Mode und Behinderung

by Jasmin Dickerson

Jasmin Dickerson
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das Kind der Autorin, liegend auf der Couch im schwarzen Cape mit weißem Kreuz, in die Kamera blickend

Ich habe mich immer schon für Mode interessiert, als Kind wollte ich eine Zeitlang Modedesignerin werden. (Autorin hat mir als Grobmotorikerin am Ende doch besser gefallen). Als ich Mutter wurde, habe ich mich daher schnell mit Kindermode befasst. Da es nicht einfach ist, ausgefallene Mode zu finden, die nicht rosa mit Schmetterlingen, blau mit Autos oder grau mit Sternen gemustert ist, hat es mir Spaß gemacht, online zu recherchieren, Outfits zusammen zu stellen und die schönsten dann zu kaufen. Gut für meinen Geldbeutel ist, dass meine Mutter ähnlich viel Spaß daran hat, ihr Enkelkind hübsch einzukleiden, wie ich. Je älter meine Tochter  allerdings wird, desto schwieriger gestaltet sich dieses Unterfangen. Denn ihre Kleidung sollte zumindest ansatzweise funktional sein, je komplexer ihre Hilfsmittel werden.

Endlich haben wir die angepasste Sitzschale  für das Kind, die braucht sie, damit sie genug Halt in ihrem Rollstuhl hat. Leider passt der Brustgurt jetzt nicht mehr gut und man muss ihn immer umständlich komplett heraus friemeln. Was aber viel frustrierender ist? Wenn der Winter naht, trägt das Kind zuweilen daher logischerweise eine dicke Jacke, die jetzt aber natürlich bei der Anpassung nicht mitgedacht werden kann. Also ist es zu eng mit Sitzschale. Das ist kein Weltuntergang, nur eine weitere Hürde, an die ich niemals gedacht hätte.  Denn behinderte Menschen werden in der Modewelt selten bis nie mitgedacht. Wenn überhaupt gibt es funktionale Reha Bekleidung, die häufig nicht nur unansehnlich und von niedriger Qualität ist, sie ist auch  meist sehr teuer. Oft denke ich, dass ich oberflächlich bin, wenn mich so eine vermeintliche Unwichtigkeit ärgert. 

Aber dann erinnere ich mich daran, dass es für alle anderen Menschen selbstverständlich ist, dass sie  sich nach ihrem Geschmack und ihrem Sinn für Ästhetik kleiden können. Ich denke dann, dass alte Menschen vielleicht gar nicht ab einem gewissen Alter gerne cremefarben und braune Gesundheitsschuhe tragen, sondern dazu gezwungen sind, weil die Auswahl so begrenzt ist. Ich denke daran, dass meine Tochter einmal Orthesen brauchen wird, sollte sie das Laufen erlernen. Ich denke daran, dass ihr dann keine regulären Schuhe mehr passen werden.  

Inklusion bedeutet auch, die vermeintlich nebensächlichen Aspekte unseres Lebens unseres Zusammenlebens für alle zugänglich zu machen. Und deshalb plädiere ich für mehr “Oberflächlichkeit”, mehr Sinn für Ästhetik- auch bei funktionaler Mode für behinderte Menschen, bei Hilfsmitteln und bei Kosmetik. Das wird allzu gern ins Private verschoben, was ich natürlich als Alternative toll finde. Ich möchte aber keine private Lösung für ein strukturelles Problem. Unsere Kinder haben ein recht auf schöne Betten, Rollstühle und alle anderen Hilfsmittel. Sie haben ein Recht auf schöne, für sie funktionale Kleidung und ein Recht auf Auswahl.

 

 

2 Kommentare zu “Mode und Behinderung

  1. Der Beitrag spricht mir aus dem Herzen. Der Wunsch nach mehr „Oberflächlichkeit“ und Ästhetik im Bereich funktionaler Mode ist mehr als gerechtfertigt. Ich habe mich vor Jahren auf die Suche nach stylishen Schlupfhosen für meinen Sohn gemacht, die er mit der Nutzung von nur einer Hand selbständig an- und ausziehen kann. Leider vergeblich. Das, was an funktionaler Kleidung angeboten wurde, sah altbacken aus und war extrem teuer. Schuhe kaufe ich mittlerweile auf Vorrat, sobald ich entsprechende Modelle mit Reißverschluss oder zum Slippen finde.
    Komisch, es gibt so viele Menschen mit einer Behinderung, aber in der Modewelt finden Sie eigentlich gar nicht statt.

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