Das Dazwischen

by Bárbara Zimmermann

Vor einigen Tagen hatte meine jüngste Tochter Geburtstag. Drei Jahre alt ist sie geworden. Es ist nicht viel, könnte man sagen. Aber was sie und wir als Eltern in diesen letzten drei Jahren erlebet haben, fühlt sich manchmal wie 30 Jahre an!

Wie bei ihren ersten und zweiten Geburtstagen, war ich jetzt wieder sehr emotional und bewegt. Ich ging in die Zeit zurück und erinnerte mich, was wir damals alles erlebt haben: heute genau vor drei Jahren hatten wir das Vorgespräch mit den Ärzt*innen für die Geburt; um diese Uhrzeit vor drei Jahren waren wir auf dem Weg in die Klinik am Tag der Geburt und dabei haben wir schöne brasilianischen Lieder im Auto gehört und gesungen (oder besser gesagt, nur ich habe gesungen. Mein Mann war sehr still); damals um diese Uhrzeit spürte ich eine enorme Angst in meinem ganzen Körper im Vorbereitungsraum vor dem Kaiserschnitt; vor drei Jahren um 9.16 hörte ich die freudige Ankündigung „Es ist ein Mädchen!“; und dann die 14 Stunden zwischen ihrer Geburt und dem Moment wo ich sie wieder sehen konnte; ihre OP am nächsten Tag von 8.00 bis 12 Uhr…. Die Liste ist lange.

Damals hatte ich viel in meinem Tagebuch geschrieben. Dieses mit chita (ein brasilianischer Stoff) selbstgemachte Tagebuch an die Hand zu nehmen, ist für mich wie der Wandschrank von Narnia. Ein großer magischer Tor öffnet sich in mir, während ich seine Seite umblättere und mich wieder zu den beschriebenen Gefühlen und Situationen hin transportiert fühle.

Was ich am 10. April 2018 schrieb, hat mich am Wochenende besonders bewegt. Mein Mann und ich waren an diesem Tag im Krankenhaus für eine genaue Besprechung, wie die Geburt eine Woche später sein würde. Als eine Art innere Vorbereitung für die Zeit nach der Geburt, schlug uns der Oberarzt, ein sehr empathischer Mensch übrigens, vor in die Kinderklinik zu gehen und einen Blick in die Räume zu werfen. Obwohl ich total fertig nach dem 2-stündigen Termin mit ihm + Kinderchirurge + Chefärztin der Neonatalen Intensivstation war, sind mein Mann und ich kurz zu der 2. Etage hoch. Station K13.

Auf Portugiesisch schrieb ich:

Boah, waren meine Beine wackelig! Mein Herz pochte schnell und die Angst in mir war stark zu spüren. Obwohl ich gerne schon vieles über das Danach wissen wollte und gerne in die Kinderklinik rein wollte, wollte ich gleichzeitig nichts davon. Ich wollte eigentlich nicht wissen, was hinter der mit Sonnen geschmückten Glastür lebte. Ich wollte kein Gesicht anderen Mütter, die mit ihren Krocksschuhen und Jogginhosen durch den Flur laufen, sehen. Ich wollte mich in ihren Augen nicht gespiegelt sehen. Ich wollte ihre Müdigkeit nicht sehen. Ich wollte in ihren Blick nicht lesen: „wir sehen uns nächste Woche, weil ich sicherlich in einer Woche noch hier sein werde, so wie du“. Oder „ich bin du in eine Woche, Schätzchen.“ Ich wollte zurück zu meiner rosaroten Welt. Aber die Kraft zum Umkehren, die hatte ich auch nicht. Wohin sollte ich den sonst gehen?

Wir klingen an der Tür und eine nette Krankenschwester empfing uns. Mit dem dicken Bauch und die Angst in meinen Augen geschrieben, konnte sie sich sicherlich schon denken, dass diese hier bald meine neue temporäre Adresse sein wird. Wie viel von mir lebt aber schon hinter diesen Türen? Es gibt Momenten an meinem Tag, wo meine Gedanken sich nur um Krankenhaus, Kaiserschnitt, Trennung von meinem Baby, seine Op, allein sein, fremder Ort, fremde Menschen usw. kreiseln. Ich glaube, dass ich schon nach Krankenhaus rieche.

