Und wie machst du das, Natascha?

by Kaiserin

Eine Schule in Berlin-Zehlendorf soll geschlossen werden, ohne offiziellen Beschluss. „Das Auslaufen der Pestalozzi-Schule ist auch deshalb umstritten, weil Förderkinder im Regel-Schulbetrieb oftmals nicht adäquat betreut werden können.“ Was das für betroffene Schüler*innen bedeutet, erzählt Natascha. Ihre Tochter Pauline geht auf die Pestalozzi-Schule – und ist darauf mehr angewiesen als andere Kinder.

 

 

 

„Es wird sich alles ändern.“

 

 

 

 

Name: Natascha
Alter: 37 Jahre
Mutter von: Emmi (10 Jahre), Pauline (8 Jahre), Mathilda (4 Jahre), Carl (7 Monate)
Beruf: Versicherungskauffrau

Wir wohnen in Berlin in einer Wohnung mit tollem Hof und tollen Nachbarn.

Wie war dein Leben, bevor Deine Kinder kamen?
Ich habe viel und gerne gearbeitet. Bin gern essen gegangen und verreist. Einfach die Dinge die wohl die meisten kinderlosen Menschen machen. Ich fand den Gedanken an eine Großfamilie aber schon immer toll.

Wie sieht dein Alltag heute aus?
Gut organisiert. Morgens bringt der Papa die Schulkinder weg. Mathilda wird von mir und Carl in den Kinderladen gebracht. Nachmittags sammele ich alle, bis auf die Große, wieder ein. So richtig spontan sind wir nicht mehr, das fehlt mir schon ab und an. Aber grundsätzlich gucke ich, dass wir nicht zu viele Termine in der Woche haben, damit genug Zeit zum „einfach Kind sein“ bleibt. Gerade für Pauline ist das unheimlich wichtig, da allein der Schulalltag anstrengend für sie ist.

Wie hast du von der Behinderung deines Kindes erfahren?
Meine Schwangerschaft wurde in dem Moment zum Albtraum, wenn die meisten Schwangeren leise aufatmen. Zu Beginn der zwölften Schwangerschaftswoche habe ich eine starke Blutung bekommen. Beim Frauenarzt dann die Überraschung: Das Baby lebt. Nach viel Liegen hörten die Blutungen auf. Erstmal. Nach einigen Tagen ging es wieder los. Diagnose im Krankenhaus: Hämatom und Beginn eines Aborts. Das hat sich nie bewahrheitet. Pauline blieb. Den Rest der Schwangerschaft habe ich mit ungeklärten Blutungen gekämpft. In der SSW 24+1 wurde Pauline auf die Welt geholt.Es war Rettung in letzter Sekunde. Paulines erste Zeit auf der Neonatologie war mit vielen Tiefs verbunden, aber auch vielen Hochs. In einem der ersten Gespräche mit Ärzt*innen wurde mir gesagt, dass Pauline eine Chance von 2:3 hat, zu überleben. Sie lag die ersten neun Monate ihres Lebens im Krankenhaus. Unser Zuhause glich dann später einer mobilen Intensivstation, 24 Stunden zusätzlicher Sauerstoff, eine nasale Magensonde und ein Medikamentenplan, der aussah wie ein Stundenplan und der Schule.

Inwiefern ist dein Kind behindert?
Pauline ist lernbehindert. Verglichen mit anderen Kindern ist sie auf dem Stand von 4/5-Jährigen. Anfangs war sie sehr viel anfälliger für Krankheiten als andere Kinder. Dies Zeiten sind zum Glück vorbei. Paulines aktuelle Situation ist im Vergleich zu früher viel viel leichter.

„Eine Mutter liebt am stärksten ihr schwächstes Kind“, so lautet ein schwedisches Sprichwort. Stimmt das?
Ich habe mittlerweile vier Kinder und kann wirklich aus tiefster Überzeugung sagen, dass dem nicht so ist. Alle meine Kinder haben einzigartige Wesenszüge und Charaktereigenschaften, die ich wie verrückt liebe. Pauline wird immer mehr unsere Aufmerksamkeit benötigen als die anderen, aber das ist nicht mit Liebe gleichzusetzen.

Natascha mit ihren vier Kindern

Welches ist dein glücklichster Moment am Tag mit deinem Kind?
Wenn wir aus der Schule nach Hause fahren und Pauline mir von ihrem Tag erzählt. Oder wenn wir gar nicht reden, sondern nur unsere Hände halten.

Wie sieht dein Arbeitstag aus? Unter welchen Bedingungen kannst du Job und Familie miteinander vereinbaren?
Aktuell bin ich in Elternzeit. Sie endet 2020, ich habe die vollen drei Jahre genommen. Dann schauen wir, wie unsere Familiensituation ist und wie es am besten weitergehen kann.

Wieviel Zeit hast du für dich – jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben?
So gut wie keine. Ich stricke, mein persönliches Couchyoga. Ansonsten fehlt es mir aktuell an nichts. Dank fantastischer Großeltern haben wir hin und wieder Paarzeit.

