Das Portemonnaie

by Eszter

Eszter
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Die Maße meines Lebens betragen 16.5 x 5.4 x 26.4 cm. Mein Leben steckt in vier große, fünf kleine und zwölf Fächern für Karten. Von außen ist mein Leben schlicht und unauffällig. Umspannt mit schwarzem, glattem Leder. Mit einem kleinen Griff. Praktisch, und auch ein kleines bisschen elegant. Innen drin ein bunter Haufen aus Handy, vollgeschriebenem Terminkalender, to do Listen, Attesten, Rezepten, Überweisungen, Telefonnummern, Adressen. Gut organisiert und strukturiert, aber so voll, dass es fast aus allen Nähten platzt. Ich nehme meine Gefühle und Gedanken sortiere sie, jedes hat sein Fach, seinen Reißverschluss. Zusammen mit dem Zettel, den die Schwester mir reicht, stecke ich die Sorgen in das Fach für die Termine. Die Überweisung kommt in die Tasche mit dem Reißverschluss, zusammen mit meiner Erschöpfung. Die Müdigkeit ist wie die Bankkarten und Krankenkassenkarten immer griffbereit. Und in der tiefsten Tasche, fest verschlossen, sind das Kleingeld und meine Tränen, damit sie nicht einfach herauskullern. Am Ende des Tages hole ich sie manchmal raus und zähle nach, wie viel noch von mir übrig ist.

Mein Leben ist mit schlichtem, schwarzem, glattem Leder umspannt. Es war im Sonderangebot. Mein Mann fand es letztes Jahr online: „Eszter, du brauchst dringend ein neues Portemonnaie. Das ist mehr als 50% reduziert, das kaufe ich dir jetzt.“ Es dauerte Wochen bis es ankam. Ich hatte es also schon fast wieder vergessen, schließlich war ich hochschwanger und hatte andere Sorgen. Meine Schwangerschaftsbeschwerden, die Pandemie, die beiden Kinder. „Alles wird besser, wenn das Baby einmal da ist. Dann kommen wir zur Ruhe.“, dachte ich oft. Bevor das Baby kam, kam das neue Portemonnaie.

Es war schlicht, mit schwarzem, glattem Leder umspannt. Riesengroß, und auch ein kleines bisschen bedrohlich. Ich hielt dieses überdimensionale Ding in meiner Hand und lachte: „Was soll das sein? Mit diesem Portemonnaie kann ich jemanden erschlagen.“ Ich nahm meine Karten und Zettel aus meiner alten Geldbörse und sortierte sie in die neue. Sie wirkten verloren und das Portemonnaie dadurch noch größer, unhandlicher und erdrückender. „Das schicken wir zurück.“, verkündete ich und legte es in die Box. Bevor wir es zurückschickten, kam das Baby.

Das Portemonnaie

Es vergingen Wochen und Monate. Ich gebar ein Kind. Verlor meinen Halt und meine Hoffnung. Ich löste mich in Tränen und Schmerz auf. Ich wuchs allmählich wieder zusammen und wir über uns hinaus. Wir richteten unseren Blick nach Innen und auf neue Ziele. Und während ich mein neues Leben sortierte, fand ich unter den Schichten aus Tränen, Trauer, Angst und Chaos das Portemonnaie wieder. Es war in der Zwischenzeit geschrumpft. Es lag gut in meiner Hand, strahlt die Aufgeräumtheit und Ruhe aus, die ich unter all dem Gerümpel gesucht hatte. Ich sortierte meinen ganzen alten und neuen Kram hinein und schloss alle Fächer und Reißverschlüsse. Zum ersten Mal seit Wochen hatte ich das Gefühl, gefasst und gesammelt zu sein.

Mein Leben ist in einem schlichten, schwarzen Portemonnaie. Es ist voller Taschen, Fächer und Reißverschlüsse. Alle gut sortiert und voll. So voll, dass es fast aus allen Nähten platzt. Wenn ich alle Reißverschlüsse schließe, sieht man das von außen nicht. Auf den ersten Blick sieht es ganz normal aus. Aber dann bemerkt man, dass es zu groß für ein normales Leben ist. Mein Leben passt nicht zu jedem Outfit und in jede Handtasche. Mein Leben läuft nicht einfach mit. Für viele ist es zu groß. Viele sagen, sie könnten das nicht mit so einem großen Leben. Als ob mich jemand vorher gefragt hätte. Mein Leben ist ein Leben, dass ich nicht haben wollte. Dass ich zurückschicken wollte, weil es so riesig war, dass es einen erschlug. Aber das Leben ist vom Umtausch ausgeschlossen. Man wächst mit seinem Leben, ob man will oder nicht. Weil man muss.

Also wuchs ich. Erst wuchs mein Herz, das schmerzte am meisten. Als ich dachte, es müsste zerspringen, wurde es größer und stärker. Es umfasst nun alle Liebe und Trauer, Freude und Angst und alles dazwischen. Dann wuchsen meine Arme. Das war leichter. Sie mussten nur noch umschließen, was mein Herz bereits zusammenhielt. Schließlich wuchs mein Kreuz, um alles zu schultern. Als letztes wuchsen meine Beine. Das dauerte am längsten. Aber nun mache ich große Schritte. Manchmal auch nur kleine. Manchmal stehe ich und genieße die Aussicht. Ich wuchs bis das Portemonnaie grade groß genug war, um mein Lebens zu fassen.

Manchmal sind es so viele Zettel, Listen, Sorgen, Rezepte, Ängste und Karten, dass ich den Überblick verliere. Egal wie gefasst und sortiert ich bin, manchmal platzt selbst der verschlossenste Reißverschluss und heraus kullert das ganze Kleingeld und die Tränen. Dann muss ich mich wieder sammeln. Manchmal ist mein Leben so groß, dann knicken meine Beine ein, ich lasse die Schultern hängen, meine Arme werden schwer und mein Herz droht zu zerreißen. Dann weiß ich, ich werde weiterwachsen müssen. Zum Glück habe ich ein Portemonnaie, das groß genug dafür ist.

Mein Leben ist mit schlichtem, schwarzem, glattem Leder umspannt. Ich halte es in riesigen Händen. Mein Herzschlag ist ein lautes Dröhnen. Ich muss den Kopf einziehen, um durch die Tür zu passen. Egal wie klein ich mich mache, passe ich doch nie richtig. Es bringt nichts, sich zu verstecken, man fällt immer auf. Also rede ich mit lauter Stimme, mache den Rücken gerade und nehme so viel Raum, wie ich nur kann. Mein Leben passt nicht zu jedem Outfit oder in jede kleine Handtasche. Muss es auch nicht. Ich blicke auf mein Portemonnaie, halte es fest in meiner Hand und versuche jeden Tag groß genug dafür zu werden.

11 Kommentare zu “Das Portemonnaie

  1. Danke für diesen berührenden Text und den Einblick. Man weiß gar nicht, was man schreiben soll. Alles wirkt so nach Floskeln. Ich wünsche dir starke Beine, lange Arme, ein stabiles Kreuz und weiterhin ein so großes Herz.
    Ich wünschte, du könntest etwas abgeben. Ich würde gerne mittragen, mithalten, mitdenken, mittrauern, mitwüten, mitsortieren, mitschultern, mit…
    Man kann das alles nur erahnen.

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