Die Dachbox

by Gastbeitrag Kaiserinnenreich

Ein Gastbeitrag von Anna Mendel zu der Serie “Pflegende Mutterschaft und Urlaub”.

“Kauf ich jetzt die große Dachbox oder die kleine?“ David und ich liegen schon im Bett. Der Tag war anstrengend. Lohnarbeit, Carearbeit und Pflegearbeit haben heute wieder alles gegeben. Statt romantischer Paarzeit liegen wir mit mehreren mobilen Endgeräten da und versuchen, raus zu finden, mit welcher Kombination an Ausrüstung rund ums Auto wir am besten in den Urlaub fahren.

„Okay, was muss mit? Lukas‘ Rehabuggy, sein Therapiestuhl, das Cloud Cuddle.“ „Letzteres ist ja zusammen gefaltet in einer Tasche, aber Platz braucht es trotzdem.“ „Ja, ohne Rehareisebett sind wir am Arsch.“ Er googelt weiter und ich sehe seinem Gesicht an, dass es die große Dachbox wird. Er guckt zu mir rüber. „Na, allein die Extra Wäsche. Bei Lukas hält doch nie die Windel, extra Hosen, kurze und lange, doppelter, lieber dreifacher Schlafsack, es gibt doch nichts zum Waschen.“ „Stimmt. Und für Simon lieber auch ein paar extra Hosen. Dann eine Ikea-Tasche mit Windeln, Ersatz-Leintücher, Betteinlagen. Aber die zum Wegwerfen.“ „Dann die Küchenbox. Wir könnten theoretisch alle Lebensmittel daheim lassen und vor Ort kaufen. Aber das Kunststoffgeschirr muss mit, Lukas schmeißt immer noch.“ „Und dann haben sie nicht die richtigen Haferflocken, Streusel, Snacks? Simon kann das nicht, wenn die Streusel falsch sind oder willst du jeden Morgen einen Meltdown beim Frühstück riskieren? Nopen. Unser autistischer Sohn muss eh schon so viel verarbeiten, lass
ihm wenigstens den Start in den Tag. Und die Snackteller sollten auch so aussehen wie daheim.“ Ich schreibe nebenher die Einkaufsliste. „Wie isses mit Lukas‘ Medikamenten? Brauchen wir vor dem Urlaub noch ein Rezept? Und ist das Salbu im Inhalator noch gut?“ „Wenn er so stark hustet, dass wir inhalieren müssen, sollten wir eh nach Hause fahren.“ Ich seufze.

„Andere Frage: welche Ausflüge möchten wir machen? Skywalk ist gesetzt, da kommen wir mit dem Aufzug hoch. Ohne Buggy geh ich mit Lukas nirgends hin. Ich checke noch mal, ob der Schwerbehindertenausweis da was bringt…. Ah, guck, hier steht, behinderte Kinder bekommen ermäßigten Eintritt…. Aber über die Begleitperson schreiben sie wie immer nix, ich hass das ja, wie sollen Familien da Ausflüge planen? Mit drei Erwachsenen würden wir 90 Euro zahlen. Wozu haben wir denn ne Begleitperson dabei, wenn sie keinen Nachteilsausgleich bekommt? Ich hasse das!!“ „Bitte beruhig dich, Schatz, das wird schon. Da A. aber mit kommt, müssen wir den Kofferraum auch anders berechnen. Ihr Sitz nimmt Platz weg, daneben muss ihr Koffer und ihr Rucksack. Rehabuggy und Buggy für Maya müssen neben sie, damit wir schnellen Zugriff bei Ankunft haben. Oder falls wir unterwegs halten müssen. Stell dir vor, wir haben ne Panne und Lukas muss auf dem Standstreifen am Rand stehen, ohne Buggy. Nur an der Hand!!“ „Hör mir uff. Ich mag meine Kinder, ich würde sie gerne behalten. Was ist also die Lösung?“ „Die große Dachbox, weil da alles andere rein muss.“ „Dann bestell das Ding, damit wir endlich Bones gucken können.“

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