Das Wartezimmer

by Eszter

Eszter
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Ich verbringe mein Leben in Wartezimmern. Das Leben, das übrigbleibt, lege ich um das Wartezimmer herum. Es ist das fünfte Wartezimmer diese Woche. Und es kommen noch zwei weitere. Heute ist das Baby dran. Die beiden älteren konnte ich grade noch rechtzeitig in den Kindergarten bringen. Die Schlange der Kinderklinik reicht bis auf die Straße. Erst stehe ich draußen im Regen, dann schwitze ich unter grellem Neonlicht. Selbst wenn wir beim Empfang waren, werde wir wahrscheinlich noch zwei Stunden warten. So wie gestern, trotz Termin natürlich. Vielleicht werden wir auch einfach wieder nach Hause geschickt, trotz Termin natürlich. Dann soll ich einfach noch einen neuen Termin machen und nochmal kommen und nochmal warten. Also warte ich.

Eltern stehen orientierungslos im Foyer, dazwischen läuft Pflegepersonal umher, Kinder weinen. Vom Empfang werde ich mit unseren Unterlagen auf die Station geschickt. Der Flur ist bereits voll mit wartenden Eltern und Kindern. Ein großer, langer Raum mit ungefähr 20 Personen. Die Fenster sind verschlossen. Es gibt keine Fenstergriffe, man kann sie also nicht mal öffnen. Ich muss über eine Stunde mit ungefähr 20 Personen in einem unbelüfteten Raum warten. Ich habe im selben Raum schon über zwei Stunden gewartet und zugehört, wie eine Schwester sich über Eltern aufregte, die nicht akzeptieren wollten, dass nur einer von ihnen ihr schwer kranken Kind begleiten dürfte wegen der Infektionsgefahr.

Ich setze mich auf einen Stuhl. Sie stehen alle in einer Reihe an der Wand. Alle Stühle sind fixiert und auf die leere Wand und die Türen gegenüber gerichtet. Zwischen uns 1,5 Meter. Eine Tür öffnet sich, ein Paar aus Erwachsenem und Kind geht hinein. Eine Tür öffnet sich, ein Paar aus Erwachsenem und Kind kommt heraus. Wie am Fließband. Ein kleines Kind fängt an zu weinen und wirft sich auf den Boden. Die Mutter packt es panisch, versucht es zu beruhigen. Ihr Gesicht glänzt von Tränen oder Schweiß. Wahrscheinlich beidem. Ich lächle ihr zu. Sie sieht es unter meiner Maske nicht. Meine Blicke scheinen sie noch mehr zu stressen. Über die große Distanz zwischen uns will ich nicht rufen. Die Stille in einem vollen Raum ist zu erdrückend. Ich weiss auch gar nicht, was ich sagen soll. Also starre ich wieder die Wand gegenüber an und warte.

Das Warten frisst mein Leben auf. Das Warten und das Organisieren, damit ich warten kann, kostet mich meine ganze Zeit. Es kostet mich Zeit alle Termine und die Betreuung der anderen Kinder zu organisieren. Es kostet mich Zeit anzureisen. Es kostet mich Zeit, wenn die Kinder aufgewühlt sind von Untersuchungen, von Veränderungen in ihren Routinen. Es kostet mich Zeit, um noch mehr zu trösten, zu begleiten, da zu sein. Es kostet mich Zeit alles aufzufangen. Zeit, in der ich Geld verdienen könnte, das mir im Alter fehlen wird. Zeit, in der wir schöne Dinge machen könnten. Zeit für meine Kinder, Zeit für meine Freundinnen, Zeit für meinen Mann, Zeit für mich. Zeit zu schreiben. Zeit, in der ich einfach nichts machen könnte. Zumindest für einen kurzen Moment. Aber ich warte.

In der Rushhour meines Lebens sitze ich einsam und isoliert in einem grellen, hässlichen Wartezimmer. Ich warte, ich schwitze, ich bin ruhelos, ich trete auf der Stelle, ich sorge mich und für andere – niemals für mich selbst. Wenn mir jemand dazu rät, auf mich aufzupassen, dann immer nur, weil ich sonst nicht für meine Kinder sorgen könnte. Aber das ist auch egal, denn so oder so ist keine Zeit für mich übrig. Nein, ich könnte nicht einfach mal rausgehen, denn dann verpasse ich ja, wenn wir aufgerufen werden. Ich warte also.

