Ein warmes Gefühl von Zuhause

by Bárbara Zimmermann

Bárbara Zimmermann
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Dass die Welt groß ist, wissen wir alle. Aber was große Entfernungen für eine*n bedeuten können, wissen vor allem migrantische Familien.

Vor einer Woche bin ich aus Brasilien zurückgekommen, wo ich geboren wurde und den Großteil meines Lebens verbracht habe. Obwohl ich die Einzige meiner kleinen Familie bin, die dort geboren ist, fühlt sich Brasilien wie ein Zuhause für uns fünf an.

Ich hätte so vieles zu erzählen: wie lebendig ich mich dort fühle; welche Freude es für mich ist, meine Kinder Portugiesisch sprechen zu hören und wie sie mich nach vielen Jahren wieder “mãe” (Mama auf Portugiesisch) nennen; wie absurd schön die Natur des Regenwaldes mit seinen Wasserfällen, Flüssen und Tälern ist – und der Strand! Oder genauer gesagt: die Strände!

Die ganze Vorbereitung für die Reise war der Wahnsinn! Da wir mehrere Wochen dort verbrachten, mussten wir vieles mitnehmen, insbesondere genug von allen wichtigen Pflegeartikel für Kind Nr.3: fast 300 Blasenkatheter, 130 Spritzen (sie bekommen ein bestimmtes Medikament in der Blase durch den Blasenkatheter gespritzt, also ohne Nadel), ein Darmspülungssystem, ein Outdoor-Rad für den Rollstuhl und noch andere Dinge, die wir im Alltag für sie benötigen, lagen im Koffer zwischen Badeanzügen, Flipflops und Lindt-Schokolade (zusammen mit Weihnachtsdekoration, das beste Geschenk für Brasilianer*innen).

Nach der sehr aufwendigen Reisevorbereitung landeten wir am 01. Januar in São Paulo. Wenige Stunden später nahmen wir den zweiten Flug Richtung Süden, und dort fuhren wir mit einem Bus in die Stadt meiner Eltern. Ich kann nicht sagen, was größer war: die Müdigkeit nach so vielen Stunden unterwegs zu sein plus einem Temperaturschock oder die Freude, endlich wieder dort sein zu können und von Menschen umgeben zu sein, die mir sehr wichtig sind!

Unsere Basis in Brasilien ist das Haus meiner Eltern. Wir blieben die meiste Zeit dort und fuhren von dort aus zu anderen Orten, wie unserer Trauminsel Florianópolis und nach Curitiba, einer Metropole mit fast 2 Millionen Einwohnern, wo ich mit 17 zum Studieren hingezogen bin. Das Haus meiner Eltern wurde in den 80er Jahren gebaut und in den 90ern renoviert. Es hat einen bestimmten Stil aus dieser Zeit und für die mittlere Schicht Brasiliens: viele Stufen innerhalb einer Etage. Das galt damals als chic. Zusätzlich dazu gibt es dort die hohe Treppe zu den Zimmern oben, die drei Stufen zum Außenbereich, die kleine Treppe zum Pool und die wirklich hohe Rampe von der Straße zur Garage… Also: eine Sch***-Architektur, wenn man wie meine 5-jährige Tochter zu 100 % auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

In Brasilien zu sein, gerade in einem Land, wo die physischen Barrieren in den Gebäuden und Straßen so groß sind, erfordert viel mehr Planung im Alltag, als wir es in Deutschland gewohnt sind. Ich war oft wütend über den Mangel an Inklusion auf dieser Ebene und habe mich oft gefragt – das tat ich fast täglich – wie wohl unser Leben dort wäre, wenn wir dort leben würden? Vieles wäre viel komplizierter als hier. Aber nicht unmöglich, das weiß ich auch. In einigen Aspekten im Bereich der Infrastruktur ist Deutschland schon weiter als Brasilien – auch wenn wir hier immer noch weit entfernt von dem benötigten Zustand sind, damit behinderte Menschen selbstverständlich und autonom an unserer Gesellschaft teilnehmen können. Der Zustand der Bürgersteige ist beispielsweise einfach ein Albtraum dort. Ich erinnere mich, wie ich in Curitiba im Auto an der roten Ampel wartete und richtig verblüfft war, als ich einen Mann im Rollstuhl sah, der nicht auf dem Bürgersteig fuhr, sondern auf dem Asphalt zwischen den Autos, Bussen und Motorrädern! Das war wahrscheinlich seine Strategie, die aus der Not heraus entstand, was ohne Frage lebensgefährlich – wer den Verkehr in Brasilien kennt, kann sich vorstellen! – aber im Alltag effizient sein kann. (Das Kaiserinnenreich-Team empfiehlt das nicht auszuprobieren!)

