Wie, du arbeitest noch? Wenn Berufstätigkeit zum Privileg wird

Ich bin seit drei Jahren eine berufstätige pflegende Mutter. Und ich habe meine Berufstätigkeit während der ersten vier Lebensjahre als pflegende Mutter unheimlich vermisst. Ich habe mich ständig selbst hinterfragt, warum ich das nicht hin bekomme – Arbeit und Kind. Dabei habe ich gepflegt, vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche. Ein Kleinkind mit Pflegegrad vier, 100 Prozent Schwerbehinderung und chronisch krank. Gelebt habe ich auf Kinderstationen und trotzdem: ich wollte zurück ins Berufsleben. Mein ursprünglicher Plan nach einem Jahr Elternzeit in meine Agentur zurückzukehren war einfach gescheitert – so im Vorbeigehen. Es wäre unmöglich gewesen. Es gab keine Betreuungsmöglichkeiten für mein schwer krankes Baby und welcher Arbeitgeber hätte mir ständig frei gegeben für die vielen Krankenhausaufenthalte? Ich wurde zu einer gesellschaftlichen Randgruppe. Niemand interessierte sich mehr für meine Ausbildung, für meine akademische Laufbahn oder mein Können. Niemand interessierte sich mehr für mich als Arbeitnehmerin.  Am Rand der Gesellschaft wird die Frage nach der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ins Private gedrängt. Deshalb  brauchen wir in Deutschland hier und jetzt eine politische Auseinandersetzung zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf.

Quelle: Pexels. Fotograf: Tima Miroshnichenko

Zwei pflegende Mütter hatten diesen Sommer Unglaubliches für berufstätige pflegende Eltern ins Rollen gebracht. Sie haben eine Petition für 10 Tage Sonderurlaub gestartet und erfolgreich 30.000 Unterschriften gesammelt. Damit konnten Sie uns Gehör beim Bundestag verschaffen. Leider musste dann für ein entsprechendes Gesetz eine weitere Petition vom Bundestag mit 50.000 Unterschriften nachgelegt werden. Am 30. November endete die Frist der Petition mit rund 16.000 Unterschriften. Es wurde viel diskutiert, welche Hürden es gab, warum es nicht geklappt hat. Ich denke immer noch, dass es auch daran lag, dass viele Menschen sich keinerlei Vorstellung von unserem Alltag machen – außer, sie stecken mitten drin. Mir war vor der Geburt meines Kindes auch nicht bewusst, wie wenig Hilfe es tatsächlich gibt, die auch ankommt. Wir pflegenden Eltern gleichen sogar den Pflegenotstand auf Kinderstationen aus. Wir übernachten dort und erhalten bei längeren Aufenthalten (mehr als 28 Tage) nicht mal mehr das monatliche Pflegegeld.

Überall mangelt es an Fachkräfte, es gibt kaum adäquate Ferienbetreuung für Kinder mit Behinderung und auch viel zu wenig ambulante Pflegekräfte. Assistenzen und Integrationskräfte sind selten – auch wegen der schlechten Gehälter. Meist sind es Hilfskräfte – ohne Erfahrung – denen wir unsere Kinder gar nicht anvertrauen können. 10 Tage Sonderurlaub wären ein erster Schritt für uns gewesen. Sie wären eine Chance für mich gewesen. Sie wären auch eine Chance für den Arbeitsmarkt gewesen, der kompetente, gut ausgebildete Menschen wie uns einfach vergisst, weil er uns als ehrenamtliche Pflegekräfte verheizt. Wir müssen uns zuhause in den eigenen vier Wänden überlegen, wie wir unsere Berufstätigkeit verwirklichen. Wir sind im Privaten für Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zuständig. Und wenn wir arbeiten, überlegen wir uns eigenständig alternative Berufsmodelle, möglichst im Homeoffice.

Quelle: Pexels, Fotograf: Vlada Karpovich

Einen Beruf auszuüben sollte kein Privileg sein – pflegende Eltern müssen ihren Lebensunterhalt finanzieren. Und ein Kind mit Behinderung groß zu ziehen kann teuer sein – wir gehen für Hilfsmittel in Vorleistung, bezahlen privat Medikamente und Therapien, die wichtig für die Entwicklung unserer Kinder sind, aber von den Kassen nicht übernommen werden. 10 Tage Sonderurlaub wären nur ein Anfang gewesen. Ein Anfang, den man uns schon wieder besonders schwer macht. Wir haben uns trotzdem Gehör verschafft. Wir haben unsere Belange in der Öffentlichkeit besprochen. Das ist ein großer Schritt und diesen Weg sollten wir jetzt weiter gehen. Wir müssen sichtbar bleiben. Pflegende Eltern sind mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert, als pflegende Angehörige – allein die Tatsache, dass wir ein Leben lang pflegen und nicht nur ein paar Jahre, müsste viel stärker berücksichtig werden.

