Ein Jahr Kaiserinnenreich (mit uns)

by Eszter

Eszter
Letzte Artikel von Eszter (Alle anzeigen)

Mitten in Pandemie, Krieg, Krankheit, Krankenhausaufenthalt, Kampf um Inklusion
schreibt Jasmin plötzlich: „Morgen haben wir Kaiserinnenreich seit einem Jahr
von Mareice übernommen!“ Wir sind alle etwas überrumpelt. Überrumpelt von
dieser ganzen Welt und ihrem Geschehen. Wir wechseln nur wenige Worte, weil wir wortlos Anteil
nehmen und Verständnis haben, wie es in unserem Leben grade aussieht. Der Plan
ist schlicht: Jede schreibt, was ihr das bedeutet. Egal was, egal wie lang. Später
stellen wir fest, dass jede mit dem gleichen Satz anfängt. Und wie
unterschiedlich jeder Text, jede Perspektive auch ist, da ist dieser Punkt, von
dem wir alle starten. Und uns immer wieder treffen. Es ist ein gemeinsames
Fundament, auf dem wir Vielfältigkeit und Gemeinschaft leben und gestalten. Auf
dem wir Raum nehmen und geben. Auf dem wir ankommen, auf dem wir wachsen, von
wo wir hinaus in die Welt gehen und immer wieder von vorne. Ein Raum für
Geschichten und Gefühle und Utopien. Es ist das Kaiserinnenreich.

 

Bárbara

Ein Jahr Kaiserinnenreich! Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich am Ende 2019
mit meiner Tochter im Krankenhaus war und eine Nachricht von Mareice Kaiser bei
mir auf dem Display kam. Sie bot ihren Blog Eszter, Jasmin und mir an. Ich war
baff und wusste gar nicht, was ich ihr antworten sollte außer das: „In
Brasilien würden wir bei so einer Situation sagen: Für so eine Frage habe ich
keinen geeigneten Dresscode“.

Die Möglichkeit auf Deutsch – Deutsch ist nicht meine Muttersprache – mit zwei
klugen Frauen einen Blog zu führen, war ein großes Geschenk für mich! Wir haben
uns als Team gefunden und uns mit der Zeit besser kennengelernt – viele wissen
es nicht, aber ich habe Eszter und Jasmin, genauso wie Mareice noch nie live
gesehen – und heute schaffen wir eine inklusive und respektvolle
Arbeitsstruktur. Eine Gemeinsamkeit von uns drei: Wir haben viel mehr über
unseren Alltag zu teilen, als wir eigentlich zeitlich schaffen. Und das sagt
schon viel über unser Leben als Mütter von behinderten Kindern aus. Immerhin
haben wir über 80 Posts auf Instagram und ca. 50 auf dem Blog mit wichtigen
Informationen an unsere Leser*innen geliefert, die ein guten Einblick in die
Thematik von Inklusion, Ableismus, Muttersein und vieles mehr. Außerdem wurden
wir für den Smart Heros Award nominiert, eine große Anerkennung von unserer
Arbeit!

Ich erkenne auch eine deutliche Gemeinsamkeit zwischen unseren Leser*innen und uns
drei: Die Erschöpfung und die Sicherheit, dass viele unserer Herausforderungen
sehr viel wenig mit uns zu tun haben, als mit der gesellschaftlichen Struktur
dieser Welt, in der wir heute leben. Inklusion ist heute immer noch Ausnahme,
die oft erst durch viel Ausklärungsarbeit von den eigenen Müttern geleistet
wird.

Als Brasilianerin kann ich sagen: Einiges wird mein Kind in Deutschland leichter
haben, als hier in Brasilien, wo ich gerade bin und dafür bin ich dankbar. Aber
zu der Gefahr, die hinter diesem Gefühl von Dankbarkeit steckt, bringt niemand
besser als Judith Heumann in dem Film Crip Camp auf dem Punkt: „Ich bin müde
dankbar für eine barrierefreie Toilette sein zu müssen. Wenn ich dankbar für
eine barrierefreie Toilette sein muss, wann werde ich endlich gleich in der
Gesellschaft sein?“

 

 

Eszter

Ein Jahr Kaiserinnenreich. Als wir das Kaiserinnenreich von
Mareice Kaiser vor einem Jahr übernehmen, hatte ich ein paar Monate vorher mein
drittes Kind bekommen und erfahren, dass es einen Gendefekt hat. Wir stecken
mitten in einer Pandemie, zwischen zwei Lockdowns. Ich stecke mitten in einer
wiedererwachten Depression und Panikstörung. Zwischen all dem wird das
Kaiserinnenreich, zu einem persönlichen Symbol.

Es steht für eine Entscheidung, die ich in einem
Untersuchungszimmer einer Fachabteilung der Universitätsklinik treffe. In einem
Moment der Ohnmacht und der Hoffnungslosigkeit stehe ich auf, halte mein Baby
und fühle alles, egal wie schmerzhaft es ist. Ich halte mein Baby. Und ich
halte sie danach jedes Mal. Bei schlechten Nachrichten und auch bei guten.

Ich verschließe mein Herz nie wieder vor Angst. Mein Herz ist offen.
So weit aufgerissen, dass ich manchmal denke, nicht überleben zu können, was
ich alles fühle. Aber ich fühle. Ich lebe. Ich liebe. Jeder Gedanke, jede
Schönheit, jede Liebe wird Teil dieser Welt durch uns. Also sehe ich hin. Ich
schreibe meine Liebe, meine Utopie in diese Welt hinein. Weil ich muss. Ich
trage alles in meinem Herzen. Ich lasse mein Denken und mein Handeln davon
bestimmen. Ich stehe ein für das, woran ich glaube. Weil ich mein Herz offen
trage und ihr alle darin lebt mit euren Hoffnungen und Gedanken, und Ängsten
und Leid. Und so lange ich fühle, ist nichts vergebens und nichts sinnlos und
keine Angst zu groß. Auch im Angesicht der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit.
Grade dann. Stehe ich auf und halte uns fest. Schaffe mit Worten eine Welt für
uns.

 

 

Jasmin

Ein Jahr Kaiserinnenreich. In diesem Jahr habe ich gelernt, besser
zu kommunizieren, ich habe mich daran freuen können, dass inklusives Arbeiten
möglich ist, ich habe meine Gedanken aufgeschrieben und mit euch geteilt. Ihr
habt Anteil genommen und ich habe mich nicht mehr so allein gefühlt. Mein Kind
ist größer geworden und mit ihr sind die zu bewältigenden Aufgaben in der
Pflege gewachsen. Ich hätte gerne noch viel mehr Zeit und Ressourcen, mehr zu
teilen.

Denn es bedeutet mir so viel, mit diesem Blog anderen ein Gemeinschaftsgefühl zu
vermitteln wie auch ich es empfinde. Danke an alle, die dabei sind und
mitmachen, lesen, teilen. Danke an Eszter, Bárbara und an Mareice. Schön, dass
ihr da seid.

Schreibe einen Kommentar

Erlaubte HTML tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>