Ich mag kein Mathe

by Bárbara Zimmermann

Der Schmerz ist rein gekommen ohne an der Tür zu klopfen. Wie üblich, kam er nicht allein. Der Schmerz kam in Begleitung der Angst. Meine Brust riss auf, so groß ist der Schmerz in mir. Schmerz einer Mutter, die ihr Kind liebt und es nicht schon wieder leiden sehen will. Schmerz von einer Mutter, die seit dem zweiten Lebenstag ihres Kindes blöde Rechnungen im Kopf berechnet. Eine Mathematik, die bis vor kurzem nur in dem Geheimnis ihrer inneren Welt zu hören war.

In wenigen Tagen wird das Ergebnis dieser Rechnung anders sein – und so wird es kontinuierlich bleiben, bis mein Kind ins Teenager-Alter kommt. Als sie geboren wurde, wurde sie operiert und so war die Rechnung: 0 Jahr alt = 1 Operation. Mit 1,5, eine neue Shunt-OP: 1 Jahr alt = 2. OPs. Mit zwei Jahren die erste Rücken-OP: 2 Jahre alt = 3 OPs. Vor einem Monat ist sie 3 geworden und für ca. 40 (heilige!) Tagen war ihr Alter genauso hoch wie der Anzahl der Operationen: 3 Jahre alt = 3 Operationen. So gerne würde ich die Zeit stoppen können – diese Superpower die viele Eltern von behinderten Kindern besitzen möchten! – denn am Freitag die 4. Operation schon geplant ist. Und das Ergebnis verändert sich wieder: 3 Jahre alt = 4 Operationen.

Und hier fängt ein neues mathematisches Muster an: mein Kind wir nur 1 Jahr älter jedes Jahr, wird aber 2x im Jahr operiert. D.h. in November ist sie immer noch 3 Jahre, aber die 5. OPs wird stattfinden. Und so weiter: 4 Jahre = 6. und 7. OPs. Weiter so in diesem Tempo bis sie ca. 12 Jahre sein wird. „Rechnen sie mit zwanzig Operationen in den nächsten 10 Jahren“, waren die genaue Worte der Kinderothopädin am 8. Januar 2020 um ca. 15.45. Es gibt Tage und Uhrzeiten, die fest in mir genagelt bleiben. Der 8. Januar war wie eine zweite Diagnose.

Die Dimension dieser Zahlen passt nicht in mich hinein! Sie fühlen sich viel größer als ich an. Und tief in meinem Herzen bete ich, dass sie nicht größer als mein Kind werden!

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„Ich könnte das nicht“, höre ich immer wieder.

Ich auch nicht.

Ich kann das auch nicht, fühle ich jetzt.

Es gibt aber kein Ausweg. Kein Wollen oder Können. Nur Müssen.

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In der Kliniktasche packe ich Klammoten für uns, ein paar Snacks, mein Tagbuch, zwei oder drei Spielsachen und die Kalimba, die ich bei jeder OP und damals schon nach der Geburt meines Kindes in der Intensivstation dabei hatte. Ihr zarter Klang trägt uns durch die Schwere dieser Tagen.

Ich nehme auch ein brasilianisches Lied mit: „Se eu quiser falar com Deus / Wenn ich mit Gott sprechen will“ von Gilberto Gil.

“ Wenn ich mit Gott sprechen will / Muss ich alleine sein / Muss ich das Licht ausschalten / Muss meine Stimme innenhalten / Muss ich Frieden finden / Muss ich die Knoten lösen / Von Schuhen, der Krawatten / Von Wünschen, den Ängsten / Muss ich das Datum vergessen / Muss ich die Zählung verlieren / Muss ich leere Hände haben / Seele und Körper nackt sein / Wenn ich mit Gott sprechen will / Muss ich den Schmerz akzeptieren / Muss ich das Brot essen / das der Teufel geknetet hat / Muss ich mich in einen Hund verwandeln / Muss ich den Boden auflecken / von Palästen, von Schlössern / Prächtige aus meinem Traum / Muss ich mich traurig sehen / Muss ich mich schrecklich finden / Und trotz einer schlechten Größe / mein Herz erfreuen / Wenn ich mit Gott sprechen will / Muss ich mich abenteuern / Muss mich in den Himmel heben / Ohne Seil zu halten / Muss mich veraschieden / Den Rücken drehen, gehen / Entschieden, durch die Straße / Die am Ende, zu Nichts führt / Nichts nichts nichts / Nichts nichts nichts / Nichts nichts nichts / Was ich zu finden dachte.“ (freie Übersetzung)





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