Patientenmutter des Monats

by Gastbeitrag Kaiserinnenreich

Heute lest ihr hier einen Gastbeitrag von Anna. Sie schreibt auf Instagram auf dem Account icp_elternakademie. Mich, Simone, hat der Text fast umgehauen, als ich ihn heute lesen durfte, denn er erzählt uns davon, dass es tatsächlich passieren kann, dass eine Kinderklinik kein sicherer Ort ist. Auch ich habe das mit meinem Kind leider schon erlebt, dass ich in einer Kinderklinik keine Hilfe erfahren habe. Mein Kind wäre aufgrund dessen beinahe verstorben. Ich musste Hilfe von Außen holen, bis die Ärzte endlich reagierten, um sein Leben zu retten. Ich bitte euch deshalb: lest den Text, wenn ihr dafür emotional stabil seid, lest ihn, leitet ihn weiter und sprecht darüber. Es ist unheimlich wichtig, dass wir nicht schweigen. Aus Angst, aus Verunsicherung oder aus Trotz, weil das ganz bestimmt nur ein Einzelfall ist. Ist es nicht. Pflegende Eltern berichten. Nicht um aufzuschrecken, aber um aufzuklären. Hier also nun Annas Schilderung.


Ist ein Kind krank, stellen wir uns die nächstgelegene Kinderklinik als den ultimativen Ort des Schutzes und der notwendigen Versorgung vor. ‘Fahrt doch lieber in die Notaufnahme, sicher ist sicher.’In vielerlei Hinsicht stimmt das. Ein großes Haus mit einer technischen Ausstattung, die Intensivversorgung ermöglicht. Sowie komplexe Diagnostik. Etliche Fachbereiche unter einem Dach. Interdisziplinarität, gebündelte Erfahrung. Im Zweifel könne schnell gehandelt werden.

Es ist auch ein Haus voller engagierter Menschen. Die wahrscheinlich wieder Mal aufgrund von Krankmeldungen eingesprungen sind, nach wenigen Stunden Schlaf. Ihre Arbeit ist wertvoll, ihre Belastung vermutlich unvorstellbar und die Existenz der Institution Krankenhaus zweifellos lebensrettend.

Das ist etabliert. Dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sein können, können pflegende Eltern wohl so gut bezeugen, wie kaum jemand anders. Dankbarkeit neben Alptraum.

Was wir in Krankenhäusern erleben, ist weniger etabliert. Es bleibt in unserer Parallelwelt. Wir rufen, schreien, doch unsere Empörung steckt wenige an. Erst an dem Tag, an dem die Missstände mit eigenen Augen am eigenen Kind erfahren werden, wird eine weitere Stimme außerhalb unserer Blase rufen, dass man doch endlich mal über die Katastrophe sprechen müsse, die die Versorgung unserer kleinen Schützlinge in Deutschland ist. Die Schlagworte Personalmangel und Überbelegung hat man in diesem Zusammenhang bestimmt mal gehört. Und kann den Rattenschwanz dahinter erahnen.

Doch darüber möchte ich heute weniger sprechen. Ich möchte über die stille Post sprechen, die Informationen in so einem Haus transportiert. Über Hierarchien, die – bei aller Notwendigkeit – nicht frei von Nebenwirkungen sind. Darüber, dass sich beruflicher Stolz und Patientenwohl manchmal nicht so gut verstehen. Darüber, welches Bild der Elternrolle herrscht und wo der Stellenwert kindlicher Psyche bleibt. Und darüber, wie oft unsere Kinder ein Krankenhaus aus genau diesen Gründen nicht gesünder verlassen, sondern mit neuen Schäden im Gepäck. Und wie dies uns Eltern nachhaltig verändert.

