Migration & Behinderung: Ein Gefühl von Zugehörigkeit

by Bárbara Zimmermann

Wie sieht Mutterschaft aus, wenn ein Kind eine Behinderung hat? Und wie sieht diese Mutterschaft aus, wenn die Mutter Migrantin ist?

„Können Sie bitte diese Worte auf meinem Zettel aufschreiben?“, fragte Rahima den Arzt, als er die Diagnose von Spina Bifida und Hydrozephalus in der Schwangerschaft ihres zweiten Sohnes feststellte. Das erzählte sie mir am Samstag beim ersten Treffen seit der Pandemie für Familien mit Kindern mit Spina Bifida. Wir teilten den Tisch und unsere gemeinsamen Erfahrungen als Migrantinnen und Mütter unserer Kinder mit und ohne Behinderung.

Nicht, weil wir diese beiden Merkmale teilen, ist es alles gleich in unseren Leben. „Ich habe den Krieg gesehen und bin geflüchtet“, sagte sie, als wir über unsere grauen Haare lachten, die einfach mehr und mehr werden. Unsere Geschichte ist in unseren Körper gestempelt.

Ich habe aus anderen Gründen vor 13 Jahren mein Heimatland verlassen. Nachdem mein Vater in Brasilien nachweisen konnte, dass er genug Geld in seinem Konto hatte, um mich hier in Deutschland zu versorgen, da mein Visum mir nicht erlaubte viel zu arbeiten, sondern hauptsächlich zu studieren, habe ich ein Visum bekommen. Wie glücklich war ich, sein Geld doch nicht zu brauchen, welches extra für den Antrag des Visums gespart wurde. Mit wenig Geld konnte ich damals als Studentin gut leben, was in Brasilien unmöglich wäre.

Mit dem Geld, das ich als Zimmermädchen, als Arbeiterin in zwei Fabriken, als Putzfrau und als Aushilfskraft in der Küche eines chicen Restaurants in Köln machte (nicht alle Jobs gleichzeitig), konnte ich meine Kosten selber zahlen und das Gefühl haben, hier kann ich bleiben. Bis dann die Drohung kam: entweder musste ich den Test DaF beim Niveau C1 für die Uni bestehen, nachdem ich schon zwei Mal durchgefallen war – oder ich sollte Deutschland verlassen.

Beim dritten Mal habe ich die Prüfung bestanden.

Quelle: Unsplash

Vieles ist bei mir anders als bei Rashima, auch der Fakt dass ich mit einem Mann verheiratet bin, der hier in Deutschland sozialisiert wurde und Deutschmuttersprachler ist. Ihr Partnert kommt auch aus Syrien. Die Muttersprache und Sozialisierung meines Mannes machen einiges einfacher für mich als für sie. Das ist ein großes Privileg, das aber leider nicht selbstverständlich für Rahima ist. Wer schreibt den Widersrpruch an die Krankenkasse? Mein Mann. Wer hat vor drei Jahren den Antrag für den Behindertenausweis gestellt? Mein Mann. Selbst wenn vieles für ihn neue ist, weiß er, wo wir hin müssen und wie wir das bekommen können.

Aber einiges ist auch ähnlich zwischen Rahima und mir. Diese Situation mit dem „Zettel“ kenne auch ich sehr gut. Viele neue Worte verschwinden aus meinem Kopf und später, wenn ich sie wieder brauche, sind sie einfach weg. Manchmal ist das mir peinlich und bestimmte Wege bleiben einfach unerreichbar für mich – weil die Kommunikation nicht fließt, wie sie fließen sollte. Manchmal ist das mir nicht peinlich, da ich mit dem Satz „Wie heißt das nochmal?“ Frieden geschlossen habe.

In den letzten drei Jahren, seitdem meine behinderte Tochter geboren ist, habe ich viel gelernt – auch in der deutschen Sprache. Neue Worte gehören zu meinem Wortschatz: katheterisieren, Shunt, Eingliederungshilfe, Balkenagenesie, Thetarcord und (mein Lieblingswort, but not!) Darmmanagement. Ich muss mein Kind und seine Rechte verteidigen. Ich muss jetzt laut werden. Ich muss für Inklusion, für einen Rollstuhl und für einen Stehtrainer kämpfen. Ich muss bei der Apotheke, im Landkreis und beim Hersteller des Rollis anrufen. Ein Treffen mit der Bürgermeisterin am Spielplatz hatte ich auch schon. Dafür muss ich gut Deutsch sprechen können. Wie wäre es, wenn nicht? Was würde das für die Entwicklung und Teilhabechancen meines Kindes bedeuten?

Ja, ich lerne weiter Deutsch. So lange die Existenz meiner Tochter in dieser ableistischen Gesellschaft nicht selbstverständlich ist, ist Deutsch meine „Waffe“. Rahima, ich und viele andere spüren, dass durch die Schnittstelle Migration und Behinderung noch mehr Barrieren für Teilhabe, Bildung und bessere Entwicklungsmöglichkeiten unserer behinderten Kinder entstehen. Kultursensible Beratung sowie vielfältige Angebote in unterschiedlichen Sprachen gibt es viel zu selten.

Wer ist für uns da? Die Vereine unserer Ursprungskulturen, die die gleiche Sprache sprechen wie wir? Sie haben leider so gut wie keine Ahnung, wie der Antrag für den Behindertenausweis erstellt wird. Oder die Vereine für Inklusion, die ein breiteres Wissen über unsere Ansprüche als Familie mit Kind mit Behinderung vermitteln können, die aber selten kultursensible Angebote anbieten? Diese Hindernisse, die zu beseitigen werden müssen, hängen aber leider oft noch von dem Engagement einzelner ab.

Ich fragte Rahima: “Wie machst du das?“ Sie antwortete: „So gut ich es kann. Aber ich denke, ich mache es gut, ja, wir machen es gut als Familie“ und lächelte ihrem Mann zu, der neben ihr saß.

Rahima ist stark! Stark und freudig. Ich fahre die 80 Kilometer zurück nach Hause und muss viel über diese Begegnung nachdenken. Rahima weckt so vieles in mir. Irgendwie ein Gefühl von Zugehörigkeit.

Ich habe viele von diesen Erfahrungen in meinem Repertoire und ich möchte gerne Visibilität für diesen Aspekt meines Lebens – meines und von vielen anderen migrantischen Müttern von behinderten Kindern – geben.

Bist du auch Mutter eines Kindes mit Behinderung und hast Migrationserfahrung?

Wie machst du das?

P.S.: dieser Text wurde mit Rahimas Erlaubnis veröffentlicht.

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