Heulst du schon, oder kannst du noch? – Gedanken zur Carekrise in Deutschland

by Simone

Die Influenza- und RSV-Welle in den Kinderkliniken, fehlende Medikamente für Kinder, der Fachkräftemangel in allen Bereichen, die Kinder betreffen: das ist eine Krise. Eine richtige Krise. Diesmal betrifft sie unsere Kinder und uns Eltern noch ein bisschen härter. Ich dachte nicht, dass das noch möglich war. In der Corona-Krise standen Familien, vor allem pflegende Familien ganz hinten auf der Agenda. Mein behindertes Kind hat Therapien verpasst, es wurden Operationen verschoben und ich saß alleine an seinem Bett auf der Kinderstation – ohne Unterstützung seines Vaters, weil wir nicht zu zweit bei unserem Kind sein durften. Es gab Regeln für alle, um alle zu schützen. Jetzt fehlt uns Krankenhausbehandlung, Kita-Betreuung und Medikamente für unsere Kinder, aber wer schützt jetzt das Leben meines Kindes?  Wenn ich diese Frage stelle, dann antwortet man mir: wieso, du wolltest doch Mutter werden. Du solltest mit deiner Elternschaft und deiner damit einhergehenden Verantwortung zurechtkommen.

Ja doch, ich wollte Mutter werden, aber ich wollte nicht, dass das Leben meines Kindes wegen einer Grippewelle in ernsthafte Gefahr gerät und das in einem Sozialstaat! In einer Gesellschaft in der wir Masken tragen können, Abstandsregeln einhalten könnten und Impfungen zur Verfügung haben, um uns gegenseitig zu schützen. Ich war ziemlich lange sehr naiv. Ich habe an Solidarität geglaubt. Ich dachte, diese Sache mit der Rücksichtnahme wäre auch anderen wichtig. Ich muss zugeben, ich habe mich geirrt! Massiv. Ich kann das auch gerne nochmal erklären, was damit gemeint ist, also mit dieser Solidarität. Ganz konkret heißt das:  Es gibt Hilfe der Stärkeren für die Schwächeren, die nicht die Kraft oder Möglichkeit zur Selbsthilfe haben. Das würde ja nun ziemlich genau auf unsere Kinder, die Zukunft dieses Landes, im Moment zutreffen. Oder? Menschen sagen, ich soll auf die Straße gehen, streiken und politisch wichtige Fakten erörtern. Ihr Menschen da draußen, das geht nicht! Ich habe ein schwer krankes Kind, ich kann hier nicht weg. Es gibt keine Fachkräfte die es zuhause oder im Kindergarten adäquat betreuen. Es gibt niemanden mehr außer uns Eltern, die das abfangen. Wir stecken hier mittendrin in der Carekrise und bräuchten jetzt Maßnahmen. Sofort.

Wisst ihr eigentlich was diese Carekrise mit Familien, wie meiner macht? Nein. Dann lest weiter. Vielleicht hilft das zu verstehen, dass ihr jetzt für uns auf die Straße gehen solltet. Ich schreibe diesen Text, während ich neben einem schlafenden Sechsjährigen auf dem Boden sitze. Er ist an einen Monitor angeschlossen, der blinkend seine Vitalzeichen misst. Von Zeit zu Zeit spritze ich über eine Magensonde Nahrung durch seine Bauchdecke, damit sein Blutzucker stabil bleibt. Mittlerweile ist es 19:38 Uhr. Aufgestanden bin ich um 6 Uhr morgens. Seitdem hatte ich keine Pause. Die Individualbegleitung, die mein Kind sonst in den integrativen Kindergarten begleitet, ist krank. Influenza.  Seit 10 Tagen. Davor hatte unsere komplette Familie Influenza. Mein Kind hatte deshalb eine schwere Lungenentzündung mit nächtlichem Sauerstoffbedarf. Leider hatten wir keinen Sauerstoff zuhause  und die Kliniken waren alle voll. Blöd für uns. Am Telefon hat man mir gesagt: bleiben sie zuhause wenn sie können. Eigentlich konnten wir nicht, aber wir hatten keine Wahl. Wir sind zuhause geblieben und haben gehofft, nicht den Krankenwagen rufen zu müssen.

Ich habe mein schwer krankes Kind alleine zuhause gepflegt und damit meine ich, ich habe die Arbeit einer ausgebildeten Kinderkrankenschwester erledigt, ohne eine Ausbildung zu haben und war selbst erkrankt. Ich habe mein Kind inhaliert, abgesaugt, habe ihm Medikamente verabreicht, Vitalwerte gemessen, eingeschätzt und neue Behandlungsmetoden überlegt, mehrfach am Tag die Kinderärztin kontaktiert und neue Möglichkeiten besprochen, Medikamente bestellt, dosiert und wieder verabreicht. Ich habe Nahrung und Flüssigkeit sondiert, bilanziert und wieder aufgewischt, wenn es nicht drinnen blieb. Ich habe in dieser Zeit nicht gearbeitet. Damit meine ich die Arbeit, die Geld einbringt. Und ich habe mich schlecht gefühlt deshalb, weil nur drei Monate zuvor bin ich auch schon wochenlang ausgefallen. Da hatte mein Kind eine schwere Schädeloperation, die auch ich pflegerisch begleitet habe – sowohl im Krankenhaus als auch zuhause. Denn es gibt kaum Personal auf den Kinderstationen. Der Pflegenotstand, allgemein bekannt. Wir mussten bis zum Tag der Operation bangen, ob ein Intensivbett frei ist und mein Sohn operiert werden kann. 10 Stunden war er weg. 10 lange Stunden haben Ärzte an seinem Schädel und seinem Gehirn operiert. 3 Monate später sitze ich hier und bange wieder um seine Gesundheit, diesmal wegen einer Infekt-Welle, die niemanden zu interessieren scheint. Einfach, weil Menschen nicht solidarisch sein möchten. Weil Menschen ihre individuelle Freiheit möchten und nicht auf irgendwelche Kinder, die sie nicht kennen, Rücksicht nehmen wollen.