Fühlst du dich als Familie – speziell mit behindertem Kind – ausreichend von Politik und Gesellschaft unterstützt?
Seitdem Pauline auf der Welt ist, kämpfen wir nur. Kämpfe mit der Krankenkasse um Flüssigsauerstoff, Einlegesohlen, Therapiestuhl, Windelanzahl, Pflegegrad. Man kommt an seine Grenzen, wenn man immer nur Ablehnung erfährt. Als Pauline noch mit Magensonde und Sauerstoffbrille unterwegs war, war sie in der Öffentlichkeit immer Tuschelthema. Nachdem ich die Blicke am Anfang noch verletzend fand, sind wir mit der Zeit da reingewachsen und gehen mittlerweile offensiv damit um. Kinder gehen ja ganz anders damit um. Auf dem Spielplatz gab es mal Fragen zur Nasensonde und dann war es erledigt. Auch heute fragen Kinder manchmal, warum Pauline komisch spricht – und dann wird einfach weiter gespielt. Dieses Unbefangene wünsche ich mir auch für uns Erwachsene.

Inklusion – was bedeutet das Wort für dich?
Dass Pauline ihr Leben so führen kann, wie es hier Zuhause auch Alltag ist. Pauline wächst ganz „normal“ mit ihren Geschwistern auf. Sie ist innerhalb der Geschwister völlig gleichberechtigt. Auch bei den Pflichten, wie zum Beispiel dem Aufräumen. Sie gehört einfach zum Rudel dazu. Pauline will nicht das Kind mit der Extrawurst sein, sie will so wie die anderen Kinder sein. Mit allem, was dazu gehört.
Als es um den Kittstart ging, haben wir lange überlegt, welche Einrichtung die richtige sein könnte. Eine Kita, die spezialisiert ist und die Therapien vor Ort anbietet? Oder der bekannte Kinderladen, in den die große Schwester geht?
Wir haben auf unser Bauchgefühl gehört und sie in unseren kleinen chaotischen Kinderladen geschickt. Das war das beste was ihr passieren konnte. Eine altersgemischte Gruppe, liebevolle Erzieher*innen… und Pauline mittendrin. Auch ohne ein „Inklusionsprogramm“ hätte es nicht besser sein können. Sie war ein vollwertiges Mitglied, das den Größeren nacheifern und die Kleineren unterstützen konnte.

Als das Thema Schule aufkam, haben wir viele viele Gespräche mit Therapeut*innen, Schulen, Lehrer*innen ,dem Schulamt, der Amtsärztin, Ärzten, dem SPZ und vielen anderen Eltern geführt. Förderzentrum oder Regelschule? Wir wollten gerne unseren Kinderladen irgendwo in Schulform finden. Wo sie individuell gefördert wird, wo sie mit behinderten und nicht behinderten Kindern zusammen sein kann, wo sie so akzeptiert wird wie sie ist. Weil sie damals noch Windeln trug, fielen die meisten Regelschulen schon durch. Dort hieß es Inklusion gern, aber für Windeln wechseln haben wir keine Kapazität. Dann ein Tipp: Die Pestalozzi Schule in Zehlendorf. Nach einem ersten Gespräch mit der Direktorin wussten wir, DAS ist unsere Schule. Windelkinder hätte man zwar grad nicht, aber das bekämen sie schon hin. Nachdem Pauline einen Kennlerntag hatte, kam der erlösende Brief: Sie wurde angenommen.

Der Anfang war natürlich eine große Umstellung für Pauline. Abendliche Wutanfälle als Ausdruck der Überforderung waren an der Tagesordnung. Wir haben alle weiteren Therapien für sie komplett runtergefahren, so dass sie alle Energie in die Schule stecken konnte. Nach nun anderthalb Jahren kann ich sagen, dass es für Pauline die beste Entscheidung war. Mein kleines schüchternes Mädchen rennt dort lachend durch die Flure, wird von den anderen Kindern begrüßt oder verabschiedet, spricht selbstverständlich mit anderen Eltern und Lehrer*innen. Mir geht wirklich das Herz auf wenn ich sie bei Aufführungen auf der Bühne stehen sehe, zwischen all den Kindern, und sie gehört einfach dazu.

Leider wurde uns kurz vor den Winterferien mitgeteilt, dass die Schule geschlossen wird – beziehungsweise dass sie mit einer anderen Grundschule zusammengelegt werden soll. Für Pauline bedeutet das: Es wird sich alles ändern. Der Ort, das Lehrpersonal. Ob Inklusion gelebt werden wird, ist unklar. Es ist eine deutlich größere Schule. Wir Eltern und Kinder der Pestalozzischule kämpfen gerade um den Erhalt unserer Schule. Ich will nicht, dass mein Kind ein Opfer der Politik wird.

Bist du die Mutter, die du sein wolltest?
Grundsätzlich ja. Ich wünsche mir mehr Gelassenheit bei Dingen, die „man nicht macht weil man sie nicht macht“.

Ein Gegenstand Deines Kindes, den du ewig aufbewahren wirst?
Paulines Sachen aus der Krankenhauszeit. Ein Mini Nuckel, eine Mini Mütze für den Beatmungsschlauch, Mini Socken, ein Mini Strampler und ein Mobilé, das über ihrem Bett hing.

Welche Träume hast du? Für deine Kinder, deine Familie – und ganz persönlich für dich?
Ich wünsche mir weiterhin einen festen familiären Zusammenhalt. Und dass Pauline kein Fall im System wird, sondern sie die Chance bekommt, ihre Persönlichkeit weiter zu entwickeln.

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