Das Foto

by Eszter

Eszter
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Am Anfang wollte ich alles wissen. Ich sammelte Informationen, um rational zu begreifen, wie mein Leben sein würde. Ich lag mit meinem wenige stundenalten Baby allein in einem Krankenhausbett und las alles über Fehlbildungen der Nieren. Ein paar Tage später saß ich weinend auf dem Flur der Universitätsklinik und las alles über die Kombination aus Buchstaben und Zahlen, die uns die Ärztin soeben als Verdachtsdiagnose genannt hatte. Die Seiten voller möglicher Erkrankungen und Symptomen füllten meine nächsten Wochen. Ich konnte mein Hany kaum aus der Hand legen. Tagsüber kreisten meine Gedanken nur um Fachartikel, Fallbeispiele und Studien. Nachts schlief ich nicht, sondern las und lag wach. Erst las ich alles einmal durch. Dann zweimal. Dann ein drittes Mal. Danach las ich nur noch bestimmte Artikel immer wieder. Ich las bestimmte Sätze immer wieder. Ich las und las und lag wach. Bis zu unserem Termin in der Humangenetik.

Eine Babyhand an der Brust seiner Mutter.

Die Humangenetik der Universitätsklinik ist nicht leicht zu finden. Ob es einen Haupteingang gibt und wo der ist, weiß ich bis heute nicht. „Barrierefrei“ wird der Zugang genannt, der über einen Seiteneingang, der wie eine Ladefläche aussieht und über mehreren Fahrstühlen, von denen der erste nur mit einem Schlüssel funktioniert, für den jedes Mal jemand runterkommen muss, erreichbar ist. Das Gebäude ist alles andere als modern. Beim ersten Mal irren wir ein wenig durch die Gänge und Etagen. Im Keller kommen wir an den Laboren für Tierversuche vorbei. Nur wenige Etagen darüber, werden sie unser Baby untersuchen. Im Wartebereich der Humangenetik steht eine Säule in der Ecke, so dass man die Fenster, die dahinter sind, kaum sehen und gar nicht öffnen kann. Wir lachen nervös über die Fehlkonstruktion. Dann sind wir still und starren vor uns hin. Der Ort irritiert mich. Es ist kein Ort, an den Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten kommen müssen sollten. Es ist schon gar kein Ort, an den Menschen mit ihrem Baby kommen müssen sollten. Es ist alles eine große Fehlkonstruktion.

Unser Arzt ist jung und kompetent. Wir verstehen uns auf Anhieb solange es um Gene geht, die nichts mit meinem Baby zu tun haben. Genetik ist mein Spezialinteresse. Oder zumindest war es das, bevor es persönlich wurde. An diesem Tag sind zwei Versionen von mir anwesend. Eine, die fasziniert ist von der Wirkungsweise unserer Gene, und eine, die Mutter dieses Kindes ist. Ich weiß nicht, ob die beiden sich mögen. Als der Arzt die Kanüle am Kopf meines winzigen Babys schlecht ansetzt und ihr Blut über ihren Kopf, meine Hände und Kleidung läuft, ist keine Version mehr von mir übrig. Ich bin viele kleine zersprungene Teile, die von Haut zusammengehalten werden, und die um Fassung ringen. Ich presse mein Baby an mich und wiege und tröste uns beide. Den Zugang, den er mir schlecht in den Arm setzt spüre ich nicht mehr. Am nächsten Tag wird sich ein großes Hämatom gebildet haben, das ich tagelang spüren werde. Während ich einen Tupfer auf die Einstichstelle drücke und auf das Babyblut neben mir auf der Liege starre, höre ich die Gespräche nur weit entfernt. Ob sie ein Foto vom Baby machen dürften. Für die Akten. Wegen der charakteristischen Gesichtsmorphologie. „Sie sieht aus wie ich als Baby.“, sage ich monoton. Er würde auch keine sehen, die gäbe es nicht bei jedem Fall, aber intern für Kollegen und die Forschung wäre das gut. Ich sitze immer noch neben dem großen Blutfleck und starre meinen Mann an, der das Baby hält. Er ist blass, zuckt mit den Schultern und murmelt ja und etwas über Forschung. Ich bin jetzt auch innerlich taub und spüre nichts mehr. Der Arzt macht ein Foto, während ich noch überzeugt bin, dass das hier alles gar nicht real ist. Ich nehme das Baby und setze mich. Ich starre auf den Zettel, den der Arzt uns zeigt. Ich nicke. Ich starre dem Arzt ins Gesicht. Ich nicke. Ich lächle und nicke und starre. Erst als der Arzt uns fragt, ob wir auch die anderen Chromosomen nach Auffälligkeiten untersuchen wollen, spüre ich wieder etwas.

