„Engelchen“ und „Superheld*in“: ehrliche Bewunderungen oder Ableismus?

by Bárbara Zimmermann

Sei mal ehrlich: wenn du mein Kind „Engel“ oder „stark“ oder „Heldin“ nennst, sagst, sie sei „etwas besonders“, wünschst du dir auch, dass dein Kind – für eine einzige Minute – ähnlich aussieht wie mein „Engelchen“? Denk darüber nach. Wenn deine Antwort „Nein“ ist, dann sorry, das ist sehr ableistisch und diskriminierend. Aber entspann dich, das ist hier kein Angriff an dich. Es ist eine Einladung von einer Mutter, die in der Öffentlichkeit immer wieder solche Worte über ihr Kind hört. Darf ich dir zeigen, wie subtil der Ableismus ist?

Vielleicht findest du die Charaktereigenschaften von einem*r Superheld*in cool. Mutig, stark, jemand der*die über seine*ihre Grenzen hinausgeht. Das stimmt, das sind alles gute Eigenschaften. Und ich gebe zu: Mein Kind kann das auch manchmal zeigen. Deins auch? Sind beide dann aus der gleichen Superheld*innen-Bande? Oder ist meine Superheldin doch anders als dein*e Superheld*in?

Wenn wir andere Menschen von uns differenzieren, als wären wir „normal“ und sie „anders“, stellen wir uns als Referenz dar. Das ist ein großes Privileg. Und hier liegt eine Gefahr – selbst wenn wir das nicht so bewusst meinen, aber das ist nicht relevant. Es geht um Achtsamkeit und Verantwortung. Niemand ist anders – und wir alle sind anders. Alle. Diese systematische Narrative, die sich von Bildern wie „Engelchen“ und „Superheld*in“ aufrecht hält, ist eine gewaltvolle Machtausübung. Mein Kind ist erst drei Jahre alt und manchmal habe ich Angst um ihre Zukunft. Nicht weil sie eine Behinderung hat, sondern weil sie mit dieser systematischen Ablehnung ihrer eigenen Existenz aufwächst. Das tut weh und wird sicherlich tiefe Spuren in ihrer Psyche hinterlassen.

Es macht mich müde, dass du meinem Kind zuschreibst, wie es ist. Weil es nicht immer stark ist. Manchmal schon, aber manchmal nicht. Manchmal ist es faul. Manchmal lustig. Manchmal konzentriert. Manchmal ziemlich gemein. Manchmal ein Engel. Manchmal bockig. Ich will z.B. meinem Kind die Freiheit geben, mal keinen Bock auf fremde Menschen zu haben, die irgendwas an ihrem Körper messen, sehen, kontrollieren und untersuchen wollen. Eine Szene die häufig in ihrem Leben vorkommt. Superheld*innen halten durch. Mein Kind soll das nicht müssen.

Wenn dein Kind nicht genau diese Art von Superheld*in ist, wie du meinem Kind beschreibst, dann ist da eine falsche Bewunderung. Und in dieser falschen Bewunderung versteckt sich etwas: das Mitleid. Und das stinkt! Sorry für meine Erhlichkeit. Du wünschst dir kein Kind wie meins, weil du denkst, dass sein Leben zu schwer und traurig sei. In der Stille bedankst du dich sogar, dass dein Leben „normal“ ist, während du uns am Spielplatz beim Eis Essen anschaust.

Alles gut, du wurdest erzogen, so zu denken. Ich wurde auch erzogen, so zu denken.

Aber kannst du jetzt verstehen, warum ich müde davon bin? Warum ich weglaufen und die Ohren meines Kindes – und auch die von ihren Schwestern – zuhalten will, wenn mir solche billigen Komplimenten von fremden Menschen in der Öffentlichkeit zu geworfen werden, obwohl ich nichts davon verlangt habe? Ich brauche das nicht, um mein Kind akzeptieren und lieben zu können. Ich brauche das nicht, um mein Leben zu lieben. Und nein, ich bin auch keine Superheldin. Ich bin ein realer Mensch, der versucht sich bewusst über diese Themen und Dynamiken zu machen. Ich bin allerdings auch selbst noch nicht fertig damit. Und darum geht es auch nicht.

Ich erwarte nicht von dir, dass du dich jetzt schlecht oder schuldig fühlst. Es geht hier nicht um Schuld oder Scham, sondern um Verantwortung. Wir brauchen einen Wandel. Wir müssen mal endlich schauen, was wir aus diesem „Projekt“ Namens Gesellschaft machen.

