Und wie machst du das, Maria?

by Kaiserin

Maria Umrik ist „die Mutter von…“. Und natürlich noch viel mehr. Allerdings kann ich dieses Interview nicht beginnen, ohne ihre wunderbare Tochter vorzustellen, die mich zu ihr geführt hat: Anastasia Umrik; Unternehmerin, Modemacherin, Autorin, Bloggerin, Traumfrau. Ich freue mich sehr über dieses schöne Familienportrait. 

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Name: Maria Umrik

Alter: 49 Jahre

Mutter von: Anastasia (29 Jahre) und Alina (10 Jahre)

Beruf: Familienmanagerin mit kleinem Nebenjob

Wir wohnen in Hamburg, in einem Stadtteil, der immer mehr als ‚Zentrum der Stadt‘ gilt. Es ist ein Hochhaus, ein Neubau, und leider mit recht wenig Natur. Aber nachdem Anastasia in ihre eigene Wohnung gezogen ist, war für uns vor allem wichtig, in ihrer Nähe zu sein und die Barrierefreiheit unserer Wohnung. Denn natürlich soll unsere Tochter bei uns zu Besuch kommen können.

Wie war dein Leben, bevor deine Kinder kamen?
Das Leben vor meinen Töchtern – das ja schon etwas länger her ist – war sehr schön. Aber leider viel zu kurz, weil ich Anastasia bereits mit 19 Jahren bekommen habe. Von da an war und bin ich Vollzeitmutter.

Wie sieht dein Alltag heute aus?
Mein Leben war außergewöhnlich und voller Überraschungen. Nachdem ich viele Jahre kein zweites Mal schwanger geworden bin, erst kurz vor dem Auszug von Anastasia in ihre eigene Wohnung, kam plötzlich meine zweite Tochter Alina auf die Welt. Neunzehn Jahre später hatten wir ein zweites Mädchen und ich musste mich nochmal auf ein kleines Wesen einlassen – dieses Mal als erwachsene Frau. Mein Alltag besteht nun erneut aus Muttersein und doch ist es diese Mal ganz anders, denn Alina ist ein Kind ohne Behinderung.

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Wann und wie hast du von der Behinderung deines Kindes erfahren?
Meine Familie und ich kommen aus einem Dorf in Kasachstan. Dort war medizinische Versorgung nicht vorhanden; alle bemerkten, dass Anastasias körperliche Entwicklung nicht dem Alter entsprach, aber keiner der aufgesuchten Ärzt*innen – es waren nicht wenige – waren fähig, eine Diagnose zu stellen.
Der Sohn meiner Schwägerin war in einem ähnlichen Alter wie Anastasia und an seiner Entwicklung konnte ich direkt sehen, was er schon konnte, was sie noch nie geschafft hatte. Der direkte Vergleich war vielleicht nicht immer nötig, denn jedes Kind hat sein eigenes Tempo, aber dennoch zeigte er mir fast täglich, was nicht stimmte.
Nach dem Umzug nach Deutschland kam dann endlich eine Diagnose: „Spinale Muskelatrophie, Ihre Tochter wird niemals wieder laufen können.“ Meine Welt brach zusammen. Eine Welt voller Hoffnung. Ich dachte, ich werde es niemals verkraften. Zuzuschauen, wie Anastasia immer schwächer wird.
Und immer wenn sie mich fragte: „Mama, ist das schlimm…?“, versuchte ich sie zu trösten in dem ich sagte: „Nein, alles wird gut“ und streichelte ihr über den Kopf. Wenn sie eingeschlafen war, weinte ich mir die Augen aus.
Es war hart, es waren schwere Zeiten. Aber doch, es geht, wir haben es alle überstanden. Und sie war ja ein Wunschkind!