Manche von uns sind nur deshalb in diesem unfreiwilligen Club, weil sie fahrlässige Behandlungsfehler erlitten. Sie pflegen die Folgen von Hirnschäden, die verhinderbar gewesen wären. Manche hatten früh in ihrer Elternschaft das klare Gefühl, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimme, sind damit jedoch viel zu spät erhört worden. Viele wurden jedoch intensivmedizinisch hervorragend versorgt, ihre Kinder sogar gerettet und sie nahmen als Schaden lediglich eine Traumatisierung durch ‘ihr Kind wird nie…’ Sätze mit. Fast alle lernten wir früher oder später, dass wir – um unserer Pflicht der elterlichen Fürsorge nachzugehen – Fachmenschen in Weiß jederzeit potentiell hinterfragen müssen. Eine Last, die schwer wiegt. Eine Rolle, die unbeliebt ist. Eine Rolle, die wir nie wollten. Ob wir zu recht hinterfragt haben, oder ob wir uns den Kampfmodus diesmal hätten sparen können, lässt sich leider erst im Nachhinein beurteilen. So auch hier:

Fünf Stunden wartet mein Kind in der zentralen Notaufnahme, bevor ihn Arzt Nr. 1 [Name aus Datenschutzgründen verändert] untersucht. Ein Kind mit Schwerbehinderung, direkt nach seinem epileptischen Anfall und mit Verdacht auf einen gefährlichen Entzündungsprozess im Knie. Mit Blaulicht in die Klinik gebracht, in die fröhlich-grüne Dringlichkeitsstufe vier eingeordnet. Den kleinen Warteraum teilen wir uns mit erbrechenden, hustenden und fiebernden Kindern. Dass etliche Patienten, älter, ohne Behinderung, ohne Fieber, vor unseren Augen kommen und gehen, erklärt mir die Krankenschwester damit, dass diese bestimmt ‘chirurgisch’ seien. Mein Sohn hingegen nicht. Ich diskutiere umsonst. Vier Mal. Stunden später würde mir der Oberarzt aus dem Bereich Chirurgie (Arzt Nr. 2) mitteilen, da sei bei der Triage doch was falsch kategorisiert worden. Schließlich seien wir chirurgisch.

Insgesamt acht Stunden nach Ankunft im Rettungswagen dürfen wir unser Zimmer für einen stationären Aufenthalt beziehen. Noch ein paar Stunden später, erst um Mitternacht, soll die Antibiose starten, ‘denn wenn wir jedem Patienten um eine andere Uhrzeit Antibiotika geben würden, könnten uns Fehler unterlaufen’, erklärt mir Schwester Heike. (Die validen Gründe hinter einem 16 Uhr – 0 Uhr – 8 Uhr Rhythmus sollen in diesem Schriftstück keineswegs hinterfragt werden. Wie sehr im Sinne der Genesung gehandelt wird, darf an dieser Stelle beiläufig mit einem Fragezeichen markiert werden.) Schon zehn Stunden früher hätte man also theoretisch damit beginnen können, die Entzündung zu bekämpfen, die wir alle zu diesem Zeitpunkt als Verursacher des Fiebers und des morgendlichen Anfalls verstehen. Ärztin Nr. 4 würde mir am nächsten Morgen sagen, dass die paar Stunden doch keinen Unterschied machen würden.

Vorher muss ich jedoch noch von Ärztin Nr. 3 vorgeworfen bekommen, ich hätte sie dazu überredet, meinem Kind im Sitzen Blut abzunehmen, anstatt statt im Liegen. Dies hatte ich vor dem Hintergrund der sensorischen Besonderheiten meines Sohnes lediglich höflich erfragt, da ich wusste, in welchem Meltdown ein Versuch in Rückenlage münden wird. Dass das von ihr angerichtete Blutbad nicht unbedingt an der sitzenden Position des Kindes liegt, wagen nur böse Zungen zu behaupten. Also meine böse Zunge. 

