Leerstelle

by Kaiserin

Montag Morgen, schon wieder so spät dran. Hoffentlich schaffen wir wenigstens den Morgenkreis, denke ich. Zieh dir bitte schnell die Glitzerschuhe an, sage ich. Mama, der Helm, sagt Kaiserin 2. Wir stehen im Hof. Also nochmal hoch, in die Wohnung, den Fahrradhelm holen. Die Stufen wieder runter, immer zwei Stufen mit einem Schritt, schnell zum tapfer am Fahrrad wartenden Kind. Die Straße runter, Kaiserin 2 auf dem Fahrrad, ich laufend und keuchend hinterher. Sie wird immer schneller, immerhin jetzt, beim Endspurt Richtung Kita.

Beim Bäcker, Brezel zum Frühstück. Bitte nicht nur das Salz ablecken, beiß auch mal rein, sage ich. Blick auf die Uhr. Noch fünf Minuten, dann beginnt der Morgenkreis. Tasche, Helm, Kind, alles dabei, also los. Wir klingeln zwei Minuten vor zehn, noch kurz vorm bösen Erzieherinnen-Blick. Glitzerschuhe ausziehen, Hausschuhe anziehen. Kuss. Hab dich lieb, viel Spaß! Die Tür schließt. Ich atme durch.

Wechselklamotten ins Fach legen, Strickjacke an den Garderobenhaken hängen. Glitzerschuhe unter die Bank stellen. Während ich im Flur meine Tasche über die Schulter werfe, werden drinnen Kindernamen gesungen. Die Edda ist da, der Leon ist da, die Luise ist da, der Mohammed ist da. Guten Morgen, guten Morgen, wir klatschen uns zu.

„Wer fehlt denn heute?“, fragt die Erzieherin am Ende, wie jeden Tag. „Kaiserin 1 fehlt“, rufen mehrere Kinder im Chor. Ich schlucke.
Erzieherin: „Stimmt, Kaiserin 1 fehlt. Wisst ihr auch, warum?“
„Die ist gestorben“, rufen die Kinder fröhlich durcheinander.
„Eine Kerze für Kaiserin 1 anmachen“, fordert eines der Kinder.
„Ich will, ich will“, rufen alle durcheinander.

Ich schließe die Kita-Tür hinter mir, weinend und lächelnd.

 

36 Kommentare zu “Leerstelle

  1. Ganz ganz toller Beitrag, liebe Mareice. Ich lese hier schon seit etwa einem Jahr mit und liebe deinen bezaubernden Blog, du bist einfach tunderbar. Alles alles Liebe für dich und euch und ein segenreiches, liebevolles und kraftreiches neues Jahr <3

  2. Nie hat mich ein Text so weinen lassen wie dieser.

    Ich finde keine Worte, aber ich möchte sagen, ich war hier, habe das gelesen und gefühlt und stehe jetzt auf und zünde auch eine Kerze an.

  3. Nun sitze ich hier und die Tränen überrollen mich <3. So traurig. So schön.
    Du, eine der stärksten Frauen, die ich kenne – ich danke dir für all deine Worte, die du schon geschrieben hast und noch schreiben wirst. Ich werd beim Lesen wohl immer ein ehrfürchtiges Elefantentränchen im Augenwinkel haben

  4. <3 Ich denke ganz viel an Euch, dieser Beitrag hat mich sehr berührt.
    Viel Kraft und unendlich viel Liebe schicke ich Euch aus der Nachbarschaft!

