Die Angst mit der ich lebe

by Eszter

Eszter
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Als wir es am wenigsten erwartet haben, kam plötzlich der Anruf. Ganz unspektakulär setzt der Arzt am nächsten Tag die Spritze an. Ich beobachte, wie die Flüssigkeit in meinem Körper verschwindet und blicke auf. Für ein paar Sekunden schauen wir uns einfach nur an. Ich warte. Er sagt: „Das war‘s.“ Ich bin ein wenig verwirrt, blicke mich um und gebe ein „Ha“ von mir. Weniger Lachen, mehr ein Ton von einer verrosteten Maschine, deren Zahnräder sich das erste Mal seit langem wieder drehen. Die Maschine ist die Faust in meiner Brust. „Irgendwie erwartet man, dass noch etwas passiert.“, sage ich schließlich. „Ja, so geht es allen Patienten.“ Wir lachen. Diesmal richtig.

Die letzten Wochen waren sehr anstrengend. Zwischendurch wussten wir nicht mehr, wie wir alles stemmen sollten. Ich habe versucht über meine Gefühle zu schreiben, aber ich spürte nur noch den dumpfen Druck der fest verschlossenen Faust in meiner Brust. Ich verstand erst, als ich einer Freundin schrieb und ich meine eigenen Worte las: „Ich ertrage diese Angst nicht mehr.“

Quelle: privat

Die Angst kam schleichend in mein Leben. Lange Zeit war mir vieles egal. Es musste mir egal sein. Die Angst kam Hand in Hand mit der Liebe. Erst als ich mein Herz wieder öffnete, schlüpfte sie einfach mit herein durch die Tür. Sie gehört dazu, wie die andere Seite der Medaille eben. Angst hat man, wenn man etwas zu verlieren hat. Lange Zeit dachte ich, ich wüsste nun was Angst wäre. Ich würde Angst kennen. Wir könnten es schon miteinander aushalten. Aber dann kam mein erstes Kind und mit der ungekannten Liebe, kam die ungekannte Angst. Beim zweiten Kind war sie sogar größer, aber das war auch den Umständen geschuldet, dass damals das Leben zusammen mit dem Tod anklopfte.

Als ich zum dritten Mal schwanger wurde, dachte ich, das würde eine ganz entspannte, langweilige Schwangerschaft. Das war Anfang 2020. zwei Monate später herrschte eine Pandemie. Die Angst kam hart. Zusammen mit der peripartalen Depression verbrachte ich die ersten zwei Drittel der Schwangerschaft mit Erbrechen und Hyperventilieren. Gegen Ende wurde ich ruhiger. Wir würden das schon schaffen und uns dann einfach nur noch in den Armen halten.

Als mein drittes Kind geboren wurde, brach die Angst mit einer Axt in mein Leben. Ab dem Moment, wo mein Kind mir aus den Armen genommen wurde. Als ich fast zwei Stunden nackt und alleine in meinem eigenen Blut lag. Als die Schwestern mich mit einer Mischung aus Beruhigung und Ausweichen behandelten und Jan immer wieder sagte, dass alles gut wäre, mir aber nicht mehr in die Augen schauen konnte.

Als ich zwei Stunden nach der Geburt halbnackt in einem Foyer in einem Rollstuhl saß und mein Baby an mich presste. Meine Strickjacke, in der ich alle meine Kinder geboren hatte, um uns wickelte, als könnte sie uns vor den Neonröhren über uns, dem Lärm von den Technikern, die etwas reparierten, und den Massen an Menschen, die an uns vorbeiliefen, abschirmen. Als ich da saß, mein Baby an mich presste, Jan uns hielt und wir weinten, ahnte ich, dass ich Angst noch nicht kannte.

Wir durften schließlich unser Baby mit nach Hause nehmen, aber wir mussten regelmäßig wieder kommen. Niemand konnte uns eine Prognose geben. Niemand konnte uns sagen, was passieren würde. Ich lernte Angst kennen, als ich mir wünschte tot zu sein, um das nicht zu spüren. Ich lernte Angst kennen, als ich wie ein verwundetes Tier schrie und weinte. Ich lernte Angst kennen, als die Zeit wie eine eisige Mauer mein Leben zerriss in einer Vorher und Nachher. Angst reichte mir die Hand und nahm beide. Angst schloss sich um mich, bis wir alleine miteinander waren.

Nachdem ich zwei Wochen nicht gegessen und geschlafen hatte, waren es die kleinen Sachen und großartigen Menschen, die mich zurückholten. Ich verstand, dass wir beiden nie alleine miteinander waren. Ich hatte die ganze Zeit nur die unermessliche Angst gefühlt, aber da war ebenso unermessliche Liebe. Die andere Seite der Medaille eben. Die Angst mit der ich lebe ist immer an meiner Seite. Wir kennen uns nun gut. Besser als ich wollte. Die Impfung hat mir einen kleinen Teil von ihr genommen. Der Rest wird bleiben. Aber ich versuche die Faust in meiner Brust immer wieder zu öffnen, um mit beiden Händen zu greifen und so viel Lieben zu tragen, wie ich nur kann.

5 Kommentare zu “Die Angst mit der ich lebe

  1. Ich habe zig mal angesetzt und wieder gelöscht, um zu beschreiben, was deine Worte in mir ausgelöst haben.
    Keines meiner geschriebenen Worte passten auch nur annähernd…
    Deine Texte berühren mich so sehr…ich kenne leider die Angst und die Depressionen zu gut, könnte es aber niemals wie du in Worte fassen.
    Du sprichst mir aus der Seele.
    Ich fühle mit dir.

  2. Deine Texte hauen mich einfach um. Ich lese einfach alles von dir. und wünsche oft, dass irgendwas fiktiv daran wäre, dass ich sie genießen könnte…

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