Mit einem patzigen ‘Das war ja wohl viel traumatisierender als es mal eben auf dem Rücken zu machen’, wird jegliche Schuld, nach der eigentlich niemand gefragt hat, auf jeden Fall sicher bei mir platziert. Ich versichere ihr, auf dem Rücken wäre es noch schlimmer verlaufen. Sie versichert mich, auf ‘sowas’ würde sie sich nie mehr einlassen. Viel zu gefährlich. Einen Moment lang frage ich mich, ob ich versehentlich Blutabnehmen im Kopfstand vorgeschlagen hatte. Liegt es an unserem angespannten Austausch, dass Ärztin Nr. 3 wenige Stunden später das Zimmer des nun erneut krampfenden Kindes mit einem ironisch-belächelndem ‘Naaaa, was ist los’ betritt? Ich weiß es nicht. Vielleicht kommentiert sie potentiell lebensbedrohliche Krisen auch immer so und ich sollte mir nichts darauf einbilden. Dass der Krampf vorbei sei, ist mit dem Schütteln an einem Bein (welches auf die Bewegung reagiert) und dem Hervorrufen einer Lichtreaktion schnell gesichert (‘also ich hatte noch nie ein Kind dass darauf reagiert während es krampft.’) Ein Oxymeter wird angeordnet, ohne jedoch abzuwarten, was dieses für Vitalwerte darstellen würde. Rund 20 Minuten später schließt Krankenschwester Heike auf mein fünftes Flehen hin dann endlich einen funktionierenden Monitor an. Die kritischen 20 Minuten direkt nach Anfall, in denen mein abgeschossenes Kind und Risikopatient für plötzlichen Tod nach epileptischen Anfall (SUDEP) schläft.

‘Wir würden doch sehen, wenn er blau wird’. Das stimmt natürlich. Die ganze Zeit spiele ich mit dem Gedanken, einen RTW zu rufen. Vielleicht könnten die Rettungssanitäter mir hier, in dieser Klinik, das Gefühl geben, mein Sohn wäre sicher. Den Ausfall jeglicher Sprachfunktionen, der mich im weiteren Verlauf in mehreren wachen Momenten meines Kindes alarmiert, teilt Krankenschwester Heike unserer Ärztin Nr.3 schließlich widerwillig mit. Sie würde kommen, sobald sie fertig telefoniert hätte. Sie kommt nie mehr.  In dieser ersten, schlaflosen Nacht werde ich die Frage, ob die heutige Krankenhaustortur den zweiten epileptischen Anfall produziert hat, einfach nicht los.

Trotz Antibiose und mehrerer Befunde, die eine Entzündung des Knies immer unwahrscheinlicher machen, fiebert mein Kind auch am nächsten Tag durchgehend weiter. Der Verdacht dass dies auch von einem Virus kommen könnte, wird bereits am Morgen erstmalig ausgesprochen. Auf die Idee, dies mit einem magischen Schnelltest doch einfach Mal rauszufinden, kommt nicht etwa eine(r) der sechs Ärzt*innen, sondern meine Mutter. Ohne medizinische Ausbildung. (Bei ihr habe ich übrigens gelernt, eine so nervige Patientenmutter zu sein.) Auf eigene Faust testen wir den kleinen Patienten am zweiten Abend an diesem ‘sicherem Ort’ also positiv auf Influenza Typ A. Im Entlassungsbrief würde Arzt Nr. 1 diese Tatsache später mit den Worten ‘bei Durchführung einer Testung im späteren Verlauf’ elegant unter den Tisch fallen lassen. Mein Sohn hingegen würde noch drei weitere Antibiosen intravenös erhalten, ab jetzt ohne Indikation.  Vor dem abendlichen Influenza-Plot-Twist dürfen wir jedoch noch erleben, wie Ärztin Nr. 5 die Wunde am Knie nach genauer Untersuchung nachvollziehbarer Weise als nicht gerötet und nicht erhitzt beurteilt, nur um von der ihr höhergestellten Ärztin Nr. 6 eine halbe Stunde später das Gegenteil zu hören: Das Knie sei eindeutig gerötet, eindeutig heiß und – spätestens nachdem sie viel zu doll auf dem wildgewachsenen Wundgewebe herumdrückt bis ein Blutgefäß platzt – auch blutend. Natürlich kann Ärztin Nr. 5 ihr nicht widersprechen. Schon auf halbem Sprung zu der aus ihrer Sicht alternativlosen OP unter Narkose, lässt sich Ärztin Nr. 6 jedoch auf die laienhafte Frage der Patientenmutter ein, ob man vorher der nicht-operativen Behandlung mit Silbernitrat eine Chance geben könnte. Plötzlich geht auch das. Meinen Einwand, dass eine Narkose bei einem hirngeschädigten Kind nach Möglichkeit vermieden werden sollte, krönt sie sogar mit dem Orden, der Gedanke sei ‘gar nicht so verkehrt’. Ehrlich gesagt hätte ich gar nicht so verkehrt gefunden, wenn sie den Gedanken auch gehabt hätte. 

