Meine Mutterschaft ist politisch. Und meine Liebe hat Eile.

by Bárbara Zimmermann

Eine Mutter zu sein, die anders ist als die meisten, kann sehr schön sein – so lange ich nicht diese Mutter bin, richtig? Man kann sie von der Ferne betrachten und ihr gute Wünsche ausrichten.

In dieser Mutterschaft, die keine*r will, die keine*r sieht, die von wenigen gehört wird, musste ich lernen stark und laut zu werden, damit die Gesellschaft Platz für mich und mein Kind macht.

Ich musste schnell in dieser Mutterschaft hineinwachsen. Ich musste schnell „Stopp“ sagen lernen – wie damals als meine Tochter noch nicht einmal einen Monat alt war und eine Krankenschwester sehr grob mit ihr umging. „Sie fühlt aber nichts in den Beinen“, sagte sie mir mit voller Überzeugung! Ich weinte danach im Flur des Krankenhauses. Ich fühlte mich so schwach und klein und hatte große Angst, nicht stark genug für diese Aufgabe zu sein. Die Hormone wirkten in mir und eigentlich wollte ich nur in unserer Baby-Love-Blase bleiben. Ich wollte nicht kämpfen oder mein Kind verteidigen müssen! Mir war tatsächlich nicht bewusst, dass mein Kind schon als Baby ableistische Erfahrungen machte – ich wusste noch nicht einmal, was Ableismus ist. Mir war nicht bewusst, dass es nicht ausreichen würde, nur Mutter zu sein – zumindest nicht die Mutter, die ich bis zu diesem Zeitpunkt zu meinen zwei anderen, nicht behinderten Kindern gewesen war.

Meine Mutterschaft war schon immer politisch. Heute ist sie es noch mehr! Und meine Liebe hat Eile.

Photo by Wilhelm Gunkel on Unsplash

Wir Eltern von Kindern mit Behinderung werden mit vielen neuen Herausforderungen konfrontiert. Wir müssen plötzlich schulische Bildung verstehen (und für Inklusion kämpfen), wir müssen viel Neues für die tägliche Pflege unserer Kinder lernen (von Darmspülung bis zur geeigneten Therapieform), wir müssen up to date über Gesetzesänderungen sein (welche Ansprüche haben wir und wie bekommen wir sie?), wir müssen uns für Teilhabe engagieren (Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung sind so selten wie Botos, die rosanen Delphinen aus dem Amazonas). Zwischen unzähligen Unterlagen und Anträgen pulsieren Fragen, Müdigkeit – eine enorme Liebe!

Diese Liebe zu meinem Kind treibt mich dazu, über all diese Sachen zu schreiben. Auch die Fragen, die Wut und die Müdigkeit haben hier auch ihren großen Platz. Und auch die Eile.

Es gibt Tage, an denen ich das Gefühl von Ungerechtigkeit in mir spüre. Damit meine ich gar nicht, dass es unfair ist, die Mutter eines Kindes mit Behinderung zu sein. Überhaupt nicht! Sondern dass ich es verdammt unfair finde, dass mein Kind und ich als „besonders“ angesehen und ins gesellschaftliche Abseits gestellt werden. Inklusion für meine Tochter und eine Arbeitsstelle für mich, die zu meiner familiären Situation passt, das sind auch heute noch in Deutschland ein Luxus. Und wir sind nicht die einzigen, die davon betroffen sind.

Wie viele Mütter behinderter Kinder bekommen keinen Arbeitsplatz, obwohl sie erwerbsarbeiten wollen? Wie viele Mütter behinderter Kinder werden verurteilt, weil sie glücklich sind? Wie viele Mütter behinderter Kinder werden verurteilt, weil sie nicht glücklich sind? Wie viele Mütter behinderter Kinder wünschen sich, gesehen und anerkannt zu werden wie Mütter nicht behinderter Kinder? Als Mutter eines behinderten Kindes wirst du entweder als Heldin oder als armes Ding gesehen.

Ich will als „normaler Mensch“ gesehen werden.

Ich will, dass mein Kind als „normaler Mensch“ gesehen wird. Und das will ich schon heute! Mein Kind und ich leben nur ein Mal.

Ein Kommentar zu “Meine Mutterschaft ist politisch. Und meine Liebe hat Eile.

  1. Hallo,
    das ist sehr schön beschrieben.
    Es ist leider so, dass mann als Erziehungsberechtigter eines Behinderten Kinder um alles Kämen muss!!!
    Obwohl einem das ja zusteht.
    Mann muss in jeder Sache einen Fachmann sein, damit mann immer das richtige macht.
    Daher ist es wichtig zusammen zu halten.
    Eine Selbsthilfegruppe zu gründen Nur für Mütter von Behinderten Kindern Zb.
    Naja ,ich könnte in der Sache stundenlang schreiben…..
    Lg

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