Das Wartezimmer

by Eszter

Ich verbringe mein Leben in Wartezimmern. Das Leben, das übrigbleibt, lege ich um das Wartezimmer herum. Es ist das fünfte Wartezimmer diese Woche. Und es kommen noch zwei weitere. Heute ist das Baby dran. Die beiden älteren konnte ich grade noch rechtzeitig in den Kindergarten bringen. Die Schlange der Kinderklinik reicht bis auf die Straße. Erst stehe ich draußen im Regen, dann schwitze ich unter grellem Neonlicht. Selbst wenn wir beim Empfang waren, werde wir wahrscheinlich noch zwei Stunden warten. So wie gestern, trotz Termin natürlich. Vielleicht werden wir auch einfach wieder nach Hause geschickt, trotz Termin natürlich. Dann soll ich einfach noch einen neuen Termin machen und nochmal kommen und nochmal warten. Also warte ich. Weiterlesen

Die Angst mit der ich lebe

by Eszter

Als wir es am wenigsten erwartet haben, kam plötzlich der Anruf. Ganz unspektakulär setzt der Arzt am nächsten Tag die Spritze an. Ich beobachte, wie die Flüssigkeit in meinem Körper verschwindet und blicke auf. Für ein paar Sekunden schauen wir uns einfach nur an. Ich warte. Er sagt: „Das war‘s.“ Ich bin ein wenig verwirrt, blicke mich um und gebe ein „Ha“ von mir. Weniger Lachen, mehr ein Ton von einer verrosteten Maschine, deren Zahnräder sich das erste Mal seit langem wieder drehen. Die Maschine ist die Faust in meiner Brust. „Irgendwie erwartet man, dass noch etwas passiert.“, sage ich schließlich. „Ja, so geht es allen Patienten.“ Wir lachen. Diesmal richtig. Weiterlesen

Das Portemonnaie

by Eszter

Die Maße meines Lebens betragen 16.5 x 5.4 x 26.4 cm. Mein Leben steckt in vier große, fünf kleine und zwölf Fächern für Karten. Von außen ist mein Leben schlicht und unauffällig. Umspannt mit schwarzem, glattem Leder. Mit einem kleinen Griff. Praktisch, und auch ein kleines bisschen elegant. Innen drin ein bunter Haufen aus Handy, vollgeschriebenem Terminkalender, to do Listen, Attesten, Rezepten, Überweisungen, Telefonnummern, Adressen. Gut organisiert und strukturiert, aber so voll, dass es fast aus allen Nähten platzt. Ich nehme meine Gefühle und Gedanken sortiere sie, jedes hat sein Fach, seinen Reißverschluss. Zusammen mit dem Zettel, den die Schwester mir reicht, stecke ich die Sorgen in das Fach für die Termine. Die Überweisung kommt in die Tasche mit dem Reißverschluss, zusammen mit meiner Erschöpfung. Die Müdigkeit ist wie die Bankkarten und Krankenkassenkarten immer griffbereit. Und in der tiefsten Tasche, fest verschlossen, sind das Kleingeld und meine Tränen, damit sie nicht einfach herauskullern. Am Ende des Tages hole ich sie manchmal raus und zähle nach, wie viel noch von mir übrig ist. Weiterlesen

Mutterschaft: Warum es nicht um Liebe geht

by Eszter

Dieser Artikel ist zuerst bei EDITION F erschienen.

Ich habe ihn letztes Jahr während meiner dritten Schwangerschaft geschrieben. Unsere Situation hat sich seitdem verändert. Was Sichtbarkeit und Inklusion angeht hat sich nichts verändert.

Ich habe mich bewusst dazu entschieden, Mutter zu werden. Alle meine Kinder sind gewünscht, geplant und geliebt. Ich hatte ein realistisches Bild vom Alltag mit Kindern. Ich setzte mich schon Jahre vor meiner Mutterschaft in einem feministischen Kontext mit Themen wie Rollenbildern und Altersarmut auseinander. Und dann wurde ich Mutter. Weiterlesen

Warum kein Mensch Lean Care braucht

by Eszter

Mein erster Anruf bei einem Pflegedienst begann mit einer Frage: „Helfen Sie auch, wenn es um Kinder geht?“. Ich hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, im Internet nach Pflegediensten zu suchen. Und ich hatte keinen einzigen gefunden, auf dessen Homepage ein Kind abgebildet war. In der Vorstellung der meisten, die damit wenig zu tun haben, ist Pflege etwas, das nur alte Menschen betrifft. Es stimmt zwar, dass der Großteil der pflegebedürftigen Menschen älter sind, aber eben nicht alle. Damals dachte ich, das wäre zumindest denjenigen, die mit Pflege zu tun haben, bewusst. Weiterlesen