Zu meiner Überraschung erlaubt sich keine der erfahrenen Krankenschwestern, denen ich Kompetenz in der Wundpflege unterstelle, mir auf Nachfrage Tipps zu dieser zu geben. Dafür müsse ich mich an die stochernde Ärztin Nr. 6 wenden (meine Worte, nicht ihre). Sie dürften dazu gar nichts sagen. Hierarchien, Hierarchien. Sie haben ihre Gründe. Wenn im Notfall schnell gehandelt werden muss, muss es sie geben. Hätte man jedoch eigentlich Zeit für interdisziplinär geplantes Handeln, ist der Preis für heilige Hierarchien mitunter das Patientenwohl.

Vielleicht, nur vielleicht, müssen manche junge Assistenzärzt*innen, die in die Höhle des Löwen (das überlastete System) geworfen werden, einfach früh lernen, mehr Kompetenz auszustrahlen, als sie in Wahrheit sammeln durften. Vielleicht ist das ihre Überlebensstrategie. Verständlicherweise. Vielleicht prägt so etwas und bleibt bei manchen auch mit wachsender Erfahrung.

Vielleicht, nur vielleicht, ist das der Grund dafür, dass Ärztin Nr. 3 mich (während mein Sohn an besagtem ersten Abend noch akut krampft) darüber belehren muss, warum Rektiolen viel besser seien als Zäpfchen – anstatt einfach zu sagen, dass sie meine Frage – wann eine Anfallsunterbrechung zu erwarten sei – schlichtweg nicht beantworten könne. Vielleicht, nur vielleicht, beweist sie mir deshalb trotzig, dass sie wisse, wofür das Akronym SUDEP stehe, statt mir zu beantworten, wie wir meinen Sohn vor dem hier abgekürzten Risiko bewahren würden. Nach dem positiven Influenza Test läuft die Entlassung an Tag 3 jedenfalls plötzlich so schnell und enthusiastisch, dass das Personal glatt vergisst, mir die Schärpe für die ‘beliebteste Mutter des Monats’ mitzugeben. Dabei weiß ich ganz genau, dass ich sie verdiene. Schließlich hörte ich mit eigenen Ohren wie Krankenschwester Heike Ärztin Nr. 5 auf dem Flur vor unserem Zimmer hörbar augenrollend warnte, ‘DIE MUTTER’ wolle aber vor der Untersuchung mit ihr reden. Mit einem ärztlichen ‘na toll’ quittiert, hätte mein Titel eigentlich offiziell sein müssen. Ja, ich redete. Viel. Mit ihr und den anderen fünf Ärzt*innen. Vorher, nachher. Ich wiederholte die Krankheitsgeschichte, nervte mit Nachfragen zu potentiellen Wechselwirkungen zwischen Antibiotikum und Antiepileptikum. 

Ich vergaß mich mit Forderungen nach Monitorüberwachung in meiner Rolle, führte nicht angeordnete Influenza Testungen durch und wand eine scheinbar dann doch nicht nötige OP mit einem Hinweis ab, der ‘gar nicht so verkehrt’ war. Und als ich meine persönliche Fremdbestimmungshölle an Tag 3 nach 50 Stunden und 29 Minuten endlich verlasse, gehen dreizehn neue Gründe, auch das nächste Mal alles hinterfragen zu müssen, treu mit mir nach Hause.

Sie würden für immer bei mir bleiben.


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Community-Zitat: ” Für Erschöpfung habe ich keine Zeit” – Ein Kommentar von Anna

by Anna

Erschöpfung. Ein Zustand, den wir alle in unterschiedlichen Varianten
kennen. Für uns alle fühlt es sich unterschiedlich an.

Zitat aus der Community "Für Erschöpfung habe ich keine Zeit", im unteren Bildbereich sieht man die Wolke, das Logo des Kaiserinnenreiches, dazu der Schriftzug

Unsere Körper, unsere mentale Gesundheit und unsere Beziehungen leiden darunter. Oft ist sie leise. Manchmal kommt sie langsam und über eine längere Zeit zu uns. Und manchmal trifft sie uns mit Anlauf und voller Wucht. 

