Von Rollenbildern, Schablonen und Freiheit

by Kaiserin

„Dich hätte ich als Role Model gebraucht, als Lotte klein war“ – einer der ersten Sätze meiner Freundin Manu, als wir uns kennenlernten. Sie selbst ist Journalistin, smart, hübsch, schlau, Mutter von zwei Kindern, mit und ohne Behinderung. Ich, ein Vorbild für diese coole Frau? „Warum das denn?“, fragte ich zurück. „Einfach deine Perspektive; das Wissen, dass das Leben nicht vorbei ist mit einem behinderten Kind. Das hätte ich damals gebraucht.“

Und ja, ich wusste sofort, was sie meinte. Auch ich dachte, mein Leben sei vorbei, in den ersten Tagen auf der Intensivstation mit unserer Tochter, zwischen Inkubator und Diagnosesuche. Ich kannte weder behinderte Kinder, noch ihre Eltern. Beim Wort „Selbsthilfegruppe“ bekam ich eine Gänsehaut, in der inklusiven Krabbelgruppe, zu der ausschließlich behinderte Kinder mit ihren Eltern kamen, fühlte ich mich unwohl. Weiterlesen

»Werde, die du bist!«

by Kaiserin

Tina hat ein Kind bekommen. Auf Facebook und ihrem Blog zeigt sie Fotos vom Baby und schreibt dazu einen Leitspruch, ein Zitat von Hedwig Dohm, Feministin und Publizistin: »Werde, die du bist«.

Abgesehen davon, dass ich Hedwig Dohm und ihr Schaffen schätze, bin ich bewegt von diesem Satz. Gibt es einen passenderen Begleitsatz (das Wort gefällt mir besser als »Leitspruch«) für ein neugeborenes Kind? Ich kenne keinen schöneren.

Gleichzeitig ist es ein wichtiger Satz. Denn schon während der Schwangerschaft sind Eltern mit der Frage konfrontiert, »was es denn wohl werden wird«.
»Ein Kind, hoffentlich«, habe ich schon während meiner ersten Schwangerschaft am liebsten geantwortet. Weiterlesen

Glück ohne Plan

by Kaiserin

„Eine Prognose gibt es nicht“ – Wie oft ich diesen Satz gehört habe, kann ich nicht mehr zählen. Kaiserin 1 ist mittlerweile dreieinhalb Jahre alt und die einzige Prognose, die es für sie gibt, ist die, dass sie wohl immer ein behinderter Mensch sein wird. Wie stark ausgeprägt ihre Behinderungen sein werden, ist nach wie vor nicht klar.

Höchstwahrscheinlich wird sie sich niemals durch Lautsprache verständigen, denn bisher haben wir nicht das Gefühl, dass sie etwas mit den hörbaren Informationen, die sie durch ihr Cochlear Implantat bekommt, anfangen kann. Es ist unwahrscheinlich, dass sie irgendwann ihren Namen schreiben wird – ihre Sehbehinderung ist stark ausgeprägt und das Auge kein Organ, das von heute auf morgen einfach so besser wird. Wenn es gut läuft, wird sie von alleine Stuhlgang haben können – ohne Hilfe und Unterstützung durch Pflegepersonal. Wenn es gut läuft, wird sie irgendwann mit Unterstützung ein paar Schritte gehen können. Das sage übrigens ich als Mama, aus meinem Bauchgefühl heraus. Ärzt_innen und Therapeut_innen sagen: „Eine Prognose gibt es nicht“. Ihre Chromosomen sind zu speziell. Alle haben Angst, irgendwann zur Verantwortung gezogen zu werden, wenn sie mit ihrer Einschätzung falsch liegen.

Dabei geht es für uns als Eltern manchmal einfach nur um einen Grashalm Hoffnung. Etwas, woran wir uns festhalten können in schlechten Zeiten. Im Krankenhaus, wenn mal wieder eine Lungenentzündung zugeschlagen hat. Ein Grashalm, der daran erinnert: „Alles ist möglich, auf für Dein Kind. Hör nicht auf zu hoffen“. Ein Grashalm, der für Wunder steht.

Ich habe nicht aufgehört, zu hoffen – habe aber auch schnell meine Erwartungen an die Realität angepasst. Mittlerweile rechne ich nicht mehr damit, dass meine behinderte Tochter irgendwann „Ich hab dich lieb“ zu mir sagt. Mir reicht es, wenn sie glücklich und zufrieden ist. Ich sehe ihre kleinen Fortschritte und bin so stolz wie es eine Mama nur sein kann. Das erste Lächeln. Die ersten Wochen ohne Magensonde. All diese Fortschritte, mit denen sie zeigt: „Ich habe Lust auf Leben, ich bin gerne hier“! Weiterlesen

