Sorgen fahren mit

by Gastbeitrag Kaiserinnenreich

Ein Gastbeitrag von Alex zu der Serie “pflgende Mutterschaft und Urlaub”.

Nur ein entspannter Sommer. Das war das, was ich mir gewünscht habe, kurz nachdem Little L ihre Diagnose erhalten habe. Ihren ersten Sommer hatten wir im Krankenhaus verbracht. Ich hatte braungebrannte Arme und Schultern vom stundenlangen Spazierengehen im Krankenhausgarten, der so klein war, dass man nach 500 Metern wieder umdrehen musste. Aber ich war so weit weg von „erholt-sein” wie noch nie in meinem Leben. L hatte Epilepsie und die Ärzte hatten keine Ahnung was sie tun sollten. So ging ich auf und ab, auf und ab und wusste nicht, wo wir zur gleichen Zeit nächstes Jahr sein würden. Das schien alles so fern und doch wünschte ich mir nichts mehr als das. Mein normales Leben zurück. Einen Tag am See. Oder am Pool. Hauptsache nicht hier, irgendwo zwischen Desinfektionsmittel und Intensivstation. 

Im Herbst fuhren wir das erste Mal weg, nicht zu weit, man wusste ja nie. Mit Pulsoxy im Gepäck und 5 verschiedenen Medikamenten und es war so schön, wie es eben sein konnte mit einem Kind das ständig krampfte. Wir gingen Ponyreiten und Schwimmen und vermieden andere Familien so gut es ging um Little L vor den fragenden Blicken zu Schützen. Im Urlaub klingelte das Telefon, unser Arzt war dran. „Wo sind Sie denn?”, fragte er uns. Ich erklärte ihm, dass wir nur im Allgäu sein und nicht zum Backpacken in Indien, aber es schien im trotzdem zu missfallen, dass wir uns das wagten. Wo denn das nächste Krankenhaus sei, fragte er mich. Als ob ich mich darum nicht ab jetzt in jedem Urlaub kümmern würde. Zu recherchieren, wo im Schlimmsten Fall die nächste Klinik ist.  Immer genug Medikamente im Gepäck zu haben. Das Notfallmedikament griffbereit. Aber wir brauchten es so dringend. Das bisschen Normalität, das Gefühl, dem großen Kind etwas bieten zu können.

Und so wagten wir uns tatsächlich im nächsten Sommer, nach dem harten Lockdown an den Gardasee. Freunde hatten uns gesagt, dass der Campingplatz leer sei, und wir waren so spontan, wie man eben sein kann mit 2 Kindern. Wir waren gerade dabei die ketogene Diät, die bei den Anfällen hätte helfen sollen, wieder auszuschleichen und so bekam Little L am Rastplatz ihre erste Banane überhaupt und aß endlich wieder. Wir hielten es für einen guten Start in den Urlaub. Doch wir waren gerade außerdem mitten im Medikamentenentzug und die Anfälle waren schlimmer als sonst, mehr als sonst. Ich saß zwischen den Kindern auf der Rückbank und heulte, weil ich es nicht mehr aushalten konnte und wollte. „Warum tun wir uns das an?” dachte ich mir. „Warum fahren wir 6 Stunden Auto in die Ungewissheit, es wird auch da nicht besser auszuhalten sein. Ich werde auch am Gardasee meine Augen keine Sekunde von ihr lassen und nicht daran denken was noch kommt. Ich werde auch im Urlaub ständig in Alarmbereitschaft sein, zwischen Angst und schlechtem Gewissen meiner großen Tochter gegenüber. Ich werde keine Sandburgen bauen oder unbeschwert im Pool planschen. Ich kann keinen Urlaub von meinen Sorgen machen, denn die Sorgen fahren immer mit. Mal habe ich Glück und sie halten die Klappe oder lassen sich mit einem Glas Wein für kurze Zeit ertränken. Aber sie kommen immer wieder, egal wie weit du wegfährst, egal wie es dir sonst geht oder wie schön die Sonne scheint. Du kannst nicht weglaufen, sie sind gekommen, um zu bleiben – auch im Urlaub.”

Und trotzdem – irgendwie war es auch schön. Es war gut weg zu sein. Es war wunderbar keine Termine zu haben und nirgendwo sein zu müssen. Die beiden Kinder beim Kind sein zu beobachten, soweit das eben ging. Nicht kochen zu müssen. Barfuß zu sein. Doch was ich dringender gebraucht hätte als alles andere, wäre ein Urlaub von meinen Gedanken gewesen, doch den kann ich leider in keinem Reisebüro der Welt buchen.

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