Die Barrieren in den Köpfen – und im Alltag #MapMyDay

by Mareice Kaiser

Wenn ich früher (damit meine ich die Zeit vor meinen Kindern) in Berlin unterwegs war, ging das ungefähr so: Kurz auf die Uhr geschaut, Mist!, schon wieder zu spät. Noch schnell einen Apfel schnappen, Jacke über den Arm werfen und los, aufs Rad. Über dunkelorangene Ampeln fahren und es in der Toleranzgrenze von fünf Minuten doch noch rechtzeitig zur Verabredung schaffen. Wenn ich einen Zug erwischen musste und es gut lief, stieg ich an der Station Schönleinstraße in die U8 ein, einmal umsteigen am Alexanderplatz, weiter mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Noch schnell einen Kaffee kaufen und rein in den Zug. Das alles war innerhalb von 20 bis 25 Minuten gut zu schaffen. Wenn es schlecht lief, bestellte ich ein Taxi, das ruckzuck da war und genau so schnell am Bahnhof. An guten Tagen ging das innerhalb von 15 Minuten.

Jetzt habe ich zwei Töchter, eine davon ist mehrfach behindert. Sie ist knapp drei Jahre alt und kann nicht laufen. In ihrem Schwerbehindertenausweis steht 100 Prozent und die Buchstaben G, aG, H, Gl, RF. Ziemlich viele Buchstaben für so eine kleine Person. Wir, ihre Eltern, sind auf ein Leben mit ihr im Rollstuhl eingerichtet. Zur Zeit ist sie noch so klein, dass sie problemlos in einen Kinderwagen passt – zum Glück auch in einen Doppelwagen mit ihrer Schwester. Dieser Doppelwagen hat übrigens das Format eines Rollstuhls. Das Unterwegssein damit ist eine gute Übung für „später“. Weiterlesen Weiterlesen

Und wie machst du das, Andrea?

by Kaiserin

Der Verein Eltern beraten Eltern setzt sich für Familien mit behinderten Kindern ein. Es geht dabei um Wissensvermittlung, Informationen, Möglichkeiten der Begegnung und Unterstützungsangebote für die ganze Familie. In Berlin werden außerdem inklusive Krabbelgruppen organisiert: „Wir freuen uns über jeden, der durch die Tür spaziert, rollt, robbt oder getragen wird“. Eine der vielen tollen Frauen, die hinter Eltern beraten Eltern stecken, ist Andrea Häfele. Im Mütterfragebogen erzählt sie aus ihrem bunten Alltag mit einem Mann und drei Kindern. Weiterlesen

Die Veränderung in der Welt

by Mareice Kaiser

Text: Liz Birk-Stefanovic (Kiddo the Kid)

 

„Nee. Die sieht nicht behindert genug aus. Man muss sehen, dass die behindert ist. Aber kein Rollstuhl. Rollstuhl ist so Klischee.“

„Wie wär’s mit blind?“

„Hatten wir schon.“

„Spastiker?“

„Nicht Dein Ernst.“

Während meine Kollegen angestrengt auf ein paar Farbdrucke starren, starre ich angestrengt auf meine Kollegen. Der Kunde, an dem wir uns seit Wochen die Zähne ausbeißen, ist eine gemeinnützige Organisation für Menschen mit Behinderung. Und an diesem Tag in der Werbeagentur scheint es mir, als könnten wir genauso gut Werbung für sechsköpfige Amöbenwesen aus der zwölften Dimension versuchen. Von denen haben wir genauso wenig Ahnung.

Der zitierte Dialog war nicht der erste dieser Art, den ich mitgehört habe – aber es war der erste, der mich richtig sauer macht. Weil ich nur wenige Tage vorher nämlich wirklich eine Begegnung der dritten Art hatte: Mit Kaiserin 1. Weiterlesen

Und wie machst du das, Antje?

by Kaiserin

Auf der Suche nach einer Diagnose für ihren behinderten Sohn war Antje lange Zeit – mittlerweile sucht sie nicht mehr. Die Unsicherheit wurde zur Sicherheit, sagt die Hamburger Mutter von zwei Kindern. Vor allem, weil Pelle einfach Pelle ist. Die Antwort, wie sie ihren Alltag meistert, fällt ihr übrigens leicht: Alles kein Hexenwerk – sondern nur viel Arbeit mit viel mehr Liebe. Weiterlesen

Mein Kind, das Gespenst

by Mareice Kaiser

Meine große Tochter ist das Kind, vor dem sich alle werdenden Eltern fürchten. Sie ist das Kind, wegen dem pränatale Untersuchungsmethoden entwickelt wurden. Sie ist das Kind, für – nein, gegen – das es Schwangerschaftsabbrüche gibt. Die Vorstellung, ein Kind wie sie zu bekommen, spukt zwischen den Zeilen und Kreuzen des Mutterpasses umher, oft auch in den Gedanken der werdenden Eltern. Bis die Hebamme nach der Geburt des Kindes sagt: „Alles gut, das Kind ist gesund“. Nach der Geburt von Kaiserin 1 war nicht „alles gut“. Meine behinderte Tochter ist ein Gespenst. Weiterlesen

Was ich weiß.