  5. Es ist immer schwer, wenn ein Kind früh gehen muss.
    Unserer Familie ist das auch passiert, nur dass das Kind genau 30 Jahre alt war. Aber, durch das Downsyndrom, immer noch ein „Kind“, jedenfalls in der Familie.
    Der Tod kam plötzlich, nach 3 Wochen Krankenhaus und für einige von uns so plötzlich, dass wir es bis kurz vor Eintritt des Todes – beschleunigt durch Morphium, weil Gliedmaßen schon keinen Sauerstoff mehr bekamen – nicht glauben konnten.
    Wir sind eine kleine Familie, theoretisch gäbe es da noch mehr Verwandte, aber der Kontakt besteht seit Jahren fast gar nicht. Wir haben uns dann überlegt, eine Trauerfeier nur mit 5 Personen zu machen, von denen zwei extra anreisen mussten und zwei anderen Verwandten, die warum auch immer gekommen waren. Es gab Streit darüber, ob wir überhaupt eine Anzeige schalten sollte und wie diese aussehen sollte.
    Wir entschieden uns in letzter Minute dazu und kamen überein, nicht zu schauen, ob jemand gekommen wäre und wenn ja, wer.
    Meine Eltern leben getrennt, meine Mutter lebte mit meinem Bruder die letzten Jahre fast allein und lud keinen nach Hause ein. Er hatte keinen Freundeskreis, weil alle Mitarbeiter aus der Werkstatt weiter weg wohnten. Er hatte allerdings eine (feste) Freundin, noch rechtzeitig vor seinem Tod, ein großer Lebenswunsch ging da in Erfüllung.
    Da sein Problem das Laufen war und lange nicht klar war, warum dies ein Problem war – es standen verschiedene Diagnosen im Raum bis hin zu „keine Lust weil zu dick“ und „simuliert wegen Aufmerksamkeit“ – ging meine Mutter jeden Tag mit ihm raus. Eis essen. Einkaufen. Mit der Zeit lernte er viele Leute kennen, weil er an jedem Werbestand stehen blieb und mitverkaufte. Auch, wenn es etwas zu essen gab, kräftig zulangte. Mit der Zeit lernten die beiden so sehr viele Propagandistinnen von Käse- und Fleischständen kennen. Mein Bruder wusste, wann bei Ikea eine bestimmte Hotdogverkäuferin Dienst hatte und wollte genau dann dort hin – meine Mutter lief durch den Laden, er wartete mit etwas Geld am Hotdogstand. Dann durfte er auch mal Proben verteilen, Leute „anwerben“. Wenn die Verkäuferin nicht da war, stellte er sich vor den Fahrstuhl, drückte für jeden den Rufknopf. Hin und wieder schlief er auf den ausgestellten Sofas ein – ein frühes Symptom, das wir übersahen.
    Er kannte alle möglichen Verkäufer und Kellner beim Namen, sie ihn auch. Er durfte, im letzten Jahr, in einer Eisdiele „kellnern“ – die Leute nahc ihrer Bestellung fragen, und einzelne Eisbecher bringen, wenn er dort war. Wenn er irgendwo mit meiner Mutter war, suchte er sich immer eine Aufgabe – Sitzpolster abräumen, Müll wegbringen, leere Kartons im Supermarkt aus den Regalen entfernen, Leuten Proben an Probierständen schmackhaft machen. Einmal kam meine Mutter vom Einkaufen in einem Kaufhaus wieder – er hatte in einer Bäckerei davor gewartet – und er war weg. Stand vor der Bäckerei an einem Stand, an dem jemand etwas verkaufte für Krebskranke Kinder. Mein Bruder rief jedem auf der Straße zu, dass er kommen solle und etwas für die Kinder kaufen solle, der zuständige Mitarbeiter war ganz begeistert und sagte, in dieser halben Stunden hatte er mehr Interessenten als in den zwei Stunden davor.

