»Für dich heiße ich Nora.« //
Ein Ausstellungsbesuch

by Kaiserin

Menschen mit Down-Syndrom als Außerirdische darstellen – seriously!? Klar, mit dieser Diskussion könnte ich jetzt in den Text einsteigen. Mache ich aber nicht. Ich möchte viel lieber zeigen, wie toll die Ausstellung TOUCHDOWN ist, die in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen ist. Und warum sie das ist, selbst für Museumsmuffelinen wie mich.

In klarer Sprache führen Menschen mit Down-Syndrom durch die sieben Abteilungen der Bundeskunsthalle. Zu bestimmten Zeiten persönlich, sonst auf kleinen Texten an den Wänden und in Filmen. Die Ausstellung zeigt Spuren von Menschen mit Down-Syndrom: in der Kunst, in der Wissenschaft, in Filmen und im Theater, in der Gesellschaft, in verschiedenen Zeiten. Sie erzählt, wie Menschen mit Down-Syndrom leben, wie sie früher gelebt haben – und wie sie in Zukunft leben möchten. Entwickelt wurde das Konzept von Menschen mit und ohne Down-Syndrom. Im Buch zur Ausstellung schreibt Rein Wolfs, der Intendant der Bundeskunsthalle, dass mit der Ausstellung das erste Mal überhaupt die Geschichte des Down-Syndroms erzählt wird. „Wir selbst waren ebenso erstaunt darüber, wie unerforscht dieser Bereich unserer gemeinsamen Geschichte noch immer ist.“

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Die Flagge ist eine Zeichnung von Sebastian Urbanski. Sie zeigt ein Symbol für die Trisomie 21.

Als Wortmensch haben mich vor allem die Zitate bewegt. Alle Inhalte der Ausstellung sind gemeinschaftlich erarbeitet worden, von Menschen mit und ohne Down-Syndrom. Aus dieser Zusammenarbeit heraus sind die vielen Zitate von Menschen mit Down-Syndrom entstanden. Sie beziehen Stellung und erzählen und kommentieren ihre eigene Geschichte. Einige der Zitate kommen in diesem Text vor – weil sie viel besser sind als alles, was ich schreiben könnte. Übrigens ist die ganze Ausstellung in klarer Sprache umgesetzt, damit alle alles verstehen. Ich habe mich gefragt, warum das eigentlich nicht generell Voraussetzung Kunstprojekte ist? Es macht viel mehr Spaß, durch eine Ausstellung zu schlendern, wenn man nicht jedes zehnte Wort googeln muss, um die Zusammenhänge zu verstehen.

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Viel Zeit habe ich mit den Filmen in der Ausstellung verbracht. „Das Thema Liebe finden wir gut“ ist ein Film, der eine Lesung von Menschen mit Down-Syndrom zum Thema, ja, Liebe zeigt. Der Film läuft in der Ausstellung in Dauerschleife und ich habe ihn mir vier Mal hintereinander angeschaut, so gut waren sowohl Texte als auch Performance.

Kuscheln, streicheln und einen Freund.
Liebhaben ist schön, aber auch anstrengend.
Das ist so.
(Mirco Kuball)

Die Ehe schließe ich aus.
Das könnte ich nicht.
Die Feier ist so lang.
(Achim Reinhardt)

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Johanna von Schönfeld, Ohrenkuss-Ausgabe „Superkräfte“, 2013

Die Ausstellung stellt viele Fragen und gibt dabei oft mehr als eine Antwort. Zum Beispiel auf die Frage, ob man denn eigentlich „Mongo“ sagen dürfe?

Ich mag das gar nicht gerne, wenn man so sagt einfach. Das tut mir auch weh. Ich kann nicht erklären, wie sich das anfühlt. Aber ich weiß, dass es auch weh tut.
(Verena Günnel)

Mongo ist auf jeden Fall genauso schlimm wie „Schlampe“ oder „Miststück“. Zu Menschen mit Down-Syndrom kann man ganz normal hingehen und fragen: „Was ist denn das – Down-Syndrom zu sein?“ Ich sag dann zum Beispiel: „Ich hab eben das Gleiche wie andere Menschen auch. Für dich heiße ich Nora.“
(Nora Fiedler)

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Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom, drei Wochen vor der Geburt.