Erschöpfung setzt sich aus vielen verschiedenen Komponenten zusammen. Die Ursachen können in der Pflege daheim, in den vielen Stapeln auf dem Schreibtisch oder in den unendlich vielen kleinen Kämpfen an vielen Stellen liegen. 

Was Erschöpfung verlangt und wir nicht haben:  Raum und Zeit, um ihr nachzugeben.

Wir haben keine Zeit, müde zu sein.

Wir haben keine Zeit für Panikattacken, wir haben keine Zeit für Schwindel und Kopfschmerzen.

Wir haben keine Zeit dafür, dass unser Körper es langsamer haben will. Oder ruhiger. 

Wir haben keine Zeit, um die Erschöpfung überhaupt zu erkennen.

Wir haben keine Zeit, unsere Aufgaben liegen zu lassen.

Wir haben keine Zeit, um gesunde Routinen einzuhalten.

Wir haben keine Zeit, um uns um uns zu kümmern.

Wir haben keine Zeit, zu heilen und wir haben auch keine Zeit, um es besser zu machen. 

Wir haben keine Zeit, es anderen zu erklären. Worte dafür zu finden und auf Verständnis zu hoffen. 

 

Wir haben keine Zeit für Erschöpfung.

Sei stark und lass mich in Ruhe

by Simone

Wie kann ich euch erklären, wie es mir geht, wenn ihr nicht zuhören wollt? Wenn es zu schwer für euch ist, meine Tränen zu sehen? Wie kann ich für Sichtbarkeit sorgen, wenn ihr ohne wenn und aber nur meine mutige Seite sehen wollt. Nicht die Kämpfe, die Ängste die Sorgen. Nach dem Überleben kommt der Alltag. Neue Kämpfe, neue Sorgen. Ihr sagt nicht nur: du bist so stark. Ihr fordert es auch ganz offen von mir. Ihr bewertet mich, weil mein Kind nicht gesund ist, weil mein Leben so anders ist als eures. Du hast andere Herausforderungen, sagt ihr. Die Ärzte, die Therapeuten, die Fachkräfte: alle haben sie eine Meinung, ohne mich je gefragt zu haben. Ohne hinter die Kulissen zu schauen.

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Das Risiko nichtbehinderte Eltern zu bekommen – Gedanken zu Udo Siercks Buch von 1989 und warum sein Werk heute noch sehr bedeutsam ist, auch für Menschen ohne behinderte Kinder

by Bárbara Zimmermann

Als ich das erste Mal den Titel von Udo Siercks Buch „Das Risiko nichtbehinderte Eltern zu bekommen“ (1989) hörte, war meine erste Reaktion: Autsch! Das ist ein Schlag ins Gesicht. Zugleich machte mich der Titel neugierig darauf, was dieses Buch beinhaltet – gerade weil es von einer behinderten Person stammt, die eine zentrale Rolle in der deutschen Behindertenbewegung spielt. Und klar, weil ich mich als nichtbehinderter Elternteil mit dem Satz direkt angesprochen gefühlt habe.

Ein Buch über mehr als Elternschaft

Was mir erstmal nicht klar war: Es geht hier nicht nur um Elternschaft. Es ist auch kein Erfahrungsbericht vom Autor als behinderter Mensch. Vielmehr bietet Sierck eine kritische Analyse der gesellschaftlichen Konstruktion(en) von Behinderung und zeigt, wie diese die Existenz von behinderten und chronisch kranken Menschen gefährdet. Damit richtet sich das Buch an die gesamte Gesellschaft von damals und heute.

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Alleinpflegend – oder wo ist denn der Papa?