    Und nun die Trauerfeier. Es ging damit los, dass er Pastor viele Anekdoten erzählte, die die Leute zum lachen brachten. Das ist sicher eher selten auf einer Trauerfeier. Am Grab kamen seine Kollegen aus der Werkstatt und umarmten jeden.
    Es waren insgesamt über 60 Leute gekommen. Leute, die wir nicht eingeladen hatten, Leute, die nur gekommen waren, um sich von ihm zu verabschieden.
    Nach der Trauerfeier gingen wir mit unseren beiden Verwandten nach Hause. Die beiden wollten nichts von ihm hören, keine Anekdoten – „man kann ja nicht drei Tage lang über den Verstorbenen reden!“ wurde gesagt. Meine Mutter begann, die Kondolenzbriefe zu öffnen und sich die Liste der Trauergäste anzusehen. Auf der Liste standen Leute, die wir nicht kannten, obwohl mein Bruder immer nur in Begleitung meiner Mutter unterwegs gewesen war. Die Kondolenzbriefe waren alle sehr persönlich und enthielten Erinnerungen an Treffen mit ihm (Treffen natürlich auf der Straße, im Café, im Supermarkt etc.). Ein Freund meines (anderen) Bruders, ein sehr distanzierter, geschäftsmäßig wirkender Typ, hatte eine kurze Karte geschrieben, auf der er erzählte, wie mein Bruder ihn ein Jahr zuvor begrüßt hatte, als er Weihnachten kurz vorbeischaute. Diese Worte hatte er sich gemerkt! Viele erzählten etwas, das wir gar nicht mitbekommen hatten, obwohl immer jemand bei ihm gewesen war. Alle dachten persönlich und individuell an ihn.
    Auch Monate später gab es immer wieder Leute, die persönliche Geschichten erzählten.
    Meine Mutter wurde nach seinem Tod krank, sie konnte nicht mehr lange stehen.
    Mein Bruder hatte sein Leben lang bestimmte Sätze geäußert, einer davon war der Wunsch nach einer „Lagerhalle“ gewesen. Das ging so weit, dass meine Mutter ihm den Wandschrank in seinem Zimmer umgestaltete und ein Plakat mit der Aufschrift „Lagerhalle“ anbrachte.
    Und nun war sein Grab genau gegenüber dem Geräteschuppen des Friedhofs, den man getrost als Lagerhalle ansehen konnte. Meine Mutter ging oft zum Friedhof, konnte aber aufgrund der Krankheit nicht lange bleiben. Eines Tages fragte sie im Friedhofsbüro nach einer Bank. Es wurde gesagt dass, ja, sie eine Bank bekommen könnte – für 600 €. Das war zwar viel Geld für sie, aber sie sagte sofort, dass sie dieses Geld zahlen würde. Zwei Tage später war sie wieder da, um nach den Kontodaten zu fragen. Der Mitarbeiter erkundigte sich, worum es ging, und sie erklärte, dass sie die Bank angefordert habe, um beim Trauern sitzen zu können und so länger am Grab bleiben zu können. Sie erwähnte dabei „am Grab meines Sohnes _______ .“ Der Mitarbeiter entschuldigte sich kurz, kam kurz darauf mit dem Chef wieder, der Chef sagte ernsthaft: „Ach, es geht um ______! Ja, dann werden wir das sicher regeln können!“ Tatsächlich wurde die Bank aufgestellt – ohne dass meine Mutter die 600 € zahlen musste. Weil ihr Sohn durch seine häufigen Besuche im Ort, immer mit ihr im Schlepptau, durch seine fröhliche Art und Hilfsbereitschaft und Kommunikationsfreude vielen bekannt war.
    Uns ist es immer noch ein Rätsel, wie er, der so wenige offizielle Kontakte hatte – außerhalb der Familie hatte keiner seine Telefonnummer oder besuchte ihn zu Hause – so tiefen Eindruck auf so viele Menschen gemacht hat, dass sie zu seiner Beerdigung kamen, sich monate- bis jahrelang Erlebnisse mit ihm merkten und eben sogar auf diese 600 € verzichteten.
    Es ist aber ein Trost zu wissen, dass er in den Erinnerungen so vieler Menschen weiterlebt, dass er mit einfachsten Mitteln – vor allem der Freude darüber, helfen zu können – so nachhaltigen Eindruck auf Leute gemacht hat, die er oft nur einmal in der Woche zufällig gesehen hat.

