»Ich kann nicht fordern, über etwas zu sprechen, ohne darüber zu sprechen.«
Autorin Laura Ewert im Interview

by Kaiserin

Laura Ewert hat für die taz.am wochenende die Geschichte ihrer Schwangerschaft aufgeschrieben: „Plötzlich ist da diese Falte im Nacken“.
Dass dieses Kind uns nun unser ganzes Leben beschäftigen werde. Zumindest das war ja so geplant. Bei Reportagen.fm hat die Journalistin Fragen zur Entstehung des Textes und zu den Reaktionen darauf beantwortet.

Frau Ewert, Sie haben von Ihrer Abtreibung erzählt. Was war der Moment, in dem Sie wussten: Diese Geschichte muss ich aufschreiben?

Das war mir recht schnell klar. Als ich im Netz „Nackentransparenz“ gesucht habe und nichts fand, das mir half, mich nicht mehr so alleine zu fühlen. Als ich im Spiegel die für mich moralisierende Geschichte gelesen habe, von der Mutter, die ihr krankes Kind behielt. Und als alles so schnell ging und ich versuchen musste, Haltestellen einzubauen. Ich schreibe im Kopf beim Gehen, Radfahren, Mittagessen. Und notiere mir danach erst Sätze. Das verlangsamt, weil es den Kopf zum Sammeln und Aussortieren zwingt.

Sie beschreiben Ihre Eindrücke sehr detailliert, sogar den abgetriebenen Fötus. Haben Sie nichts verschweigen wollen?

Ich glaube, es ist nicht sehr sinnvoll etwas verschweigen zu wollen, wenn man solche Texte schreibt. Ich kann nicht fordern, über etwas zu sprechen, ohne darüber zu sprechen. Ich wollte nicht gegen Pränataldiagnostik schreiben und nicht gegen Abtreibungskritiker. Sondern für Selbstbestimmung. Dafür musste ich mich offen legen und den Leser selbst entscheiden lassen. Das hat insofern geklappt, als dass der Text unterschiedlich gelesen wurde. Die Mutter des mit Trisomie geborenen Kindes hat sich ähnlich angegriffen gefühlt, wie ein Pränataldiagnostiker. Aber die meisten haben sich bedankt. Mehr kann ein Text vielleicht nicht schaffen.

Wie schreibt man so eine persönliche und traurige Geschichte auf? Darf man so ein heikles Thema spannend erzählen wollen?

Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich habe intuitiv geschrieben. Die Idee war: persönliche Geschichte plus zweite Ebene mit Expertengespräch. Der erste Satz war schnell da. Alles andere war Raushauen, dann Kürzen, dann hundertmal Lesen. Mindestens. Die guten Menschen vom taz.am Wochenende haben mir Zeit gelassen und gedrängt, als es notwendig war. Auf perverse Weise hatte ich dramaturgisch wohl Glück, dass es am Ende noch mal eine Wendung gab. Der Schluss kam erst vier Tage vor Veröffentlichung.

Cover der taz.am Wochenende vom 21./22. Oktober 2017

Wie war das, diesen Text zu schreiben? Schmerzhaft? Oder Erlösend?

Das Schreiben war ein guter Rahmen für eine Menge von Emotionen. Auch mal Abstand. Deswegen nicht sehr schmerzhaft. Aber es war kein Abschluss oder eine Erlösung, was man solchen Texten unterstellen mag. Das Schreiben war eine Erleichterung. Das Veröffentlichen nicht, das war Ablenkung.

Was sollte der Text mit seinen Leser*innen machen?

Vielleicht wollte ich Schuld nehmen. Vielleicht einfach nur die Ratlosigkeit aufzeigen. Auf jeden Fall einen Dialog starten. Es tat mir etwas leid, dass so viele Leser*innen weinen mussten, und ich habe nicht gern gelesen, wenn man mir zu meinem Mut gratulierte. Mein liebster Leser-Kommentar war: „Ich will nicht davon reden, ich hätte was „gelernt“ und es so zum Lehrstück degradieren, aber die vielen Erfahrungen, die man nur als Frau machen kann, gehören erzählt. Sie sind eine Bereicherung auf persönlicher Ebene und für uns alle zusammen.“

„Ich habe nicht gern gelesen, wenn man mir zu meinem Mut gratulierte.“ Journalistin und Autorin Laura Ewert

Laura Ewert, 35, lebt als freie Autorin und Journalistin in Berlin, schreibt u.a. für taz, Welt, Zeit online, Focus, Interview Magazin und ist gerade im Urlaub, entschuldigt sich deswegen für das unseriöse Selfie.

Danke an Laura Ewert für den Text und das Interview, danke an Reportagen.fm für das Ja zur Veröffentlichung.

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