by Simone

Wenn du ein Kind pflegst, kannst du dich in den wenigsten Fällen darauf vorbereiten, was kommt. Du hast keine Ahnung, ob es vielleicht leichter wird, als du dir gerade vorstellst, oder unvorstellbar krass. Ein Kind zu pflegen ist Elternschaft next level – da weiß man auch nicht, was auf einen zukommt, nur haben pflegende Eltern eben noch so viele Themen obendrauf. Sowas wie finanzielle Sorgen, Jobverlust, Therapietermine, Krankenhausaufenthalte, Menschen die nicht verstehen, wie krass dein Alltag ist und die Pflege. Und ja, vor allem die Pflege, also die vielen Handgriffe, die deine Elternschaft verändern. Die neue Verantwortung, die den Alltag verändert und auf die viele von uns natürlich als Paar nicht eingestellt waren. Weil man sich das eben auch nicht vorstellen konnte, wie das wird, wenn dein Kind in deinen Armen aufhört zu atmen. Man kann sich nicht vorstellen, dass man den Partner mal im Büro anruft und ins Telefon schreit: er stirbt, du musst jetzt ins Krankenhaus kommen. Und man weiß nicht, wie der Partner damit umgeht, dass man ihm sowas am Telefon ins Ohr brüllt, weil eben Ausnahmezustand ist. Und man weiß nicht, was es mit Menschen machen wird, wenn man nicht mehr gemeinsam ausgehen kann oder monatelang getrennt voneinander lebt – der eine im Krankenhaus, der andere zuhause in einem Alltag, der die Familie aufrecht halten soll, indem aber keine Familie mehr physisch anwesend ist.

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Ein bisschen unglücklich

by Simone

Ich sehe in letzter Zeit immer ein bisschen unglücklich auf Bildern aus. Mehr tapfer als kämpferisch. 9 Jahre habe ich gesagt, ich bin nicht unglücklich, es ist nur anstrengend. Also die Pflege und die damit verbundenen Herausforderungen. Jetzt macht mich dieses anstrengend auch ein bisschen sehr unglücklich. Es hat mir meine Kraft und mein Leuchten genommen. Ich bin sorgemüde.

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Die Sorgen der Anderen

by Gastbeitrag Kaiserinnenreich

Erinnert ihr euch an den Text von Mareike, “Empathie als Grundvoraussetzung“? Heute teilt sie wieder ihre Gedanken mit uns:

Montagmorgen, es ist Kindergartenzeit und ich bringe unsere beiden Großen in den Kindergarten. Beim Verlassen treffe ich auf den Vater eines Kindergartenfreunds meines Sohnes. Er fragt, wie es denn bei uns so liefe. Ich erzähle ihm daraufhin, dass wir in Sorge sind, weil unserer Motte in weniger als vier Monaten eine schwere Herz-Op mit Herz-Lungenmaschine und allem Pipapo bevorstehe. Seine Reaktion darauf lässt mich etwas ratlos zurück: Er schildert mir, wie schwer die Anfangszeit mit seinem Sohn war, weil er viel geschrien habe und sie lange hin und her überlegt haben, ob sie nun zu einem Osteopathen gehen sollen oder nicht, denn so eine Entscheidung breche man ja nicht übers Knie. Ich weiß wirklich nicht, wie sie sich am Ende entschieden haben, weil die letzten 5 Minuten des Monologs an mir vorbeigerauscht sind.

Abends erzähle ich meinem Mann, der gerade unser Motto sondiert, da sie 5 Kilo für die notwendige Operation braucht und es irgendwie noch nicht eingesehen hat, davon. Er zuckt mit den Schultern und meint: „Andere Eltern dürfen sich auch Sorgen machen.“ Ja, das dürfen sie, aber ich tue mir so unheimlich leid, weil der Start einfach so unglaublich beschissen war.

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Ein gebrochenes Bein und 43 Stunden in einem deutschen Krankenhaus

by Bárbara Zimmermann

Foto eines gegipsten Fußes mit einem blauen Verband und einem gemalten Smiley

(Lesezeit: 10 Minuten)

Und nun waren wir mit unserem Kind wieder im Krankenhaus. Zum Glück war es nichts Lebensbedrohliches, aber doch schwerwiegend genug, dass die nächsten vier Wochen uns Kraft rauben und neue Lösungen für den Alltag verlangen werden. Was aber noch belastender war, war die Kommunikation im Krankenhaus. Dieser Text ist ein Versuch, die zum Teil absurde, aber für uns pflegende Eltern, unsere Kinder und viele Erwachsene mit Behinderung leider zu bekannte Routine in einem deutschen Krankenhaus aufzuzeigen – und zu schildern, was das für ein Kraftakt für uns bedeutet.

Kind3 hat sich das Bein gebrochen – ja, man muss nicht unbedingt laufen und fallen, um sich ein Bein zu brechen. Tatsache ist: Wir haben es sofort bemerkt und sind zum nächstgelegenen Krankenhaus in unserer Kleinstadt gefahren. Wir dachten, Röntgen und Gipsen können wir ihnen zumuten.