by Mareice Kaiser

Vor einigen Tagen habe ich über das geschrieben, was ich nicht weiß. In der Zwischenzeit ist einiges passiert. Noch immer weiß ich vieles nicht. Zum Beispiel, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass eine humanitäre Katastrophe vor dem LaGeSo nur haarscharf verhindert werden konnte, in dem sich hunderte freiwillige Menschen – organisiert von Moabit hilft – gefunden haben, die dort tagtäglich Großartiges leisten. Noch immer weiß ich nicht, warum dort nicht hauptamtliche Menschen genau diese Arbeit tun. Ich weiß nicht, warum die Politik es nicht schafft, Hilfsorganisationen zu schicken, die dort genau so professionell und empathisch arbeiten, wie die ehrenamtliche Helfer_innen in den vergangenen Wochen. Ich weiß nicht, warum ein Security-Mitarbeiter einen geflüchteten Jugendlichen vor dem LaGeSo geschlagen hat. Ich kann mir noch immer nicht vorstellen, wie es sein muss, das eigene Kind im Meer zu verlieren. Wie es sein muss, nach vielen Tagen, Wochen und Monaten einer langen Flucht in Berlin anzukommen und keine Schuhe und davon brennende Füße zu haben. Ich weiß nach wie vor nicht, wie auch nur ein_e einzige_r Politiker_in mit offenen Augen und Herzen vor dem LaGeSo gewesen sein kann, ohne danach nicht sofort Konsequenzen anzuordnen, die unverzüglich umgesetzt werden. Damit das Notwendigste getan wird, nachhaltig und professionell.

Aber einige Dinge, die weiß ich mittlerweile. Es gibt Menschen, die gesehen, gefühlt und verstanden haben und danach handeln. Viele von ihnen durfte ich in den vergangenen drei Wochen kennenlernen. Mein Leben ist reicher durch sie geworden. Mit drei von ihnen habe ich Kreuzberg hilft gegründet. Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Jede von uns wusste: Nichtstun ist keine Option. Also taten wir etwas. Wir fanden einen großen Lagerraum zum Sammeln von Sachspenden, wir fanden Helfer_innen zum Sortieren, wir fanden Fahrer_innen zum Ausfahren der Spenden. Und dann war Kreuzberg hilft da. Vom Gedanken in die Tat, innerhalb einer Woche. Weiterlesen

Kreuzberg hilft

by Mareice Kaiser

Alles fing bei Facebook an. Mit einem Kinderwagen und mit Kinderaugen.

Nachdem ich gesehen hatte, was ich sah und gemerkt hatte, was ich nicht weiß, wollte ich etwas tun.
Etwas, das nachhaltig hilft.
Und ich fand drei tolle Frauen, denen es ähnlich geht.

Simone Logar vom Berliner Hebammenverband, Lisa Sperling und Patricia Bonaudo vom Laden Kurz & Klein und ich haben nun die Initiative Kreuzberg hilft gegründet. Wir sammeln und sortieren gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfer_innen Sachspenden, um sie dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden – zu den geflüchteten Menschen in Berlin. Weiterlesen

Was ich nicht weiß.

by Mareice Kaiser

Meine Geschichte fängt bei Facebook an. K. schreibt: „Jemand Platz für zwei junge Syrerinnen zum Schlafen und Duschen bis Sonntag?“ Wir sind gerade in Hamburg, im Urlaub, unsere Wohnung ist frei und ich antworte: „Unsere Wohnung ist noch bis Sonntag frei“. Einige Stunden später schreibt K., dass sie bereits über Twitter eine Unterkunft für die Frauen gefunden hat. „Kann ich sonst noch was tun?“ frage ich. „Melde dich in der Facebook-Gruppe Moabit hilft an“, rät mir K. – seitdem lese ich mit, wie viele freiwillig engagierte Menschen für ansatzweise menschliche Bedingungen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin sorgen.

Zehn Tage später, wieder auf Facebook. „Es werden dringend Rollstühle am LAGeSo benötigt, um medizinische Notfälle nicht auch noch über das Gelände tragen zu müssen“ schreibt A., die sich seit Tagen für geflüchtete Menschen mit Behinderungen in Berlin engagiert. Wir sind zurück in Berlin, einen Rollstuhl habe ich nicht, aber einen Kinderwagen, den ich eigentlich verkaufen wollte. „Reicht ein Kinderwagen auch?“, frage ich A. „Alles, was du entbehren kannst, hilft – und je schneller, desto besser“, antwortet sie. Am nächsten Tag fahre ich mit dem Kinderwagen, einer Babyschale und Herzklopfen nach Moabit zum Landesamt für Gesundheit und Soziales. Weiterlesen

„Wir freuen uns über jeden, der durch die Tür spaziert, rollt, robbt oder getragen wird!“
Inklusive Krabbelgruppen

by Mareice Kaiser

Das Angebot für kleine Babys und ihre Eltern für die Freizeit und zum Austausch ist groß: Von der Babymassage über Kinderturnen bis zum Pekip. Das Freizeit-Angebot für behinderte Kinder und ihre Eltern ist klein bis gar nicht vorhanden. In Berlin gibt es nun bald zwei inklusive Krabbelgruppen. Andrea Häfele arbeitet beim Verein Eltern beraten Eltern, leitet die Krabbelgruppe in Berlin-Schöneberg und erklärt im Interview, warum Krabbeln kein Kriterium zur Teilnahme ist. Weiterlesen

„Ignoranz ist keine Option“

by Mareice Kaiser

Vor genau einem Jahr habe ich bei meinem ersten Blogger_innen-Café einen Kinderwagen gewonnen. Er war der Hauptpreis, ich total baff und erfreut. Ein Jahr lang war er uns ein treuer Begleiter bei Ausflügen, Einkäufen und auf dem Weg zur Kita. Kaiserin 1 und Kaiserin 2 saßen oder schliefen abwechselnd darin.

Seit heute begleitet er nicht mehr uns, sondern eine nach Deutschland geflüchtete Familie mit vier Kindern. Drei davon so klein, dass sie locker in den Wagen passen. Alles, was die Familie noch an persönlichen Sachen besitzt – verpackt in einer Plastiktüte – passt auch in den Kinderwagen. In das kleine Fach unter dem Sitz, das für unseren Wocheneinkauf meist zu klein war. Weiterlesen