Ich warte hier in den großen, unbelüfteten Flur, in dem kleinen Wartezimmer im dritten Stock, wo ich mit dem Kinderwagen nicht mal hochkomme, in dem Wartezimmer mit den freiliegenden Kabeln, am Telefon in der Warteschleife, auf den Brief von der Krankenkasse, auf das Gutachten, auf die Bewilligung. Ich sitze im Wartezimmer und warte. Ich lese hier, schreibe hier, ich quatsche hier mit Freundinnen, ich träume hier vor mich hin, ich arbeite hier, ich stille, füttere und wickle hier, ich habe hier schon Geburtstag gefeiert, ich werde hier alt werden und dann werde ich hier sterben. Angestrahlt von grellem Neonlicht und doch vollkommen unsichtbar. Nicht mal die Menschen neben mir sehen mich. Wir alle starren auf die Wand gegenüber und warten.

Eine Tür geht auf, wir werden aufgerufen. Wir betreten den Raum, ich ziehe das Baby aus, es wird vermessen, gewogen, verkabelt, gemessen, entkabelt, ich ziehe das Baby wieder an, wir gehen wieder auf den Flur. Es ist nicht die Schuld der Menschen, die hier arbeiten. Obwohl manche mehr ihre Menschlichkeit verlieren, als andere. Das Problem ist das System. Aber die Ursache relativiert nicht die Wirkung. Meine Zeit gehört nicht mir. Ich bezahle mit ihr für das bisschen Teilhabe und Inklusion, das wir kriegen. Ich bezahle mir ihr die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Kinder. Ich bezahle mit ihr die Zukunftsperspektive meiner Kinder, ihre Möglichkeiten und Optionen. Ich bezahle mit ihr den Nachteilsausgleich. Ich bezahle mit ihr das Pflegegeld, die Therapien, Hilfsmittel und Maßnahmen. Ich bezahle mit meiner Zeit, damit andere sagen können, uns ginge es doch gut in Deutschland, hier wäre ja für alle gesorgt. Während diejenigen, die etwas ändern könnten, nicht mal im selben Raum sind. Und die, die im selben Raum sitzen, sollen auf die Wand gegenüber starren und warten.

Eine Tür geht auf, wir werden zum zweiten Mal aufgerufen. Wir betreten den Raum, ich ziehe das Baby aus, es wird verkabelt, untersucht, gemessen, ich ziehe das Baby an, ein kurzes Gespräch mit der Ärztin, ich stelle so viele Fragen, wie ich kann, sie ist nett, aber gestresst, ich halte hier alles auf, sie antwortet kurz angebunden und starrt dabei in den Computer. Wird sind fertig für heute. Auf dem Rückweg schläft das Baby im Kinderwagen ein. Ich bin müde und genervt. Ich werde es nicht hochtragen können, ohne dass es aufwacht. Dann wäre es noch quengeliger und würde noch mehr an mir kleben für den restlichen Tag. Es bliebe mir also keine Zeit für etwas anderes. Nicht für die Hausarbeit, die eh schon liegen geblieben ist, weil wir warten mussten und die sich dann mal wieder in die späten Abendstunden verschiebt, wenn die Kinder schlafen. Am Abend zuvor waren die Kinder so aufgewühlt von den Terminen, dass sie bis 1 Uhr morgens wach waren. Und auch nicht für das Schreiben, für mich, für mal ausruhen, was ich mittlerweile in ein anderes Leben verschiebe.

Ich entscheide mich dafür mit dem Baby draußen rumzulaufen und es schlafen zu lassen. Es regnet und es ist kalt. Ich laufe fast zwei Stunden im Regen herum und friere, aber das Baby schläft. Ich hole die beiden größeren ab und zusammen gehen wir endlich nach Hause. Den restlichen Tag ist das Baby trotzdem quengelig und klebt an mir. Die Kinder sind immer noch von den Terminen der vergangenen Tage aufgewühlt und wahrscheinlich auch total übermüdet. Sie streiten, sie schreien, sie hauen sich und mich.

Am Ende läuft den ganzen Nachmittag der Fernseher, ich sitze zwischen ihnen und halte alle auseinander und mich zusammen. Ich mache Abendessen und Jan kommt nach Hause. Er bringt die Kinder ins Bett und ich stille das Baby fast eine Stunde lang in den Schlaf. Jan geht einkaufen, ich koche. Wir räumen auf und essen. Die Kinder wollen nicht schlafen. Wir machen die Wäsche. Die Kinder schlafen immer noch nicht. Er macht Papierkram, ich stille das Baby nochmal. Ein Kind schreckt aus dem Schlaf auf. Wir planen den nächsten Tag. Ich stille das Baby wieder. Diesmal bleibe ich liegen. Es ist eh schon viel zu spät. Ich starre die Decke an. Morgen muss ich wieder warten.

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