Buchtipp: „Blind mit Kind“. Oder über das Potenzial von „afeto“

by Bárbara Zimmermann

Inklusion ist ein Weg, für den ich afeto als Hauptbegleiter, als Zweck und Mittel gewählt habe.

Afeto ist ein portugiesischer Begriff meiner Muttersprache, für den es keine direkte, treffende Übersetzung ins Deutsche gibt. Afeto beschreibt die Bereitschaft und Offenheit für eine warmherzige, authentische und berührende Begegnung miteinander.

Für mich kann wahre Inklusion nur mit afeto möglich sein. Inklusion baut Rampen. Afeto lädt dich zum Tanzen ein. Inklusion kommt durch Gesetze. Durch afeto erkennt man deine Würde und Menschlichkeit. Inklusion ermöglicht, dass Kinder mit und ohne Behinderung zusammen die gleichen Kindergärten und Schulen besuchen können. Durch afeto wird das Kind mit Behinderung selbstverständlich zu den Kindergeburtstagen eingeladen – nicht weil es eine Behinderung hat oder weil es eingeladen werden muss, sondern weil es ein*e gute*r Freund*in des Geburtstagskindes ist.

Quelle: Unsplash

Nur das eine (Inklusion) oder andere (afeto) reicht nicht aus.

Vor einigen Tagen habe ich ein Buch verschlungen: „Blind mit Kind“. Hannah Reuter´s Erzählung hat mich mit Humor und Liebe, mit Tiefgang und Hoffnung berührt. Dieses Buch erzählt vom Potenzial von afeto, von der Beziehung zwischen einer blinden Mutter und ihrer sehenden Tochter. Die Geschichte zeigt, wie sich diese zwei Menschen gegenseitig beeinflussen und verändern – ein bisschen wie zwei Aquarellfarben, die sich an bestimmten Stellen am Wasser vermischen, wenn sie einander nahe kommen -, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren. Oder wie ein Tanz, bei dem die Musik, oder der afeto die beste Einladung ist zum Walzen und Drehen, und um sich aus der Komfortzone zu bewegen.

Nicht immer ist der familiäre Raum bei Hannah barrierefrei, aber darum geht es nicht. Er ist authentisch, vulnerabel und gleichzeitig fest. Er ist menschlich.

Ich plädiere für Inklusion durch Begegnung, in Beziehung, mit afeto, weil teilhaben zu dürfen nicht automatisch dazu gehören impliziert. Das Gefühl Teil einer Gemeinschaft (Familie, Schule, Arbeit, Dorf, Freund*innenkreis) zu sein, kann kein Gesetz einem Menschen garantieren. Wir brauchen beides, Rechte mit afeto. Schaffen wir das? Hannahs Geschichte gibt mir Hoffnung.

Afeto bricht die Stille, schafft warme Blicke und nette Fragen wie „Magst du auch Schokoladeneis?“, anstatt „Was hat sie denn?“.

Warum ich so eine Lektüre liebe? Weil sie die Grenze meines Verständnisses vom Menschsein erweitert. Und ich glaube, dass wir alle mehr davon brauchen.

Für die Neugierigen unter euch folgen hier noch ein paar Einblicke in dieses rührende Buch: Viele Spielszene, wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“ zwischen Mutter (blind) und Tochter (nicht-blind). Es geht um rosa Kleidung, um Glitzer und Kontrollverlust – auf Seite der Mutter. Um Puzzeln und Aufräumen. Es geht um den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid anderer Menschen. Es ist ein Buch über Klischees, Autonomie und Muttersein. Über neue Erfahrungen und Grenzen. Über Normalität.

Und meine Lieblingsstelle – die Tochter spricht: „Hör mal, wie ich tanze!“.

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