Nein.

Nein, denke ich.

Nein, ich will es nicht wissen.

Es ist das zweite Mal, seit der Geburt unseres dritten Kindes, dass ich eine Grenze ziehe. Ich ziehe sie ganz leise in mir, während Jan ja sagt. Als wir das Gebäude verlassen weine ich. Ich weine den ganzen restlichen Tag. Ich weine und schreibe ins Internet:

Ich mag nicht alle Texte teilen, die ich schreibe. Aber manchmal muss ich etwas teilen, was mir zu intim ist. Dadurch, dass ich Gedanken in Worte kleide, dass sie von anderen gedacht werden, vielleicht weitergegeben werden, fangen sie an zu leben. Ich kann jeden Gedanken in meinem Kopf denken, aber indem ich einen Gedanken ausspreche, wird er ein Teil dieser Welt. Und ich will in keiner Welt leben, in dem dieser Gedanke kein Teil davon ist:

Wenn wir mal wieder von einem Termin aus der Klinik kommen, frage ich mich, wer eigentlich wen tröstet. Ich bin es zwar, die dich hält und wiegt bis du aufhörst zu weinen, dir das Blut von der Kanüle aus den Haaren wischt. Aber du bist es, die ruhig an meiner Brust liegt, mich mit großen Augen anschaut, wenn ich weine und das Gefühl habe, in tausend kleine Teile kaputt zu gehen. Du bist es, die diese tausend kleinen Teile zusammenhält. Bis du auf die Welt gekommen bist, kannte ich keinen Schmerz, der so tief war, keine Angst, die so groß war. Aber auch keine so tiefe Dankbarkeit, kein so tiefes Innehalten. Ich fühle mich oft taub und gleichzeitig alles tausendfach intensiver. Ich spüre so viel Aufregung und Anspannung und gleichzeitig eine Gelassenheit und Ruhe, die ich nie zuvor gespürt habe. Wenn ich nachts in der Dunkelheit wach liege, kann ich manchmal kaum geradeaus denken. Und manchmal sehe ich das Leben und das menschliche Sein in aller Klarheit vor mir. Als hätten uns alle im Universum vorhandenen Kräfte genau an diesen Punkt gesetzt. Ich habe solche Angst vor der Zukunft, vor den schlechten Nachrichten, vor der Trauer, den Tränen, dem Schmerz. Manchmal so sehr, dass ich nicht mehr sein mag. Und ich fühle eine unendliche Liebe, die uns alle umhüllt. Uns mit allem verbindet. Durch die Zeit und alles Sein reicht. Ich höre deine Lungen atmen und dein Herz schlagen. Ich spüre deinen winzigen Körper. Ebenso die kleinen, wuseligen Körper deiner Geschwister. Und selbst wenn wir irgendwann nichts mehr spüren können voneinander, wird die Liebe sein.

Zwei Tage später lese ich wieder einen Fachartikel. Ich weiß nicht mehr, zum wievielten Mal. Er enthält Fotos von einem jungen Mann. Ich habe die Fotos oft betrachtet. Habe sie systematisch nach charakteristischen Gesichtszügen abgesucht. Nach Informationen, die sie mir geben könnten, wenn ich sie nur lange genug anstarre. Jetzt sehe ich einen jungen Mann. Ein junger Mann, den seine Eltern zur Humangenetik gebracht haben. Dessen Eltern vom Arzt gefragt wurden, ob sie ein Foto von ihrem Kind machen dürften. Ob sie auch die anderen Chromosomen nach Auffälligkeiten untersuchen sollten. Ich frage mich, wie viele Informationen diese Eltern gesammelt haben. Ob sie ihnen geholfen haben? Ist alles wissen gut oder ist alles manchmal zu viel? Kann ich alles wissen oder muss ich manches fühlen? Ich frage mich, was man sieht, wenn man das Foto meines Babys betrachtet. Ich frage mich, was ich sehen will, wenn ich unser Leben betrachte. Ich schreibe unserem Arzt, dass er die Fotos löschen muss. Dann lege ich das Handy weg und höre auf zu lesen.

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