön, dass Du Dich für die Veröffentlichung entschieden hast und uns dadurch an Eurem Leben und der Liebe zu Eurer Tochter teilhaben läßt.
    Das ist mutig und stark, wenngleich Du Dich sicherlich in vielen Momenten nicht so fühlst.
    Ich denke oft an Dich obwohl wir uns nie begegnet sind und ich wünsche Dir, dass Du Dich in Deiner Trauer gut begleitet fühlst.
    Alles Liebe!
    Tina

  12. Liebe mareice, deine Art zu schreiben gefällt mir sowieso, und das, was du schreibst, berührt mich immer wieder. Ich freue mich sehr auf dein Buch!

  13. Ich gratuliere zur Veroeffentlichung deines Buches. Es war bestimmt eine schwere Entscheidung, aber ich denke, genau die richtige. A bittersweet Moment.

  14. Erstmal herzlichen Glueckwunsch zu Deinem Buch! Ich kann mir nur vorstellen, was fuer ein Kraftakt das gewesen sein mag. Ich lese Dich unheimlich gerne und freu mich schon sehr darauf, ein ganzes Buch von Dir vor mir zu haben! Ich hab’s schon mal gesagt, Du hast mir sowas von die Augen geoeffnet mit dem, was Du von eurem Leben so mit der Welt geteilt hast. Dankedankedanke.

  15. Toll! Danke Dir, dass Du eure Familiengeschichte und die Liebe zu Kaiserin 1 und 2 mit uns teilst, ich freu mich auf das Buch!

  16. Du bist so eine unglaublich starke Frau! Ich zolle dir meinen größten Respekt. Und dein Buch – das werde ich lesen! Ich will noch mehr von dir/von euch erfahren. Und vor allem von der kleinen Kaiserin!

  17. Liebe Mareice,
    heute bin ich zum erstem Mal auf Deinem Blog gelandet und werde jetzt nicht mehr gehen. Deine Worte berühren mich sehr und Dein Buch erwarte ich mit Spannung! Aber bis dahin werde ich mich erstmal durch Deinen Blog clicken. Da gibt es bestimmt genug Lesestoff für die nächsten Wochen.
    Herzliche Grüße,
    Tina

  18. Gänsehaut. Tränchen in den Augen.

    Danke fürs Schreiben und für die Entscheidung der Veröffentlichung.

    Ich freu mich drauf!

  19. Liebe Mareice, das alles hier ist so schön. Mutig. Traurig. Sehr traurig. Besonders. Ich bewundere dich!
    Danke an dich. Und danke, an das Schreiben. Und Glückwunsch zu deiner Familie, Und zu deinem Buch!

    Alles Liebe,
    Claudia

  20. Ich freue mich auf dein Buch und ich hoffe, dich wieder häufiger lesen zu können.
    Meiner Mutter bin ich heute besonders dankbar, sie hat mir beigebracht zu fragen, was sonst keiner fragt, hinzuschauen, wo sonst viele wegschauen- weil sie nicht gelernt haben einen behinderten Menschen in seiner Einzigartigkeit zu begreifen. Diese Form des: „sei einfach unverkrampft.“
    Behandele jeden Menschen, wie du selbst behandelt werden möchtest und wenn du unsicher bist: „lächle“ Strategie meiner Mutter hat mir viel geschenkt. Herzliche Erfahrungen, schmerzhaftes Glück, wenn eines der Kinder gestorben ist, die ich vor mehr als zwanzig Jahren in meinem Vorpraktikum in einer integrativen Kindertagesstätte betreut habe.
    Ich habe schon öfter darüber nachgedacht dich zu fragen, wie es dir jetzt und heute geht? Aber wir kennen uns nicht, ich habe zufällig in deinen Blog hineingelesen und habe aus der Ferne mit dir um Kaiserin 1 geweint. Die ich gar nicht kannte und irgendwie ja doch. Das habe ich mich bis heute nicht getraut.
    Ich denke oft an dich und bin gespannt auf dein Buch.
    Nina

  21. oh wow! ich ziehe ja schon lange und sehr tief verneigt meinen hut vor dir. herzlichen glückwunsch zu diesem mamutprojekt. ich bin sehr gespannt! deinen blog lese ich schon länger und mag deine schreib- und sichtweisen sehr. auch als nichtmutter eröffnen deine texte immer schöne perspektiven auf das leben mit und ohne. ich wünsche dir viel kraft, auf dass du auch weiterhin anderen menschen neue perspektiven schenken kannst!
    liebst,
    jule*

  22. liebe Mareice,

    Klingt es anmaßend, wenn ich sage, dass mir Kaiserin 1 fehlt? vermutlich ja, da ich sie ja gar nicht gekannt habe. Auf jeden Fall denke ich immer wieder an sie, an euch, und freue ich mich immer, von dir zu lesen. Daher habe ich auch direkt dein Buch vorbestellt.

    herzliche grüße unbekannterweise
    Anke

  23. Schön, dass du es veröffentlichst. Ich denke, es ist auch für alle Eltern ein wichtiges Buch. Für die, die“normale“ Kinder haben, für die, die um Normalität kämpfen müssen und für die, die erst noch Eltern werden wollen.

    Ich bin gespannt.

    LG Tina

  24. Und ich freue mich darauf!! So sehr! Du kannst stolz sein auf Dich und auf Euer gemeinsames Leben mit Kaiserin 1, die Dir so viele neue Seiten an Dir und an der Gesellschaft gezeigt hat! Bisou Alu

  25. Liebe Mareice,
    ich bin so unendlich dankbar und froh, dass du dich dazu entschieden hast, dein Buch doch zu veröffentlichen. Ich bin zwar keine Inklusionsmama, aber ich kann mir vorstellen, dass dein Buch Anker und Halt für andere Eltern in ähnlichen Situationen ist und ich möchte mich im Namen aller Mamas für deinen Mut bedanken. Bedanken für die Liebe zu deiner Tochter und zum Leben. Und dafür, dass du dem „Schrecklichen“ den Schrecken nimmst.

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