Mit einer wackeligen Stimme, erkläre ich ihr, dass unser Baby in einer Woche geboren und ärztliche Begleitung brauchen wird. Ich frage sie, ob wir die Station besichtigen dürfen, nach dem Vorschlag vom Dr. K.. Liebevoll sagt sie uns, dass das leider nicht möglich ist, aber dass wir durch die Terrasse einen Blick von außen rein werfen können, ohne natürlich in den Patientenzimmern reinzuschauen.

Wir machen die schwere Terrassentür auf. Ein Schild „Rauchen verboten“ ist zu sehen.  Ich, die nicht raucht, fragte sich sofort, ob ich auch nicht rauchen wollen würde, wenn ich darin sein werde. Wie viele Väter und Mütter haben hier doch schon heimlich geraucht? Das Kind im Zimmer, die Angst, die Hilflosigkeit. Selbst ich würde eine rauchen. Jetzt vielleicht.

Wir gehen nicht die ganze Runde. Ich schaffe es nicht. Ich stehe zwischen zwei Wänden, wo niemand mich sieht, umarme meinen Mann und weine. Und weine. Und weine. „Ich will von hier weg“, sage ich ihm leise. „Ich bin noch nicht bereit.“

.

Mehr habe ich an den Tag nicht geschrieben. Aber sicherlich noch viel mehr gefühlt und gedacht.

Wann ist eine Mutter bereit? Gibt dieses „bereit sein“ überhaupt? Manchmal fühle ich mich auch heute noch nicht bereit, für alles was das Leben von mir erwartet. Ich muss aber trotzdem mich bereit zeigen.

.

Am 28.April des selben Jahres, achtzen Tagen nach dem ich das da oben geschrieben habe, war meine Tochter schon 11 Tage alt und wir waren noch im Krankenhaus. So schrieb ich:

Warum gehen wir Menschen sehr oft davon aus, dass eine neue Situation per se schlimm und schwierig sein wird? Was ist das für ein Mechanismus, der uns von irgendwas schützen will? Wovon schützen? Von dem Leben? Von den Schmerzen? Von irgendwelchen Illusionen? Ist es naiv zu denken, dass die Zukunft gut sein wird / gut sein kann – selbst wenn unsere Gedanken uns unzählige Gründen gibt, dass das unmöglich ist? Ist das Naivität? Oder doch ein Stück Vertrauen im Leben – so eine Art Resilienz? Ich weiß es nicht.

Die letzten Tagen waren nicht immer leicht. Überhaupt nicht. Ich würde sie sicherlich nicht als „gute Tage“ bezeichnen. Aber so schlimm, wie ich sie mir vor zwei Wochen vorgestellt habe, waren sie zum Glück auch nicht. Ich lebe noch und mein Kind ist stark!- in ihrer Zärtlichkeit, aber Stark! Es klingt total paradox und ich erlaube es mir kaum zu schreiben, aber irgendwie vertraue ich noch mehr – in was? in wem? in mich? – als vor zwei Wochen.

Ich vertraue und gehe weiter. Mit Wunden, Narben und Vulnerabilität. Aber ich gehe weiter! Mit meiner Zoe auf meinen Armen.

.

Dieser letzte Absatz soll kein plattes happy end von einer Mutter, die von Oxytocin gebadet ist, sein. Es soll nur zeigen, wie komplex wir Menschen sind und dass ich zwischen Angst und Vulnerabilität, Liebe und Kraft lebe. Es soll nur zeigen, dass Vulnerabilität und Resilienz gut leben können. Es soll zeigen, alles was zwichen zwei Wellen leben kann: das Leben halt.

Happy Birthday, auch für mich!

5 Kommentare zu “Das Dazwischen

  1. Wow !!!! Danke für deine Worte. Danke für das Teilen. Ich wünsche dir und deinen Lieben von Herzen alles Liebe und Gute. Fühl dich lieb gedrückt.
    Liebe Grüße
    Michaela

Schreibe einen Kommentar

Erlaubte HTML tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>