Warum ich euch das alles erzähle? Vielleicht versteht ihr es besser, wenn ihr seht, was das alles mit unseren Kindern macht. Und was es mit mir macht. Ich sitze am Küchentisch und weine stille Tränen. Es sind Tränen der Erschöpfung und der Fassungslosigkeit. Ich würde gerne zum Carestreik aufrufen und politisch relevant sein. Es tut mir leid, das kann ich leider nicht. Denn ich stecke mittendrin in dieser Carekrise. Ich lebe und erlebe sie und kann  nicht auf die Straße, um zum Streiken. Denn wer würde sich denn dann um mein Kind kümmern? Das Betreuungsnetzwerk liegt mit Influenza im Bett.

Ich weine stille Tränen. Ich bin nicht mehr wütend, oder aktivistisch. Ich bin resigniert und machtlos. Die Situation nimmt uns alle Möglichkeiten. Sie darf so nicht bleiben. Und jeder Einzelne von euch könnte ein klein wenig daran ändern.  Wirklich. Mit Hygieneregeln, Abstand, Masken, Impfungen, als auch mit Verständnis und öffentlicher Unterstützung. Wir brauchen jetzt eure Solidarität.  

Ihr bewundert mich, nennt mich Supermom, weil ich mich so taper halte. Es sind nur Worthülsen, damit ihr euren gesellschaftlichen Anteil bei der Carearbeit nicht leisten müsst.  Am Ende des Tages, bin ich diejenige, die am Küchentisch sitzt und weint, vor Erschöpfung, weil ich mehr geleistet habe, als ich eigentlich kann. Ich sitze mitten unter euch, aber ihr seht mich nicht. Deshalb möchte ich wissen: wer bist du in dieser Carekrise? Wer willst du in dieser Gesellschaft sein, frag ich dich? Hat nicht jeder von uns einen gesellschaftlichen Auftrag, den so viele in dieser Krise aber einfach ignorieren, um ihre persönliche Komfortzone nicht zu verlassen?

3 Kommentare zu “Heulst du schon, oder kannst du noch? – Gedanken zur Carekrise in Deutschland

  1. Ooh sehr traurig man weiß nicht was man sagen soll.Es gibt soviele Nörgler die sich über jeden Krümel sagen wir mal so aufregen,oder wegen der Umwelt an jeder Stelle ankleben.Diese Leute müßten mal darein lesen.Alles Liebe von mir.Könnte auch heulen

    • #whataboutism nennt man das. Nur weil eine Krise wichtig ist, heißt das nicht, dass die andere eine Lappalie ist. Die machen wenigstens was – ob das der richtige Weg ist ist ne andere Frage. Die haben die Energie. Gut für sie. Und uns, denn beide Krisen bedrohen unsere Zukunft, unsere Gegenwart und alles was uns lieb ist: unsere Kinder.
      Kinder, Eltern und Familien haben keine Lobby, u.a. weil insbesondere in der Krise akut die Kraft fehlt. Genau wie Pflegepersonal und so viele andere. Es schockiert mich, wie sehr die Politik die Schwachen, die Stillen im Stich lässt. Aber aufgestanden, protestiert und laut geworden – das bin ich noch nicht. Und ich schäme mich. Ich würde mich weniger schämen, wenn ich mich in Ermangelung besserer Ideen irgendwo festgeklebt hätte um für unsere Zukunft zu kämpfen.

  2. Liebe Simone, ja wir sind diejenigen die immer da sein müssen! Für uns gibt es keinen Ersatz. Unsere Wertevorstellungen für die Pflege unserer Kinder sind andere wie die von extern Menschen die nach Plänen und Minuten ihre Leistungen/Pflege erbringen.
    Ich kann es dir nachfühlen. Vor einem Jahr hatte erst mein Sohn und 3 Tage später ich Corona. Bleiben sie zu Hause wurde uns gesagt. Jetzt hat uns die Influenza erwischt. Bleiben sie zu Hause hat man uns gesagt. Der kassenärztliche Bereitschaftsdienst hat mich telefonisch beraten und das war eine Ausnahme, denn da wo ich wohne gibt es keinen kassenärztlichen mobilen Notdienst für Kinder und der Arzt kann die Beratung nicht abrechnen…. Dem Arzt bin ich dankbar das er mich trotzdem beraten hat. Unserer Gesundheitssystem und die Gesetze werden wir leider nicht ändern….ich Pflege mein Kind einfach weiter‍♀️

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