Mein Mann ist mit Kind3 dorthin gefahren, ich blieb ein paar Stunden mit Kind2 zu Hause, das mit Kopfschmerzen aufgewacht war und auch nicht zur Schule gehen konnte. Danach fuhr ich zu meiner Arbeit an die Hochschule, wo ich eine wichtige Besprechung hatte. Unser Plan war: Kind2 schaut einen Film während ich weg bin und mein Mann würde mit Kind3 bald nach Hause kommen. Zum Glück verlief zumindest dieser Teil wie geplant.

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Eltern-Kind-Kur in der Fachklinik Münstertal in Staufen im Breisgau – ein Erfahrungsbericht

by Gastbeitrag Kaiserinnenreich

Der Flur, rote Wand, ein Metacomzeichen mit der Aufschrift Postfächer

Heute ist der 02.04.2025, an diesem Tag feiern wir den Welt-Autismus-Tag. Wie viele andere Tage sollen sie für Sichtbarkeit sorgen und die Personen in den Fokus rücken, die so oft nicht im Fokus stehen. Unter anderem deswegen, weil sie selber oder ihre Pflegepersonen (bei Kindern) keine Kraft dafür haben, sich zu zeigen und ihre Geschichten zu erzählen. Umso mehr freuen wir uns, dass wir heute wieder Constanze begrüßen dürfen, die uns ansonsten auf Instagram durch ihren Alltag mitnimmt: @tim_tanzt_trotzdem.

Constanze hat uns schon vor einiger Zeit einen Text mitgebracht, in dem sie von Sandwichpflege für ihre Mutter und ihr Kind erzählt. Heute berichtet sie ausführlich über ihre letzte Eltern-Kind-Kur. Wir freuen uns, dass sie gerade uns diesen Text schenkt.

Der Weg dahin
Hallo. Meine Name ist Constanze, 39 Jahre alt, Mutter eines autistischen Sohnes mit dem Namen Tim, 9 Jahre alt. Mit der Behinderung meines Kindes zu leben kann wunderbar und herausfordernd zugleich sein. Und dann kommt da immer noch das Leben obendrauf, das so voller Unvorhersehbarkeit deinen Alltag aufgrund des Zusammenspiels von Emotionen, Anstrengung, Hoffnung und Akzeptanz von Unvermeidlichem beherrscht.

Obwohl die aufwendige Betreuung sowie Pflege meines Kindes meine gesamte Energie und Aufmerksamkeit benötigt, gab es für mich genug Unvorhersehbarkeit in Form von Krankheit und Tod in den letzten Jahren, dass die Umstände nicht spurlos an mir vorbeigegangen sind. Drei Jahre pendelte ich 660km zwischen meinem Zuhause und meiner Heimat regelmäßig hin und her, um meine chronisch schwerkranke Mutter zu begleiten bis sie im Dezember 2022 verstarb. Die Balance zwischen diesem Akt und dem weiterlaufenden Alltag gelingen zu lassen, hat mich all die Kraft gekostet, die ich so schon kaum hatte.

So waren im Jahr 2020 mein Sohn Tim und ich zum ersten Mal zur Eltern-Kind-Kur gefahren. Der Stress um die Pflege und Betreuung meines autistischen Kindes, dazu Erwerbsarbeit, Haushalt, die Partnerschaft/Ehe und sich selbst dabei nicht aus den Augen zu verlieren zu dem Zeitpunkt – all das war arg gewesen. Meine damals noch lebende Mutter hatte erst vor kurzem ihre lebensbedrohlichen Diagnosen bekommen, eine schwere Herzoperation überstanden sowie eine Lungenembolie überlebt. Ich war am absoluten Limit, emotional und körperlich.

Eine Kur sollte es richten, mir wenigstens eine kleine Weile Entspannung sowie eine gewisse Flucht aus dieser Schwere des Lebens bieten. Eins vor weg: Das tat es auch.