Ein Raum ist dem Thema Pränataldiagnostik gewidmet und zeigt die Entwicklung: Neun von zehn Kindern mit Down-Syndrom kommen heute nicht zur Welt. Menschen mit Down-Syndrom könnten also so selten wie Außerirdische werden.

Wenn man als Kind geboren wurde, gibt es verschiedene Dinge, die dazu beitragen, was man für ein Mensch wird. Zum Beispiel Liebe.
(Natalie Dedreux)

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TOUCHDOWN ist noch bis zum 12. März 2017 in der Bundeskunsthalle in Bonn. Danach wandert die Ausstellung weiter – wohin, wurde noch nicht verraten. Bis zum 12. März gibt es noch einige Themenführungen und Workshops.

7 Kommentare zu “»Für dich heiße ich Nora.« //
Ein Ausstellungsbesuch

  1. Ich freue mich, dass Du über diese tolle Ausstellung berichtest – und das auch noch auf so wunderbare Art mit den Zitaten! Danke dafür.
    Ich habe die Ausstellung mit meinen Kindern besucht und hatte nicht die Ruhe, alle Zitate auf mich wirken zu lassen, umso schöner, sie hier zu lesen.
    Mein großer Sohn war eher irritiert durch die Darstellung der Menschen mit Trisomie 21 als Außerdirdische, so unterschiedlich sind die Wahrnehmungen.

    Die Klare Sprache in der Ausstellung fand ich auch sehr angenehm zu lesen. Grad schreibe ich eine Seminararbeit über Leichte Sprache und ich freue mich jedes Mal, wenn mir eine solche Sprachvarietät begegnet – und dass so viele Menschen sie als angenehm und hilfreich empfinden, verdeutlicht den Bedarf 🙂

    Schöne Grüße 🙂

    • Oh ja – ich stand die ganze Zeit (ab-)schreibend in der Ausstellung… bis mir eine Frau auf die Schulter tippte und sagte: „Sie dürfen übrigens auch fotografieren.“

  2. oh, schön auch hier davon zu lesen. ich fand sie auch wunderbar, so berührend. das mit der darstellung der außerirdischen fand ich auch erst seltsam, habe dann aber gedacht, dass die menschen mit trisomie 21, die daran mitgewirkt haben sich das vielleicht ausgedacht haben.

    unbedingt eine tandemführung mitmachen! das fand ich sehrsehr großartig! und den katalog mitnehmen.

    liebe grüße,
    jule*

    p.s.: meinen bericht von der ausstellung lasse ich auch mal da: https://fraujule.blogspot.de/2016/11/der-inklusive-montag-touchdown-in-bonn.html

  3. Was für eine feine, wohltuende Ausstellungsbesprechung. Danke dir. Wäre ich in Bonn, würde ich hingehen.

    In deinem Text hat mich die Aussage total erschüttert, das 9 von 10 Kindern mit Downsyndrom abgetrieben werden. Wie viel Segen da der Welt, der Menschheit verloren geht, und wie viel Lachen?

    • Naja, Behinderung ist eben im Alltag kaum noch da. Ich würde, würde ich nicht beruflich mit behinderten Menschen in Kontakt kommen, niemanden kennen, der Trisomie 21 hat. Viele Menschen wissen gar nicht, wie sich das äußert. Dazu kommen dann noch ÄrztInnen, die Panik schüren und offensiv zum Abtreiben raten – diese Zahl ist nicht schön, aber nicht verwunderlich. Und wenn sich die nicht-invasiven Bluttests weiter durchsetzen, dann wird T21 noch seltener werden. Und noch unsichtbarer. Und dadurch noch bedrohlicher. Ganz schön schade ist das.

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