Die Fragen, die mein Leben stellt

by Eszter

Eszter
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Das hier sollte bloß eine Antwort darauf werden, wie mein Alltag so aussieht. Aber dann wurde es ein Text, den ich seit einem Jahr in meinem Kopf schreibe. Es ist ein Text, den ich nicht veröffentlichen will. Aber es sind Worte, die da draußen sein müssen.

In diesem Text werden Depressionen und Suizidgedanken erwähnt. Solltest Du solche Gedanken oder Sorgen haben, findest Du unter der kostenlosen Hotline der Seelsorge rund um die Uhr Hilfe: 0800 1110111. Du bist nicht allein.

Nur mein ältestes Kind geht in die Kita und das auch nur wenige Stunden. Bis jetzt ging es nicht anders, obwohl ich mir mehr Entlastung wünsche. Mein Alltag ist also bestimmt von Carearbeit und Pflege. Oft mehr davon, als zwei Menschen tragen können. Vor einem Jahr schrieb eine bekanntere Autorin ins Internet, Carearbeit wäre keine Arbeit, denn man tue es aus Liebe. Man hätte schließlich immer eine Wahl. Ihr Rat: Bekomm keine Kinder, treib ab, gib die Kinder weg oder gib dir die Kugel. Sie schrieb es einen Tag nachdem ich gesagt hatte, dass ich niemals Mutter hätte werden dürfen und dann auf meinen Kopf einschlug und sterben wollte.

Vor ein paar Wochen schrieb mir mal wieder jemand im Internet, dass ich selbst schuld sei, wenn ich behinderte Kinder bekommen würde und dass ich sie dann wenigstens aus der Gesellschaft fernhalten solle. Letzte Woche schrieb jemand, ich solle die normalen Menschen nicht mit meinen behinderten Kindern belästigen. Eine Frau von einer Beratungsstelle für Teilhabe riet mir, schon mal nach einem Heimplatz zu suchen. Eine Bekannte sagte zu mir, man würde sich doch keine autistischen Kinder wünschen. Manchmal frage ich mich, ob es meine Schuld ist und dann was Schuld eigentlich sein soll. Manchmal frage ich mich, ob es falsch war, als behinderte Frau mit Depressionen Kinder zu kriegen. Manchmal fragen mich Menschen, ob ich das mit der Behinderung vorher gewusst hätte und ich frage mich dann, ob ich abgetrieben hätte, wenn es so gewesen wäre.

Ein grauer Pollover mit pinker Beschriftung (Ein anatomisch korrektes Herz mit einem Gesicht und Armen und Füßen lächelt, darüber steht Momager 24/7 Service: caring, keeping, calming, loving) drumherum sind Windeln, Urinbeutel, Feuchttücher, Kauspielzeug und eine Tafel wie sie bei TEACCH verwendet wird angeordnet:

Quelle: privat

Was für viele ein provokanter Text einer bekannteren Autorin ist, ist für mich Alltag. Das sind Sätze und Gedanken mit denen ich ausgesprochen und unausgesprochen oft konfrontiert werde, Vorstellungen, die in mir durch Sozialisierung verankert sind. An Tagen, wo alles schiefläuft, in schweren Phasen, wenn ich zweifle, wenn ich das Gefühl habe, eine schlechte Mutter zu sein. Ich darf keine Schwäche zeigen. Wenn ich in dieser Gesellschaft schwach bin, dann muss ich mich fragen, warum ich überhaupt Kinder bekommen habe und dann auch noch so viele und wie ich das überhaupt schaffen will, ich kann uns gar nicht alleine versorgen. Ich allein bin schon kein produktiver Teil der Gesellschaft, die ich belaste und von der ich ständig Geld und Wertschätzung will, ohne zu wissen, ob meine Kinder mal wirtschaftlich produktiv sein werden.

Das Ding ist, dass gar nicht ich mit ihnen konfrontiert werden sollte. Es sind Fragen an alle: Wer sollte in dieser Gesellschaft Kinder kriegen dürfen? Welche Kinder sollten auf die Welt kommen dürfen? Und was machen wir dann mit dem Rest? Fragen auf die es in diesem Land schon einmal eine grauenvolle Antwort gab. Auf die dieser Rest aber immer noch alleine antworten muss. Einmal die Woche fragt meine Psychologin mich, ob ich Selbstmordgedanken habe. Ich sage nein, ich wäre nur so am Ende. Und dann überlegen wir, was ich tun kann, damit mein Alltag leichter wird. Ich überlege das oft. Mit mir allein, mit meinem Mann, mit Freundinnen, mit der Pflegeberatung. Zu oft ist die Antwort: aushalten.