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WDST 2025 – „Danke, dass Sie wieder gekommen sind.“ Lukas‘ Diagnose.

by Anna

Heute ist der 21.03.2025. Am Welt-Down-Syndrom-Tag lenken wir die Sichtbarkeit auf die Menschen mit Down-Syndrom (Trisomie 21), auf ihre Geschichten, auf ihre Erfahrungen und Barrieren, die ihnen in den Weg gelegt werden. In meinem Buch “WIR – Geschichten aus dem Alltag mit behinderten Kindern” erzähle ich unsere autobiographischen Geschichten, auch von den Diagnosen unserer Söhne. Heute habe ich euch die Geschichte rund um die Diagnose unseres Sohnes Lukas mitgebracht. Er ist mittlerweile 8 Jahre alt und die Diagnose und die Gedanken drumherum sind schon lange her, aber nie vergessen.

Das Buch bekommt ihr im Buchhandel oder bei meinem Verlag

Brimboriumverlag im Onlineshop. (Klick auf Bild)

Cover von Annas Buch, der Hintergrund ist rosa, mittig ist Anna und ihr Mann und ihre drei Kinder im Comicstyle zu sehen


Es ist Sommer 2022. Der pränatale Bluttest NIPT ist ab sofort Kassenleistung.

Er soll aber nur „in begründeten Einzelfällen bei Schwangerschaften mit besonderen Risiken” durchgeführt werden, hieß es. Voraussetzung für eine Kostenübernahme ist eine intensive ärztliche Beratung. (www.tagesschau.de/inland/nipt-test-trisomie)

Als ich 2016 mit Lukas schwanger war, begann alles sehr unkompliziert. Naja, bis auf die Bauchspeicheldrüsenentzündung, die ich in der siebten Schwangerschaftswoche hatte. Von der Schwangerschaft wusste ich vielleicht gerade zwei Wochen. Nach der lebensgefährlichen Entzündung und einer Woche Vollpumpen mit Antibiotikum kam ich zu Simons ersten Geburtstag pünktlich nach Hause. Ich sollte zwei bis drei Monate fettarm leben, um meine Gallenblase zu schonen und die Entzündung nicht wieder aufflammen zu lassen. Ich erinnere mich so gut an den Tag, der letztendlich zu meinem Besuch in der Notaufnahme führte: ein Ausflug mit David und Simon in den Park, erster Vatertag zu dritt, Burger und Pommes zum Mittagessen, danach zwei Stück Erdbeertorte auf dem Balkon. Das Fett hatte meiner Gallenblase den Rest gegeben, ein Stein steckte fest und alles hatte sich entzündet. Man sagte mir, dass meine Leber ein paar Tage später aufgrund der vielen Entzündungen möglicherweise aufgegeben hätte. Sie war in einem Zustand wie nach zehn Jahren Alkohol-Missbrauch.

Ich erzähle das nicht, weil es so eine schöne Erinnerung ist, sondern weil diese Erfahrung zur Schwangerschaft mit Lukas dazu gehörte, genauso wie die Übelkeit und der Bauch. Eine OP sollte für das zweite Trimester anstehen, ich hatte also ein paar Wochen, um mich um Simons Eingewöhnung bei unserer Tagesmutter Antje und um mich selbst zu kümmern (natürlich in der Reihenfolge, was sonst?). Dann kam der Anruf am Nachmittag nach der Nackenfaltentransparenzmessung. Das war einer der ersten Tests im Verlauf der Schwangerschaft auf Trisomie 21, die man damals beim Uterus-Arzt machen lassen konnte.  „Hallo Frau Mendel, die Untersuchung und die Blutwerte waren auffällig, Sie sollten einen Pränataldiagnostiker aufsuchen. Am besten noch nächste Woche.“ Über die 13. vielleicht auch 14. Schwangerschaftswoche hinaus sieht man bestimmte Marker nicht mehr so gut. Ich hing also am Telefon und fragte bei drei bis vier Praxen nach einem kurzfristigen Termin. Niemand konnte mir helfen bis eine Praxis dann versprach, mich gleich noch mal zurückzurufen. Endlich klappte es und David und ich mussten eine Woche warten, um dann endlich in diesem sehr schicken Wartezimmer zu sitzen und vor uns hin zu murmeln. Ich murmelte: „Und wenn es jetzt so ist?“ „Dann ist es jetzt so.“ murmelte er.

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