Wenn du unbedingt meinem Kind ein Kompliment machen möchtest, darfst du, klar. Aber überleg bevor du irgendwas sagst. Und wenn du nichts sagen willst, musst du nicht. Ich erwarte kein Smalltalk von dir, wo du dein Mitleid gut als eine unehrliche Bewunderung präsentierst. Weil wenn das passiert, was bleibt bei mir: ein Boden voller Scherben, auch bekannt als Ableismus. Mein Kind ist noch drei, aber in meine Brust zieht sich alles zusammen, wenn ich mir vorstelle, dass sie in der Zukunft, das alles verinnerlichen wird. Den Boden mit diesem Dreck zu fegen – das ist wirklich schwer für mich, und nicht, die Mutter meines Kindes zu sein. Ich bin sehr gerne seine Mutter! Aber dein Ableismus, nein danke!

Also, wenn du mein Kind wertschätzen möchtest, frag dich erst, warum du das tun möchtest, besonders wenn du sie überhaupt nicht kennst. Sie braucht das nicht. Sie braucht Menschen um sie herum, die mit ihr spielen und zusammen mit ihr sein wollen – so wie sie ist. Sie möchte nicht als „etwas besonders“, als „anders“ gesehen werden. Sie will dazu gehören und nicht gelobt werden. Und ich glaube, dass das ein Bedürfnis von allen Kindern ist, mit oder ohne Behinderung.

Versprichst du mir was? Dass du wirklich nur jemanden „Held*in“ nennst, wenn du ihn*sie wirklich bewunderst? Und wenn du ein Kind “Engel” nennst, dass du das für alle Kinder machst, auch die aus BIPoC Familien oder aus einem benachteiligtem Umfeld? Und wenn du das Wort „besonders“ benutzt, tust du das aus irgendeinem Grund, aber nicht aus Mitleid? Sondern weil das für DICH besonders ist.

4 Kommentare zu “„Engelchen“ und „Superheld*in“: ehrliche Bewunderungen oder Ableismus?

  1. Ja diese Mischung von Mitleid, Abgrenzung und sich berufen fühlen, eine Situation, mich und mein Kind, unser Handeln oder unser Aussehen beurteilen zu müssen und auch dazu berechtigt zu sein ist ausgesprochen nervig , macht wütend und zugleich hat man keine Lust, sich damit immer wieder neu auseinanderzusetzen. Gleichzeitig will man es einfach nicht ertragen. Weil es dreist ist und überheblich, aber als freundlich und als positive Anteilnahme vom Gegenüber gesehen wird. Diese Dissoziation ist unerträglich und oft genug versucht man sie abzuschütteln., aber mit einem unangenehmen Druck in der Magengegend. Da wo ich dazu die Kraft hatte, hat es mir gut gtan, diese Bewertung zurückzuweisen und mitzuteilen, dass ich das nicht mag und dass es auch nicht weiterhilft. Ich weiß, das ist anstrengend aber ich bleibe dann für mich sichtbar und spürbar. Und dass blöde Gefühl ist dann weniger groß. Ich weiß, das ist nur eine Option und keine Lösung. Aber es stärkt die Selbstwahrnehung.und das Gefühl zu sich und zum eigenen Kind zu stehen.und die Übergriffigkeit zurückzuweisen und das tut gut.
    Annette

  2. Danke für diesen Anstoß! Ich möchte noch ergänzen, dass das ja nicht nur für Kinder mit Behinderung gilt, sondern auch für schwerkranke Kinder, denen oft das Attribut „Superheld*in“ zugeschrieben wird. Ich frage mich dann immer, wie sie sich dabei fühlen, wenn sie so gar nicht heldenhaft sind, sondern Angst haben oder wütend sind, schwach und weinerlich, was viel nachvollziehbarer wäre als stark und in jeder Hinsicht super. Wenn sie groß genug sind und das reflektieren, muss es furchtbar sein, diese Pseudo-Bewunderung, bei der ein „bin ich froh, dass es mir/meinem Kind nicht so geht“mitschwingt.
    Meine Tochter hat als Willkommensgeschenk mit 2 Wochen einen Superwoman-Body bekommen, das war allerdings total angemessen, hatte sie sich doch aus einer lebensbedrohlichen mehrtägigen Krise gleich nach ihrer Geburt heldenhaft ins Leben gekämpft! Diese Zuschreibung war also ganz konkret und völlig ernst gemeint und hat mich froh und glücklich gemacht. Wie sie es findet, kann ich sie ja – 11 Jahre später – jetzt mal fragen!

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