Ich bin Mutter von drei Kindern mit Behinderung. Ich selber habe eine Behinderung und seit über 20 Jahren Depressionen. Ich bin zu erschöpft, um zu erklären, was das bedeutet. Aber es bedeutet unter anderem, dass es Phasen gibt, die emotional und physisch so zermürbend sind, dass ich denke, dass es leichter wäre, wenn ich tot wäre. Ich denke es nicht oft. Aber doch so oft, dass der Gedanke mich nicht mehr erschreckt. Es gibt nur noch wenig Gedanken, die mich noch erschrecken können. Ich brauche keinen wenig innovativen Text, der provokant daher kommen will, als würde die Lösung meines Problems einfach um die Ecke auf mich warten, um die herum ich doch bloß denken müsste. Mein Leben ist die Provokation, weil ich Raum einnehme. Zum Glück bin ich widerspenstig und gierig genug nicht von diesem Leben zu lassen. Und meine Gedanken kennen selbst die Ecken an den dunkelsten Orten.

Mein Alltag ist jeden Tag diese Fragen zu beantworten. Manchmal laut und trotzig, manchmal leise und traurig, manchmal gelangweilt oder müde, immer voller Liebe. Mein Alltag ist aufzustehen und zu fordern, dass wir hier sein dürfen, dass wir die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben dürfen. Dass unser Leben mehr als Durchhalten sein können muss. Selbst mit noch so vielen Behinderungen und (behinderten) Kindern. Umso mehr ich in meinem Alltag erdrückt werde, umso weiter wandern meine Gedanken, umso mehr lerne ich über das Leben. Unabhängigkeit ist eine Illusion. Keiner von uns ist frei. Wir können nur zusammenleben und zusammen Leben gestalten.

6 Kommentare zu “Die Fragen, die mein Leben stellt

  1. Du bist stark! Ich bewundere dich dafür, dass du neben allem, was du jeden Tag für deine Kinder leistet es auch noch schaffst zu reflektieren und deine Gedanken aufzuschreiben und Dann sogar den Mut hast sie öffentlich zu teilen. Chapeau!

  2. Eszter du bist eine Bereicherung. Es fordert sicher Kraft diese Gedanken aufzuschreiben und ins Internet zu schmeißen. Danke, dass du dennoch so ehrlich und klug, analytisch und klar einen Blick in dein Inneres zulässt und vielen Menschen damit so viel beibringst. Hinzusehen. Zuzuhören. Andere Realitäten als ihre eigenen wahrzunehmen, sie wertzuschätzen und sie nicht an einer vermeintlichen Norm zu messen und zu bewerten. Wir kennen uns nicht. Werden uns wahrscheinlich nie kennenlernen. Aber ich will trotzdem danke sagen, dafür dass du immer wieder darauf zeigst, was den meisten Menschen verborgen bleibt. Weil es unbequem ist, weil es wehtut, weil es verunsichert oder die eigene Position ins Wanken bringt. Wir haben Glück, dass du die Arbeit machst, die du machst. Weil sie uns alle nur besser machen kann. Ich denke an dich. Und wünsche dir von Herzen nur Gutes…

  3. Ich bin fassungslos, wenn ich lese, mit welch anmaßenden Fragen, Aussagen und Forderungen anderer Menschen du konfrontiert wirst. Es macht mich wütend. Wie kann man sich dieses Recht herausnehmen? Danke, dass du auf einen Teil unser aller Gesellschaft aufmerksam machst, der mir vermutlich verborgen geblieben wäre, hätte ich diesen Blog nicht vor kurzem zufällig entdeckt. Alle müssen das wissen. Auch die, die sich darüber aufregen, dass sie es sich in ihrer Bubble damit nicht mehr allzu gemütlich machen können.

  4. Danke, dass du diese Gedanken teilst. Sie geben mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Aushalten und atmen. Ich würde so gern Mal wieder mehr als das. Und ich wünsche es dir auch.

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