Die kaiserliche Woche // KW 20

by Kaiserin

Und ich hätte mir gewünscht, irgendjemand hätte mir die Erlaubnis erteilt, zu machen was mir gut tut. Weil ich das nicht konnte. Wünschte, irgendjemand hätte gesagt, es ist okay, beim stundenlangen Stillen auch stundenlang Filme zu gucken, oder es ist okay, auf Pausenmodus zu gehen, und dass man sich nicht ins Aus katapultiert, wenn man für ein paar Monate nichts nebenbei macht und chillt. Nicole von Horst hat für Kleinderdrei einen intimen und tröstlichen Artikel darüber geschrieben, wie schwierig es ist, auf sich selbst zu hören. Über verschüttete Milch weinen

Blogs bilden das private Leben ab und sind damit politisch, denn private Fragestellungen beinhalten auch immer öffentliche Fragen. Heinz Bude ist einer der führenden deutschen Soziologen und spricht auf NIDO.de über Familie, Elternschaft und Perspektiven: „Niemand will dumm dastehen“

Fast hatte ich das Gefühl, keine Artikel mehr zu #regrettingmotherhood lesen zu wollen. Bis Jacinta Nandi mir gezeigt hat, dass eben doch noch nicht alles dazu gesagt ist. Hier der beste Text zur Debatte: Alleine mit dem Hass der Gesellschaft

Nicht jede Person ist zu symbolischen Beziehungen befähigt oder gewillt. Warum sollten alle Frauen, die Mütter werden, zu einer Mutter-Kind-Beziehung bereit sein, die von ihnen abverlangt, allgegenwärtig zu sein, unbedingt verfügbar – beides sowohl körperlich als auch emotional – und bedingungslos liebend? fragt Márcia Elisa Moser. Der ganze großartige Texte: Traurige Mütter

Katharina Ludwig ist Journalistin und hat den Blick für schräge Details und charmante Menschen. Ihre Beobachtungen des Alltags schreibt sie ab jetzt ins Internet. Ihr Blog, der abonniert gehört: Grüße aus B.

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Die kaiserliche Woche // KW 18

by Kaiserin

Die Woche im Sauseschritt.

Die fuckermothers listeten zehn Gründe auf, warum Arbeit ein wichtiges Thema für feministische Perspektiven auf Elternschaft ist. Ich schrieb einen Kommentar dazu – da waren es elf Gründe! Ein Grund, das Internet zu lieben.

Ein anderer Grund für Internetliebe ist das Blog Kleinerdrei. Diese Woche hat Andrea Meyer dort einen super Text über ihre Erfahrungen als lesbische Co-Mutter in Berlin veröffentlicht: Ich bin nur dick

An alle Kaiserschnitten: Liz vom Blog Kiddo the Kid startet eine Narbenparade! Hier der Text, mit dem alles begann: Bauchgefühle. Retrospektive

Das Kaiserinnenreich war für den Grimme Online Award vorgeschlagen, wurde dann aber doch nicht nominiert. Das ist nicht schlimm, denn ich freue mich sehr über diese Nominierung: „Wer darf leben“ für Grimme Online Award nominiert Weiterlesen

Gene auf der Probe

by Kaiserin

Die Arzthelferin packt die Spritze aus, ich höre das Verpackungsmaterial knistern. Die Nadel ist viel größer, als ich sie mir vorgestellt hatte. „Sie schauen ab jetzt lieber weg“, sagt der Arzt zu mir. Ich bin in guten Händen, sagen alle. Ich bin in guten Händen, sage ich zu mir selbst. Ich muss mich beruhigen. Ich bin alles andere als ruhig. Die Chorionzottenbiopsie, für die ich heute hier bin, wird in dieser Praxis mehrmals pro Woche durchgeführt. Mit einer Hohlnadel wird schwangeren Müttern durch die Bauchdecke gestochen und Gewebe aus der Plazenta entnommen. Da die entnommenen Zellen das gleiche genetische Material haben wie das ungeborene Baby, können so genetische Auffälligkeiten festgestellt werden. Wir sind hier, weil unsere erste Tochter mit einem seltenen Chromosomenfehler zur Welt kam, durch den sie mehrfach behindert ist. Mit ihrer Geburt fiel ich in eine Welt voller Begriffe, die vorher nur leere Worthülsen für mich waren: Humangenetik, Chromosomenfehler, Pränataldiagnostik.
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Brief von einer nicht perfekten Mutter

by Kaiserin

Liebe Susanne, liebe Anja,

danke für Euren inspirierenden Briefwechsel! (Susannes Text hier, Anjas Antwort hier)

Eure Briefe zeigen, warum ich Elternblogs mittlerweile mag: Ich schaue beim Lesen über den eigenen Tellerrand, denke immer wieder „ja, so kann man das auch machen“, manchmal auch „Herrje!“ und kann mir oft hier und da ein Scheibchen abschneiden für das Leben mit meinen Kindern; auch wenn meine Kaiserin 1 mehrfach behindert ist. In vielerlei Hinsicht macht die Behinderung des eigenen Kindes einen Unterschied – bei den Elternthemen, die Ihr angesprochen habt, eher nicht.

Die Leitfrage Eures Briefwechsels lautet: Wie bin/werde ich eine gute Mutter? Weiterlesen