Ich bin als berufstätige pflegende Mutter enorm auf ein funktionierendes Netzwerk von Fachkräften angewiesen, die es faktisch nicht gibt. Dieses Netzwerk nutzt ihr gutes Recht auf Urlaub und Krankzeiten – ich kann das nicht. Ich pflege ehrenamtlich – weil der Staat das so will. Freizeit und Urlaub von der Pflege sind aktuell Dinge, die ich nicht in Anspruch nehmen kann. Denn entweder pflege ich oder ich arbeite, oder ich kümmere mich als Mutter um mein Kind. Aber ein Recht auf Auszeiten habe ich nie. Darunter leidet auch meine Gesundheit. Fällt mein Netzwerk mal wieder aus, muss die Erwerbsarbeit warten und ich muss mich Vollzeit der Pflege und Betreuung meines Kindes widmen. Dafür reichen die herkömmlichen  Kindkranktage aber bei weitem nicht aus! Außerdem muss ich wahnsinnig viel Organisierem, um mir die Zeit für die Erwerbsarbeit im Pflegealltag frei zu schaufeln. Arbeiten als Privileg  – so läuft das für pflegende Eltern.

Deshalb danke ich Iris Mydlach und Simone Braunsdorf-Kremer für ihren Einsatz und die Petition für 10 Tage Sonderurlaub. Hört auch den Podcast stark.behindert von den beiden.


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Kommentare

9 Antworten zu „Wie, du arbeitest noch? Wenn Berufstätigkeit zum Privileg wird“

  1. Barbara

    Leider ist diese Petition an mir vorübergegangen, ich hätte sonst gerne unterschrieben.

    Fachkräfte wären im medizinischen und pädagogischen Bereich leicht aufzubauen, wenn sich die personellen und finanziellen Bedingungen ändern würden.
    Ein Beruf in diesen Bereich, der von professioneller Kompetenz und sehr stark von Interaktion und Kommunikation geprägt ist, ist für Viele ja per se zunächst mal attraktiv.
    Die kontraproduktive Antwort auf Fachkräftemangel ist im sozialen Bereich aber nie nachhaltig zu inverstieren, sondern immer der Dreiklang aus Erhöhung von Gruppengrößen , Entprofessionalisierung und befristeten Verträgen.

    Inzwischen erhalten Institutionen im Behindertenbereich auf Stellenangebote teils gar keine Bewerbungen mehr. Vezweifelt wird dann mit “ein Held im Sozialen sein” geworben, um Interessenten zu finden. Doch wer kann oder will es sich leisten ein Berufsleben lang ein Held
    zu sein ?

    1. Simone

      Das ist richtig. Es gibt eben auch enorme Lücken in unserem Gesundheits- und Pflegesystem. Auch Fachkräfte arbeiten sich auf. Das ist klar. Es müsste sehr viel geändert werden von der Politik.

  2. Katharina

    Liebe Simone,
    es ist eine Schande für dieses reiche Land, anders kann man es nicht ausdrücken. Wenn ich die Geschichten von euch pflegenden Müttern lese, kommen mir eigene „Belastungssituationen“ geradezu lächerlich vor und ich bin fest entschlossen, jede Petition zu unterscheiden, die euch am Ende euer Leben ein bisschen leichter machen könnte. Herzliche Grüße!

    1. Simone

      Danke dir! Belastungen sind immer individuell und immer in vollem Maße Ernst zu nehmen, finde ich, liebe Katharina. Danke, dass du uns unterstützt, und hier mitliest und damit auch Awareness für uns Betroffene schaffst.

  3. Simone Ganguillet

    Danke für diesen Beitrag – für all eure Beiträge. Ich lese so gerne da, schätze eure (Schreib-)arbeit nebst all der anderen Care-/Pflege-/Erwerbsarbeit unendlich und sage es viel zu selten. Sorry. Und: Danke.

    Und wie die Sonderurlaubssache (I mean, 10 Tage wären ja jetzt echt auch nicht viel) in der CH (von wo aus ich euch lese) aussieht, muss ich gleich mal recherchieren.

    1. Simone

      Danke dir und schön dass du hier mitliest – würde mich auch sehr interessieren, wie es in der Schweiz aussieht 🙂

  4. Jenny Schmidt

    Hallo Simone,
    dieser Artikel war sehr augenöffnend. Ich danke dir dafür. Meinen winzigen Beitrag eine weitere Petition zu unterschreiben, wenn es sie gibt, werde ich auf jeden Fall leisten.

    1. Simone

      Liebe Jenny! Danke dir für dein ehrliches Feedback – das bedeutet mir viel!

    2. Simone

      Das bedeutet mir viel. Danke Jenny

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