    Wir haben gelernt: Jeder verarbeitet den Tod anders.
    Wir hatten ca. ein Jahr nach seinem Tod immer wieder „Erscheinungen“ – sahen ihn plötzlich, wenn wir irgendwo warteten, meist nur ganz kurz und einmal hatten zwei weit entfernt wohnende Verwandte fast zur gleichen Zeit einen ganz ähnlichen Traum von ihm.
    Auf so etwas würde ich achten und das würde ich mir auch aufschreiben!

    Nach seinem Tod bekamen bestimmte Lieder im Radio eine besondere Bedeutung – „Hey, brother“ und „Let me go“ von Family of the Year. Dieses Lied kann man tatsächlich fast völlig auf Behinderte und speziell auch auf sein Leben ummünzen – alle für die Freundin tun, genauso sein wollen wie andere, bescheiden leben wollen, keine Maske tragen.
    Vielleicht fällt dir ja auch etwas auf – Lieder, Sätze, Gesten etc. Mir kamen einmal die Tränen, als ich lange nach seinem Tod an der Supermarktkasse stand und mit der Kassiererin über etwas redete, dass ich gekauft hatte. Sie kommentierte das mit einem Lieblingsspruch von ihm, den er immer sagte, wenn es etwas zu Essen gab: „Superlecker!“ 😉

  6. Es ist wunderschön zu lesen, dass der Kaiserin so gedacht wird und auch ihren Freunden der Umgang mit dem Verlust auf so tolle Weise beigebracht wird. Scheint eine tolle Kita zu sein !

    Liebe Grüße
    Bentje

  7. Ich habe so oft in den letzten Wochen daran gedacht, welche Leerstelle die fehlende „kaiserliche Woche“ beispielsweise bei mir hinterlassen hat. Nun hast Du sie geschlossen, indem Du über Deine und Eure Leerstelle geschrieben hast. Vielen Dank dafür!

  8. Ich habe erst gestern an Kaiserin 1 gedacht und an Euch …
    Ich habe keine Worte dazu.
    Unwissend ob es reicht zu schreiben: „Schön, wie Kaiserin 1 immer bei Euch und ihren Freunden bleiben wird …“
    Mir kommt es so vor, als wenn ich versuche nur etwas zu sagen, um überhaupt etwas zu sagen … etwas „Pseudo“-Erhellendes zu sagen, um die Trauer bei Dir und Euch „wegzuwischen“ … um den Blick nach Vorne zu richten …
    Obgleich tatsächlich die beschriebene Szene in all ihrer Traurigkeit etwas so sehr wundervoll Schönes hat. Dennoch ist es eine Szene, die keiner eintauschen will …
    Und daher fällt es mir so schwer das Richtige zu sagen …
    Selbst wenn ich nun schreiben möchte: „Ich drück‘ Euch ganz fest.“ kommt mir das mehr als nur zu wenig vor für das Erleben, welches Ihr hinter Euch, derzeit … und auch noch vor Euch habt.
    Ich wünschte, wir alle könnten Euch mehr als nur etwas von der Bürde nehmen.

  9. Kinder sind toll!
    Meine Tochter wollte am Geburtstag ihres gestorbenen Bruders auch eine Kerze anzünden. Dann haben alle zusammen den Geburtstag inkl. Singen gefeiert. Wie Du schreibst, Mareice, schön und traurig zugleich.

  10. Liebe Mareice,

    ein paar große Krokodilstränen für euch, für Kaiserin 1.
    Ich lese deine Texte so gerne. Wann kommt Dein Buch heraus?

  11. Kinder sind so ehrlich. Manchmal schmerzlich ehrlich, manchmal dennoch so voller Liebe und Offenheit. Deine Kaiserin 1 ist immer noch bei ihnen dabei. Das ist so – ich finde irgendwie kein passendes Wort. Positiv auf jeden Fall. <3 Ganz viele liebe Grüße

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