Gleichzeitig gibt uns Brasilien so viel! Ich habe oft das Gefühl, dort zu “überlaufen”, sei es vor Freude oder Liebe, die wir empfangen und wahrnehmen.

Die Unterstützung meiner Familie im Alltag zu haben, ist ein enormes Geschenk. Wie gerne hätte ich sie hier! Ende Januar hatte ich bereits mit Freund*innen aus Curitiba (300 km von meinen Eltern entfernt) geplant, sie zu besuchen. Kind Nr. 1 und Kind Nr. 2 waren sehr enthusiastisch, die große Stadt, den Markt mit Handwerksartikeln und regionalem Essen zu besuchen und zur Vor-Karneval-Party zu gehen. Aber Kind Nr. 3 war nicht zu überzeugen. Also blieb sie FÜNF Tage alleine bei meinen Eltern. Das gab es bei uns noch nie. Das Katheterisieren und das Darmmanagement waren immer große Hindernisse dafür. Aber meine Mutter sagte: “Natürlich schaffen wir das!” Und so hatte sie die Großeltern und meine Oma fünf Tage lang exklusiv für sich und wurde extrem verwöhnt, so wie es sich mit Großeltern gehört! Als wir zurückkamen, erfuhr ich erst, wie meine Eltern den Montag und Dienstag gemeistert haben, als mein Vater wieder zur Arbeit ging: Er fuhr gegen 9 Uhr wieder nach Hause, nachdem Kind Nr. 3 bereits wach war, um sie die Treppe hinunterzutragen, und fuhr dann wieder zur Arbeit. Krass, dachte ich. “Das war keine Arbeit für mich, ganz im Gegenteil: Das war eine große Freude, sie noch einmal am Tag sehen zu können”, sagte der verliebte Opa.

Die Koffer kamen ohne die 300 Katheter und Spritzen zurück, sie wurden fast alle dort verbraucht. Aber sie kommen wieder gefüllt mit brasilianischen Kinderbüchern, Büchern für mich und Schallplatten von Maria Bethânia und Elba Ramalho. Und das Kostbarste von allem ist dieses Herz, das fast schmerzt, so viel Liebe und tolle Erinnerungen es in sich trägt. Ich komme mit drei Töchtern zurück, deren Herzen voller unvergesslicher Erinnerungen, neuer emotionaler Erfahrungen und neuer Visionen von dieser Welt sind. Das kann keine Schule ermöglichen.

Eine meiner Töchter hat fast die komplette Woche geweint, seitdem wir wieder in Deutschland sind. Sie vermisst Brasilien. Wenn ich sie frage, was genau sie vermisst, sagt sie “vovô und vovó (Opa und Oma)”. Und neulich sagte sie: “Mãe, jetzt weiß ich genau, wie sich saudade anfühlt”. Wir haben zusammen geweint.

P.S.1: Laut Wikipedia: Das Konzept der Saudade lässt sich mit „Traurigkeit“, „Wehmut“, „Sehnsucht“, „Heimweh“, „Fernweh“, oder „sanfte Melancholie“ nur annähernd übersetzen. Das Wort steht für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und drückt oft das Unglück und das unterdrückte Wissen aus, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es wohl nicht wiederkehren wird”.

P.S.2: In ein paar Wochen bekommt ihr einen anderen Blogbeitrag auch noch über unsere Zeit dort, aber dieses Mal über die Erfahrung von Kind Nr.3 in einer Ferienbetreuung, wo sie ohne wenn und aber mit dabei sein konnte. Inklusion kann auch mal selbstverständlich laufen.

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