Inwiefern ist dein Kind behindert und welche Behinderung wiegt für dich am schwersten?
Anastasia ist laut dem Behindertenausweis zu 100% behindert. Ich habe es allerdings nie so wahrgenommen, für mich war sie ein normales Mädchen mit ihren guten und schlechten Seiten. Körperlich war sie immer auf fremde Hilfe angewiesen und natürlich habe ich das Meiste für sie erledigt. Aber trotzdem würde ich sagen, dass sie ein unkompliziertes und umgängliches Kind war. Sie hatte schon immer ihren eigenen Kopf, ihre Ideen – ich war halt die Hand, die sie unterstützt hat.

„Eine Mutter liebt am stärksten ihr schwächstes Kind“, so lautet ein schwedisches Sprichwort.
Stimmt das?
Der Vergleich als solches fällt mir heute sehr schwer, weil der Altersunterschied meiner Töchter so groß ist. Früher hätte ich das Sprichwort sofort unterschrieben, weil ich mir nicht vorstellen konnte, jemals ein anderes Kind so sehr zu lieben wie meine erste Tochter. Heute kann ich ganz sicher sagen, dass ich die Jüngere genauso liebe – nur vergesse ich manchmal, dass sie körperlich gar nicht so sehr auf mich angewiesen ist, wie Anastasia es war.

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Wie ist bei euch die Kinderbetreuung organisiert?
Vor zwanzig Jahren gab es keine Kinderbetreuung, wie es sie heute gibt und schon gar nicht in der Provinz in Kasachstan. Mein Mann war Alleinverdiener und hat mich immer sehr unterstützt. Auch meine Schwiegermutter war eine große Hilfe. Ich kann mich eigentlich nicht beschweren.

Bist du die Mutter, die du sein wolltest?
Das ist eine schwierige Frage. Jein. Eine Mutter ist in jedem Fall in erster Linie ein Mensch und ein Mensch macht nun mal auch Fehler. Hätte ich die Auswirkungen der Taten oder der Worte sofort gewusst, hätte ich natürlich vieles anders gemacht.

Wenn Du die Zeit zurückdrehen könntest: Würdest Du etwas anders machen, als Mutter und/oder als Mensch?
Mit dem Umzug nach Deutschland kam auch eine große Umstellung in allen Bereichen. Neue Sprache, neue Sitten, neue Kultur. Ich hatte Angst und große Unsicherheiten, teilweise wusste ich auch nicht, was man mit einem behinderten Kind alles erleben kann. Geleitet davon habe ich viel zu wenig Unternehmungen mit Anastasia gemacht, wir haben wenig zusammen ‚vor der Tür‘ gemacht. Schade! Ich bereue heute, dass meine Angst vor Neuem gegenüber der möglichen Erlebnisse mit meiner Tochter überwogen haben.
Das mache ich mit meiner zweiten Tochter heute definitiv anders.

Welche Träume hast du?
Ich wünsche mir von Herzen, dass meine beiden Töchter immer ein gutes Verhältnis haben werden und sich gegenseitig stärken, sich austauschen und sich lieb haben. Das ist mir sehr wichtig.

Herzlichen Dank, liebe Maria! Noch mehr Mütterfragebögen gibt es hier.

3 Kommentare zu “Und wie machst du das, Maria?

  1. Pingback: Links zum Wochenende 53 | Johannes Mairhofer

  2. Das sehe ich genauso, wie Frau Jule! Ich lese hier schon eine ganze Weile mit und finde es jedes Mal wieder beeindruckend, was für Geschichten hier passieren.

    Lieben Gruß
    Susanne

  3. schön hier eine geschichte von einer mutter mit einem erwachsenen kind zu lesen. sehr spannend! was anastasia alles auf die beine gestellt hat, finde ich beeindruckend. auch ohne ihre behinderung ist das der totale wahnsinn. und ihre kleine schwester ist ja auch ständig mit von der partie. ich denke, maria kann verdammt stolz auf sich und ihre töchter sein.
    liebe grüße,
    jule*

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